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Die Parole „Mut zur Wahrheit“ wird von Mitgliedern der Alternative für Deutschland gern als Rechtfertigung menschenverachtender Statements herangezogen. In diesem Fall vom stellvertretenden Landesvorsitzenden und Zweitplatzierten der Liste zur Landtagswahl Thomas Hartung.

Anlass seiner Äußerungen war ein Zeitungsartikel, indem über einen angehenden spanischen Lehrer berichtet wird, der trotz Down-Syndroms alle entsprechenden Universitäts-Abschlüsse geschafft hat. Hartung kommentiert das am 21. Juni auf seiner Facebook-Seite: „Was sagt uns das: Sei nur blöd genug, reise in der Welt herum, die Dummen wenden sich schon ganz allein dir zu … Wo soll das hinführen, wenn es als ´normal` gezeigt wird???“

Womit er nicht gerechnet hatte, war die große Empörung, die seine Zeilen auslösten. Inzwischen dürften es über Einhundert Kommentare sein, die sich ganz überwiegend kritisch äußern. Darunter auch etliche Mitglieder und SympathisantInnen der AfD. Hartung nahm flugs den ersten Satz seiner Pöbeleien von der Seite.

In der hitzigen Diskussion legte er aber noch mehrfach nach. „Ein ´Lehrer` mit Down-Syndrom ´schafft` dieselben Abschlüsse wie ein ´Lehrer` wie ich, der mit Diplom und Promotion ausgestattet ist??? Habt ihr alle zuviel Rotwein getrunken???“ „Ich stelle fest: ich spreche einem Menschen mit Trisomie 21 die Befähigung ab, in Deutschland den Hochschulberuf eines Lehrers zu ergreifen…“ „Sagt mal, seht ihr euch noch??? Wollt ihr von jemandem ´belehrt` werden, der weniger weiß als ihr? Der weniger weiß als alle ´Lehrer`, die ein Studium der entsprechenden Fächer abgeschlossen haben?“

Inzwischen wurde der Hartung-Post auch auf den Facebook-Seiten der Bundes- und Landes-AfD gepostet, wohl in der Hoffnung, Hartung würde hier etwas mehr Unterstützung erfahren. Doch auch hier hagelte es (verhaltene) Kritik.

Hinter den Kulissen wurde währenddessen fieberhaft daran gearbeitet, den Schaden für die Partei, die gute Aussichten bei den Landtagswahlen im August hat, zu begrenzen. Die Parteivorsitzende Frauke Petry hat Hartung offenbar dazu gedrängt, seinen Post wieder zu löschen. Das tat der auch, kommentierte das aber wiederum selbstgerecht und uneinsichtig: „Da ich gerade keine Lust und Zeit mehr habe, die vielen falsch verstandenen und beleidigenden Kommentare meines Trisomie-21-Posts zu moderieren, ist er hiermit entfernt.“

Doch die Diskussion ließ sich so einfach nicht beenden; sie ging u.a. unter dem genannten Post munter weiter. Bis Petry ein Machtwort sprach: „Thomas – wann ist endlich Schluss mit dieser Diskussion??? Gib einfach zu, dass Du verbal total danebengehauen hast. Ich dachte, wir hätten das geklärt!!!!!“ Danach wurde die Diskussion tatsächlich abgeschaltet – mittlerweile hat Hartung auch diese Beiträge gelöscht.

Doch inzwischen hatten einige Presseorgane über die Vorgänge berichtet; auch auf den Facebook-Seiten der AfD wurden immer wieder Stellungnahmen der Parteiführung eingefordert. Aussitzen ließ sich der Fall jetzt nicht mehr. Am 23. Juni gab Petry eine Erklärung ab, in der sie sich von Hartungs Aussagen distanzierte. Sie sei „entsetzt und verärgert über die Aussagen von Hr. Dr. Hartung“, hieß es da (nachzulesen u.a. auf der AfD-Facebook-Seite). „Das ist weder Position der Bundes-AfD, noch Position der AfD Sachsen“. Außerdem zolle sie „der Leistung des spanischen Lehrers Pablo Pineda großen Respekt“.

Hartungs Arbeitgeber, die TU Dresden, hat sich von den Äußerungen ihres Mitarbeiters distanziert und eine Stellungnahme von ihm eingefordert. Konsequenzen würden geprüft. (Stellungnahme der TU Dresden vom 23.6.14)

Anders bei der AfD. Bisher ist von irgendwelchen Konsequenzen für ihren Spitzenmann keine Rede – wenn auch etliche Mitglieder diese fordern. Offenbar hofft man, dass der Wind sich legt. Diese Auseinandersetzung kommt zur Unzeit, denn in Umfragen ist die AfD drauf und dran, in den sächsischen Landtag einzuziehen. Für diesen Fall hat Petry der CDU schon angekündigt als Mehrheitsbeschafferin bereit zu stehen.

In einem Interview mit der BILD-Leipzig (2.12.13) sagt sie unverblümt: „Die Sachsen wissen, was sie an der CDU haben. Aber auch, wohin ihre Alleinherrschaft führt. Deshalb braucht es uns … Wir wären der bessere Koalitionspartner, können die CDU sogar stärken.“

von Frank Behrmann

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