Agent Orange - Kinderzeichnung 01

Ich habe eine ganze Weile ueberlegt, ob ich etwas zum Tod des Altbundespraesidenten Richard von Weizsaecker schreiben soll. Aber nach der ganzen Lobhudelei in den deutschen Medien, wo die dunklen Seiten seiner Vergangenheit nur am Rande erwaehnt oder ganz verschwiegen werden, – nicht einmal das von mir sehr geschaetzte Neue Deutschland macht dabei eine Ausnahme – habe ich mich doch entschlossen, meine Sicht der Dinge darzulegen. Weizsaeckers immer wieder erwaehnte Rede vom 8. Mai 1985 war sicher richtig und wichtig. Allerdings kommt da bei mir die Frage auf, warum es eigentlich 40 Jahre gedauert hat, bis endlich ein Spitzenpolitiker der BRD zu dieser Erkenntnis kam.

Richard von Weizsaecker hat stets für eine Kultur des Erinnerns geworben. Doch wie ist es, wenn es um seine Person geht? Ueber ein halbes Jahrhundert ist es nun her, seit die USA im Vietnamkrieg erstmals das Entlaubungsmittel Agent Orange verspruehten. Noch immer leiden Millionen Maenner, Frauen und Kinder an den Folgen des jahrelangen Dioxin-Einsatzes. Das hochgradig krebserregende Gift hat nicht nur damals die Gesundheit vieler Vietnamesen und US-Soldaten zerstoert. Weil es auch das Erbgut schaedigt, werden in Vietnam bis heute auch noch in der dritten Nachkriegsgeneration schwerbehinderte Babys geboren. Die chemische Waffe lieferte der amerikanische Konzern Dow Chemical, der bei der Produktion von Agent Orange mit dem deutschen Chemieunternehmen Boehringer zusammenarbeitete – die Firma, in der Richard von Weizsaecker in den 1960er-Jahren Mitglied der Geschaeftsfuehrung war.

Doch so vollmundig der CDU-Mann spaeter als Politiker fuer das offene Wort stritt, so nachdruecklich er seine Zunft stets aufforderte, Verantwortung zu uebernehmen, so gerne er es sich gefallen liess, dank guter Reden und adeliger Aura zu einer Art Nationalheiligem aufzusteigen: Mit seiner Rolle in dem Dioxin-Skandal setzte er sich oeffentlich nie richtig auseinander.

Agent Orange - Kinderzeichnung 02

Im Jahre 1962 trat Richard von Weizsaecker als persoenlich haftender Geschaeftsfuehrer in die Firma ein. Bis zu seinem Ausscheiden 1967 machte er Karriere und wurde, wie seine Biographen unwidersprochen schrieben, fuer Boehringer eine Art Korrektiv. Keine wichtige Unternehmensentscheidung fiel ohne seine Einwilligung. Zu diesen Unternehmensentscheidungen gehoerten der staendig ansteigende Export des Megagiftes nach Vietnam, gehoerte die Faelschung und Unterschlagung von Studien, die auf die Gefaehrlichkeit der Substanz, ihre ueber Generationen reichenden Dauerschaeden hinwiesen.

Richard von Weizsaecker will von all dem nichts gewusst haben. Er sei in den oberen Etagen fuer ein paar Unternehmensentscheidungen zustaendig gewesen, von der Vietnam-Connection wusste der Mitinhaber der Horrorfirma so gut wie nichts, von Mitarbeitern, die in seinem Betrieb an Hautausschlaegen, Haarausfall und Leberschaeden litten, will der spaetere Praesident nie gehoert, kranke Arbeiter nie gesehen haben. Seine Version, das toedliche Treiben Boehringers sei ihm unbekannt gewesen, revidierte er selbst dann nicht, als der Konzern 1992 erkennen liess, dass man seinerzeit in der Fuehrungsetage sehr wohl von Schaeden wusste, die das Dioxin verursachte: Eine unselige Geschichte

Als Staatsoberhaupt hat er oft und zu Recht fuer eine Kultur des Erinnerns, auch an die dunklen Momente der eigenen Geschichte geworben. Vergass er diese Mahnung, wenn es um seine Person ging? Verbarg sich hinter dem soignierten alten Herrn mit dem schlohweißen Haar und den hohen moralischen Anspruechen ganz einfach ein sehr ehrgeiziger Mensch? Ist ihm manchmal fuer Momente in den Sinn gekommen, welche Schuld Boehringer auch zu seiner Zeit dort auf sich lud? Oder freute er sich im Stillen darueber, dass die Oeffentlichkeit ihm nachsah, was sie weniger charismatischen Politikern schwerlich verziehen haette? Wir werden es leider nie erfahren.

 

Agent Orange - Kinderzeichnung 03