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Die Regierung der grossen Koalition macht weiter wie die schwarz-gelbe. Deutschland versucht, in allen möglichen Weltgegenden Fuss zu fassen und stützt sich dabei zunehmend auf Militäreinsätze. Die nächsten beiden Staaten, in denen Deutschland militärisch intervenieren will, sind offenbar Mali und Zentralafrika.

Zu einigen Hintergründen dieses anlaufenden Bundeswehr-Einsatzes ein Interview mit Amath Dansokho, Senegal, in der französischen Humanité. Das deutsche Übersetzung des Interview steht in der UZ vom 17 .Januar 2014. Hier der UZ-Artikel:

„Hinter den Konflikten in Afrika stehen ökonomische Interessen“

Wie ein afrikanischer Linkspolitiker die aktuellen Vorgänge und ihre Zusammenhänge beurteilt

Der Senegalese Amath Dansokho, 77 Jahre alt, ist eine Persönlichkeit der afrikanischen Linken. Er war bis 2012 Generalsekretär der senegalesischen „Partei der Unabhängigkeit und der Arbeit“ (PIT). Diese ging aus der Ende der 50er Jahre in mehreren Staaten Westafrikas staatenübergreifend als Sammlung linker antiimperialistischer und antikolonialer Kräfte gebildeten „Partei der Afrikanischen Unabhängigkeit“ (PAI) hervor und wurde häufig als „kommunistisch“ bezeichnet. Von 1993–1998 Minister für Wohnungswesen und Städtebau in der damals sozialdemokratisch geführten Regierung Thiam, gehörte Dansokho zu den Verfechtern einer entschiedenen Opposition gegen den im Jahr 2000 an die Macht gekommenen senegalesischen Staatschef Abdoulaye Wade. Dieser hatte sich durch beflissene Einordnung in das von den westlichen Großmächten diktierte neokolonialistische System und als Erfüllungsgehilfe der neoliberalen Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWG) zur „Liberalisierung der Wirtschaft“ ausgezeichnet. Seit der Ablösung Wades durch den im März 2012 gewählten Präsidenten Macky Sall ist Dansokho als „Sonderberater“ dieses Präsidenten tätig.

Das am 3. Januar von der französischen kommunistischen Zeitung „Humanité“ veröffentlichte Interview mit ihm, das wir nachstehend wiedergeben, bietet einen Einblick in heutige Einschätzungen und Denkweisen afrikanischer Linker, die europäischen Leserinnen und Lesern sonst kaum zur Kenntnis kommen.

Frage:  Mit der Operation „Sangaris“ in Zentralafrika hat sich Frankreich ein weiteres Mal militärisch auf dem Kontinent engagiert. Wie beurteilten Sie diese Haltung als Gendarm Afrikas?

Amath Dansokho: Scheinbar war das  für eine gute Sache … Diese Staaten, Mali, dann Zentralafrika, waren mit katastrophalen Situationen konfrontiert. Es brauchte eine Kraft, um den Zyklus von massenhaften Gewalttaten zu stoppen. Unter diesen Umständen ist Frankreich als eine Kraft in Erscheinung getreten, die gegen Folterer, gegen Mörder der schlimmsten Art kämpft. Im Fall von Mali ist schlecht zu erkennen, welche andere organisierte und mächtige Kraft den Vormarsch der Dschihadisten, von Verrückten, die ihr Gesellschaftsmodell mit Gewalt und Tod durchsetzen wollen, hätte aufhalten können. Das erklärt die breite Unterstützung für die Operation „Serval“ im Augenblick ihres Starts. Nicht nur in Mali: alle Länder der Sahelzone waren bedroht. Wir danken also Frankreich.

Aber die Dinge bleiben dabei nicht stehen. Es ist heute gut zu sehen, Beunruhigung wird selbst vom Präsidenten Malis geäußert. Andere Staatschefs, die ich gut kenne, sind auch der Meinung, dass das Spiel Frankreichs trübe ist. Warum schützt es gewisse bewaffnete Gruppen im Norden Malis? Man hat den Eindruck, dass sich da die Schaffung eines Rumpfstaates anbahnt, der den Export der immensen Erz- und Energieressourcen dieser Zone zum Schaden Malis ermöglichen würde. Es würde zwar eine formelle zentrale Staatsmacht geben, aber de facto wäre die Realität der wirtschaftlichen Beziehungen in den Händen dieser bewaffneten Gruppen, die mit den westlichen Mächten verhandeln würden. Das wäresehr schlimm.

Frage: Ist die Frage der Naturressourcen auch im Fall von Zenralafrika von Belang ?

Amath Dansokho: Der Kontext, die Modalitäten sind vielleicht verschieden, aber die Probleme sind die gleichen. Was sich dort abspielt, ist ein sehr gewaltsamer Zusammenstoß, in den Staaten der Region verwickelt sind. Der Konflikt hätte wahrscheinlich nicht diese Intensität angenommen, wenn Akteure wie China oder auch Südafrika sich nicht in eine Zone gewagt hätten, die als dem französischen „Hinterhof“ zugehörig betrachtet wird. Gewisse Großmächte sind der Ansicht, dass Südafrika im Süden bleiben und sich von den Angelegenheiten des Kontinents fernhalten soll. Dieselben Mächte spielen geschickt die Karte Nigerias gegen die Südafrikas aus, indem sie mit einem ständigen Sitz Afrikas im Sicherheitsrat der UNO winken, um zu versuchen, damit die Ansprüche Pretorias einzudämmen.

Zentralafrika ist ein immens reiches Land. Das sudanesische Regime hat, besonders seit der Verkündung der Unabhängigkeit des Südsudan, das Land im Visier. Der gestürzte Präsident François Bozizé hat an allen Tischen gespielt. Er hat Abkommen mit Khartum abgeschlossen, wie er auch solche mit den Chinesen und den Südafrikanern abschloss.

Vor diesem Hintergrund muss die schwere Krise analysiert werden, die heute Zentralafrika durchlebt, hin und her gerissen zwischen Mächten mit widersprüchlichen Interessen. Die Séléka hat sich gebildet mit Leuten ohne Projekt, ohne die geringste politische Reife, nur die Sprache der Waffen kennend und leicht manipulierbar.

Nachdem das Chaos einmal entstanden war, hat Frankreich sich angeboten zu intervenieren. Aber man darf niemals vergessen, dass alle diese Kriege auf dem afrikanischen Kontinent, in denen wir nur als die vordergründigen Akteure in Erscheinung treten, ökonomische Hintergründe haben.

Frage: Wie ist zu erklären, dass Staten zusammenfallen können wie Kartenhäuser?

Amath Dansokho: Das sind könstliche Staaten, die in Wirklichkeit nie eine starke politische und soziale Infrastruktur gehabt haben. Sie sind nicht aus einem inneren Prozess entstanden. Es waren ausländische Mächte, die sich Herrschaftssphären geteilt haben, ohne Berücksichtigung der Völker und der langen Geschichte der betroffenen Territorien.

Die staatlichen Formen, die wir kennen, sind in typischer Weise aus der Kolonialzeit hervorgegangen, mit weiten administrativen Leerstellen.

Frage: Im Senegal hätte, als der Wade-Clan sich die Macht aneignete, das Land auch in Gewalt versinken können. Das ist nicht geschehen. Macky Sall verdankt seine Wahl im Gegenteil einer breiten Bürgerbewegung. Wie beurteilen Sie die ersten Schritte dieser Regierung?

Amath Dansokho: Manche sprechen von der „senegalesischen Ausnahme“. Ich bin viel vorsichtiger. Wir sind nicht geschützt vor katastrophalen Verkrampfungen, wenn wir nicht Klugheit walten lassen. Bei uns ist die Alternative lange im Voraus von politisch reifen, in der Bevölkerung verwurzelten Kräften vorbereitet worden. Es gibt im Senegal eine demokratische Kultur, ein demokratisches Erbe, die wir genutzt haben, um zu diskutieren und die Gesichtspunkte einander anzunähern. In Ermangelung eines einheitlichen Kandidaten haben wir dennoch ein gemeinsames Programm erarbeitet. Das hat es uns erlaubt, die Schwierigkeiten zu überwinden. Es stand außer Frage, das Land auf den Weg eines Bürgerkriegs zu bringen. Das ist klar bestätigt worden. Die Urnen haben gesprochen, Abdoulaye Wade, isoliert und ohne Unterstützung in der Armee, hatte keine andere Wahl, als sich diesem demokratischen Urteil zu beugen.

Jetzt müssen wir mit den Praktiken der Vergangenheit brechen, den begonnenen Kampf gegen die Korruption fortsetzen, weiter die Unterlagen über die illegal erworbenen Vermögen untersuchen.

Aber das wird nicht genügen, wenn man sich nicht mit den Problemen befasst, mit denen die Senegalesen konfrontiert sind. Die soziale Krise wütet weiter. Mit der Einheitsreligion, zu der der Kapitalismus geworden ist, wurde das Aufkommen von Oligarchien gefördert, die auf der Unterschlagung öffentlicher Ressourcen beruhen. Parallel dazu wurden die öffentlichen Dienste zerschlagen, die Bevölkerung ins Elend gestürzt. Alle Gleichgewichte sind zerbrochen worden, die Staaten selbst sind vom Zerfall bedroht. Das ist das Resultatder liberalen Politik, die von den Geldgebern aufgezwungen wurde, IWF und Weltbank an der Spitze.

Frage: Kann der Senegal dem Aufstieg des Islamismus entgehen?

Amath Dansokho: Die Krise vollbringt ihr Werk und die Leute sind in Empörung über die Haltung der westlichen Mächte, ihre Arroganz und ihre Missachtung der Rechte des Menschen auf Leben. Im Senegal herrscht ein brüderlicher Islam. Aber die Jungen erweisen sich mehr und mehr sensibel für die Reden islamistischer Prediger.

Übers.: Pierre Poulain