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Am Samstag, den 8. Juni 2013, verstarb noch langer Krankheit im Alter von 92 Jahren einer der bedeutendsten deutschen Grafiker und Maler des 20 Jahrhunderts in seinem Haus in Halle.

Willi SitteWer war dieser DDR Künstler, den selbst die führenden Medien der BRD zu seinem Tod nicht ignorieren konnten?
„Mein Vater und Großvater waren beide Mitbegründer der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei, also in Nordböhmen. Unsere Familie ist immer politisch orientiert gewesen; das hat sich auch im Dritten Reich nicht geändert. Ich bin eben kein Opportunist gewesen.“ sagt er selbst in einem Interview mit dem Tagesspiegel 2001. Da war gerade die große Ausstellung in Nürnberg geplatzt, heute spricht man vom „Verbot“ und es war ein Skandal.

Geboren 1921 in Kratzau/Chrastava besuchte er nach der Volks- und Bürgerschule die Kunstschule des nordböhmischen Gewerbemuseums in Reichenberg/Liberec. Später dann wurde er an die Herrmann Göhring Meisterschule für Malerei in Kronburg/Eifel empfohlen. Wegen Protestes gegen die dort herrschende Ausbeutung 1944 zum Militär überstellt, nahm er Kontakt zur italienischen Widerstandsbewegung auf. Als er enttart wurde, ging er zu den Partisanen. Er sagte: „Ich habe ein sehr gutes Gewissen gehabt, nicht mehr dazuzugehören zu denen, die gemordet, geplündert, zerstört, gemeuchelt haben. Diese Wehrmacht ist eben keine heile, wunderbare Einrichtung gewesen, wie es teilweise jetzt noch behauptet wird von einigen Leuten.“

Nach dem Krieg arbeitete er freischaffend in Vincenza und Venedig bis er 1946 über Kratzau/Chrastava in die SBZ, die spätere DDR, umsiedelte.
Der Anfang war nicht einfach. Zusammen mit Brecht, Eisler und anderen war Willi Sitte Formalismusvorwürfen ausgesetzt. In dieser Zeit heftigster Auseinandersetzungen prägte sich seine Intension aus, einen „dialektischen Realismus“ zu entwickeln. Zunächst hatte er damit jedoch keinen Erfolg, gehen wollte der Kommunist Willi Sitte aber nicht. In der Hoffnung, dass jene „Entgleisungen und Verzerrungen nur vorübergehend“ seien war er überzeugt, dass der Weg im „Großen und Ganzen richtig“ sei. 2001 stellte er fest, dass er zwar in der DDR durchaus gelitten hätte, aber auch, dass er  „wenigstens eine politische Heimat“ gehabt hätte.
Gemeinsam mit den Begründern der Leipziger Schule, Bernhard Heisig (1925-2011), Wolfgang Mattheuer (1927-2004) und Werner Tübke (1929-2004), bewahrte Sitte die Gegenständlichkeit in der Kunst und die handwerkliche Meisterschaft, während an den westdeutschen Kunsthochschulen die Abstraktion und die Konzeptkunst gelehrt wurden.

Er trat 1950 in den Verband Bildender Künstler ein und wurde 1974 zu dessen Präsident gewählt. Wenig später, im Jahr 1976, wurde er auch Abgeordneter der Volkskammer und 1986 sogar Mitglied des Zentralkommitees der SED. Diese Staatsnähe wurde ihm nach 1989 immer wieder vorgeworfen. Er wurde verfemt, angegriffen und seine Bilder verschwanden flächendeckend aus den Ausstellungen in die Depots der Museen. Groß war seine Enttäuschung, dass seine Partei so kläglich versagte und sich zahlreiche Künstler, für die er sich engagiert hatte, von ihm abwandten. „Ich habe gar nicht gewusst, dass ich Präsident eines Verbandes von lauter Widerstandskämpfern war“, formulierte er damals sarkastisch. Anders als diese hat er nie seinen Traum und seine Überzeugung verleugnet. Willi Sitte blieb sich als Kommunist treu.
Erst 2006 wurde die Willi-Sitte-Galerie in Merseburg eröffnet. Der Rechtfertigungen müde konnte Willi Sitte endlich wieder erleben, dass öffentlich wird, was ihn ausmacht: sein Werk.

„Willi Sitte war ein einzigartiger Künstler, ein Mensch, der seine Kunst auch für sein politisches Engagement einsetzte“ so die Linke-Vorsitzenden Katja Kipping und und Bernd Riexinger sowie Gregor Gysi. Ja, er war ein politischer Maler. Sein Werk enthielt zu jeder Zeit das Element des Widerspruchs zu Allem, was dieser besseren Welt nicht entsprach. Er war überzeugt „von der Notwendigkeit, an einer Alternative zum kapitalistischen Gesellschaftsmodell mitzuwirken“ (Sitte 1994). 1985 sagte Willi Sitte, dass es „von jeher zwei Grundmöglichkeiten gibt: die Feier des Guten und die Abwehr des Bösen. Bannen, feiern und die Zukunft zu antizipieren – das alles sind unersetzbare Möglichkeiten künstlerischer Weltsicht und Weltinterpretation.“
Eindrucksvoll hat er es in seinen Bildern umgesetzt. Die deutliche Anklage in „Ein Gekreuzigter“, „Potrait eines Terroristen“, „Unbeugsam“ oder „Sie wollten nur Lesen und Schreiben lehren“ gegen Rassismus und Krieg beeindruckt den Betrachter, ob er nun Intellektueller oder Arbeiter ist. Die Abrechnung mit Missständen wie zum Beispiel „Am kalten Büfett“ lässt die Protagonisten erkennbar werden und klagt deutlich an.
Aber auch das Gute ist zu finden. Beispiel hier sei das Bild von 1968 „Laufender Junge“. Diese Freiheit, Unbeschwertheit und das dargestellte Glück springen geradezu aus dem Bild und sind Sinnbild für diese Zukunft, die es zu erkämpfen gilt.
Einen großen Teil von Sittes Werk haben erotische Themen bestimmt. In der Beziehung der Geschlechter suchte er etwa über das gesellschaftliche Leben zu erfahren und zu zeigen. „Der Mensch ist ja gleichermaßen Natur- und gesellschaftliches Wesen. Auch seine natürliche Körperlichkeit sagt etwas über das gesellschaftliche Leben, das Wesen der Gesellschaft, über Harmonie und Widersprüche“ (Sitte 1974). Hier werden auch die Emanzipation und die aktivere Rolle der Frau thematisiert. Er malte die Realität mit allen Widersprüchen und Bewegungen – eben dialektisch.

Sittes „Feindbild“ war der Herr Mittelmaß. „Es sind Variationen eines Menschentyps,“ so sagte er,“der mich Zeit meines Lebens begleitet. Wahrscheinlich hat jeder entsprechend seiner Biografie eigene Vorstellungen von diesem Mr. Durchschnitt, der sich anpasst, mit schwimmt, nachplappert, statt genau hinzusehen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Leider hört das nie auf.“
Willi Sitte war prägend für den sozialistischen Realismus in der bildenden Kunst. Seine monumentale Bildgewalt verbunden mit einer Sensibilität für das wirkliche Leben, die Dynamik der Darstellung und die Klarheit der politischen Aussage in seinen Bildern ist unerreicht.

Seine Bilder „Propaganda-Malerei“? Ja – im besten Sinne! Es sind Bilder, die sich einmischen. Humanität einklagend, Phantasie weckend für eine besser Welt, anregend zum Nachdenken und sich Ungerechtigkeiten zu widersetzen. Dem Schlechten die hübsche Maske von Gesicht reißend und eine Alternative zum Kapitalismus propagierend! Er ist Symbol der Widerständigkeit und Leitbild einer proletarischen Kultur, um die es heute zu kämpfen gilt. Sein Werk ist Vorbild und Maßstab für die Bilder, die da noch kommen werden.

Toni Köhler-Terz

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