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Die Marx-Engels-Stiftung hat anlässlich des 100. Geburtstags von Alvaro Cunhal eine Tagung abgehalten. Im Folgenden das Referat von Hans-Peter Brenner, stellvertretender Vorsitzender der DKP, im Wortlaut. Brenner konnte an der Tagung nicht persönlich teilnehmen, Sein Referat wurde von Günter Pohl, Internationaler Sekretär derDKP, verlesen.

Sehr geehrte Gäste,
liebe Genossinnen und Genossen!

Ich bedanke mich für die Einladung der Marx-Engels-Stiftung, aus Anlass des 100. Geburtstages von Alvaro Cunhal hier zu sprechen. Diverse Gründe verhindern, dass ich heute – entgegen der ursprünglichen Planung – selbst referiere. Ich bitte dafür um Verständnis, wenn mein Vortrag verlesen wird.

Ich beginne mit einer persönlichen Reminiszenz. Meine erste Begegnung mit einem portugiesischen Kommunisten datiert auf den ersten Abend des 3. Bundeskongress des marxistischen Studentenbundes SPARTAKUS. Dieser fand im Januar 1974 in einem Hörsaalgebäude der Universität Frankfurt statt. Gemeinsam mit dem neugewählten Bundesvorsitzenden Steffen Lehndorff führte ich als ebenfalls frischgewähltes Mitglied des Sekretariats des Bundevorstands in einem ziemlich düsteren Seminarraum ein Informationsgespräch mit dem Vertreter des illegal operierenden Kommunistischen Studentenverbandes in Portugal : Nach fast 40 Jahren kann ich mich an Details natürlich nicht mehr erinnern. Haften geblieben sind mir aber der ernste gesammelte und ruhige Eindruck des jungen Genossen: seine klare Ankündigung, dass sich in den nächsten Wochen im faschistischen Portugal Wesentliches verändern würde; seine definitive Überzeugtheit, dass eine revolutionäre Situation herangereift sei und dass entscheidende Strukturen innerhalb des portugiesischen Militärs bestünden, die eng mit der illegalen PCP kooperierten.
Ich muss gestehen, dass dies für mich „böhmische Dörfer“ waren und ich auch gar nicht davon überzeugt war, dass ein solcher Wandel in Portugal wirklich bevorstehen könnte.

Von Portugal und der Salazar-Diktatur, die seit 19 das Volk unterdrückte, wusste ich nur sehr wenig.
Ich fand, dass dieser portugiesische Faschismus doch wohl relativ „zivil“ sein müsse. Der so bieder und absolut zivil und distinguiert wirkende frühere Rechtsanwalt Salazar verkörperte auf den ersten und auch zweiten Blick alles andere als den höchsten Repräsentanten eines brutalen faschistischen Regimes.

Da ich außerdem vor dem Studium zwei Jahre bei der deutschen Luftwaffe als Freiwilliger „gedient“ hatte, wusste ich von der militärischen Zusammenarbeit zwischen Portugal und der BRD. Dass die deutsche Luftwaffe einen Stützpunkt im portugiesischen Béja benutzte und dass dort auch deutsche Starfighter-Piloten stationiert und ausgebildet wurden, hatte ich am Rande mitbekommen.
Das alles erschien mir damals absolut „normal“ zu sein, zumal ja Portugal „unser Verbündeter“ im Rahmen der NATO war.

Von Alvaro Cunhal, dem legendären Vorsitzenden der PCP, wusste ich 1974 nur, dass er nach jahrelanger Haft mit anderen Genossen Anfang der 60ger Jahre aus dem Gefängnis ausgebrochen war. Er war für mich ein Mythos und er wirkte auf mich auf den damals bekannten Fotos zwar sehr schlank und körperlich fit, aber auch ungeheuer „alt“.

Alvaro Cunhal wurde für mich erst durch den Auftritt nach seiner Rückkehr aus dem Exil und seiner Ansprache von einem Panzer zu einer plastischeren Person. Aber das war doch sehr stark mit dem Klischee verbunden, das in diesem Moment zwangsläufig war. Die berühmte Szene , in der Lenin nach seiner Rückkehr aus dem Exil in Petrograd ebenfalls von einem Panzerwagen aus seine erste politische Ansprache hielt.

Cunhals Kampf als Illegaler in der Zeit der faschistischen Salazar Diktatur; seine mitreißende und mobilisierende Rolle während und nach dem Sieg der „Nelkenrevolution“ von 1974 und seine dann strategisch so kluge Führungstätigkeit sind heute legendär. Als der Vormarsch auf die sozialistische Etappe der revolutionären Umwälzung Portugals wegen des geeinten und koordinierten Handeln des US-Imperialismus, der NATO , der EU und der internationalen Sozialdemokratie sowie der inneren Reaktion gestoppt werden musste, verlor Cunhal nicht den politischen Überblick. Auch dank seiner individuellen Fähigkeit, geschlossen einen strategischen Rückzug durchzuführen, mit einer um ein marxistisch-leninistisches Programm geeinten Partei, konnte die PCP ihren Masseneinfluss bewahren und bis heute ihr klares Profil als einer revolutionären Partei der Arbeiterklasse, der Bauern und der anderen Werktätigen wahren und weiterentwickeln. Bemerkens- und lesenswert sind bis heute seine Schlussfolgerungen über den Charakter einer KP am Beginn des 21.Jahrhunderts.

Der Sieg der April-Revolution- als Ergebnis jahrzehntelanger illegaler Arbeit

Der Sieg der April-Revolution war das Ergebnis einer jahrzehntelangen intensiven organisatorischen und politischen Arbeit des Kollektivs der portugiesischen Parteiführung und der portugiesischen Partei insgesamt. Nur oberflächliche Beobachter können vom „Sieg einer Militärrevolte“ sprechen oder von einem „Militärputsch“. Alvaro Cunhal charakterisierte diese ungewöhnliche Verbindung zwischen der militärischen Erscheinungsebene, den ihr zugrundeliegenden strategischen Vorarbeiten und dem Wirken der „zivilen revolutionären Kräfte und Strukturen“ vor, während und nach dem Sturz des Salazar-Regimes in einer „Bilanz nach sechs Monaten der Freiheit“ so:
„Die Bewegung der Streitkräfte, die den Sturz der faschistischen Diktatur durchführte und die neue demokratische Situation standhaft verteidigt, spielt unter den gegenwärtigen Bedingungen eine hervorragende Rolle. Ihr oblagen die wichtigsten Entscheidungen in den Momenten der Krise, allein hätte sie jedoch nicht die Veränderungen vollziehen können. Die MFA konnte diese Erfolge nicht ohne die demokratischen Kräfte un d die Volksmassen erreichen; ebensowenig wäre dies umgekehrt möglich gewesen.“ (1)

Heute ist das Thema „Sozialismus“ und „Revolution“, das vor wenigen Jahren unter dem Slogan „Sozialismus im 21.Jahrhundert“ – unter Linken – schon fast ein geflügeltes Wort geworden war, durch einen neuen Slogan abgelöst worden, dem der „sozialistischen Transformation“.
Der wichtigste Protagonist des „Sozialismus im 21. Jahrhundert“, der deutsch-mexikanische Soziologe Heinz Dieterich, hatte betont, dass dieses große „Historische Projekt“ etwas ganz Neues sei, was mit den bisherigen Erfahrungen des Marxismus-Leninismus und des „historischen Proletariats“, kaum noch etwas zu tun habe. (2)

Doch bei genauerem Hinsehen war dieses so „neuartige“ nicht. Es handelte sich um eine Variante des bekannten Bernsteinschen Revisionismus, wonach man durch eine Aneinanderreihung von Reformen schließlich die Revolution überflüssig machen könne. Nicht viel anders ist es heute mit der sog. „Transformationsstrategie“. In den 70ger Jahren sprachen Jusos von „systemüberwindenden Reformen“ oder gar von „systemsprengende Reformen“ oder von „Reformen mit revolutionärem Inhalt“. Mutatis mutandis besagt die Transformationsstrategie , selbst wenn sie beim Theoretiker der Linkspartei Dieter Klein mittlerweile gar als eine „doppelte Transformation“ daher kommt, kaum etwas anderes.

Müssen wir uns also im 21. Jahrhundert auf  Reformmodelle beschränken, wie es die Theoretiker des „demokratischen Sozialismus“ schon immer geschrieben haben ? Ist der revolutionäre Weg der Oktoberrevolution oder auch der portugiesischen Revolution ein für alle Mal abgeschlossen, aus dem wir für heute gar nichts und kaum noch etwas nutzen können?

Zur Dialektik des revolutionären Prozesses: das Beispiel der portugiesischen „April-Revolution“

Das klassische Beispiel einer erfolgreichen proletarischen Revolution im 20. Jahrhundert  bleibt die russische sozialistische Oktoberrevolution unter Führung der Bolschewiki. Lehrreich ist aber auch die antifaschistische und antimonopolistische Aprilrevolution von 1974 in Portugal und die Politik der Portugiesischen Kommunistischen Partei (PCP) vor und während der Revolution.

Beide Revolutionen bestätigen, dass das Wesen des revolutionären Prozesses u.a. darin besteht, dass er nicht das Resultat einer genau vorhersehbaren „gradlinigen“ Entwicklung ist. Auf diesen Unterschied zu Naturgesetzen hatten zwar  bereits auch Marx und Engels hingewiesen, aber dennoch herrschte in der marxistischen Bewegung lange Zeit die vereinfachte Vorstellung vor, dass der „objektive historische Prozess“ mit „Naturgewalt“ dem Kapitalismus den Garaus machen werde.
Auf diese Problematik verwies Engels bereits in einem seiner berühmten „Altersbriefe“ an Joseph Bloch. Er wies die vereinfachten Vorstellung über die Beziehung von Basis und Überbau zurück, wonach erste quasi „naturgesetzlich“ den ihr adäquaten politischen und ideologischen Überbau hervorbringe. Die „April-Revolution“ in Portugal von 1974 bietet dafür ein ganzes Arsenal wichtiger Anregungen und Lehren.

Der PCP gelang es als einziger KP nach 1945 in Europa, unabhängig vom hilfreichen Einfluss sowjetischer Truppen, eine erfolgreiche soziale, politische und militärische Erhebung und Volksrevolution gegen ein faschistisches Regime durchzuführen und (vorübergehend) sogar eine Option für weitergehende sozialistische Veränderungen zu erkämpfen. Dies war das Resultat einer sehr langfristig angelegten Strategie des revolutionären Bruchs mit dem faschistischen Salazar-Caetano-Regime, in der die portugiesischen Kommunisten systematisch die Leninsche Revolutionstheorie ausschöpften und auf ihre nationalen Besonderheiten anwandten.

Alvaro Cunhal schrieb bereits1964 zu dieser Problematik: „(Der Sturz der Diktatur) entwickelt sich nicht gradlinig. Die Straße der Revolution ist kurvenreich und unregelmäßig. Es gibt Richtungen, die versucht werden und die man aufgeben muss. An dieser oder jener Stelle konzentriert der Gegner Kräfte und verhindert, dass man weiterkommt. Man kommt auf einem Gebiet voran, weicht auf einem anderen zurück. Es gibt hier und da Pausen. Es gibt Bereiche, die Abstand zu anderen haben. Es gibt Siege; und es gibt Niederlagen. Es gibt Verluste an Kadern und führenden Organisationen, die zeitweilig die Führung des Kampfes beeinträchtigen. Aber bei all diesen Unregelmäßigkeiten entwickelt sich insgesamt der revolutionäre Prozess, werden die verschiedenen Klassen nach und nach für die Aktion gewonnen, wird von elementaren Formen zu höheren Formen übergegangen, wird vom wirtschaftlichen zum politischen Kampf, von Forderungen und Petitionen zu Streiks, Demonstrationen und zu Zusammenstößen mit den Kräften der Repression übergegangen.
Manche lehnen diesen allgemeinen Fortschritt der Bewegung der Volksmassen ab, weil er nicht an jedem Kampfabschnitt gleich kontinuierlich und ununterbrochen verläuft. Sie verlieren den Mut.“ (3)

Cunhal betonte also stark die Dialektik von Kontinuität und Diskontinuität innerhalb eines revolutionären Prozesses, der in seiner Konsequenz aber schließlich doch, im Wechsel von elementaren zu höheren und schärferen Kampfformen, zum Bruch mit dem bislang dominierenden politischen System des Faschismus führt.

Cunhal schlussfolgerte aus der langen Periode vorangegangener Klassenauseinandersetzungen: Es sei ganz allgemein die „Aufgabe der Partei (sowie der demokratischen Kräfte im allgemeinen), nicht nur den Volkskampf zu stimulieren, der allein schon die Krise des Regimes verschärft, sondern sich auch darauf vorzubereiten, das Volk in der nahenden revolutionären Situation in den entscheidenden Endkampf zu führen. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass das Nahen der revolutionären Krise durch eventuelle plötzliche Ereignisse stimuliert werden kann, die den Unwillen des Volkes steigern und in den Regierungskreisen Verwirrung stiften.“ (4)

Es geht also darum, ein Gespür für das Entstehen einer umfassenden politischen Erschütterung zu entwickeln und den Zeitpunkt zu erfassen bzw. auch aktiv daran mitzuwirken, an dem die Zuspitzung der Klassenauseinandersetzungen den Grad einer revolutionären Krise erreicht. Cunhal verwies in diesem Zusammenhang (zeitbedingt) auf die mögliche Rolle militärischer Niederlagen im portugiesischen Kolonialkrieg, die als “Beschleuniger des revolutionären Prozesses wirken” könnten.
Dass genau dies 10 Jahre später der Fall war, macht deutlich, wie wenig spekulativ diese Hoffnung war. Der von den revolutionären Offizieren und Soldaten der „MFA“ in Verbindung mit der Volkserhebung in Lissabon durchgeführte Aufstand am 24.4.1974 war ganz offenkundig sehr langfristig vorbereitet. – Dazu werden die portugiesischen Genossen heute sicher mehr erklären können .

Es bestätigt der Verlauf der portugiesischen „April-Revolution“, dass bereits „kleinere Vorkommnisse“ als Funke des revolutionären Umbruchs und als Auslöser einer revolutionären Krise wirken können. Darauf hatte Lenin in einem Beitrag zur Verarbeitung der Erfahrungen der russischen Revolution von 1905 aufmerksam gemacht: „Die Erfahrungen der russischen Revolution wie auch die Erfahrungen anderer Länder erweisen unwiderleglich: Wenn die objektiven Voraussetzungen für eine tiefe politische Krise gegeben sind, dann können auch die kleinsten, vom wirklichen Herd der Revolution scheinbar weit weg liegenden Konflikte größte Bedeutung haben – als Anlass, als der Tropfen, der den Becher zum Überlaufen bringt, als Beginn eines Umschwungs in der Stimmung usw.“ (5)

Diese kleinen Vorkommnisse  waren und sind  damals und auch heute gar nicht oder auch nur sehr schwer planbar oder vorhersehbar. Daher sagte A. Cunhal, dass eine revolutionäre Situation eine „objektive Situation (ist), die sich keinem vom Leben und der Erfahrung getrennten ´theoretischen` Schema anpasst. Die subjektiven Bedingungen der Revolution sind eine andere Realität, die man von keinem Erfinder erbetteln kann.“

Das bedeute jedoch keinesfalls, dass man passiv auf einen „glücklichen Zufall“ warten müsse. Im Gegenteil. Aufgabe der marxistisch-leninistischen Kräfte ist es aktiv an der Entstehung solcher Auseinandersetzungen mitzuwirken die zur Erosion der Macht und zur Vertiefung der Klassenauseinandersetzungen führen.

Insbesondere erfolgt dies erfahrungsgemäß dadurch, dass sie aktiv daran mitwirken, Arbeiterkämpfe und Massenbewegungen in den Ballungszentren des Landes zu entwickeln und diese über die ökonomischen und sozialen Ziele hinaus auf die politische Ebene zu führen. „ … indem wir unsere Orientierung auf der Grundlage von Fakten definieren, arbeiten wir daran, die Entstehung einer revolutionären Situation zu beschleunigen und die politischen und organisatorischen Bedingungen so zu gestalten, dass wir auf der Höhe der Erfordernisse dieser Situation sind.“(6)

Im April 1974 waren die portugiesischen Kommunisten „auf der Höhe.“ Das „Subjektive“ wurde zum „Objektiven“.Der militärische Faktor in Verbindung mit einem mutigen Ausbruch von Massenkundgebungen machte dem Faschismus auf revolutionäre Weise den Garaus.

„Nicht mehr können“ und „nicht mehr wollen“: das „Grundgesetz“ der Revolution

Um dieses Zusammenfallen von objektiven Bedingungen“ subjektiver Handlungsbereitschaft und Änderungsmotivation ging es auch in den Gedanken und Erfahrungen, die Lenin nach dem Sieg der Oktoberrevolution im „Grundgesetz der Revolution“ zusammenfasste:

„Erst dann, wenn die ‚Unterschichten` das Alte nicht mehr wollen und die `Oberschichten` in der alten Weise nicht mehr können, erst dann kann die Revolution siegen. Mit anderen Worten kann man diese Wahrheit so ausdrücken: Die Revolution ist unmöglich ohne eine gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter erfassende) Krise.“ (7)

Eine “gesamtnationale Krise” führe jedoch nicht automatisch zu einer Politisierung der Volksmassen und zu einer Klarheit über Ziele und Methoden des Kampfes.  Alvaro Cunhal erinnerte daran, dass das “Nicht-mehr-Wollen” der unterdrückten Klassen sich oft nur “im spontanen Griff zum Kampf“ äußert und scheitern muss, „wenn die organisierten politischen Kräfte es nicht verstehen, die Krise vorauszusehen, es nicht verstehen, die Gefühle und Stimmungen der Massen abzulauschen, und wenn sie es nicht verstehen, die Unzufriedenheit in praktische Formen des Kampfes zu überführen. Dieses ´Nicht-mehr-Können` der herrschenden Klassen, die durch den Bankrott ihrer eigenen Politik erschüttert sind, äußert sich in Konflikten, in Desorientierung und in der eiligen und widersprüchlichen Suche nach Lösungen für ihre Schwierigkeiten.“

Ohne die bewusst und entschlossen handelnde Organisation der marxistischen Revolutionäre, die eng mit entscheidenden Gruppen und Multiplikatoren der auf revolutionäres Handeln drängenden Arbeiter- und Volksmassen verbunden sind und ohne auch ein ausreichendes Maß an eigenen gut organisierten Kräften, die einer Konterrevolution energisch den Riegel vorschieben können, besteht die Gefahr, dass ein möglicher revolutionärer Umschwung mangels ausreichender Organisiertheit verpufft.

Das zeigte sich jetzt erneut bei den Umstürzen und Umsturzversuchen in Tunesien und Ägypten, in denen binnen kurzem die sozial-revolutionären Impulse und die sie tragenden Kräfte verpufften und in die Defensive gerieten.

Denn, so sagte Cunhal damals weiter – die „objektiven Bedingungen“ sind nicht ausreichend dafür, dass eine Revolution stattfinden kann.„Es ist notwendig, dass außer ihnen auch die `subjektiven` Bedingungen für die Revolution erfüllt sind, dass ein ´Grad des Klassenbewusstseins und der Organisiertheit` besteht, der den Erfordernissen des Kampfes in der revolutionären Situation entspricht.“ (8)

Alvaro Cunhal: Selbstbesinnung oder Selbstzweifel? Unverzichtbare Merkmale einer KP

In seiner Arbeit „Die sechs grundlegenden Charakterzüge einer Kommunistischen Partei“ aus dem Jahre 2001 ging A. Cunhal auf die innere Lage der Kommunistischen Bewegung zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein und schrieb:

„Die internationale kommunistische Bewegung und die Parteien, aus denen sie sich zusammensetzt, unterlagen tief greifenden Veränderungen im Ergebnis des Zusammenbruchs der UdSSR und anderer sozialistischer Staaten und des Erfolgs des Kapitalismus im Wettbewerb mit dem Sozialismus.
Es gab Parteien, die ihre kämpferische Vergangenheit, ihre Klassennatur, ihr Ziel einer sozialistischen Gesellschaft und ihre revolutionäre Theorie verleugneten. In einigen Fällen verwandelten sie sich in systemintegrierte Parteien und verschwanden schließlich von der Bildfläche.“ (9)

Diese Feststellung ist auch in 2013 aktuell und richtig.

Die kommunistische Bewegung – so sagte Cunhal weiter – habe insgesamt „eine Beweglichkeit in ihrer Zusammensetzung erfahren und neue Grenzen erhalten.“ Auch wenn es kein „Modell“ einer kommunistischen Partei gebe, ließen sich aber dennoch „sechs grundlegende, charakteristische Merkmale der Identität einer kommunistischen Partei aufzeigen, egal ob die Partei diesen Namen oder einen anderen trägt.“ Kurz zusammengefasst bestünden ihre Charakterzüge darin:

1. Eine von den Interessen, der Ideologie, von Druck und Drohungen der Kapitalkräfte völlig unabhängige Partei zu sein.
2. Eine Partei der Arbeiterklasse, der Werktätigen im Allgemeinen, der Ausgebeuteten und Unterdrückten zu sein.
3. Eine Partei mit einem demokratischen Innenleben und einer einheitlichen zentralen Leitung zu sein.
4. Eine Partei zu sein, die zugleich internationalistisch ist und die Interessen ihres Landes verteidigt.
5. Eine Partei zu sein, die als ihr Ziel den Aufbau einer Gesellschaft definiert, die weder Ausgebeutete noch Ausbeuter kennt, einer sozialistischen Gesellschaft.
6. Trägerin einer revolutionären Theorie zu sein: des Marxismus-Leninismus, der nicht nur die Erklärung der Welt möglich macht, sondern auch den Weg zu ihrer Veränderung aufzeigt.

Insbesondere der letzte Punkt klingt in seiner Einfachheit und Schlichtheit wenig aufregend – wie ja auch die anderen fünf Punkte ebenfalls wenig „Neues“ zu enthalten scheinen. Und doch sind dies keine „Selbstverständlichkeiten“ mehr – auch nicht für Kommunisten. Cunhal gibt für den Punkt 6 folgende Erläuterungen, die wegen ihrer Eindeutigkeit und Unverwechselbarkeit ein längeres Zitat erlauben sollten:

„Alle verleumderischen antikommunistischen Kampagnen Lügen strafend, ist der Marxismus-Leninismus eine lebendige, antidogmatische, dialektische, schöpferische Theorie, die sich weiter anreichert durch die Praxis und durch die Antworten auf neue Situationen und Erscheinungen, die zu geben sie berufen ist. Sie treibt die Praxis dynamisch an und bereichert und entwickelt sich schöpferisch anhand der Lektionen der Praxis. …
Lenin und seinem Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ verdanken wir die Definition des Kapitalismus am Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Entwicklungen der Theorie sind von außerordentlichem Wert. Und ebenso hoch zu veranschlagen ist der Wert der Erforschung und Systematisierung der theoretischen Erkenntnisse. In einer Synthese von außerordentlicher Klarheit und Strenge erläutert ein berühmter Artikel von Lenin die ´Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus`. …

Im Lauf des 20. Jahrhunderts und in Begleitung der gesellschaftlichen Transformationen kamen zahlreiche neue theoretische Überlegungen hinzu. Jedoch breit gestreute und widersprüchliche Überlegungen, welche es schwierig machten zu unterscheiden, was theoretische Entwicklungen sind und wo es sich um revisionistische Abweichungen von den Grundsätzen handelt. Daher die zwingende Notwendigkeit von Debatten ohne vorgefasste Meinungen und verabsolutierte Wahrheiten, wobei es nicht um die Suche nach Schlussfolgerungen geht, die für definitiv gehalten werden, sondern um die Vertiefung der gemeinsamen Reflexion.“

Cunhal ist mittlerweile acht Jahre tot. Seine Partei, die PCP, betrachtet ihn jedoch nicht einfach nur als Idol, das allmählich auf seinem Sockel zur „historischen Figur“ wird, deren Gedanken und Ideen aber allmählich in Vergessenheit geraten. Seine theoretischen und programmatischen Schlussfolgerungen bestimmen bis heute den Kurs und das Selbstverständnis der PCP. Dazu gehört ein hohes Maß an Entschlossenheit der revolutionäre Klasse. Revolutionäre Entschlossenheit fällt jedoch nicht vom Himmel. Sie setzt nicht nur eine individuelle subjektive Bereitschaft für ein kurzfristiges spontanes Engagement voraus, sondern erfordert eine innerhalb der revolutionäre Klasse und ihrer Verbündeten stabile und gewachsene Entschiedenheit sich auch über alle Widerstände hinwegzusetzen.

In einem kurzen Artikel Lenins, geschrieben 2 Jahre nach der Oktoberrevolution, verdeutlichte er, welches Bündel von revolutionären Tugenden und Einstellungen für den Erfolg der Revolution notwendig war:

„Ausdauer, Beharrlichkeit, Bereitschaft, Entschlossenheit und die Fähigkeit, hundertmal zu probieren, hundertmal zu korrigieren und um jeden Preis das Ziel zu erreichen – diese Eigenschaften hat das Proletariat 10, 15, 20 Jahre vor der Oktoberrevolution entwickelt, es hat sie im Laufe der zwei Jahre nach der Revolution entwickelt, wobei es ungeheure Entbehrungen, Hunger, Zerstörung und Elend ertragen musste. Diese Eigenschaften des Proletariats sind die Bürgschaft dafür, daß das Proletariat siegen wird.“ (10)

Wie man in dem von A. Cunhal unter dem Pseudonym Manuel Tiago geschrieben politischen Roman „Bis morgen , Genossen“ wunderbar plastisch nachvollziehen kann, sind es diese individual- aber oder sozialpsychologischen Eigenschaften der der kommunistischen Partei angehörenden Frauen und Männer, die keineswegs als anonyme „Schräubchen“ in einem Mechanismus namens „PCP“ den Bruch mit der faschistischen Diktatur erkämpften.

Dass auch führende Genossen im Kampf Angst haben, dass auch große Agitatoren und wichtige Funktionäre aus Feigheit versagen können, dass die subjektiven Befindlichkeiten der Kommunistinnen und Kommunisten: dass Liebe , Angst, Wunsch nach individueller Geborgenheit und privater „Normalität“ zu ihnen gehören wie Disziplin, ungeheurer Mut, Zähigkeit und ideologische Überzeugtheit, das alles macht eben auch den Charakter einer KP aus. Das ist für mich eine wesentliche Erkenntnis aus dem Leben und der politischen Konzeption des Genossen Cunhal, die über den Tag hinaus wirksam ist.

Die „revolutionäre Krise“ und die Frage des richtigen Zeitpunktes

Der Verweis auf die portugiesischen Revolutionserfahrungen von 1974 beantwortet natürlich nicht die Frage, wie heute eine revolutionäre Entwicklung in den Zentren des sich weltweit immer mehr vernetzenden Imperialismus möglich sein könnte. Viele Fragen scheinen mir heute noch nicht beantwortbar zu sein. Es gibt einerseits Faktoren und Widersprüche, die die Herausbildung einer revolutionären Entwicklung erschweren, dafür aber auch andere, die diesen Prozess erleichtern.
Insbesondere die noch nicht abgeschlossene Verarbeitung der historischen Niederlage der Staaten des „realen Sozialismus“ zwischen 1989 / 93 hat das Vertrauen in die „Machbarkeit“ einer sozialistischen Alternative in breiten Teilen der Arbeiterbewegung nachhaltig beeinflusst. Zwar stimmen mittlerweile deutlich mehr Menschen der Meinung  zu “Der Sozialismus ist eine gute Idee, aber sie wurde schlecht umgesetzt“, doch es besteht  noch immer eine breite Kluft zwischen Parteienverdrossenheit, Unzufriedenheit und zu nehmend sich verfestigenden Ängsten um den Erhalt von Arbeitsplatz und Lebensstandard. (11)

Wir wissen: Die konkreten zu einer revolutionären Krise führenden Faktoren waren in der Geschichte vielfältig. In Portugal war es im Prinzip die Demokratie-Frage: die jahrzehntelange Repression des faschistischen Salazar-Caetano-Regimes, vollstreckt durch den terroristischen Geheimdienst „PIDE“, war für immer bereiter Massen unerträglich. Der „entfernte Funke“, der als Katalysator wirkte,  waren die sinnlosen Opfer in  den nicht mehr zu gewinnenden Kolonialkriegen in Angola und Mocambique.

Welche Faktoren können möglicherweise in Westeuropa heute oder morgen eine Rolle spielen, welche „traditionellen“, welche „neuen“?

Antworten darauf werden , wenn sie nicht spekulativ bleiben wollen, von der Erfahrung ausgehen müssen, dass es zu elementaren Einbrüchen in den Existenzbedingungen der breiten Masse der Bevölkerung  kommt  bzw. zu kommen droht, damit die weit verbreitete politische Abstinenz sich auflöst in Bereitschaft zum aktiven Protest und Engagement. Die DKP hat mit ihrem Programm von 2006 und den auf ihrem letzten Parteitag verabschiedeten „Antworten der DKP auf die Krise“ versucht den Blick für die Entwicklung neuer Widerstands- und Protestoptionen zu schärfen.

Von Cunhal ist für uns sein starkes Vertrauen in die letztendlich sich doch erhebenden Massen des werktätigen Volkes besonders bedeutsam. Ein Vertrauen, das mehr ist als eine leicht zu enttäuschende allgemeine Hoffnung. Es beruht auf den wissenschaftlichen Einsichten des Marxismus-Leninismus, dessen Potenz zur wissenschaftlichen Analyse von neuen Möglichkeiten für die Entwicklung von antifaschistisch-demokratischem und antikapitalistischem Widerstand aktuell geblieben ist. Es liegt an uns selbst diese Fähigkeiten und Möglichkeiten auch auf unsere Kampfbedingungen anzuwenden.

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(1) A. Cunhal: Bilanz nach sechs Montane der Freiheit, Lissabon, 20.10.1974. In A, Cunhal: Zur portugiesischen Revolution. Frankfurt/M. 1979, S. 20

(2) v Vergl. Heinz Dieterich: Der Sozialismus des Jahrhunderts. Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie nach dem globalen Kapitalismus, S. 13

(3) Álvaro Cunhal: Kurs auf den Sieg, Berlin 1981, S. 214f

(4) dito,, S. 196

(5) W.I. Lenin: Zur Beurteilung der gegenwärtigen Lage, Werke Bd. 15. S. 273
(6) Cunhal: a.a.O.,S. 197

(7) W.I. Lenin: Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Werke Bd. 31, S. 71 f

(8)  Cunhal: a.a.O. S. 195 f

(9) A. Cunhal: Die sechs grundlegenden Charakterzüge einer Kommunistischen Partei. (http://www.kommunisten.ch/index.php?article_id=31)

(10) W. I. Lenin: April-Thesen, Ausgew. Werke II, S. 40-42

(11) Vergl.: W. Gerns: Revolution und revolutionäre Situation heute, in: Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 14, 1989, S. 481