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Erlebnisbericht eines Teilnehmers:

“El Pueblo unido jamas sera vencido” – Das spanische Volk marschiert für seine Würde

Über seine Eindrücke berichtet Sigi Damerow

Am 22. März sollte für die Menschenwürde marschiert werden, einige machten sich aus allen Teilen Spaniens schon vorher zu Fuß auf den Weg nach Madrid, es fanden auch kürzere Märsche in den Wochen vor dem 22. März statt, bei denen für die große Demonstration geworben wurde. Bei einer der Mobilisierungsveranstaltungen, einem Rockkonzert im Park von Guardamar meldete ich mich an, zahlte 20 Euro für die Busfahrt und erwarb ein T-Shirt, auf dem unter 22M MARCHAS DE LA DIGNIDAD stand. Ich sollte pünktlich am Busbahnhof sein, die Erinnerung kam als Mail. An dem Samstag traf ich kurz vor 8 Uhr auf diejenigen, mit denen ich die nächsten 22 Stunden zusammen sein würde. Ich erkannte einige Gesichter vom Infotisch beim Konzert wieder, ging zu Irene, die anscheinend Hauptorganisatorin für die Asamblea Social war, die sich regelmäßig in der kleinen Stadt südlich von Alicante an der Costa Blanca traf und über die Probleme im Land sprach. Neben ihr stand ihr Mann und José. José fragte mich, woher ich in Deutschland käme, er freute sich darüber, schon in Münster gewesen zu sein, in meinem gebrochenen Spanisch erklärte ich, dass ich ein Linker sei und da ich mich zur Zeit länger in Spanien aufhalte, wollte ich hier genau das Gleiche tun wie in Deutschland, da ich den Kampf gegen Sozialkürzungen überall unterstützen würde. José war nicht in Begleitung und so saßen wir dann im Bus nebeneinander.

Pünktlich verließ der voll besetzte Bus den Treffpunkt. Irene teilte einige Telefonnummern mit, die sich die Marschierer aufschrieben, neben ihrer eigenen noch zwei der weitere Organisatoren und die Nummer des Rechtsanwalts, es gab die Hinweise, wie man sich bei einer Verhaftung zu verhalten hatte, ein Plan der Route wanderte durch die Bänke. Er wurde fotografiert und weitergereicht. Nach einer viertel Stunde erreichten wir die Autobahn, ich schaute aus dem Fenster. Meine Eindrücke über Spanien beschränkten sich bisher auf die Costa-Blanca, das Innere der Iberischen Halbinsel bereiste ich noch nicht. Die relativ starke Besiedlung der Küste wurde abgelöst von kleinen Dörfern. Immer wieder fielen mir Gebäude auf, die einen neuen Mieter oder Eigentümer suchten, nicht nur Wohnungen, sondern auch viele Hallen oder Bürogebäude waren darunter. Die Sünden des Baubooms und die Krise waren augenscheinlich. Wir erreichten die Berge, die kilometerweit mit modernen Windrädern zur Energieerzeugung übersäht waren, auch große Areale mit Sonnenkollektoren für den gleichen Zweck tauchten auf. Laut Managermagazin-online wuchs der Anteil von Strom aus erneuerbaren Energien in Spanien 2013 auf mehr als 42 Prozent. Die Windenergie wurde mit 21 Prozent zum ersten Mal wichtigste Energiequelle in der Stromerzeugung. An einer Stelle wurde etwas sehr deutlich. Wir fuhren durch ein riesiges Weinanbaugebiet, es gab darin einen größeren Gebäudekomplex, in dem wahrscheinlich der Eigentümer mit seiner Familie lebt und einige Kilometer weiter eine heruntergekommene Siedlung. Dort überlebten wahrscheinlich diejenigen, die nur ihre Arbeitskraft anzubieten hatten und dafür nicht mehr bekamen, um auf die Arbeit in den Weinbergen angewiesen zu sein. Aber auch für die wird alles teurer, was moderne Technik zur Voraussetzung hat. Nur für den Wein werden keine höheren Preise von den Nachfragern akzeptiert und so wird der karge Lohn immer weniger wert.

Während der Fahrt wurde außer bei einer zwanzigminütigen Restaurantpause nichts von den Protestlern im Bus getrunken oder verzehrt, es gab auch keine Toilette im Bus, dafür einen kurzen Extra-Stopp nach drei Stunden. Nach über fünf Stunden erreichten wir den Stadtrand von Madrid. Es begrüßten uns die in Spanien dominierenden Namen einiger großer Einkaufszentren, kurz danach, sozusagen direkt neben der Autobahn lagen zwei Elendssiedlungen, die auf mich einen schlimmeren Eindruck machten als die Barrios, die ich in Caracas gesehen hatte. Dann tauchte Ikea auf, es schlossen sich Wohnblöcke mit zehn bis 14 Geschossen an, nach zehn Minuten erreichten wir den inneren Teil Madrids, am Ende der Avenida de la Albufera hielt der Busfahrer und ließ uns aussteigen. Warum er nicht bereits einen Kilometer früher anhielt, erschließt sich mir nicht, jedenfalls mussten wir eine viertel Stunde zurücklaufen, um zu dem Startpunkt zu gelangen, an dem die Kolonne aus dem Osten (Valencia und Murcia) aufmarschieren sollte. Auf dem Weg dorthin wurden wir von Passanten begrüßt, Autofahrer hupten solidarisch.
Wir reihten uns in den Zug ein und marschierten los. Unsere Kolonne schien mir eher etwas klein, ich schätze, dass sie nur 350 Meter lang war, jedoch in voller Breite auf einer vierspurigen Straße, auf jeden Fall führte der Zug eine echte Attraktion mit sich: Eine vier Meter hohe Guillotine, die dort, wo der Kopf liegt, den eines Schweines plaziert hatte, oben die Aufschrift „Gegen die Kürzungen“. Wir marschierten nur knapp drei Kilometer, dann erreichten wir das Ende derjenigen, die vor uns am Atocha, dem zentralen Bahnhof Madrids, ankamen. Ab da ging nichts mehr, es war kurz vor drei Uhr. Die Protestler stauten sich vom Plaza Colón bis hierhin, man stand einfach da und freute sich über die große Teilnehmerzahl. Mein Blick schweifte über das große Gelände rund um den Bahnhof. Es gab sehr viele selbst gemachte Plakate an Stöcken mit Klebeband befestigt. Eines zeigte das Kapital der die Strippen hielt, an der Merkel agierte, die ihrerseits Rajoy als Marionette dirigierte. Irgendeine Orgsanisation hatte das große NO und die bekannte Schere als Symbol für die Kürzungen der konservativen PP schwarz auf weiß in Folie in Massen produziert und ein älterer Aktiver verteilte diese. Das erinnerte mich an die Kampagnen des ehemaligen Linksruck. Ein buntes Fahnenmehr zeigte, woher die kamen, die sich hier versammelt hatten. Neben dem rot-gelb-lila der RPS, den republicanos, die für die demokratische Republik der spanischen Arbeiterklasse kämpfen, sah ich etliche Fahnen der spanischen Provinzen, häufig leicht abgewandelt mit dem Stern als sozialistisches Symbol. Ein Teilnehmer trug einen Fahnenbaum mit der grün-weiß-grünen Fahne Andalusiens, darüber ein Che und über ihm eine einfache rote Fahne. Als eine Gruppe der Feuerwehrleute vorbeilief, gab es großen Applaus. Die Feuerwehr stellt die Ordner, sie stehen auf der Seite des Volkes. Es gibt ein Video, in dem zu sehen ist, wie ein Feuerwehrfahrzeug auf die Polizeisperren zufährt, und so ermöglicht, dass Jugendliche in der kleinen Schlacht kurzfristig sehr nahe an die Polizeisperren herankommen können, um der Staatsmacht zu zeigen, welche Wut sie auf diejenigen hat, die auf der falschen Seite stehen, die Erfüllungsgehilfen sind für die durch und durch korrupte PP und diejenigen, von denen keine wirkliche soziale Politik zu erwarten ist. (video)

Um kurz nach vier gab es Bewegung am Platz vor dem Atocha. Wir hofften, jetzt zum Kundgebungsplatz zu gelangen, allerdings stoppte das Ganze bereits nach einigen Metern. Langsamer als auf der Autobahn setzte sich der Zug in größeren zeitlichen Abständen für wenige Meter in Bewegung. Aus einer abzweigenden Straße stieß ein großer Block anarchosysikalistischer Genossen zur wartenden Menge. Nach über einer Stunde waren wir 300 Meter weiter gekommen. Neben der Straße gab es einen breiten Fußweg. Kurze Beratung und dann der Entschluss den stehenden Schwarm zu verlassen und sich in diejenigen einzureihen, die an uns vorbeizogen. Die Gruppe aus Guardamar trug ein kleines Transparent, das war unsere Fahne. Ein junger Genosse hatte ein kleines Megafon dabei und trug ein handtuchgroßes Plastikfähnchen der PCE. Um ihn scharrten sich die jüngeren Teilnehmer. Die Stimmung war sehr solidarisch und kämpferisch. Immer wieder fing irgendjemand zu singen an oder Parolen zu skandieren und die Menge stieg sofort darauf ein, neben uns zog eine Kapelle vorbei, ich nahm vertraute Klänge war, „bella chiao, bella chiao“. Plötzlich setzt sich eine größere Gruppe auf den Boden und intonierte ein Lied der Minenarbeiter, einen so schönen Chor hatte ich hier auf der Straße nicht erwartet. Am Rand wird ein Mann sichtbar, der vor sich eine große Handpuppe irgendetwas machen lässt, auf Initiative eines Demoteilnehmers bewegt sich die Handpuppe dann durch die Menge. Es ist ein um sich prügelnder Polizist. „No Poicia, no Policia, no!“ Gejohle. Als wir am Palacio de Cibeles vorbeikommen, zücken viele ihre Kameras. Mir war nicht ganz klar, um was es sich handelte, aber dann sah ich auf der Straße die verkohlten Reste einer spanischen Fahne vor mir liegen, ein Blick zum Fahnenmast erklärte das Fotomotiv, dort, wo vorher die Republik wehte, flatterte jetzt im Sonnenlicht das schwarze Tuch der Libertären. Als wir um kurz nach sieben Uhr den Plaza Colón erreichten, war das Programm fast beendet. Es fand eine kurze Absprache statt, Treffpunkt um neun vor der Pforte zur Nationalbibliothek. Einige hatten Hunger, Toiletten gab es unterwegs auch keine. Die Gruppe trennte sich. José und ich reihten uns in einer Bücherei mit Café in die Schlange der Wartenden, die lediglich die Blase entleeren wollten. Ein Kellner hatte die Aufgabe übernommen, festzustellen wie viele Frauen und Männer jeweils zur Toilette können, die Schlange wartete diszipliniert vor dem Durchgang vom Bücherladen zum Verzehrbereich. Sicherlich wäre es einfach gewesen von den Wartenden ein Nutzungsentgeld zu kassieren, aber die menschliche Notdurft ist in Spanien noch kein Geschäftszweig, im Gegenteil, selbst in jedem größeren Supermarkt gibt es kostenlose öffentliche Toiletten. Die Geschäftsführung hätte selbstverständlich auch das Benutzen der Toiletten verbieten können, hat sich aber für die Solidarität entschieden. Wir kauften uns noch ein Bier und strebten zum Treffpunkt. Die Bühne war inzwischen fast verwaist, nur ein Sänger jaulte noch irgendetwas, was mich eher an Muezzinklänge erinnerte, José konnte darüber lachen, klärte mich jedoch auf, dass es irgendetwas von Arbeitern aus Andalusien war. Am Rande des Kundgebungsplatzes trafen wir dann die Coca-Cola-Arbeiter, deren Arbeitsplätze vernichtet werden sollen. Die Junge Welt berichtete vor kurzem darüber. Diese Arbeiter erlebt zu haben, macht Mut. Ihre Power war mitreißend. Sie standen wahrscheinlich schon sehr lange dort, aber hörten nicht auf zu singen und ihren Protest auszudrücken. Es wäre ein schöner Abschluss dieses Tages gewesen. Wir begaben uns dann doch weiter, unterwegs trafen wir andere unserer Gruppe. José unterhielt sich mit ihnen, dann wurden wir aufmerksam auf einen Mann mit Megafon, der dazu aufforderte, etwas zu unterschreiben. Mein Begleiter erklärte mir, dass es sich dabei um die Unterstützung einer Familie handele, die auf die Straße gesetzt werden soll. Ich hatte gerade meinen Vornamen geschrieben, als plötzlich alles eingepackt wurde, jemand hatte Polizei entdeckt und die sollte selbstverständlich nicht die Listen in die Hände bekommen. Wir wechselten die Straßenseite, gingen zur Bibliothekspforte. Es war jetzt kurz nach halb neun Uhr. Irene registrierte die Anwesenheit, wir wollten von hier aus zum Bus gehen. Auf einmal Unruhe am Ende des Platzes, Menschen strömten an uns vorbei, es waren wieder Feuerwerkskörper gezündet worden. Wir wollten der spanischen Aufstandsbekämpfungs¬gruppe nicht als Knüppelobjekt dienen und beschlossen uns aus der Gefahrenzone zu begeben. Diejenigen, die noch nicht anwesend waren, versuchte man anzurufen. Wir begaben uns zur nächsten abzweigenden Straße und gingen die bis zur Kreuzung. Dort warteten wir. Es stellte sich heraus, dass einige unserer Gruppe in einem Café gefangen waren, die Polizei hatte vor dem Café eine Sperre errichtet und ließ wohl niemanden raus. Wir warteten. Nach einer Weile kamen aus der Straße, die wir zuvor zum Verlassen des Gefahrenbereichs genutzt hatten mehrere Leute, dichtgefolgt von einer Schar der Schwarzuniformierten. Aber die Flüchtenden waren schneller. Zwischendurch immer wieder Krankenwagen, die mit heulenden Sirenen an uns vorbeifuhren. Als wir im eiskalten Wind standen und unschlüssig warteten, trat plötzlich ein junger Mann auf die Bühne. Er beschimpfte uns mit seinem kleinen Megafon, ereiferte sich, wir hätten die Kämpfer im Stich gelassen. Es war offensichtlich einer, den man nicht ganz ernst nehmen konnte. Nach einer Weile, stellte er sein Megafon auf den Boden, drehte sich eine Zigarette.

Wieder kamen Passanten vorbei, ihre Kleidung konnte erahnen lassen, dass sie auf dem Weg zum samstäglichen Abendamüsement waren. Ein großer kräftiger Typ hatte uns wohl als Protestler erkannt und seine Abneigung suchte eine Möglichkeit, sich zu zeigen. Unvermittelt trat er mit einem kräftigen Fußstoß das Megafon, so dass dieses mehre Meter über den Boden rollte. Der Besitzer schrie den Typen an, sagte etwas Beleidigendes, der schritt auf den anderen zu und schlug ihn mit einem Fausthieb nieder. Wir waren schockiert, eilten dem am Boden liegenden zur Hilfe, der Schläger verließ sofort den Ort des Geschehens, es gab Rufe „Faschist“ und „Hurensohn“. Der junge Mann hatte sich von dem Schlag erholt. Wir verließen den Platz und begaben uns zum Bus, unterwegs kam dann die Nachricht, dass die Eingeschlossenen frei gekommen sind und mit dem Taxi nachkommen werden.

Um fünf Uhr morgens erreichten wir die Busstation in Guardamar. Am 1. April wird sich die Gruppe im Kulturzentrum wieder treffen, ich werde wohl dabei sein.

Bilder und weitere Infos:

http://marchasdeladignidadmadrid.wordpress.com/

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