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NPD-Anhänger in Mahrzahn-Hellersdorf

NPD-Anhänger in Mahrzahn-Hellersdorf

„Will­kom­men in Mahr­zahn-Hel­lers­dorf, dem Ort der Viel­falt“ heißt es auf der of­fi­zi­el­len In­ter­net­sei­te des Ber­li­ner Be­zirks. Hier leben etwa 250000 Men­schen – davon sind 186 auf der Suche nach Asyl. Für sie wurde nun eine neue Sam­mel­un­ter­kunft er­öff­net. Da­ge­gen hat­ten Neo­fa­schis­ten seit Mo­na­ten Stim­mung ge­macht. Mit Er­folg.

Am 20. Au­gust, dem Tag des Ein­zugs der ers­ten 42 Flücht­lin­ge, dar­un­ter Fa­mi­li­en mit klei­nen Kin­dern, for­der­te der Ber­li­ner Flücht­lings­rat, die Be­le­gung des Heims aus­zu­set­zen, weil es kein trag­fä­hi­ges Si­cher­heits­kon­zept gebe. Nach drei Tagen ver­lie­ßen sechs Flücht­lin­ge – die meis­ten von ihnen kom­men aus den Kriegs­ge­bie­ten Af­gha­nis­tans und Sy­ri­ens – aus Angst die Un­ter­kunft.

Nur Ter­ror, keine Straf­ta­ten …

Seit sie ein­ge­zo­gen sind, wird das Haus von rech­ten Ge­stal­ten um­la­gert. Nachts hu­schen Ver­mumm­te an den Fens­tern vor­bei. Vor der Tür wer­den die Be­woh­ner von einem Wahl­pla­kat der NPD mit den Wor­ten „Gute Heim­rei­se“ be­grüßt. Am Tag nach dem Ein­zug durf­te die neo­fa­schis­ti­sche Par­tei eine Kund­ge­bung di­rekt vor dem Haus ab­hal­ten. Von den Teil­neh­mern waren aus Be­hör­den­sicht »keine er­heb­li­chen Straf­ta­ten« zu er­war­ten, daher war ein Ver­bot erst gar nicht er­wo­gen wor­den.

CDU-So­zi­al­se­na­tor Mario Czaja ficht das alles nicht an: „Wir be­le­gen diese Ein­rich­tung wei­ter“. Auch Po­li­ti­ker von SPD und Grü­nen sind der Mei­nung, da müsse man jetzt durch. Vor den Neo­na­zis dürfe man nicht klein bei geben. Das sei das völ­lig fal­sche Si­gnal. Rich­tig, aber dann darf man es so­weit nicht kom­men las­sen. Was in Hel­lers­dorf pas­siert und nun die Öf­fent­lich­keit im gan­zen Land und dar­über hin­aus er­regt, war ab­seh­bar. Dem Trei­ben der Neo­fa­schis­ten ist seit ihrem Auf­tre­ten auf einer Bür­ger­ver­samm­lung kein Rie­gel vor­ge­scho­ben wor­den. Im Ge­gen­teil.

Der Vor­schlag der In­te­gra­ti­ons­be­auf­tra­gen, ein De­mons­tra­ti­ons­ver­bot, eine Bann­mei­le, vor dem Haus zu schaf­fen, wurde em­pört zu­rück­ge­wie­sen: Die Ver­samm­lungs­frei­heit sei ein hohes Gut. Die „Angst­kam­pa­gnen“ von Rechts­ex­tre­mis­ten dürf­ten nicht zu „we­ni­ger De­mo­kra­tie“ füh­ren. Es solle kei­nes­falls der Ein­druck ent­ste­hen, dass der Staat be­stim­me, wer in Zu­kunft wo­ge­gen oder wofür de­mons­trie­ren dürfe, sagte CDU-In­nen­se­na­tor Hen­kel. Die Ein­la­dung wurde dan­kend an­ge­nom­men.

Be­reits am nächs­ten Tag rief die Ras­sis­ten-Par­tei „Pro-Deutsch­land“ ihre An­hän­ger vor das Heim. Zwar stan­den den Volks­ver­het­zern eine große An­zahl von An­ti­fa­schis­tin­nen und An­ti­fa­schis­ten ge­gen­über und in­zwi­schen gibt es auch eine Dau­er­mahn­wa­che von Un­ter­stüt­zern der Flücht­lin­ge. Den­noch: Die­ser „Ort der Viel­falt“ ist für die Flücht­lin­ge kein Ort zum Ver­wei­len. Die Bil­der und Kom­men­ta­re von Nach­ba­rin­nen und Nach­barn – „die sol­len hier weg“ – er­in­nern un­wei­ger­lich an Ros­tock Lich­ten­ha­gen vor 20 Jah­ren. So­fort wankt einem der Jog­ging­ho­sen­mann mit Hit­ler­gruß wie­der durch den Kopf.

Ros­tock lässt grü­ßen

Da­mals wurde im Licht der bren­nen­den Flücht­lings­un­ter­künf­te das Asyl­recht ab­ge­schafft. Heute warnt Ber­lins Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter Klaus Wo­wer­eit (SPD) vor „Po­lit-Tou­ris­mus“ in Mahr­zahn-Hel­lers­dorf. Man solle die Flücht­lin­ge in Ruhe las­sen. Ge­meint sind of­fen­bar Rech­te und Linke glei­cher­ma­ßen.

Der CDU-In­nen­po­li­ti­ker Wolf­gang Bos­bach for­dert einen bun­des­wei­ten Kri­sen­gip­fel. Was kann dort aus­ge­han­delt wer­den, um die Ruhe wie­der her­zu­stel­len? Mehr Geld zur Si­che­rung der EU-Au­ßen­gren­zen, bes­se­re Be­waff­nung für die mi­li­tä­ri­sche Ab­schot­tung durch die Bun­des­agen­tur Fron­tex? Schnel­le­re Ab­schie­bun­gen und Asyl­be­wer­ber­hei­me au­ßer­halb der Städ­te? Oder gleich alle in Ab­schie­be­knäs­te sper­ren? Ja, das wäre eine sau­be­re Lö­sung. Ein­mal mehr, sind die Neo­fa­schis­ten von NPD bis „Pro Deutsch­land“ Stich­wort­ge­ber für die re­ak­tio­nä­re Po­li­tik.

Dabei wäre die Sache recht ein­fach. Statt Sam­mel­la­gern brau­chen die Flücht­lin­ge be­zahl­ba­re Woh­nun­gen. Sie brau­chen Ar­beit und Be­we­gungs­frei­heit. Das sind zen­tra­le For­de­run­gen der pro­tes­tie­ren­den Flücht­lin­ge am Ora­ni­en-Platz in Kreuz­berg und in vie­len wei­te­ren Städ­ten. Sie gilt es, ge­mein­sam durch­zu­set­zen.

Wera Rich­ter

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