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Die personelle Ausstattung in der Pflege muss umgehend verbessert werden

Besorgniserregende Zustände herrschen aktuell in den deutschen Alten- und
Pflegeheimen, unabhängig davon, wer sie betreibt. Wenn nichts geschieht, ist der personelle Kollaps in der stationären Altenpflege unvermeidlich. Es wäre fatal, würde man die Schuld für die zunehmende personelle Misere in den Alten- und Pflegeheimen ausschließlich den Heimträgern zuweisen.

Seit 1990 ist der Personalschlüssel faktisch unverändert, obwohl der Pflege- und Betreuungsaufwand seit Einführung der Pflegeversicherung kontinuierlich gestiegen ist. Die BewohnerInnen sind bei ihrem Einzug ins Heim heute i. d. R. älter, dementer und kränklicher und wohnen immer kürzer in den Heimen.

Viele Beschäftigten bemühen sich teilweise bis zur Selbstaufopferung um eine ausreichende Pflege. Ihre Hebe- und Tragetätigkeiten sind dabei vergleichbar mit denen von Bauarbeitern. Ihre psychische Belastung überschreitet wesentlich häufiger als in jeder anderenBerufsgruppe ihre Grenzen. Viele scheiden schon vor Erreichen der Regelaltersgrenze aus.

Wer zu Recht mehr Personal fordert, muss auch bereit sein, dafür mehr zu bezahlen. Das gilt nicht nur für die besser begüterten BewohnerInnen und ihre Angehörigen. Es gilt auch für die Pflegekassen und erst recht für die Sozialhilfeträger. Die Gesellschaft und die Politik müssen entscheiden, welche Kosten sie für die Pflegebedürftigen bereit sind zu zahlen. Soll es gerade noch für eine Satt-und-Sauber-Pflege reichen oder sollen die pflegebedürftigen BewohnerInnen einen menschenwürdigen Lebensabend im Heim verbringen und am sozialen Leben der Gesellschaft so weitgehend wie möglich noch teilhaben können? Soll eine große und gut ausgebildete Stammbelegschaft für eine Pflege mit persönlichem Bezug
zu den BewohnerInnen sorgen oder soll die Bewohnerschaft durch immer häufiger wechselndes Personal aufgrund Zwangsteilzeit, befristeten Arbeitsverhältnissen oder Leiharbeit wie am Fließband versorgt werden? Sollen Beschäftigte mit guten Arbeits- und
Einkommensbedingungen bis zum Erreichen ihrer Altersgrenze tätig bleiben, oder müssen sie mit immer mehr Aufwand neu ausgebildet und beworben werden?

Vor 13 Jahren hatte die Mehrheit der Mitglieder des Landespflegeausschusses in NRW einen durchschnittlichen Personalschlüssel von einer Pflegekraft auf 2,2 BewohnerInnen empfohlen. Die Kostenträger (Pflegekassen und kommunale Sozialhilfeträger) haben das verhindert und stattdessen eigenmächtig lediglich die alten Personalzahlen von 1990 fortgeschrieben. Ein Jahr später versprach der ehemalige NRW-Arbeitsminister Harald
Schartau auf einer Demonstration der Gewerkschaft ver.di in Düsseldorf, dass auf der Grundlage des Referenzmodells NRW innerhalb von fünf Jahren ein Personalbemessungsverfahren für die stationäre Altenpflege entwickelt werde. Bis heute hat sich jedoch nichts getan. Im Gegenteil. Die 18jährige Deckelung der Pflegesätze
hat zu einem stetigen Personalabbau geführt, weil die Pflegesätze die Personalkostensteigerungen nie vollständig decken. Unabdingbar zur Verbesserung
der Situation in der Pflege ist, dass zukünftig die Heimträger mit der Gewerkschaft ver.di öffentlich für eine bessere Personalausstattung eintreten.

von Detlev Beyer-Peters

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Quelle: Unsere Zeit, Zeitung der DKP. Nr. 3/2014