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Meine kleine „bürgerliche“ Presseschau in Griechenland lässt Böses ahnen …

Andreas Spector

Andreas Spector

Neulich gab es mal wieder eine Meldung: „74-jähriger Mann tot nach Verzehr von giftigen Wildkräutern“. Auf dem Balkan seit den Staatszusammenbrüchen keine Seltenheit, auch wenn es uns an Leningrad 1943 erinnert. Und dann noch in Thrakien, im Dreiländereck mit Bulgarien und der Türkei. Da wissen selbst die Suppenküchen nicht mehr, was sie auf den Tisch stellen sollen. Ach, hätte er doch in Athen gewohnt. Die Erzdiözese hat Anfang Mai die erste 24-Stunden-Suppenküche eröffnet – ein echter Luxus, sogar mit medizinischer Betreuung.

Das ist wichtig: An die 20 Prozent der Bevölkerung sind aus der Krankenversicherung herausgefallen (Langzeitarbeitslose), und selbst die, die krankenversichert sind, fragen sich, wo die Gelder versickern. Seit Ende November gibt es keine Medikamente mehr „auf Kasse“, weil die EOPYY (gesetzliche Krankenkasse) bei den Apotheken mit hunderten Millionen im Rückstand ist. Trotz der Ankündigung, ab Ende September 2012 „nur noch die Apotheken zu bezahlen“.

Deswegen gibt es auch kaum noch Ärzte, die „auf Kasse“ behandeln, und immer wieder neue Versprechen der EOPYY, die Rückstände zu zahlen. Dummerweise zahlen sie nicht mal „laufende Rechnungen“. Kein Wunder, dass immer mehr Ärzte nach Nordeuropa und anderswo abwandern. Es gibt Pläne, Kurzzeit-Verträge mit Ärzten insbesondere für die Inseln zu schließen, aber ob da jemand für am Ende Null Euro auf dem Konto hingeht?

Insbesondere für Rentner ist das mehr als ein Desaster: Mit einer von gut 800 auf gut 450 Euro gekürzten Durchschnittsrente sollen sie jetzt auch fast noch die kompletten Gesundheitskosten bezahlen. Wir sprechen nicht von Hustensaft – was kostet eine Hüfte, eine einfache Brustkrebs- oder Prostata-OP mit 20 Jahren Lebensverlängerung? Was kostet Dialyse drei Mal in der Woche? Wobei, es wird in vielen Familien Dialoge um einfachere Dinge geben wie „Tut uns leid, Oma, dein Insulin reicht nur noch bis Dienstag, das letzte Geld haben wir für Essen ausgegeben …“ – „Aber ein bisschen Schnaps ist noch da?“

Die Solidarität in Griechenland ist heldenhaft – es gibt sogar schon öffentliche „Kleiderständer“ mit der Aufschrift „Hier ist etwas für dich“ in Piräus. KKE, Kirche und karitative Organisationen (auch mit Unterstützung von Exilgriechen aus New York) tun alles, was sie können. Trotzdem leben allein gut 30% der Kinder in Armut, gut 300.000 Kindern fehlt es laut UNICEF an Essen und Kleidung …

Der zusammenbrechende Balkan der 90er Jahre lässt grüßen. In Bulgarien, Rumänien und Serbien wissen viele Leute, was es heißt, Wochen oder Monate von Brot und Leitungswasser zu leben. An Arztbesuche war gar nicht zu denken. Die explodierenden Todesanzeigen für die 20. Todestage der Mittfünfziger im Jahr 2011 sprachen in Bulgarien ihre eigene Sprache. Man nennt sie dort die „Toten der Wende“.

Machen wir uns nichts vor: Angesichts der Gasvorkommen in der Ägäis und um Zypern, auf deren Erlös Zypern jetzt schon Zertifikate verkaufen will, ist die Stoßrichtung klar: Wenn, dann muss das Ausbeuten der Gasvorkommen von ausgebeuteten Billigarbeitern vorgenommen werden. Für die wird es – weil sie wertvolle Arbeitskräfte sind – immer ein Minimum an Krankenversicherung geben. Aber was, wenn sie Rentner sind?

Das Problem ist nicht, mit billigen Chemikalien und einfachen OPs Leben zu verlängern. Die Frage ist, was will sich eine Gesellschaft leisten, Leuten jenseits der 60 obendrein noch durchzufüttern. Die Troika verlangt in Griechenland weitere Senkungen der Sozialversicherungsbeiträge – dabei sind die von 2009 bis 2012 schon um 17,4 Prozent gefallen, und für 2013 werden wegen der weiter gesunkenen Löhne voraussichtlich um weitere sieben Prozent weniger werden. Aber täuschen wir uns nicht! In Griechenland geht es nicht um „Sozialabbau“, „Rotstiftpolitik“ oder „Sparmaßnahmen“ – da geht es oft ums nackte Überleben.

Hierzulande geht es oft noch um ein kaum minder schweres Problem: Weil diverse Medikamente nicht mehr „von der Kasse“ bezahlt werden, muss „Frau migränöse Aufstockerin“ an der Supermarkt-Kasse oft sinnlos leiden. Dass je nach Region 20 bis 30 Prozent aller „Rezepte“ nicht eingelöst werden, kommt wohl nicht nur von einem Misstrauen gegenüber Ärzten, sondern zum Teil einfach daher, weil kein Geld da ist …

Der Kreis der Länder, wo Leute wie selbstverständlich fast alles „auf Kasse behandelt“ kriegen, wird eben immer kleiner … Hier muss noch niemand wegen einer OP sein Häuschen oder seine Wohnung verkaufen. In Frankreich, den USA oder auf dem Balkan ist das schon lange normal, daher auch zum Teil die „Immobilienkrisen“. Und wer nichts zu verkaufen hat?

Lasst uns was dafür tun, dass nicht auch unsere Eltern und Großeltern sinnlos früher sterben, bloß, weil mal wieder eine Sozialversicherung „viel zu teuer“ ist.

Andreas Spector