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Oktober, 2013
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LLL-Demo

Demonstration im Rahmen der Liebknecht-Luxemburg-Ehrung am 12. Januar 2014um 10.00 Uhr vom U-Bhf. Frankfurter Tor zur Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde

»Liebknecht kämpfte für uns alle«, schrieb Rosa Luxemburg, als man ihn nach der berühmten Maidemonstration 1916 auf dem Potsdamer Platz verhaftet hatte. »… Er hat gezeigt, dass man auch in Deutschland für seine sozialistische Überzeugung mit dem ganzen Menschen einsteht.«

Dieser Überzeugung, für die Rosa und Karl von der Reaktion ermordet wurden, fühlen wir uns unverändert verpflichtet. Wir gedenken ihrer mit unserer Demonstration im Rahmen der Luxemburg-Liebknecht-Ehrung am 12. Januar 2014. Es ist das Jahr, in dem sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal jährt.

1914 hatte Karl Liebknecht im Reichstag als einziger gegen die Kriegskredite gestimmt. Und Rosa Luxemburg stellte im selben Jahr fest: »Dass es die herrschenden Klassen sind, die allzumal zu Katastrophen treiben, dafür ist Deutschland heute ein klassisches Beispiel.«

Diese Einschätzung des Systems der Profitmaximierung fand im Faschismus und dem von Hitlerdeutschland nur 25 Jahre später mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 ausgelösten Zweiten Weltkrieg, fand im Völkermord an jüdischen Menschen, Slawen sowie Sinti und Roma seine unfassbar grauenerregende Bestätigung.

»Wir brauchen keine Katastrophen«, hatte Rosa Luxemburg formuliert. Auch heute benötigen wir diese nicht. Wir brauchen keine Militärinterventionen. Nicht in Syrien, nicht in Mali, nicht im Iran. Nirgendwo. Wir brauchen keine Bundeswehrsoldaten in Afghanistan, in der Türkei oder andernorts. Wir brauchen keine Drohnenmorde und keine Rüstungsexporte. Wir brauchen keine zigmillionenfache Spitzelei durch NSA, BND und andere Geheimdienste, die die bürgerliche Demokratie zur Farce werden lassen. Wir brauchen keine Nazis und nicht deren in Krisenzeiten besonders gefährliche soziale Demagogie. Wir brauchen keinen Rassismus, keinen antimuslimischen, keinen Antisemitismus und keinen Antiziganismus. Wir brauchen keinen stetig wachsenden Sozialabbau, und nicht die damit einhergehenden Entwürdigungen von Millionen Menschen. Wir brauchen keine Rettungsschirme für Banken.

Wir – Linke verschiedenster Strömungen – demonstrieren friedlich gegen Kriege, für Menschlichkeit und Internationalismus – für eine solidarische, friedliche und sozial gerechte Welt.

Weitere Informationen: http://www.ll-demo.de/

Bisherige Unterstützer der LL-Demo 2014 sind (Stand vom 27.10.2013): Antikapitalistische Linke (AKL) Hamburg ¤ Arndt, Christian – Hamburg ¤ Assoziation Dämmerung – Hamburg ¤ Auener, Reinhard – Berlin ¤ Aydin, Sahin – Bottrop ¤ Baltruschat, Käthe – Berlin ¤ Baltruschat, Klaus – Berlin ¤ Bartels, Heinz – Hamburg ¤ Dr. Barth, Margrit – Berlin ¤ Bartl, Anett – Chemnitz ¤ Bartl, Klaus (MdL Sachsen) – Chemnitz ¤ Bauer, Hans – Berlin ¤ Beck, Lothar – Berlin ¤ Bekemeier, Dirk – Bad Oeynhausen ¤ Bergmann, Kai – Berlin ¤ Bernhardt, Markus – Berlin ¤ Berthold, Tom – Berlin ¤ Dr. Biedermann, Wolfgang – Berlin ¤ Bierbaum, Heinz – Saarbrücken ¤ Binder, Karin (MdB DIE LINKE) – Karlsruhe ¤ Böhnert, Tom – Düsseldorf ¤ Bonk, Marion – Bremen ¤ Borchardt, Barbara (MdL) – MV ¤ Brandt, Konstantin – Berlin ¤ Brennemann, Sylvia – Duisburg ¤ Buchholz, Christine (MdB) – Berlin ¤ Buck, Alexander – Berlin ¤ Bündnis für Soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde e. V. (BüSGM) ¤ Burgholz, Frank – Berlin ¤ Carstens, Jürgen – Petershagen ¤ Cohen, Ellen – Schulzendorf ¤ Cronsnest, Maren – Berlin ¤ Cruz, Justo – Berlin ¤ Dagdelen, Sevim (MdB) – NRW ¤ DDR-Kabinett Bochum e.V. ¤ Dietel, Annemarie – Berlin ¤ DKP Friedrichshain-Kreuzberg ¤ DKP Hochtaunus ¤ DKP Mecklenburg-Vorpommern ¤ DKP PV ¤ DKP queer ¤ Drether, Kai – Berlin ¤ Drexler, Walter – Berlin ¤ Dürr, Jochen – Schwäbisch Hall ¤ Duisburger Netzwerk gegen Rechts ¤ Eichberg, Peter – Berlin ¤ Eichler, Gingo – Berlin ¤ Farha, Rim – Berlin ¤ Fiedler, Hans – Berlin ¤ Fiedler, Marianne – Berlin ¤ Prof. Fink, Heinrich – Berlin ¤ Fink, Ilsegret – Berlin ¤ Firmenich, Ruth – Berlin ¤ Fleischhauer, Helmut – Buchholz ¤ Förster, Eberhard – Berlin ¤ Fritsche, Thomas – Berlin ¤ Fritz, Alfred – Berlin ¤ Gaebelein, Raimund – Bremen ¤ Gefrot, Raoul – Hönow ¤ Gesellschaft für Politische Bildung und Partizipation – Berlin ¤ Dr. Girod, Regina – Berlin ¤ Girod, Wilhelm (Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936/39) – Berlin ¤ Gläser, Eckhard – Berlin ¤ Gläser, Fritz – Berlin ¤ Gläser, Theodor – Berlin ¤ Grünberg, Harri – Berlin ¤ Guilliard, Joachim – Heidelberg ¤ Hängel, Werner – Berlin ¤ Prof. Hager, Nina – Berlin ¤ Harms, Olaf – Hamburg ¤ Hechler, Helmut – Berlin ¤ Hechler, Rosmarie – Berlin ¤ Heimer, Achim – Berlin ¤ Heinen, Wiljo – Berlin ¤ Heinz, Ernst – Berlin ¤ Herbrick, Ursula – Berlin ¤ Heyer, Rosmarie – Berlin ¤ Hieronymi, Moritz – Berlin ¤ Hiksch, Uwe – Berlin ¤ Höger, Inge – NRW ¤ Hoffmann, Willi – Berlin ¤ Hoffmeister, Willi – Dortmund ¤ Horn, Jürgen – Berlin ¤ Hüttner, Erich – Berlin ¤ Initiativgruppe „Kundschafter des Friedens fordern Recht“ e. V. – IKF ¤ Jegielka, Stephan – Berlin ¤ Jenob, Brigitte – Berlin ¤ Jenob, Günther – Berlin ¤ Jeske, Ursula – Berlin ¤ Jörgens, Antje – Jena ¤ Johanterwage, Karin – Herzebrock ¤ Johanterwage, Rainer – Herzebrock ¤ John, Andreas – Berlin ¤ Jürgensonn, Harald W. – Brohl-Lützing ¤ Kaal, Cornelius – Lüneburg ¤ Prof. Karl, Heinz – Berlin ¤ Karl, Lore – Berlin ¤ Karl-Liebknecht Club Bottrop ¤ Kaschke, Irmgard – Berlin ¤ Katzove, Johann – Berlin ¤ Kind, Birgitt – Lanke ¤ King, Alexander – Berlin ¤ Kirschner, Christine – Berlin ¤ Klages, Heide (WLPF/JFFF + Lagergemeinschaft e. V.) – Berlin ¤ Knecht, Thomas – Friedrichsdorf ¤ Knop, Hans – Schulzendorf ¤ Koff, Helena – Berlin ¤ Kolowrat, Eva – Berlin ¤ Kommunistische Partei Türkei 1920 (TKP 1920) ¤ KPD LV Berlin ¤ Kretzschmer, Roland – Berlin ¤ Kretzschmer, Tamara – Berlin ¤ Kreysch, Fritz – Berlin ¤ Kroning, Ingrid – Berlin ¤ Krum, Horsta – Berlin ¤ Prof. Kuczynski, Thomas – Berlin ¤ Kunstkreis Bottrop e. V. ¤ Kurdisch-Deutscher Freundschaftskreis Münsterland e. V. ¤ Kutschke, Alfred – Berlin ¤ Larenas, Nancy – Berlin ¤ Laubenburg, Frank – Düsseldorf ¤ Laus, André – Berlin ¤ Lautaro, Valdes – Berlin ¤ Lautsch, Greta – Berlin ¤ Leciejewicz, Goll – Berlin ¤ Dr. Lein, Ingeborg – Berlin ¤ Linksjugend [´solid] Buchholz in der Nordheide KGB/RL Linksjugend [´solid] Hamburg ¤ Linksjugend [´solid] NRW ¤ Lude, Günther – Berlin ¤ Lude, Helga – Berlin ¤ Dr. Marohn, Heinz – Berlin ¤ Meißner, Paul – Potsdam ¤ Meißner, Sabine – Potsdam ¤ Mergen, Andree – Berlin ¤ Metzger, Wolfgang – Berlin ¤ Molitor, Marvin – Berlin ¤ Motter, Wolfgang – Berlin ¤ Müller, Helmut – Berlin ¤ Müller, Vera – Berlin ¤ NaturFreunde Ortsgruppe Adelante ¤ Nemez, Chris – Magdeburg ¤ Nemez, Ines – Magdeburg ¤ Ney, Wolfgang – Berlin ¤ Nlanersberger, Ursula – Berlin ¤ Nowotny, Andrea – Magdeburg ¤ Ökumenisches Friedensforum Europäischer Katholiken ¤ Oelze, Cyvi – Magdeburg ¤ Oelze, Frieda – Berlin ¤ Oelze, Jasper – Berlin ¤ Oelze, Maria – Magdeburg ¤ Oelze, Sabina – Magdeburg ¤ Oelze, Ulrich – Magdeburg ¤ Ostertag, Brigitte – Berlin ¤ Pflanz, Günter – Berlin ¤ Plache, Kurt – Berlin ¤ Pletl, Heya – Berlin ¤ Popp, Dieter – Bonn ¤ Preißner, Torsten – Berlin ¤ RedBirdWeb – Internetservice ¤ Reukewitz, Hans-Jürgen – Berlin ¤ Richter, Erhard – Berlin ¤ Rose, Gerlinde – Berlin ¤ Rubisch, Herbert – Berlin ¤ Ruch, Werner – Berlin ¤ Prof. Rump, Oliver – Buchholz ¤ Rvedick, Irmgard – Berlin ¤ Sabelleck, Karl-Heinz – Essen ¤ Sanft, Marianne – Berlin ¤ Schade, Christa – Magdeburg ¤ Schade, Dieter – Magdeburg ¤ Schade, Ines – Magdeburg ¤ Schade, Rüdiger – Magdeburg ¤ Scharfenberg, Manfred – Berlin ¤ Scheer, Uwe – Hamburg ¤ Schillen, Ida – Rostock ¤ Schindler, Johannes – Berlin ¤ Dr. Schindler-Saefkow, Bärbel – Berlin ¤ Schips, Norbert – Berlin ¤ Schling, Lisbet – Berlin ¤ Schlottmann, Waltraud – Berlin ¤ Schmidt, Karl-Heinz – Helmstedt ¤ Schneider, Werner – Berlin ¤ Schuder-Hirsch, Rosemarie – Berlin ¤ Schulz, Carsten – Berlin ¤ Schulz, Lisa – Berlin ¤ SDAJ Berlin ¤ SDAJ Bundesvorstand ¤ Seidel, Günter – Erkner ¤ Selmaier, Christa – Magdeburg ¤ Selmaier, Roland – Magdeburg ¤ Selvåg, Gudmund Kollung – Bergen/Norwegen ¤ Senft, Gabriele – Berlin ¤ Specht, Christian – Berlin ¤ Spoo, Eckart – Berlin ¤ Spoo, Lydia – Berlin ¤ Staudke, Sybille – Berlin ¤ Steinke, Dietmar – Berlin ¤ Sternberg, Ilse – Magdeburg ¤ Sternberg, Paul – Magdeburg ¤ Steyer, Jan – Göttingen ¤ Stiebert, Dieter – Berlin ¤ Stoeck, Anja – Winsen ¤ Strobel, Else -Berlin ¤ Strobel, Rudi – Berlin ¤ Stuchly, Wolfgang – Berlin ¤ Sunderbrink, Martina – Bad Oeynhausen ¤ Tippel, Melanie – Berlin ¤ Trampenau, Bea – Buchholz ¤ Traut, Joachim – Arnstadt ¤ Ulrich, Fritz – Berlin ¤ Vanek, Ulrich – Twistringen ¤ ver.di-Betriebsgruppe Wittekindshof ¤ Vetter, Hanna – Magdeburg ¤ Vetter, Holger – Magdeburg ¤ Vgugen, Ursula – Berlin ¤ Visser, Jochen – Berlin ¤ Dr. Vogel, Volkmar – Berlin ¤ Vogel-Armbruster, Dieter – Lüneburg ¤ Dr. Wagenknecht, Sahra (MdB) – NRW ¤ Welder, Brigitte – Berlin ¤ Welder, Joachim – Berlin ¤ Wendekamm, Wilfried – Berlin ¤ Werner, Bernhard – Berlin ¤ Dr. Werner, Matthias – Berlin ¤ Wiechowski, Jan – Berlin ¤ Wils, Sabine (MdEP) – Hamburg ¤ Wimmersperg, Laura von – Berlin ¤ Windhorn, Monika – Hannover ¤ Wischeidt, Gudrun – Berlin ¤ Wissel, Elisabeth – Berlin ¤ Wohn- und Ferienheim Heideruh e. V. ¤ Wollmann, Maria – Berlin

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Klaus von Raussendorffs Beitrag stellt 7 Thesen auf, die nicht nur für organisierte Freidenker, sondern auch für jeden Praktiker einer kommunistischen Partei zum Rüstzeug für ideologische und andere Kämpfe gehören. Ohne eine solche geistige Bewaffnung, ohne Übung im Umgang damit, wäre eine Freidenkerbewegung, und genau so eine proletarische Partei allen möglichen Fallen ausgesetzt. Deshalb lohnt es sich, darüber tief genug nachzudenken und Militanz am richtigen Ort zu entfalten.

1.Marxistische Religionskritik ist wesentlich revolutionär und bildet wie marxistische Theorie überhaupt eine dialektische Einheit mit der Praxis des politischen Kampfes für Demokratie und Sozialismus.
2.Indem der Mensch sich als Schöpfer seiner Lebensverhältnisse erfährt, wird die Gottesfrage praktisch unmöglich.
3.Die marxistische Kritik der Religion ist Element der allgemeinen Kritik aller Formen eines „verkehrten“ gesellschaftlichen Bewusstseins.
4.Religion: „Seufzer“ – „Protestation“ – „Opium“.
5.Die klassische Methode der materialistischen Religionskritik besteht in der Erklärung der religiösen Erscheinungen aus den jeweils konkreten Lebensverhältnissen.
6.Die Religion hat Wurzeln im Denken und Wollen des Menschen. Sie „verschwindet“ nicht, sondern wird in anderen Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins „aufgehoben“.
7.Der politische Kampf für Frieden und Demokratie erfordert das politische Zusammengehen von Materialisten und Glaubenden.

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Unsere Religionskritik ist Gesellschaftskritik

Von Klaus von Raussendorff

Religion ist eine Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, die weltweit in einer verwirrenden Vielfalt in Erscheinung tritt. Einerseits suchen Milliarden Gläubige in dieser verkehrten kapitalistischen Welt in religiösen Vorstellungen geistige Orientierung und moralischen Rückhalt. Andererseits ist Religion nicht nur Vertröstungsmittel. Sie motiviert auch fortschrittliche politische Kämpfe. Dies haben in neuerer Zeit Christen beider Konfessionen im Widerstand gegen den Faschismus gezeigt. Auch die christliche Befreiungstheologie wird als emanzipatorische Bewegung gewürdigt. Eine vergleichbare Legitimität wird dem politischen Islam im Westen vielfach verweigert.Die angeblich aufgeklärte, säkulare Welt des Westens sieht sich bedroht. Kritisiert wird angeblich „Fundamentalismus jeglicher Art“. Konkret gemeint ist meist der muslimische Widerstand gegen Invasion und Besatzung durch NATO-Mächte.

Deutschland ist ein weitgehend säkulares Land. Ein Viertel der Bevölkerung bezeichnet sich als konfessionslos. Da taugt die früher übliche Verklärung des christlichen Abendlands nur noch wenig zur propagandistischen Überhöhung der „deutschen Verantwortung in der Welt“. Heute soll das Vormachtstreben der hochkapitalistischen Länder mit der weltweiten, auch militärischen, Durchsetzung von „Menschenrechten“ gerechtfertigt werden. Der außenpolitischen Aggressivität entspricht ein krasser Irrationalismus. Neben säkularen Formen der ideologischen Bearbeitung der Massen ist wie zu allen Zeiten Religion immer noch ein massenwirksames Mittel der Entmündigung und Gängelung breiter Bevölkerungsschichten.

All diese Erscheinungen, die in den Medien berichtet und durch Religionswissenschaft, Religionsgeschichte und Religionssoziologie wissenschaftlich erforscht werden, sind Gegenstand marxistischer Religionskritik.Religionskritik ist nicht mit Atheismus identisch. Sie gibt es auch innerhalb der religiösen Systeme, z.B. im Judentum, Christentum, Islam etc. Dort tritt sie als „Dissidenz“, „Reformation“, „Erneuerung“ etc. in Erscheinung. Ferner gibt es im Dialog zwischen den religiösen Systemen, der vorgeblich dem „Frieden in der Welt“ dient, ein unvermeidbares Element der kritischen Distanzierung von anderen und der Profilierung der eigenen Gruppenidentität, wie beispielhaft vom Papst in seiner skandalträchtigen Regensburger Rede vorgeführt.

Gerade auch diese innerreligiösen Differenzierungen sind Gegenstand marxistischer Religionskritik. Ihre Methode ist konsequent materialistisch. Sie geht von der realen gesellschaftlichen Entwicklung aus und sieht diese als letztlich bestimmend dafür an, wie sich die Formen der Religion entwickeln. Die Herangehensweise an all diese Phänomene auf der Grundlage des Historischen soll in folgenden sieben Thesen beschrieben werden.

1.Marxistische Religionskritik ist wesentlich revolutionär und bildet wie marxistische Theorie überhaupt eine dialektische Einheit mit der Praxis des politischen Kampfes für Demokratie und Sozialismus.

In der 1843 – 44 entstandenen Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“ formuliert der junge Marx die oft zitierte Erkenntnis: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (Hegels Rechtsphilosophie, Einleitung MEW 1/385)

Religionskritik leitet für Marx also unmittelbar in ein Programm revolutionärer politischer Praxis über und bildet wie alle spätere marxistische Theorie mit der revolutionären Praxis eine dialektische Einheit. In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickeln Marx und Engels ihren philosophisch-materialistische Begriff der Praxis insbesondere in der Auseinandersetzung über die Kritik der Religion mit den Junghegelianern (David Friedrich Strauss, Bruno Bauer, Max Stirner u.a.), die „meinten, dass die christliche Religion und die mit ihr verbundenen Ideen die entscheidende Ursache für die damals in Deutschland herrschenden reaktionären gesellschaftlichen Zustände seien. Sie schlussfolgerten, dass allein oder doch in erster Linie eine Kritik dieser Ideen notwendig sei, um die gegebenen gesellschaftlich-politischen Verhältnisse verändern zu können. (…) Marx und Engels waren durch ihre persönliche Kenntnis des Volkskampfes gegen die feudale und kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung sowie besonders durch ihre Parteinahme für das Proletariat auf die tatsächlichen Ursachen der gesellschaftlichen Entwicklung gestoßen.“ (Dieter Wittich, Art. „Praxis“ in Georg Klaus/Manfred Buhr, Philosophisches Wörterbuch , Leipzig, 1969, Bd. 2, 865-866)

2.Indem der Mensch sich als Schöpfer seiner Lebensverhältnisse erfährt, wird die Gottesfrage praktisch unmöglich.Atheismus hat keinen Sinn mehr.

Sozialismus ist positives, nicht mehr durch Negation der Gottesvorstellung vermitteltes Selbstbewusstsein des Menschen. Bahnbrechend für die Entwicklung des historischen Materialismus waren in jener Zeit Ludwig Feuerbachs Untersuchungen über das Wesen der Religion und das Wesen des Christentums.

Feuerbach überwandt die Auffassung des bürgerlichen Rationalismus des 18. Jahrhunderts, der in der Religion nichts als Unwissenheit, Irrtum oder betrügerische Vorspiegelung sah.Für Feuerbach ist Religion eine Projektion des Wesens des Menschen. „Gott, so meint Feuerbach, ist nichts weiter als eine Schöpfung des Menschen selbst, ist Ausdruck seiner Abhängigkeit und seiner Ohnmacht gegenüber den Geschehnissen in der Natur.In der Phantasiegestalt Gottes idealisiert der Mensch sein eigenes Wollen und eigenes Tun und erwartet dann von seiner eigenen Schöpfung Hilfe.“ So der marxistische Religionswissenschaftler Fritz Schiff.

Damit habe, so Schiff weiter, Feuerbach „die Frage der Existenz Gottes zum ersten Male dem Streit zwischen gläubigen und ungläubigen Metaphysikern entzogen und ihr in seiner ‚Menschkunde‘, seiner ,Anthropologie‘ eine wissenschaftliche Grundlage gegeben…“ (Fritz Schiff: Die Wandlungen der Gottesvorstellung, Urania-Freidenker-Verlag, Jena, 1931, S. 71) (ebenda) An Feuerbach kritisch anschließend und dessen Erkenntnisse weiterführend, hebt dann Marx den Gedanken hervor, dass die Wirklichkeit nicht wie bei Feuerbach nur „subjektiv“, „unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt“ werden muss, sondern gesellschaftlich „als menschliche sinnliche Tätigkeit“, als gesellschaftliche „Praxis“. (Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3/533 ff. Dietz Verlag Berlin, 1969)

Schon in der Antike gibt es religionskritische Einsichten. Und Gottlosigkeit, also Atheismus, der mit Religionskritik begrifflich nicht identisch ist, ist vermutlich so alt wie Religion selbst. Aber erst mit dem industriellen Kapitalismus reift ein tieferes Verständnis des Wesens des Menschen und der Religion.Über die entscheidende Voraussetzung dafür macht Marx eine wichtige Bemerkung in einer Fußnote im „Kapital“: „Die Technologie“, so Marx, „enthüllt das aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionsprozeß seines Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen.“ (Kapital I MEW 23/ 393, Fußn. 89)

Erst mit dem Aufkommen des modernen Proletariats, des Betreibers des gigantischen Maschinenwesen des Kapitalismus, reift die volle Erkenntnis, dass die „Weltgeschichte nichts anders ist als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit, als das Werden der Natur für den Menschen.“ Durch seinen „Entstehungsprozess“ ist der Mensch sich selbst „als Dasein der Natur… (und)… die Natur für den Menschen als Dasein des Menschen praktisch, sinnlich anschaubar geworden.“ Damit ist „die Frage nach einem fremden Wesen, nach einem Wesen über der Natur und dem Menschen … praktisch unmöglich geworden.“Daraus folgt für Marx: „Der Atheismus… hat keinen Sinn mehr, denn der Atheismus ist eine Negation des Gottes und setzt durch diese Negation das Dasein des Menschen; aber der Sozialismus … ist positives, nicht mehr durch die Aufhebung der Religion vermitteltes Selbstbewusstsein des Menschen.“ (Philos.-ökonom. Manuskripte MEW 40/546) Später wird Friedrich Engels in einem Brief an Eduard Bernstein vom Juli 1884 schreiben: „….und daß Atheismus nur eine Negation ausdrückt, haben wir selbst schon vor 40 Jahren … gesagt, nur mit dem Zusatz, daß der Atheismus als bloße Negation der Religion und stets sich auf Religion beziehend, ohne sie selbst nichts, und daher selbst noch eine Religion ist.“Und im Jahre 1874 beschreibt Engels die religionslose Mentalität deutscher Arbeiter so:„Von der großen Mehrzahl der deutschen sozialdemokratischen Arbeiter kann man sogar sagen, daß der Atheismus bei ihnen sich schon überlebt hat; dies rein negative Wort hat auf sie keine Anwendung mehr, indem sie nicht mehr in einem theoretischen, sondern nur noch in einem praktischen Gegensatz zum Gottesglauben stehn: Sie sind mit Gott einfach fertig, sie leben und denken in der wirklichen Welt und sind daher Materialisten.“ (Hans Lutter, Warum es keinen „Wissenschaftlichen Atheismus“ geben kann; in: Freidenker 1-08 März 2008, S.17-18)

3.Die marxistische Kritik der Religion ist Element der allgemeinen Kritik aller Formen eines „verkehrten“ gesellschaftlichen Bewusstseins.

Wenn Marx feststellt: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“ (Hegels Rechtsphilosophie Einleitung MEW 1/378)“, so fordert er damit, das methodische Vorgehen der Religionskritik auf alle Erscheinungen der Ideologie und des gesellschaftlichen Überbaus anzuwenden. Die anthropologische Projektionstheorie Feuerbachs versucht, wie Marx feststellt, „das religiöse Wesen in das menschliche Wesen aufzulösen“.

Das Neue bei Marx ist, dass er fordert, die Verdopplung der Welt in eine weltliche und eine religiöse „aus der Selbstzerrissenheit und (dem) Sichselbstwidersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären“ (Vierte Feuerbach-These MEW 3/6). Für Marx gilt es: „Nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“ (Hegels Rechtsphilosophie Einleitung MEW 1/379)

Von der Kritik der Religion ausgehend, gelangt Marx zur Wurzel des Entfremdungsprozesses in der bürgerlichen Ökonomie: „Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr als ein fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber.“ (Philos.-ökonom. Manuskripte MEW 40/511) Staat und Gesellschaft „produzieren die Religion“ als „ein verkehrtes Weltbewusstsein“, und zwar weil sie selbst „eine verkehrte Welt sind“. (Hegels Rechtsphilosophie Einleitung MEW 1/378) „Die religiöse Entfremdung als solche geht nur in dem Gebiet des Bewußtseins des menschlichen Innern vor, aber die ökonomische Entfremdung ist die des wirklichen Lebens.“ Die reale Selbstentfremdung betrifft alle Formen der gesellschaftlichen Praxis: „Religion, Familie, Staat, Recht, Moral, Wissenschaft, Kunst etc. sind nur besondere Weisen der Produktion und fallen alle unter ihr allgemeines Gesetz.“ (Philos.-ökonom. Manuskripte MEW 40/537)

Religion ist für Marx überall, wo „die Anerkennung des Menschen auf einem Umweg, durch einen Mittler“ erfolgt. Selbst wenn der Mensch „durch die Vermittlung des Staates sich als Atheisten erklärt“, (Judenfrage, MEW 1/353) entgeht er nicht der „Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise“, der „ökonomischen Trinität“, bestehend aus den „entfremdeten und irrationalen Formen von Kapital-Zins, Boden-Rente, Arbeit-Arbeitslohn“. Er unterliegt der „Personifizierung der Sachen und der Versachlichung der Produktionsverhältnisse.“ Wo das Kapital herrscht, herrscht die kapitalistische „Religion des Alltagslebens“. (Kapital III MEW 25/838).

4.Religion: „Seufzer“ – „Protestation“ – „Opium“.

Was also ist Religion? Die Antwort, die die marxistische Religionskritik zu geben vermag, beruht, wie bisher ausgeführt, auf einer Partei ergreifenden, revolutionären Herangehensweise (Ziffer 1), auf der Überwindung des Atheismus als einer von der Leugnung Gottes abhängigen, quasi-religiösen Ideologie (Ziffer 2) und auf der Aufdeckung der Wurzeln religiöser Entfremdung des Menschen in der kapitalistischen Ökonomie (Ziffer 3).

Nur auf dieser Grundlage und in diesem Zusammenhang erschließt sich die differenzierte Auffassung der Religion, die der junge Marx in den folgenden oft zitierten Sätzen skizziert hat: „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen… Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind…. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist. Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1/378)

5.Die klassische Methode der materialistischen Religionskritik besteht in der Erklärung der religiösen Erscheinungen aus den jeweils konkreten Lebensverhältnissen.

Dass in der Religionskritik eine konsequent materialistische Methode anzuwenden ist, wurde eingangs bereits erwähnt. Marx unterscheidet in der schon erwähnten Fußnote im „Kapital“ zwei Methoden materialistischer Religionsanalyse, von denen er nur die eine als wirklich wissenschaftlich anerkennt. Als „unkritisch“ charakterisiert er eine „Religionsgeschichte“, die von der „materiellen Basis“ vom „unmittelbaren Produktionsprozess“ des menschlichen Lebens abstrahiert. Marx wendet sich gegen die „abstrakten und ideologischen Vorstellungen“ eines ungeschichtlichen „naturwissenschaftlichen Materialismus, der den geschichtlichen Prozess ausschließt“.

Statt der Methode, die „durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen“ aufspürt, besteht für Marx „die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode“ darin, „umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln.“ (Kapital I MEW 23/ 393, Fußn. 89)

Bei der Anwendung dieser Methode auf die heutige Welt muss berücksichtigt werden, dass sich der Kapitalismus vollständig zu einem Weltsystem entwickelt hat, wie Marx und Engels bereits im Manifest der kommunistischen Partei von 1848 mit den Worten prognostizierten: „Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt. (…) An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.“ (MEW 4/ 463, 466).

Daher ist heute die Entwicklung der internationalen Politik, die Stellung der Nationen im internationalen Staatensystem und in der Weltwirtschaft in Betracht zu ziehen, wenn man die Kritik der religiösen Erscheinungen nach der Methode von Marx aus den heutigen „wirklichen Lebensverhältnissen“ entwickeln will.

Dann erscheinen religiöse Strömungen unter dem Aspekt ihrer politischen Funktion im kapitalistischen Weltsystem: Der evangelikale Fundamentalismus der USA als Ideologie imperialistischer Weltherrschaft, die Politik des Vatikans als ideologische Dienstleistung für die kapitalistische „Globalisierung“, die Klerikalisierung des – aus Sicht des Judaismus als unjüdisch kritisierten – Zionismus als Ideologie des zionistischen Siedlerkolonialismus, der Wahabismus- Salafismus als Ideologie des Vormachtstrebens Saudi Arabiens in der muslimischen Welt, das staatshörige Kirchenwesen Deutschlands als ideologischer Stützpfeiler der „deutschen Verantwortung in der Welt.“

In demselben weltpolitischen Zusammenhang wird auch der ideologische Atheismus zum Gegenstand marxistischer Religionskritik, wenn er „säkularer“ Vorherrschaft des Westens das Wort redet oder gar im „Krieg gegen den Terror“ die anti-islamische Hetze durch „religionskritische“ Beiträge bereichert.

6.Die Religion hat Wurzeln im Denken und Wollen des Menschen. Sie „verschwindet“ nicht, sondern wird in anderen Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins „aufgehoben“.

Religion hat, wie erwähnt (Ziffer 3) ökonomische Wurzeln in der kapitalistischen Entfremdung der Arbeit. Sie legitimiert Politik der herrschenden Klassen (Ziffer 5). Ist daraus nun zu schließen, dass Religion in dem Maße „verschwindet“, wie das Maschinensystem in Gemeineigentum überführt und die Produktion gesamtwirtschaftlich unter demokratischer Kontrolle geplant wird, d.h. Ausbeutung und Klassenherrschaft überwunden werden?

Hier ist zu bedenken, dass Religion nicht ausschließlich auf materiell gesellschaftlichen Ursachen beruht.Die Religion hat, ähnlich dem philosophischen Idealismus, auch erkenntnistheoretische (gnoseologische) Wurzeln, wie der marxistische Philosoph R.O. Gropp anschaulich darstellt: „Da alles, was den Menschen in seinem Verhalten zur Umwelt bestimmt, in irgendeiner Form durch seinen Kopf hindurchgeht und hier als Gefühl, Gedanke und Wille bewusst wird, so liegt schon darin die Möglichkeit, dass er sein Denken und Wollen als den eigentlichen Ausgangspunkt seines Handelns ansieht, und es liegt nahe, dass er dementsprechend auch die Vorgänge in der Natur als Handlungen bzw. Wirkungen irgendwelcher geistiger Wesen oder eines allgemeinen ‚Weltwillens‘ und dergleichen betrachtet.“ (R.O. Gropp, Grundlagen des dialektischen Materialismus, Berlin, 1970, S. 19-20)

Insbesondere Lenin hat diese gnoseologischen Wurzeln des philosophischen Idealismus und der Religion betont. Er bemerkt in seinem philosophischen Werk „Empiriokritizismus und Materialismus“: „…Zeichen oder Symbole sind auch in bezug auf eingebildete Gegenstände durchaus möglich, und jeder kennt Beispiele solcher Zeichen und Symbole.“ (LW 14/233) Das bedeutet, dass auch unter ausbeutungsfreien Gesellschaftsverhältnissen die Fähigkeit des Menschen nicht aufhören wird, Zeichen und Symbole im Bezug auf Gegenstände zu schaffen, die mit wirklichen Dingen nur eine eingebildete, fantastische Ähnlichkeit haben. Wie Lenin hervorhebt, sind auch religiöse Vorstellungen von der Erkenntnis der wirklichen Welt nicht völlig losgelöst: „….das Pfaffentum (= philosophischer Idealismus),“ so Lenin, „besitzt natürlich erkenntnistheoretische Wurzeln, ist nicht ohne Boden, es ist zwar unstreitig eine taube Blüte, aber eine taube Blüte, die wächst am lebendigen Baum der lebendigen, fruchtbaren, wahren, machtvollen, allgewaltigen, objektiven, absoluten menschlichen Erkenntnis.“ (LW 38/344)

Auch die sozialistische Arbeiterbewegung und die Befreiungsbewegungen haben sich Symbole kollektiven Bewusstseins geschaffen: „Rote Fahne“, „Roter Stern“, „Hammer und Sichel“, „Personenkult“ (Che Guevara) etc. Niemand würde auf den Gedanken kommen, diese Symbole und den Glauben an eine schon auf Erden befreite Menschheit für außermenschlichen Ursprungs zu halten. Dennoch wird dem Kommunismus von seinen Gegnern gelegentlich vorgeworfen, nicht nur gottlos, soll heißen, unmoralisch zu sein.Wo es auf irrationale Widersprüche nicht ankommt, ist auch der gegenteilige Vorwurf recht: Der Kommunismus sei eine neue Religion, ja sogar eine Kirche.

Dem hat der italienische Arbeiterführer Palmiro Togliatti (1893-1964) schon vor Jahrzehnten entgegengehalten:„Das ist wahr in dem Sinne, dass wir einen Glauben haben, das heißt die Gewissheit, dass die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft, für die wir kämpfen, nicht nur eine Notwendigkeit ist, sondern eine Aufgabe, für die sich – mit der Gewissheit des Erfolges – der beste Teil der Menschheit einsetzt. Wir glauben, dass der Mensch Herr der Natur werden muss, was eine biblische Aufgabe ist, die von Gott selbst in der Schöpfungsgeschichte gestellt wurde. …Wir behaupten aber, dass der Mensch auch Herr der Gesellschaft und ihrer Entwicklung werden muss, indem er sie der Herrschaft des Egoismus, der Willkür, der Gewalttätigkeit, der Ausbeutung entzieht. Er muss eine Gesellschaft in der Dimension seiner eigenen Freiheit schaffen. Nur so kann man, glaube ich, zu jener vollen Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit kommen, die das Ziel der gesamten Menschheitsgeschichte ist. Man kann daher sagen, dass unsere Überzeugung, wenn man so will, eine vollständige Religion vom Menschen ist. Für den Gläubigen muss außer der Natur und dem Menschen das Übernatürliche eingreifen, ohne das jedes menschliche Gebäude auf Sand gebaut ist… Aber hier fängt die philosophische Diskussion an, die wir nicht beginnen wollen.“ (Palmiro Togliatti, Ausgewählte Reden und Aufsätze, Berlin 1977, S. 683-684)

Eine andere Frage ist, welche Zukunft die Religion hat. Laut philosophischem Wörterbuch bedeutet Religion im Wortsinne: „Verehrung, heiliges Versprechen, Kult“. Religion ist, so das Lexikon: „Form des gesellschaftlichen Bewusstseins mit Weltanschauungscharakter, deren Besonderheit in einer verzerrten, verkehrten Widerspiegelung der Natur und Gesellschaft im Bewusstsein der Menschen besteht, dergestalt, dass die Erscheinungen der Natur und Gesellschaft auf übernatürliche Ursachen und Zwecke zurückgeführt bzw. als übernatürliche Vorgänge und Mächte vorgestellt werden, zu denen die Menschen in einem unmittelbaren Abhängigkeitsverhältnis stehen und denen gegenüber sie sich zu ihrem Wohle zum Vollzug bestimmter Handlungen (wie Gebete, Opfer, Kult, Ritus usw.) verpflichtet fühlen,“ (Werner Schuffenhauer, Art. „Religion“ In: Georg Klaus, Manfred Buhr, Philosophisches Wörterbuch, Bd. 2, S. 939) Wie wir oben aber gesehen haben, betrachtet Marx alle Formen der gesellschaftlichen Praxis, „Religion, Familie, Staat, Recht, Moral, Wissenschaft, Kunst etc.“, als „nur besondere Weisen der Produktion“. Und er betont: sie „fallen alle unter ihr allgemeines Gesetz.“

Dieses Gesetz ist die „selbstzerrissene“ Wirklichkeit, die mit Notwendigkeit „verzerrtes“, „verkehrtes“ Bewusstsein hervorbringt. Insofern ist im Vergleich mit anderen Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins die in der Lexikon-Definition hervorgehobene „Besonderheit“ des religiösen Bewusstseins nur eine relative. Das eigentlich Besondere des religiösen Bewusstseins besteht darin, dass es sich selbst ausdrücklich als durch übernatürliche Vorgänge und Mächte bewirkt und von diesen abhängig begreift. Dies ist in der Regel bei anderen Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins nicht der Fall.

Hinter die einmal errungene Erkenntnis, dass Gottesvorstellungen Erfindungen der menschlichen Fantasie sind, führt kein Weg zurück, jedenfalls nicht auf der Basis vernünftigen Denkens. Das bedeutet nicht, dass die Formen und Inhalte des religiösen Bewusstseins spurlos „verschwinden“. Dazu sind sie zu sehr mit Jahrtausenden menschlicher Geschichte verbunden. Sie sind Teil der allgemeinen kulturellen Traditionen der Menschheit und haben nationale Eigentümlichkeiten in je besonderer Weise geprägt. Als symbolische Schöpfungen der Fantasie bleiben sie in anderen Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins „aufgehoben“. Sie werden zu „Stoffen“ künstlerischer und gedanklicher Bearbeitung in einem nichtreligiösen, humanen, freigeistigen Sinne.

7.Der politische Kampf für Frieden und Demokratie erfordert das politische Zusammengehen von Materialisten und Glaubenden.

Gegenwärtig hat Religion in vielen Ländern einen Einfluss auf die Politik, der noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar schien. Entgegen früheren Annahmen führte das westliche Modell der Modernisierung nicht zu einem angeblich unausweichlichen, gradlinigen Säkularisierungsprozess. Als zu kurzsichtig erwiesen sich Erwartungen, allein schon Kapitalismus, Wissenschaft und Technologie werde eine fortschreitende „Entzauberung“ und „Verdinglichung“ der Welt bewirken, den religiösen Glauben zur Privatsache machen und die Religion aus dem öffentlichen Leben verschwinden lassen.

Gleichwohl handelt es bei dem viel diskutierten „Wiederaufleben der Religion“ nicht um eine Umkehr der langfristigen Tendenz der Verweltlichung des öffentlichen und privaten Lebens. Eher haben wir es wohl mit markanten Ausnahmen von den Säkularisierungstendenzen der Moderne zu tun, und zwar vor allem in USA und Israel sowie in der muslimischen Welt.

In den USA mutierte seit den 70er Jahren der protestantische Fundamentalismus von einer theologischen Strömung zu einer Massenbewegung der äußersten Rechten. In Israel setzte nach dem Sieg von 1967, der theologisch als Wunder und „zweite Geburt“ gedeutet wurde, eine deutliche Klerikalisierung von Staat und Gesellschaft ein. Die islamische Revolution im Iran erfolgte zwölf Jahre später 1979, teilweise als Reaktion auf die israelische Eroberung der heiligen Stätten des Islam in Jerusalem. Hamas trat als Widerstandsbewegung gegen die israelische Besatzung erst mit der Intifada Ende 1988 als einflussreiche politische Kraft in Erscheinung. Der Aufstieg der Hezbollah im Libanon erfolgte im Zuge eines 18jährigen Befreiungskampfes bis zur Vertreibung der israelischen Besatzung aus Südlibanon im Mai 2000.

Internationale Konflikte erwiesen sich in den letzten Jahrzehnten wieder als eine wichtige Ursache für den Faktor Religion in der Politik. Samuel Huntington spricht von „Zusammenprall der Kulturen“ und liefert damit ein viel zitiertes Stichwort zur oberflächlichen Interpretation imperialistischer Gewaltpolitik. Es verdeckt die Klassengegensätze, die in religiöser Form zum Ausdruck kommen. Es verharmlost die säkularen Ideologien, mit denen heute Krieg und Interventionen westlicher Mächte bemäntelt werden. Es negiert die Ideale der französischen Revolution von Gleichheit und Brüderlichkeit. Es bagatellisiert die Botschaft von der Gleichheit aller Menschen, die auch den großen Religionen gemeinsam ist. Materialisten und Glaubende sind gefordert, sich über gemeinsame Ziele des Kampfes für Frieden und Demokratie zu verständigen. Dazu beizutragen ist heute eine der wichtigsten Aufgaben marxistischer Religionskritik. Dabei gilt es einen wichtigen Erfahrungsschatz kritisch aufzuarbeiten.

Nach der Niederlage der faschistischen Regimes und dem Zerfall der Kolonialreiche ergaben sich in vielen Ländern neue „Möglichkeiten für ein Bündnis der revolutionären Arbeitermassen mit breiten Massen von Gläubigen“, wie die Weltkonferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien 1969 erklärte. Man ging davon aus, dass im Rahmen „breit angelegter Kontakte und gemeinsamer Aktionen die große Masse der Gläubigen zur aktiven Kraft im antiimperialistischen Kampf und bei tiefgreifenden sozialen Umgestaltungen wird.“ (Internationale Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien Moskau 1969, Berlin 1969, S. 31)

Warum es dennoch nicht im Weltmaßstab zu einem solchen Bündnis kam, muss hier unerörtert bleiben. Halten wir im Rahmen unseres Themas lediglich fest, dass Palmiro Togliatti, der im Hinblick auf die organisierte katholische Welt eine besondere Sensibilität für dieses Thema entwickelte, kurz vor seinem Tode 1964 gewarnt hatte: „Zu diesem Zweck dient uns die alte atheistische Propaganda überhaupt nicht.“Schon Lenin hatte „die Unterordnung des Kampfes gegen die Religion unter den Kampf für den Sozialismus“ gefordert und darauf aufmerksam gemacht, dass sowohl im Kulturkampf in Deutschland als auch im Kampf der bürgerlichen Republikaner Frankreichs gegen den Klerikalismus „die bürgerlichen Regierungen bewusst versuchten, durch einen quasiliberalen ‚Feldzug‘ gegen den Klerikalismus die Aufmerksamkeit der Massen vom Sozialismus abzulenken.“ (W.I. Lenin, Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion (26. Mai 1909) LW 15/412-14) Die damalige deutsche Sozialdemokratie hatte ganz in diesem Sinne reagiert, indem sie einen Redakteur entließ, der auf die antisemitische Propaganda des Hofpredigers Adolph Stoecker, mit der dieser die Arbeiter wieder für Monarchie und Christentum zurückgewinnen wollte, mit der Initiierung einer Kirchenaustrittskampagne antwortete.
(Johann Most – 1846-1906 – war Buchbinder, Redakteur der sozialdemokratischen Zeitung „Die Freiheit“, vor 1878 Reichstagsabgeordneter der SPD, Freidenker; 1883 veröffentlichte er ,Die Gottespest und die Religionsseuche‘; er emigrierte später in die USA; nach Ulrich Nanko, Nationalliberale, sozialistische und völkische Freidenker zwischen 1848 und 1881 – Zur Frühgeschichte des organisierten Atheismus in deutschsprachigen Raum, in: Faber Richard und Susanne Lanwerd (Hrsg.), Atheismus: Ideologie, Philsophie oder Mentalität? Würzburg, Königshausen und Neumann, 2006, S. 183-194)

Im Kalten Krieg stand beim Dialog zwischen Marxisten und Christen nicht zuletzt die Verhinderung des Atomkrieges auf der Tagesordnung, heute stellt der „Krieg gegen den (islamischen) Terror“ und die Hetze gegen den Islam eine besondere Herausforderung für die Friedenskräfte dar.

Quelle: freidenker.org («Freidenker» 2/2009)

Klaus von Raussendorff ist Vorsitzender des Deutschen Freidenkerverbandes (DFV) Bonn/Rhein-Sieg und Referent des Verbandsvorstandes für Internationale Arbeit und Solidarität

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Quelle: kommunisten.ch

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Volksentscheid gegen Profitmacherei bei der öffentlichen Versorgung

von Rainer Perschewski, Vorsitzender des DKP-Landesverbandes Berlin

Wer hat sich nicht schon einmal über die Strompreise aufgeregt? Allein in Berlin sind sie zum Jahresbeginn um 13 Prozent gestiegen. Geht es nach den in den Medien verbreiteten Gründen, sei daran allein ein Gesetz schuld. Kein Wort wird über die Profite der großen Energiekonzerne verloren. Auch die Berliner Energienetze werden »privat« betrieben.

Allein in Berlin erzielte der Vattenfall–Konzern einen Gewinn von 1,4 Mrd. Euro und will dennoch Stellen in Deutschland abbauen. Der Energiesektor ist neben Wasser, Gas, öffentlichem Verkehr oder Bildung ein Bereich, der in den letzten Jahrzehnten der Deregulierung zum Opfer gefallen ist – mit allen negativen Folgen. Der Kampf gegen diese Privatisierungen bezieht immer weitere Kreise der Bevölkerung mit ein.

In Folge des Wasservolksentscheides vor ein paar Jahren gründete sich der »Berliner Energietisch« (Bündnis aus Initiativen, Parteien, linken Gruppen), um einen Volksentscheid für die Rekommunalisierung der Berliner Energie einzusetzen. Das erfolgreiche Volksbegehren mündet am 3. November diesen Jahres in einen Volksentscheid.

Der Energietisch konnte alle Hürden überwinden. Der Berliner Senat versucht dennoch in altbekannter Weise Steine in den Weg zu legen und lehnte eine Abstimmung zum Zeitpunkt der Bundestagswahl ab. Damit muss der Volksentscheid die letzte Hürde der Mindestbeteiligung nehmen.

Ziele des Volksentscheids

Zu den Zielen des Volksentscheids gehört die Errichtung eines öffentlichen Stadtwerks als Anstalt öffentlichen Rechts zum Vertrieb von Strom aus 100 Prozent erneuerbarer Energie. In dem Gesetzesvorschlag ist u.a. festgeschrieben, dass der neue Betrieb Energiesparmaßnahmen fördern, Sozialtarife haben soll und eine demokratische Mitbestimmung im Verwaltungsrat regelt. Verwiesen wird auf das Beispiel von Hamburg Energie, die in kurzer Zeit über 80.000 Kunden für sich gewinnen konnten. Dazu soll eine öffentliche Netzgesellschaft für die Stromverteilung als Anstalt öffentlichen Rechts gebildet werden, mit dem Ziel, bei der Ausschreibung der Konzessionen des Netzes zum 1. Januar 2015 den Zuschlag zu erhalten und so das Netz wieder in öffentliche Hände zu bringen. Der Kaufpreis des Netzes wird vom Energietisch mit bis zu 400 Millionen Euro beziffert.

Vattenfall den Stecker ziehen

Der Energietisch fordert keine Enteignung oder gar Verstaatlichung der Energiekonzerne, sondern will ein kommunales Stadtwerk und setzt auf ein bewusstes Wechseln der Berliner zu diesem neuen Stadtwerk. »Vattenfall den Stecker ziehen« ist das Motto mit dem der Energietisch in den Wahlkampf zieht. Die Erreichung dieses Zieles ist natürlich Spekulation und nicht gesichert. Es mag daher ein wenig illusorisch erscheinen, was der Berliner Energietisch da auf dem Weg gebracht hat. Seitens der politischen Linken müsste klar sein, dass Interessen nur durch die Erzeugung politischen Drucks durchgesetzt werden können. Dennoch ist dieser Volksentscheid ein Ausdruck des Kampfes gegen die Privatisierung und beinhaltet bei erfolgreicher Abstimmung die Möglichkeit einer städtischen Energieversorgung als Ausdruck des Willens der Bevölkerung wieder zu installieren. Ein Erfolg ist eine schallende Ohrfeige für die etablierten Parteien in dieser Stadt, die alle für den Verkauf städtischen Eigentums eingetreten sind. Auch das vermehrte Auftreten von Energiekonzernen oder vermeintlichen „Experten“ die belegen wollen, dass nur die so genannte Privatwirtschaft richtig und kostengünstig produzieren kann, zeigt das ein Nerv getroffen wird: Es geht gegen Profitinteressen.

Volksentscheid unterstützen!

Eine Unterstützung des Volksentscheids und des Anliegens des Berliner Energietisches ist daher ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Privatisierungen. Dennoch muss deutlich gemacht werden, dass die „richtige“ Energiepolitik nicht nur mit einem Kreuz auf dem Wahlzettel durchgesetzt werden kann. Eine öffentliche Daseinsvorsorge ohne Profitstreben erfordert letztlich eine andere Gesellschaftsordnung. Der Wahlkampf bietet dazu die Möglichkeiten, dies zu vermitteln.

Weitere Informationen: www.berliner-energietisch.net

Quelle: DKP Berlin

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Uli Gellermann bespricht das neue Buch von Andreas Wehr:

Nur knapp hat die Alternative für Deutschland (AdF) den Einzug in den Bundestag verfehlt. Für die Europawahlen prophezeien die Wahlforscher, dass die Partei rechts von der CDU bei den Europawahlen gute Aussichten auf Parlamentssitze haben wird. Ihren Erfolg bezieht die Partei vorrangig aus ihrer Ablehnung des Euro und der scheinbaren Betonung des Nationalen.

Auch deshalb ist das neue Buch von Andreas Wehr, das sich mit der EU und den Nationen auseinandersetzt, ein spannender Debattenbeitrag. Wehr arbeitet sich in guter intellektueller
Tradition an anderen intellektuellen Positionen ab, wenn er unter dem Titel „Der europäische Traum und die Wirklichkeit“ über die Rolle der Nationen in Europa nachdenkt.

Es sind Jürgen Habermas, Jeremy Rifkin, Ulrich Beck, Daniel Cohn-Bendit, Guy Verhofstadt und Martin Schulz, an denen sich Andreas Wehr reibt, und deren Überlegungen er als Träume, sogar
als Alpträume abtut.

Wohl deshalb stellt der Autor zu Beginn fest: „Der Europäischen Union kommt die Legitimation abhanden.“ Diese Feststellung untermauert er mit dem „Nein“ zur europäischen Verfassung bei den Volksabstimmungen in Frankreich und Holland, den sinkenden Wählerzahlen bei europäischen Wahlen und den aus der Bankenkrise stammenden Vorbehalten gegen eine Union des Kaputtsparens: „Nach Osteuropa entsteht im Süden (Europas) eine zweite Armutszone.“

Jeremy Rifkin, ein US-amerikanischer Autor, der von Wehr rezensiert wird, vergleicht den „american dream“ mit seinem Traum von Europa und findet den letzteren einfach besser, weil er auf europäischen Straßen „nur selten Obdachlose“ gesehen hat und auch weniger „schwergewichtige Menschen“. Dann freut sich der Soziologe heftig: „Europäer sind gern faul. Sie nehmen sich Zeit an Rosen zu schnuppern.“ Diesen galoppierenden Subjektivismus nimmt ihm Wehr zu Recht übel und
sieht Rifkin gern als Äpfel-mit-Birnen- Vergleicher, der willkürlich mit Zahlen und Ebenen jongliert, um dann zu einem gnadenlosen Urteil zu kommen: „Der Europäische Traum von Jeremy Rifkin ist Science Fiction.“

Jürgen Habermas will Wehr nicht als „Fiction“ abtun. Immerhin ist der Philosoph gut sozialdemokratisch vernetzt und seine These der „Transnationalisierung der Demokratie“ erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. Aber nicht bei Wehr, der ziemlich schnell nachweist, dass die Verlagerung sozialer Probleme ins Transnationale, sprich auf die europäische Ebene, gern einem Transport ins Unverbindliche gleichkommt statt bereits auf nationaler Ebene den Kampf um soziale Gerechtigkeit aufzunehmen.

Auch die (nicht nur) bei Habermas als völlig neu begriffene Globalisierung sieht Wehr in einer kapitalistischen Kontinuität, die er mit einem treffenden Zitat aus dem „Kommunistischen Manifest“ belegt. Wenn Habermas einer Teilung der „Volkssouveränität zwischen den Bürgern der Europäischen Union und den Völkern Europas“ das Wort redet, ist Wehr an der Wirklichkeit interessiert, die nun mal eine nationale Staatsangehörigkeit vor die Unionsbürgerschaft setzt und
auch deshalb bisher kaum ein europäisches Bewusstsein zulässt.

Auch dem Soziologen Ulrich Beck lässt der Autor die laxe Formulierung „Die Abgabe von Souveränitätsrechten geht einher mit einem Gewinn an politischer Gestaltungsmacht“ nicht
durchgehen. Bereits Wehrs Erinnerung an das wirtschaftliche Auseinanderdriften der europäischen Staaten entlarvt den von Beck konstatierten „Gewinn“ als Phrase.

Dem sprachgewaltigen „Manifest für Europa“ von Daniel Cohn-Bendit und Guy Verhofstadt
attestiert Andreas Wehr „ein eurozentrisches, ja eurochauvinistisches Weltbild“. Denn Cohn-Bendit und Verhofstadt begreifen Europa primär als ein Produkt der Konkurrenz zu Staaten wie China und Indien um, gemeinsam mit den USA, „die westliche Vormachtstellung verteidigen zu können.

Selbstverständlich taucht in den Forderungen des „Manifest für Europa“ das ebenso beliebte wie nebulöse „wir“ auf: Das ist das „wir“, dass uns alle in ein Boot verfrachtet und nicht fragt wer rudert und wer steuert.

Schließlich macht uns Wehr noch mit den Positionen von Martin Schulz, dem Präsidenten des europäischen Parlamentes bekannt. Bei ihm sieht er nicht „den Hauch einer volkswirtschaftlichen
Erklärung, was angesichts der ökonomischen und sozialen Probleme der EU schon erstaunlich ist.
Und wenn der Präsident feststellt, dass die EU zur Zeit ein eher neoliberales Projekt ist, dann erlaubt sich Wehr den Sozialdemokraten Schulz daran zu erinnern, dass die Deregulierung der Märkte wesentlich von der sozialdemokratisch geführten Regierung Schröder betrieben wurde.

Der EU-Mitarbeiter der Linkspartei Andreas Wehr legt ein sachkundiges, streitbares Buch vor, das mit einem Plädoyer für den „Nationalstaat als Raum politischer Kämpfe und Klassenauseinandersetzungen“ endet. Nicht als Gegensatz zu einem vereinten Europa, sondern als Basis, von der aus ein anderes, ein soziales und gerechtes Europa zu erreichen wäre. Dass Wehr – angesichts der Militäroperationen diverser EU-Mitgliedsländer – die Beschwörung des europäischen „Friedensprojektes“ als leeres Gerede demaskiert, ist ein kluges Additiv einer auf soziale und ideologische Fragen zentrierten Arbeit.
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Quelle: Zuerst erschienen in Rationalgalerie , übernommen von Unsere Zeit, Zeitung der DKP, Nr. 44/ 2013 vom 1. November.

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Eine Übersicht über die Publikationen von Andreas Wehr gibt es hier: Andreas Wehr, Bücher
17. Oktober 2013
Andreas Wehr, Der europäische Traum und die
Wirklichkeit, PapyRossa Verlag 2013, 155 Seiten,
12,50 Euro

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Bleiberecht und Anerkennung für die Flüchtlinge!

Seit Monaten kämpfen rund 350 Menschen in Hamburg darum, auf Dauer in Sicherheit in der Hansestadt bleiben zu können. Sie sind vor dem Krieg in Libyen, der auch von europäischen Staaten geführt wurde, über die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa nach Europa geflohen. Angeblich zum »Schutz der Zivilbevölkerung« hatte die NATO 2011 fast 10.000 Angriffe auf Libyen durchgeführt.

»Wir, Arbeiter in Libyen, waren Teil der Zivilbevölkerung. Wir wurden zum Angriffsziel von allen Kriegsparteien«, schreibt die nach Hamburg gelangte Flüchtlingsgruppe. »Die NATO behauptet, sie wisse nichts von zivilen Opfern durch ihre Bombardierungen. Jemand, der aus tausenden Metern Höhe Bomben auf bevölkerte Gebiete abwirft, den interessieren zivile Opfer nicht. Wir haben die Detonationen am eigenen Körper gespürt. Wir haben die Toten in den Straßen gesehen. Es waren Verwandte und Bekannte darunter.«

Die Gruppe schreibt weiter:

»Als im März 2011 die Bombardierungen der NATO zur Unterstützung der bewaffneten Gegner des Regimes begannen, eskalierte der Krieg. Weil keiner der Kriegsparteien zugehörig, wurden wir von allen Seiten verdächtigt und beschuldigt. Insbesondere die Propagandalüge der Gaddafi-Gegner „Schwarze sind Söldner des Regimes“ hat vielen von uns das Leben gekostet. Von allen Seiten wurden wir bedroht und ausgeraubt. Alle Wege zu den Grenzen der Nachbarländer waren gesperrt, bzw. wurden umkämpft oder bombardiert. Die Flughäfen waren dicht. Wir liefen um unser Leben und versteckten uns in unseren Wohnungen. Manchmal waren es libysche Freunde, die uns an die Küste brachten, um uns und sich selbst aus der Gefahr zu bringen. Viele wurden vom Militär unter Zwang in kleine Schiffe und Schlauchboote gebracht.«

Eine Mutter, die heute mit anderen Flüchtlingen in Berlin lebt, schildert: »Wir waren 850 Menschen auf einem Boot. Ich habe meine zwei Kinder verloren, als das Boot kenterte. 650 Menschen haben nicht überlebt.«

Italien prüfte die Fälle der dem Krieg entflohenen Menschen und erteilte allen Betroffenen den individuellen Flüchtlingsschutz. Zugleich erklärte sich Rom für unfähig, diesen praktisch umzusetzen und trieb die Kriegsflüchtlinge ausgestattet mit Touristenvisa aus dem Land in Richtung Nordeuropa. Die Notwendigkeit für die Überlebenden, nach allen Verlusten ihr Leben neu aufbauen zu können, wird aber von den Regierungen der Länder, die der ganzen Welt Demokratie und der Menschenrechte predigen, blockiert.

In Hamburg wächst die Solidarität mit den Betroffenen, während der Senat – die SPD-geführte Landesregierung – jede Lösung blockiert. In der vergangenen Woche demonstrierten rund 10.000 Menschen nach dem Heimspiel des FC St. Pauli für die Flüchtlinge. Eine weitere Großdemonstration ist  geplant für diesen

Sonnabend, 2. November (14 Uhr, Hachmannplatz am Hamburger Hauptbahnhof)

Einen Tag vorher ruft der Stadtteiltreff AGDAZ e.V. (Arbeitsgemeinschaft deutsch-ausländische Zusammenarbeit) in Hamburg-Steilshoop zu einem

Benefizkonzert

für die Flüchtlinge auf. »Als Kulturzentrum heißen wir Flüchtlinge herzlich willkommen«, heißt es in dem Einladungsschreiben. »Der Senat verfolgt aber weiterhin die harte Linie. Ein soziales Hamburg sieht anders aus. Deswegen unterstützen wir gerne! Bringen Sie Großeltern, Eltern, Kinder. Ex- und viele neue, am besten nette und gut betuchte Freunde mit!«

Auftreten werden an der Fehlinghöhe 16 in Steilshoop ab 19.30 Uhr Abi Wallenstein, Essim Kofman (Akkordeon), das Trio Gutzeit, OneStepAhead (Rapper) und das Duo Sascha Koratkewitsch & Klaus Rohls (Singer/Songwriter). Der Eintritt ist frei, um Spenden für die Flüchtlinge wird aber gebeten.

Bereits vor zwei Wochen hatte sich der Deutsche Freidenker-Verband in einem offenen Brief an den Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz und Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch gewandt und gegen die zunehmenden Behördenschikanen gegen die Flüchtlinge protestiert.

»Wenn es schon unerträglich ist, wie seit Monaten mit den Menschen umgegangen wird, die ganz bestimmt ihre Heimat nicht aus Abenteuerlust verlassen haben, sondern weil es für sie nur Flucht oder Tod gibt und gab, ist die polizeiliche Willkür der letzten Tage schon gar nicht mehr zu begreifen. Es geht um Menschen, die bis zum Bombardement der NATO in Libyen Arbeit und sicheres Auskommen hatten«, schreibt Angelika Scheer als Landesvorsitzende des norddeutschen Landesverbandes des DFV. »Der Deutsche Freidenker-Verband, Landesverband Nord e.V., erwartet gemeinsam mit zahlreichen Persönlichkeiten, Gewerkschaften, Schulklassen, Kirchen, Parteien und Vereinen eine Lösung für diese Menschen und im übrigen für alle Menschen, die vor Ausbeutung, Hunger und Krieg ihre Länder verlassen, weil ihnen kein anderer Ausweg bleibt. Die Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland an zahlreichen Kriegseinsätzen trägt ganz bestimmt nicht zur Gestaltung einer friedlicheren Welt bei.«

Eine Antwort auf dieses Schreiben steht bis heute aus.

Quelle: Deutscher Freidenkerverband, Landesverband Nord

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188 : 2

Die USA in der UNO isoliert

In der UN-Vollversammlung haben 188 Staaten die Blockade Kubas durch die USA verurteilt. Zwei Staaten stimmten gegen die Resolution – Israel und die USA selbst. Drei Staaten enthielten sich – die Marshall Inseln, Mikronesien und Palau. Die Isolierung der USA in dieser Frage könnte nicht grösser sein.

Leider entspricht das Abstimmungsverhalten vieler Staaten nicht ihrer tatsächlichen politischen Praxis, in der sie, unter dem Druck des Imperiums, sehr wohl den US-Boykott mehr oder weniger unterstützen.

Das Embargo hat für Kuba schwere wirtschaftliche Folgen. Nach der Konterrevolution in den europäischen sozialistischen Staaten und der Sowjetunion und damit dem abrupten Zusammenbruch des kubanischen Aussenhandels geriet das Land an den Rand des Zusammenbruchs.

Die Berliner Regierung suspendierte nach der Einverleibung der DDR deren vertragliche Verpflichtungen gegenüber Kuba unter Bruch des Völkerrechts und zeigte damit einmal mehr, wie verlogen die ständige Beschwörung der Menschenrechte in der deutschen Aussenpolitik ist. Es machte den deutschen Menschenrechtskriegern nichts aus, dass die Menschen in Kuba an den Rand des Hungerns gerieten. Im Gegenteil. Sie erhofften sich, damit den kubanischen Sozialismus erdrosseln zu können.

Die „Spezialperiode“ ist überwunden. Kuba kommt bei der Durchbrechung des Embargos voran. Eine Reihe von Staaten haben ihre Wirtschaftsbeziehungen mit Kuba verstärkt, darunter natürlich Venezuela, aber auch Brasilien und die VR China. Gerade ist z. B. der dritte von einer kubanischen Werft gebaute Frachter vom Stapel gelaufen, den Venezuela in Auftrag gegeben hatte. Bei einem Staatsbesuch Raul Castros in Peking 2012 wurde vereinbart, dass Kuba und die VR China auf vielen Gebieten enger zusammenarbeiten wollen, so in den Bereichen Energie, Infrastrukturaufbau, Landwirtschaft und Bio-Technik.

 

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PAME

Vierhundert abhängig Arbeitende will Bosch in Hildesheim entlassen, um die erhöhten Profiterwartungen in Ungarn zu realisieren, in Deutschland klar verfassungswidrig.

Im griechischen Chalkida auf der Insel Evia wurden in den vergangenen Wochen gleich fünf Fabriken geschlossen:

• die griechische Rohrfabrik Elliniki Solinouria
Bereits im Oktober 2010 begannen die Kapitaleigner der Gruppe „Michaniki“ von Emfietzoglou die Lohnauszahlungen zu verzögern. Die Arbeiter organisierten daraufhin eine erste Pfändung. Im Juni 2012 lag der Lohnausfall bereits bei 12 Monatslöhnen. Nach einer zweiten Pfändung schlug die Betriebsleitung Arbeitsverträge mit einem Arbeitstag pro Woche, vier Tagen Sozialversicherungsbeiträgen und 150 Euro Lohn pro Monat vor. Die Beschäftigten akzeptierten diesen Vorschlag nicht und verfolgen weiterhin das Pfändungsverfahren.

• die Möbelfabrik NEOSET
Innerhalb von 4 Jahren wurde das Personal von 400 auf 120 Arbeiter reduziert. Die Firmenleitung begann die Lohnauszahlungen zu verzögern und versuchte eine periodische Arbeit einzuführen. Die Arbeiter/innen sollten Arbeitsverträge mit verpflichtendem Urlaub von 1-2 Tagen pro Woche unterschreiben. Seit Februar 2013 sind die Sozialversicherungsbeiträge gestrichen. Auch bei NEOSET befinden sich die Beschäftigten im Pfändungsverfahren.

• die Zementfabrik AGET IRAKLIS (Teil des multinationalen Konzerns LAFARGE)
Mit der Begründung, die Nachfrage auf dem Zementmarkt sei eingebrochen, kündigte der Konzern an, dass ab dem 26.03. die unternehmerische Tätigkeit in Chalkida eingestellt werden müsse. 229 Arbeiter sind von Entlassung bedroht. Bisher hat sich die Geschäftsführung an die gesetzlich erlaubten Kündigungs-Vorgaben gehalten und „nur“ 5% der Beschäftigten entlassen.

• die Holzfabrik Selman
Adamopoulos, der Firmeneigentümer, entschied im April 2010, nur die Logistikräume im Hafen zu nutzen, die mutmaßlich größere Profite bieten sollten. Es folgte eine Entlassungswelle, von der bis heute etwa 700 Arbeiter betroffen sind. Im Februar 2013 stellte die Betriebsleitung die Produktion ein. Die noch nicht offiziell Entlassenen haben seit Januar 2013 keinen Lohn gesehen. Viele der Geschassten bzw. von Entlassung Bedrohten befinden sich seit April 2013 täglich vor den Toren der Fabrik.

• die Chemiefabrik Interkem des Konzerns NEOCHIMIKI
Lavrentiadis, der Konzernbesitzer, hat seit Oktober 2012 zwei Fabrik-Standorte mit insgesamt 93 Arbeitern „still gelegt“, obwohl die Betriebsleitung den gesetzlich notwendigen Antrag auf Einstellung der Betriebserlaubnis nicht gestellt hatte. Seit Juli 2012 müssen die Arbeiter auf ihren Lohn verzichten und haben im Oktober 2012 eine Pfändung beantragt. Seit dem 01.01.2013 sind sie nicht mehr versichert. Ihre Appelle und Forderungen lässt die Kapital-Seite bisher unbeantwortet.

Die Unruhe und Wut der ihrer Existenzgrundlage Beraubten hat sich in den solidarischen Widerstand von Betroffenen aller 5 Betriebe umgesetzt. Das Gewerkschaftszentrum in Chalkida unterstützt die Widerstandsaktionen. Demonstrationen und Kundgebungen, eine Petition von Vertretern der fünf geschlossenen Fabriken beim Stadtrat von Chalkida und beim Bezirksrat in Lamia sind die Grundlage der gewerkschaftlichen Entscheidung, sich am 6. November aktiv in den nächsten Generalstreik solidarisch einzureihen. Die Petition erinnert daran, dass die Polizei am 23.10. dreizehn Gewerkschafter aus den fünf Betrieben verhaftet hat, die bei einer von der Gewerkschaft beschlossenen symbolischen Besetzung der Bezirksverwaltung teilgenommen hatten. Damit verlangen sie die Auszahlung der von den Kapitalisten geschuldeten Löhne.

Auf einer Kundgebung in Chalkida verurteilte die klassenbewusste Gewerkschaftsfront PAME die Koalition von Kapital und Regierung bei der Unterdrückung der Arbeiter/innen in den fünf geschlossenen Fabriken. Es sei für die Kapitalhörigkeit der Bezirksverwaltung von Lamia bezeichnend, dass sich der Bezirksleiter bei dem Übergriff auf die teilnehmenden Gewerkschafter an der symbolischen Besetzung verleugnete und er den Einsatz der Polizeikräfte weder verurteilt noch ihren Abzug angeordnet habe.

PAME rief die Betroffenen und die Bevölkerung der Region auf, für den Erfolg des Generalstreiks am 06.11. zu sorgen.

Udo Paulus

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Tarifabschluss über Leiharbeit – Kritik der Gewerkschaftslinken

 LeiharbeitIm September wurde vom DGB mit den beiden Unternehmerverbänden Bundesverband Zeitarbeit Personal-Dienstleistungen (BZA) und dem Interessenverband Zeitarbeit (iGZ) gegen die Einwände kritischer Gewerkschafter und Initiativen ein neuer Tarifvertrag über die Leiharbeit abgeschlossen. Damit wird die Entwicklung in Deutschland als Billiglohnland im Interesse des Kapitals fortgeschrieben. Auch die erzielten Ergebnisse können darüber nicht hinwegtäuschen. Im Gegenteil.Offensichtlich wird auf Equal Pay – gleiche Bezahlung für gleiche Tätigkeit – damit verzichtet. Auch die Unterschiede zwischen West und Ost bestehen fort. Zwar konnte der Abstand verringert werden, aber mehr auch nicht. So wird der Mindestlohn in einer ersten Stufe im Westen zum 1. Januar 2014 auf 8,50 Euro, zum 1. April 2015 auf 8,80 Euro und  zum 1. Juni 2015 auf 9,00 Euro angehoben. Im Osten steigt der Mindestlohn ebenfalls in der Laufzeit auf 8,50 Euro. Der Lohnunterschied zwischen Ost und West wird reduziert.So nimmt es auch nicht Wunder, dass Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) den Tarifabschluss begrüßte. Die Einigung habe eine „überragende Bedeutung für die Mindestlohndebatte in Deutschland“, erklärte sie. Denn die Zeitarbeit strahle in viele andere Bereiche der deutschen Wirtschaft aus. Wie wahr! – Das Lohndumping wird fortgeschrieben und damit auch die Spaltung von Belegschaften. Auch Unternehmerpräsident Dieter Hundt nannte die Erhöhung des Mindestlohns für Leiharbeiter vertretbar, weil für die beiden ersten Stufen Laufzeiten von jeweils 15 Monaten vereinbart wurden. D. h., die gesetzliche Mindestlohndebatte auf das Jahr 2016 zu verschieben. Ein nicht ungeschickter Schachzug.

Warum gab es Widerstand gegen diesen Tarifabschluss?

Linke Gewerkschafter forderten – nicht zu Unrecht – von ihren Gewerkschaften, keine Tarifverträge in der Leiharbeit mehr abzuschließen. Dann bekämen nämlich die dort Beschäftigten endlich gleiche Löhne.

Initiiert vom Stuttgarter Anti-Krisen-Bündnis forderten Gewerkschaftssekretäre, Betriebsräte, Aktivisten und der Linksparteichef Bernd Riexinger, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) keinen neuen Tarifvertrag für die Leiharbeit mehr abschließt.

Das Kalkül: Die mehr als 800.000 Leiharbeiter hätten dann Anspruch auf den gleichen Lohn wie Stammbeschäftigte. Für die Leiharbeit gilt ein sonderbares Konstrukt. Sofern der Tarifvertrag nichts anderes vorschreibt, müssen die Unternehmen den Beschäftigten den gleichen Lohn (Equal Pay) zahlen wie ihren Stammkräften. „Eine Schlechterstellung durch Tarifverträge ist nicht im Interesse der Gewerkschaftsmitglieder“, argumentierten darum die Initiatoren der Kampagne „Schluss mit Leiharbeit“. Der Zeitpunkt war günstig. Denn seit Mitte März verhandelten nicht nur die DGB-Gewerkschaften mit den Unternehmerverbänden der Leiharbeit über einen neuen Tarifvertrag. Ende März wurde allerdings auch klar: Es drohte vorerst keine Gefahr mehr von „christlichen Gewerkschaften“, die in der Vergangenheit Dumpingverträge für Leiharbeiter abschlossen.

Vor diesem Hintergrund ist der Abschluss äußerst fragwürdig! Wem nutzt er? – Offensichtlich ist das sozialpartnerschaftliche Bewusstsein bei vielen Gewerkschaftern nach wie vor tief verankert. Auch die Position der „Standortsicherung“ wird hier sichtbar. Möglicherweise spielt aber auch die Zunahme von Werksverträgen eine besondere Rolle, die Leiharbeiter zunehmend verdrängt. Für Beschäftigte in der Leiharbeit bedeutet das oft, auf Hartz IV angewiesen zu sein, weil der Lohn nicht reicht. Mehr als 1,3 Millionen Menschen verdienen in Deutschland so wenig, dass sie zusätzlich zu ihrem Lohn noch ALG II beantragen müssen! –

 „Argumente“ des DGB

„Mit diesem Abschluss und den von den DGB-Gewerkschaften vereinbarten Branchenzuschlägen haben wir auf dem Weg zu einer neuen Ordnung der Arbeit wichtige Pfeiler gesetzt“, erklärte DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki, der für die Tarifgemeinschaft die Verhandlungen geführt hatte. Zusammen mit den Branchenzuschlägen für die Metall- und Elektroindustrie komme man mit dem Tarifabschluss dem Ziel fairer Entlohnung einen „deutlichen Schritt“ näher, sagte Helga Schwitzer, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. „Die Änderungen im Mantel- und Entgeltrahmentarifvertrag sorgen dafür, dass Arbeitszeitkonten nicht missbraucht und Ansprüche der Beschäftigten gesichert werden“, so die Tarifexpertin.

Mit dem Abschluss gelang es auch, den Einsatz von Leiharbeitsbeschäftigten als Streikbrecher zu unterbinden. „Das war für die DGB-Tarifgemeinschaft von zentraler Bedeutung“, so Verhandlungsführer Claus Matecki. In der Zukunft werde damit verhindert, dass Kolleginnen und Kollegen von den Arbeitgebern eingesetzt werden können, um das grundgesetzlich geschützte Streikrecht zu unterwandern.

„Damit haben auch die Leiharbeitsbeschäftigten Klarheit, dass sie nicht als Streikbrecher eingesetzt werden dürfen“, begrüßte die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Andrea Kocsis die Einigung. Zudem sei durch neue Entgeltgruppenbeschreibungen nun sichergestellt, dass qualifizierte Tätigkeiten entsprechend höher entlohnt werden müssen. Kocsis fordert ebenfalls, Leiharbeit vom ersten Tag an genauso zu bezahlen wie Stammarbeit. Außerdem müsse die Verleihdauer begrenzt und das Synchronisationsverbot wieder eingeführt werden.

Fazit

Jede/r LeiharbeiterIn wird sich zu Recht fragen: Warum haben mich DGB und IG Metall um einen höheren Lohn gebracht?! – Da Hintergründe und Zusammenhänge nicht immer sofort erkannt werden, wird das nicht unmittelbar zu Reaktionen Betroffener führen. Aber sie werden kommen.

Notwendig ist eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden die Woche, weil nur so die Massenerwerbslosigkeit bekämpft und das Kräfteverhältnis zugunsten der Gewerkschaften und der Beschäftigten verändert werden kann. Klassenkampf statt Sozialpartnerschaft ist das Gebot der Stunde!

 

Lothar Nätebusch

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Am Samstag führten wir Kommunisten in Bremen unseren DKP-Infostand in der Vegesacker Fußgängerzone durch. Daran beteiligten sich 7 Genossinnen und Genossen. Der Rote Norden wurde verteilt, Spenden gesammelt für unser Olivenölprojekt. Drei Menschen wollen zukünftig zu unseren Gruppenabenden eingeladen werden. 3 U Z- Pressefestplaketten haben wir verkauft. Insgesamt wurden nun 37 Pressefestplaketten an die Frau und den Mann gebracht. Der letzte 5-Liter Olivenölkanister wurde am Sonnabend auch gegen eine Spende von 50 Euro abgegeben. Für 35 Liter kaltgepresstes Olivenöl haben wir eine Spende von 522 Euro erhalten.

Vier Wochen lang haben wir auf den Kundgebungen der Friedensinitiative das kostbare Exportgut Griechenlands, kaltgepresstes Olivenöl angeboten. Die Resonanz war überwältigend. In knapp 5 Monaten wurden insgesamt 1177 Euro auf der Straße bei Friedenskundgebungen und Infoständen gesammelt. Die Spende für die 35 Liter kaltgepresstes Öl werden wir den Arbeitern und Olivenbauern über unser Solidaritätskonto direkt und in bar auszahlen. Es ist wichtig, dass die Olivenarbeiter und Bauern gut über den Winter kommen. Kalt gepresstes Olivenöl benötigt in der Regel zwei Monate, um süß zu werden. Das Öl wird dann in 5-Liter Blechkanistern mit einem Zertifikat, dem Namen der Region, der Ölmühle und dem Qualitätssiegel beschriftet. Manche Menschen schauten schon danach, waren aber auch anschließend von der wohlschmeckenden Qualität des Olivenöls begeistert und auch seinen Wirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem.

Proletarische Solidarität ist die Zärtlichkeit aller Völker – in diesem Zusammenhang konnten wir auch dem Bremer Erwerbslosenverband eine Spende von 115 Euro übergeben. Der Verband stellt uns während der Ferien seine Räumlichkeiten zur Verfügung und zwar fast kostenlos. Zur Zeit läuft noch bis zum Ende des Jahres 2013 das internationalistische Spendenprojekt für die Elektrifizierung von Ärztehäusern mit Solarenergie auf Kuba.

Gerd-Rolf Rosenberger
DKP Bremen-Nord

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„Die red&queer ist das einzige von Konzernen und Anzeigenkunden unabhängige revolutionäre Queer-Magazin der BRD. Als Korrektiv in der Queer-Community ist die red&queer unverzichtbar!“

Aus der neuen red&queer

Die neue red&queer inzwischen Nummer 28 ist erschienen. Darin enthalten sind u.A. folgende Artikel.

„Die offene faschistische Diktatur entsteht“
„Richard Linsert (fast) vergessen?!“
„Verfolgt, deportiert, erschlagen: §175“
„Das SDAJ-Südcamp“
„Schwuler und homophober Neofaschismus sowie Rechtspopulismus“

Als “Probierhäppchen” bringen wir hier einen sehr kleinen Auszug aus dem dreiseitigen, fast 7.000 Zeichen umfassenden Hauptartikel „Schwuler und homophober Neofaschismus sowie Rechtspopulismus“:

„Homosexualität ist in der neofaschistischen und rechtspopulistischen Szene ein Thema mit heftigen Debatten. (…) Als ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit für Homosexualität in der neofaschistischen Szene kann der Fall Michael Kühnen dienen. Kühnen gehörte in den 1970er und 80er Jahren zu den bedeutendsten Neonazi-Größen in der BRD. Er gründete 1977 den “SA-Sturm Hamburg”, aus dem dann die “Aktionsfront Nationaler Sozialisten – Nationale Aktivisten” (ANS-NA) hervorging, die 1983 verboten wurde. Danach war Kühnen an der Gründung der “Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front” (GdNF) und der “Wehrsportgruppe Werwolf” beteiligt. Auch wenn Kühnen 1991 an den Folgen von AIDS starb, werden seine Thesen auch heute noch unter Neonazis diskutiert, und eine eindeutige Linie ist nicht zu erkennen.(…)

Laut Kühnen findet der “arische Schwule” seine Lebensaufgabe in drei Bereichen:

“1. Er wird all seine Stärke und Intelligenz dazu einsetzen, seine Nützlichkeit für die Horde zu beweisen – sich unentbehrlich zu machen versuchen.
2. Er wird versuchen, sich in der Horde eine Hausmacht zu erwerben, also Anhänger zu finden.
3. Als wichtigstes aber und als völlig unverzichtbar für sein Leben muß er alles daran setzen, die Macht des Häuptlings zu stärken, abzusichern und zu verlängern, die allein sein Überleben garantieren kann.”(…)

Ein weiteres Extrem stellt Jörg Fischer-Aharon dar. Vom JN- und NPD-Faschisten ist er als “Nazi-Aussteiger” zur Partei “DIE LINKE” gelangt. Da diese aber nach seinem Übertritt zur jüdischen Religion nicht ausreichend Israel-freundlich war, wurde er zum Israel hochjubelnden antideutschen Rassisten, für den alle Antisemiten sind, die den Apartheid-Staat Israel wagen zu kritisieren.

Seit Mitte 2009 gibt er die Seite haolam.de heraus und hetzt gegen alles und jeden, der den Staat Groß-Israel als das bezeichnet was er ist. Sein Weg zeigt uns aber eines auf: Vom deutschen Rassisten zum antideutschen Rassisten ist es kein weiter Weg.(…)

Wenn es um homofreundlichen Rassismus geht, ist man bei den Rechtspopulisten von “DIE FREIHEIT” und ihren “PI-news” richtig. Kein Wunder, schreiben diese ja auch gern bei haolam.de ab.(…) (Inzwischen gibt es DIE FREIHEIT nicht mehr. Sie ging geschlossen zur AfD über)

So drunter und drüber wie zu diesem Thema geht es in neofaschistischen, rechtspopulistischen, klerikal-faschistischen, rechts-konservativen Kreisen und was es in diesem Spektrum bis hinein in die CDU noch alles gibt, nirgends zu.(…) Sowohl im historischen deutschen Faschismus, (…) als auch in der gegenwärtigen Neonazi-Szene finden sich aktive Schwule, und der Hang zum Fetisch “NS-Symbole” innerhalb von Teilen der schwulen Szene scheint nicht immer “nur” sexuell motiviert zu sein. (…) Auch innerhalb der schwulen Szene, insbesondere bei Medien und Verbandsfunktionären, ist nach der Phase der Entpolitisierung ein verstärkter Rechtsruck zu beobachten, rassistische Vorurteile und Minderheitenfeindlichkeit sind auch hier zu finden.“

Die red&queer ist das Magazin von DKP queer. Es erscheint vier mal im Jahr als Schwerpunktmagazin. Schwerpunkte der letzten Ausgaben waren:

red&queer 21: Schwerpunkt – Ratzinger auf Staatsbesuch (August 2011)
red&queer 22: Schwerpunkt – Die Kollontai (Januar 2012)
red&queer 23: Schwerpunkt – Christopher Street Day (Mai 2012)
red&queer 24: Schwerpunkt – Jugend (September 2012)
red&queer 25: Schwerpunkt – Kultur (Dezember 2012)
red&queer 26: Schwerpunkt – Kommunistische Homo/queer Politik (März 2013)
red&queer 27: Schwerpunkt – revolutionäre contra bürgerliche queer Politik (Mai 2013)
red&queer 28: Schwerpunkt – 80 Jahre Machtübertragung – Schwule Nazis, Neofaschismus und Populismus (September 2013)

Die nächste Ausgabe der red&queer erscheint zum LLL Wochenende 2014 als Doppelnummer 29/30 mit den Schwerpunkten „100 Jahre erster Weltkrieg“ und „Unser Amerika“

Die red&queer ist das einzige von Konzernen und Anzeigenkunden unabhängige revolutionäre Queer-Magazin der BRD. Als Korrektiv in der Queer-Community ist die red&queer unverzichtbar! Um die Herausgabe zu sichern, kann und soll mensch die red&queer auch im Abo beziehen. Vier Ausgaben im Abonnement kosten:

Sozial- oder Onlineabo 3 Euro
Normalabo 5 Euro
Soliabo ab 15 Euro

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