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Verbindungen zwischen dem neofaschistischen Terrornetzwerk und Dortmunder Naziszene bestätigen sich zunehmend

Neofaschisten DortmundDie Verbindungen zwischen dem neofaschistischen Terrornetzwerk „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) und militanten Neonazis aus dem Raum Dortmund sollen intensiver gewesen sein, als bisher gemutmaßt wurde. So berichtete die WAZ-Mediengruppe Anfang dieser Woche, dass Dortmunder Faschisten bereits 1995 an einem Treffen des internationalen Nazinetzwerkes „Blood & Honour“ in Gera teilnahmen, bei dem auch der NSU-Haupttäter Uwe Mundlos zugegen gewesen sein soll.

Während Antifaschisten in der Vergangenheit stets bezweifelt hatten, dass die NSU-Terroristen die von ihnen verübten Anschläge und Morde ohne Rückkoppelung mit lokalen Nazinetzwerken verübten, beweisen Überwachungsprotokolle der Thüringer Polizei nunmehr das Gegenteil.
Fernab der Zusammentreffen in den 1990er Jahren sollen Dortmunder Nazis noch 2001 mit der NSU-Unterstützerin Antje Pobst zusammengekommen sein, die Beate Zschäpe ihren Pass zur Verfügung gestellt hatte, damit sich diese damit mit einer falschen Identität ausstatten konnte. Auch Thomas Starke, wie Pobst einer der Unterstützer des Terrornetzwerkes, soll sich in den 1990er Jahren gleich mehrfach in Dortmund aufgehalten haben und dort Kontakte unter anderem zu Mitgliedern der dortigen Faschisten-Band „Oidoxie“ gepflegt haben. Die Band nahm regelmäßig an Veranstaltungen des im Jahr 2000 zumindest offiziell in Deutschland verbotenen „Blood & Honour“-Netzwerkes teil.

Es war die „Kameradschaft Dortmund“, in der in den 1990er Jahren das Gros der dort beheimateten militanten Neofaschisten aktiv war und die vom ehemaligen Chef der sogenannten Borussenfront, Siegfried Borchardt (genannt „SS-Siggi“), heute Vorsitzender des Dortmunder Kreisverbandes der Partei „Die Rechte“, angeführt wurde. In besagter „Kameradschaft“ trieb mit Michael Krick außerdem ein als besonders gewaltbereit geltender Neonazi sein Unwesen, der nicht nur über gute Kontakte zu „Blood & Honour“, sondern auch zu Michael Berger verfügte. Letztgenannter hatte am 14. Juni 2000 im Raum Dortmund drei Polizeibeamte erschossen und sich danach selbst gerichtet.

Bereits vor einigen Monaten hatte die ARD in einer Fernsehreportage über den NSU-Terror spekuliert, dass Verbindungen zwischen Berger und dem NSU-Netzwerk bestanden haben könnten. Auch Krick hatte den von Berger begangenen Polizistenmord damals begrüßt. So wurden in seiner Wohnung Aufkleber mit dem „Aufdruck „3:1 für Deutschland – Berger war ein Freund von uns!““ gefunden, für die die von Borchardt geführte „Kameradschaft“ verantwortlich gezeichnet hatte und die in Folge der Polizistenmorde weiträumig im Dortmunder Stadtgebiet verklebt wurden.

Krick war darüber hinaus mit Forderungen, wie der nach Bildung von rechten Zellen nach Vorbild des „führerlosen Widerstandes“ aufgefallen und hatte sich dafür ausgesprochen, nicht nur „“das System und seine Knechte““ anzugreifen, „wo immer es geht“, sondern auch „die, die gegen „unsere Rasse vorgehen und sie zu vernichten suchen““.

Einiges deutet also mittlerweile darauf hin, dass etwa der NSU-Mord an dem Kioskbesitzer Mehmet Kubasik 2006 in Dortmund nicht ohne Kenntnis der militanten Dortmunder Naziszene verübt wurde.

Ohne zuviel Hoffnung in die Arbeit der bestehenden Parlamentarischen Untersuchungsausschüsse zu investieren, stellt sich mittlerweile zunehmend die Frage, warum im von SPD und Bündnis 90/Die Grünen regierten Nordrhein-Westfalen bisher kein Uuntersuchungsauschuss eingesetzt wurde, um Licht ins Dunkle des rechten Terrors und der Verstrickungen von Geheimdiensten und Polizei zu bringen. Schließlich gehen nicht nur der bereits erwähnte Mord an Mehmet Kubasik, sondern auch der 2004 verübte Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße auf das Konto der Naziterroristen. Ebenfalls bis heute nicht aufgeklärt ist der Bombenanschlag auf die Düsseldorfer S-Bahnstation „Wehrhahn“, bei dem am 27. Juli 2000 zehn Menschen – mehrheitlich jüdischen Glaubens – schwer verletzt wurden.

Auch Frank Laubenburg (Linkspartei), seit 1999 Mitglied des Düsseldorfer Stadtrates, hatte sich in der Vergangenheit mehrfach dafür ausgesprochen, einen eigenen Untersuchungsauschuss in NRW einzusetzen „„Ich finde, dass ein Untersuchungsausschuss klären müsste, warum nicht bereits im Jahr 2000 die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen hat, welche Rolle der Verfassungsschutz spielte und in welche Richtungen überhaupt wie ermittelt wurde. Der NSU-Skandal hat das Ausmaß staatlicher Verstrickung in Neonaziverbrechen aufgezeigt. Da möchte ich nicht, daß die Akten in Düsseldorf einfach wieder zugeklappt oder sogar geschreddert werden““, hatte Laubenburg schon vor Monaten – bisher jedoch vergeblich – in einem Interview mit der Tageszeitung junge Welt gefordert.

Aufgrund der Einlassungen des Angeklagten Carsten S. im Münchner NSU-Prozess zu einem Rohrbomben-Anschlag im Juni 1999 in Nürnberg warf Laubenburg erneut Fragen zum Ermittlungsstand und zur Ermittlungsarbeit im Zusammenhang mit dem Düsseldorfer Wehrhahn-Anschlag vom Juli 2000 auf. So stelle sich angesichts der Münchner Prozessergebnisse erneut die Frage, „welchen Spuren die Ermittlungsbehörden im Zusammenhang mit dem Düsseldorfer Wehrhahn-Anschlag überhaupt nachgegangen“ seien. Schließlich habe es die im November 2011 erneut eingesetzte Ermittlungskommission „bislang vollkommen unterlassen, über ihre Arbeit und Erkenntnisse die Öffentlichkeit zu informieren“, so der Düsseldorfer Politiker.

Für Laubenburg ergeben sich mittlerweile immer mehr Fragen. So etwa, ob es einen Abgleich zwischen dem beim Nürnberger Rohrbomben-Anschlag im Juni 1999 und dem Wehrhahn-Anschlag im Juli 2000 verwendeten Sprengmaterial gab, welche Erkenntnisse die Ermittlungsbehörden generell zur Unterstützung des NSU aus Nordrhein-Westfalen haben und auf welcher Grundlage und durch welche ggf. falschen Geheimdienstinformationen und Angaben von V-Männern die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft unmittelbar nach dem Anschlag im Jahr 2000 zu dem völlig falschen und fatalen Schluss gekommen sei, dass es in Düsseldorf keine gewaltbereite rechte Szene gäbe?

Markus Bernhardt