Nachrichten
0

In der neokonservativen Falle. Wie einige frühere Antifaschisten das Lager wechselten

– Gespräch mit Susann Witt-Stahl über ihr neues Buch

UZ: Sie werden beim diesjährigen UZ-Pressefest Ihr neues Buch „,Antifa heißt Luftangriff!‘– Regression einer revolutionären Bewegung“ vorstellen. Was hat es mit diesem provokant anmutenden Titel auf sich?

Susann Witt-Stahl: Das Zitat im Titel des Buches, das ich zusammen mit Michael Sommer herausgebe, stammt aus dem Lager der Bellizisten, die Antifaschismus zur Legitimierungsideologie für den wiedererstarkten Imperialismus verformen und instrumentalisieren. Die Blaupause für diese Strategie hatte 1999 der damalige grüne Außenminister Joseph Fischer geliefert. Mittlerweile wird sie von vielen Anti- und Ex-Marxisten verwendet: Ob in Gremlizas Konkret, in der Heinrich-Böll-Stiftung und der taz (letztere bemühen sich gerade, den in der Ukraine grassierenden Faschismus zur Demokratie umzulügen) – im Namen von sechs Millionen Shoah-Opfern geht die Liebeserklärung der Tä- terkinder und -enkel für die Bombe einfach leichter über die Lippen. Unsere Kritik beschränkt sich aber nicht auf die Kriegsgeilheit deutscher „Antifaschisten“. Sie zielt auf tiefgreifende und sich zuspitzende Neoliberalisierungsprozesse, die sich seit Beginn der 1990er-Jahre in der deutschen Linken vollziehen. Wir beobachten eine Distanzierung von marxistischen Faschismustheorien, vom Antikapitalismus, revolutionärem Kollektivismus und eine Hinwendung zur Hayekschen Totalitarismustheorie, den falschen neoliberalen Glücksversprechen, einen sich bei den ökonomischen Eliten anbiedernden Sozialchauvinismus und eine antisoziale Verachtung für die Masse, die als „Individualismus“ verbrämt wird – der Hass gilt längst weit mehr dem Proletarier als dem Arier.

UZ: In Ihrem Buch klassifizieren Sie das Gros der deutschen Antifa-Gruppen als Teil des Problems und nicht der Lösung. Ist diese Kritik nicht überzogen

Susann Witt-Stahl: Wir sagen ja nicht, dass Antifaschisten zu Faschisten mutiert sind (obwohl in Einzelfällen auch das geschieht, aber das Problem des Renegatentums hat es immer gegeben). Wir sagen, dass viele sich dem neoliberalen Konsens opportunistisch angenähert, einige sich sogar korrumpieren lassen haben (das trifft vor allem auf Antifa-Projekte zu, die sich mit Staats- und Stiftungsgeldern alimentieren lassen) und zu handzahmen Nazi-Kritikern verkommen sind, die oftmals ihr gesamtes Enga- gement darauf konzentrieren, Antikapitalisten und Antiimperialisten historisch zu diskreditieren. Faschisten und Rechtspopulisten haben von solch einer Karikatur des Antifaschismus nichts Nennenswertes mehr zu befürchten.

UZ: Und wie erklären Sie sich, dass der Kampf gegen Kapitalismus und Krieg bei so vielen antifaschistischen Organisationen ein derartiges Schattendasein fristet bzw. einige vermeintlich linke Gruppen zu den eifrigsten Befürwortern der Angriffskriege der „westlichen Wertegemeinschaft“ gehören?

Susann Witt-Stahl: Viele Antifaschisten haben sich längst in diese „Wertegemeinschaft“ integriert. Schauen Sie sich die Theoriearbeit von diesen Linken an: In ihren Texten finden Sie haufenweise abgekupferte Thesen von Hayek und Lippmann, Huntington, Podhoretz und Perle und unzähligen anderen neokonservativen Vordenkern. Luxemburg, Lenin und Brecht hingegen sucht man mehr und mehr vergeblich. Lenin wird sogar von Anhängern Moishe Postones – objektiv ein Apologet einer neoliberalen Marx- Interpretation – (ihre kruden Thesen werden ausgerechnet von der Stiftung veröffentlicht, die den Namen der bekanntesten deutschen Kommunistin als Label verwendet) als Wegbereiter des Antisemitismus denunziert.

UZ: Also mangelt es Antifa-Gruppen nicht nur an marxistischer Bildung?

Susann Witt-Stahl: Die Auswirkungen neoliberaler Schul- und Hochschulpolitik, des Bologna-Prozesses, der Privatisierung und zusehends lückenlosen Inwertnahme der Forschung sind verheerend – ein Resultat ist die regelrechte Ausmerzung der ohnehin spärlich vorhandenen Theoriebestände des historischen Materialismus in der Wissenschaft. Aber das ist wahrlich nicht die einzige Erklärung. Der Zusammenbruch des Realsozialismus hat mittelbar eine gewaltige Erosion der kritischen Intelligenz nach sich gezogen – und eine massenhafte Wende- halsigkeit und Untertanenmentalität von Linken affiziert und offenbart, die schier atemberaubend ist. Da muss schon weit vor 1989/90 gewaltig „et- was faul“ gewesen sein „im Staate Dä- nemark“ – etwas, das es dringend zu analysieren gilt.

UZ: Selbst nach den Enthüllungen über die Morde des neofaschistischen Terrornetzwerkes „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) hat es kein Umdenken gegeben. Vielmehr versteifen sich nicht wenige Antifaschisten auf die Forderung nach einem Verbot der neofaschistischen NPD. Macht man es sich damit nicht ein wenig sehr einfach?

Susann Witt-Stahl: Die biedermännische Staatsantifa denkt, ihre Kanzlerin wird’s schon richten. Dass die und ihr sozialdemokratischer Außenminister aber viel lieber mit der Hilfe von militanten Rechtsradikalen einen geopolitischen GAU gegen Russland anzetteln, als Nazis, geschweige denn die westlich orientierten Faschisten, zu bekämpfen, die ihnen zumindest objektiv nützlich sind – das ziehen viele solcher staatsfrommen Antifas ja nicht einmal mehr in Erwägung.

UZ: Also betrachten Sie die NPD nicht als Hauptproblem in den aktuellen politischen Auseinandersetzungen?

Susann Witt-Stahl:  Die NPD und ihr gewaltbereites Umfeld haben immer wieder bewiesen, dass alle, die ihren rassistischen, biodeutschen Normen nicht entsprechen und ihren Chauvinismus nicht mittragen wollen, schnell zur Zielscheibe werden. Sie gehört bekämpft – keine Frage! Dennoch ist sie im Vergleich mit den derzeit sich rapide entfaltenden verbrecherischen Potentialen des westlichen Imperialismus der EU und der USA das weitaus kleinere Problem. Wozu der Westen in der Lage ist, zeigen die Hunderttausenden von Toten der Angriffskriege gegen Ju- goslawien, Afghanistan, den Irak und Libyen, die Drohnenmorde und der Überwachungsdrangsalierungen der NSA. Der lukrative Pakt, den westliche Regierungen – hierzulande mit der Hilfe der Opposition – mit den faschistischen Mordbrennern in der Ukraine eingehen, beweist einmal wieder, wie durchlässig doch die Grenze zwischen der viel gepriesenen „bürgerlichen Mitte“ und der faschistischen Barbarei ist, die nun mal ge- nuin ein Auswuchs der repressivsten Form bürgerlicher Herrschaft ist.

UZ: Die Mehrheit der antifaschistischen Organisationen setzt aktuell auf moralische Inszenierungen. Kritik an ihrer Konzeptlosigkeit wird von ihnen ignoriert. Glauben Sie, dass es Ihnen mit Ihrem Buch trotzdem gelingen kann, eine Debatte über einen zukunftsfähigen Anti- faschismus zu befördern?

Susann Witt-Stahl: Ich bin nicht besonders optimistisch. Von der Antifa, die es mal gab, geschweige denn, die es geben müsste, um den brandgefährlieinzutreten, müsste der Wille zu einer grundlegenden Veränderung vorhanden sein. Aber ich spüre bei der Mehrheit der Antifaschisten außer einen ausgeprägten Konsumismus nur noch Fatalismus und Phlegmatismus,  nach dem Pogrom von Odessa ist das besonders unerträglich.

Das Gespräch führte Markus Bernhard  

Zu einigen Namen:

Hayek – Friedrich August von Hayek (1899–1992): österreichischer Ökonom und Sozialphilosoph. Hayek gilt als wichtigster Begründer der ökonomischen Lehre des Neoliberalismus. Zu Anhängern seiner Theorie zähl(t)en u. a. Augusto Pinochet, Margaret Thatcher, Ronald Reagan, Helmut Kohl …

Huntington – Samuel Phillips Huntington (1927–2008): Politikwissenschaftler und Autor. Huntington lehrte am John M. Olin Institute for Strategic Studies der Harvard-Universität in Cambridge (USA). Er war Berater des US-Außenministeriums. Besonders kontrovers wurde sein 1996 erschienes Buch „The Clash of Civilizations“ (Kampf der Kulturen, 1996) diskutiert.

Podhoretz Norman Podhoretz (geb. 1930): gilt gemeinhin als einer der führenden Vertreter des Neokonservatismus in den USA. – Mit seinem Buch „The Present Danger“ über die Gefahr der Finnlandisierung der USA prägt er die außenpolitischen Leitlinien Ronald Reagans. „Die Zeit“ schrieb 2007, als die Gefahr der Bombardierung des Iran durch die USA drohte, über ihn unter anderem: „Norman Podhoretz wurde der einflussreichste Propagandist des Vierten Weltkriegs [gegen den „Islamofaschismus“ – d. Red.]. Podhoretz hat Jahrzehnte im intellektuellen Dunstkreis der Macht verbracht. Als jahrzehntelanger Herausgeber der Zeitschrift Commentary gehörte er zur ersten Generation von Neo- konservativen – jenen Konvertiten, die sich, enttäuscht von der Linken, nach rechts gewendet hatten.“

Perle – Richard Perle (geb. 1941): konservativer Politiker und US-Sicherheitsexperte. Perle war u. a. während der Reagan- Ära gegen jede Art von Vereinbarungen zur Rüstungskontrolle und erwarb sich wegen seines Einsatzes für eine kompromisslose Politik der Stärke den Beinamen „Fürst der Finsternis“. Ab 1987 arbeitete er für das American Enterprise Institute for Public Policy Research (AEI), das als führender rechter „Think Tank“ der USA gilt.

Moishe Postone – (geb. 1942): Professor für Geschichte an der University of Chicago. Er lebte von 1972 bis 1982 in Frankfurt am Main und war Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung. 1983 promovierte er an der dortigen Johann Wolfgang Goethe-Universität. Heute lehrt er am Department of History der University of Chicago. Seine Arbeitsschwerpunkte sind moderne europäische Geistesgeschichte, Kritische Theorie, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, Antisemitismus und globale Transformation.

redaktion

_____________

Susann Witt-Stahl & Michael Sommer (Hrsg.): „Antifa heißt Luftangriff!“. Laikatheorie Band 44, Laika-Verlag, Hamburg 2014, 21, – Euro ISBN: 978–3-944233–13-0

_________

Übernommen von UZ, Wochenzeitung der DKP, Nr. 24/2014