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Ist, was unter „Industrie 4.0“ gefasst wird, ein Sachzwang im Sinn der Weiterentwicklung der Produktivkräfte und sind ihre Auswirkungen auf die Arbeiterklasse „technisch“ bedingt und deshalb unvermeidbar ? Lucas Zeise betont im folgenden Text die politische Seite der Sache:

Die Spaltung der Arbeiterklasse

Der industrielle Kern der Arbeiterklasse hat sich verkleinert, heißt es im Entwurf des Leitantrags zum DKP-Parteitag. Das ist wohl richtig. Die Industrie ist relativ zur Gesamtwirtschaft kleiner geworden. Hier handelt es sich um einen schon lange, mindestens seit Mitte des vorigen Jahrhunderts dauernden Prozess. In anderen reifen kapitalistischen Ländern ist der relative Bedeutungsverlust der Industrie noch stärker als in Deutschland.

Großbritannien ist das klassische Beispiel für bewusst herbeigeführte Deindustrialisierung und extreme Förderung des Finanzsektors. Die Strukturänderung einer Volkswirtschaft ist nur zu einem Teil zurückzuführen auf veränderte Produktivkräfte, die Entwicklung der Technik und die dadurch erzwungene veränderte Arbeitsorganisation. Der mindestens ebenso wichtige Faktor ist die Politik des Kapitals. Das Kapital (und sein Staat) organisiert den gesellschaftlichen Arbeitsprozess, es formt damit auch die Arbeiterklasse. Im Leitantrag wird demzufolge auf die „Spaltung der Arbeiterklasse in Stammbelegschaften, Leiharbeiter und andere Niedriglöhner, Prekarisierte und Erwerbslose“ – vor allem durch Schröders Agenda 2010 – hingewiesen.

Es ist eine seit langem bewährte Taktik des Kapitals, die Lohnabhängigen in verschiedene Gruppen zu gliedern, sie völlig unterschiedlich zu behandeln und damit ihren solidarischen Kampf zu erschweren. Diese vom Kapital betriebene Politik hat wenig zu tun mit der strukturellen Veränderung der Ökonomie, weg von Industrie, Landwirtschaft und Bergbau hin zu mehr Dienstleistungen.

Die Trennung der Leiharbeiter von der Stammbelegschaft fand mitten in den industriellen Großbetrieben statt. Andererseits sind durch die Zerschlagung der Post und die Privatisierung kommunaler und staatlicher Betriebe durchaus kampferprobte Abteilungen der Arbeiterklasse voneinander isoliert und geschwächt worden. Der Zusammenschluss zur Gewerkschaft ver.di hat die Schwächung durch Spaltung nicht aufhalten können. Die Zerschlagung der DDR-Wirtschaft und die Diskriminierung der Arbeiterklasse Ost kommt als besonderes deutsches Problem dazu. Die ständigen Umorganisationen, das Kaufen und Verkaufen von Unternehmen, die Zusammenfassung, dann wieder die Aufspaltung von Unternehmensteilen, die Zergliederung der Produktion über die Kontinente hinweg, all das ist nur zum geringsten Teil ein Erfordernis der Effizienz oder der Ökonomie der Zeit, es ist vor allem das laufende Bemühen, sich die Lohnabhängigen gefügig zu machen.

Auch die Initiative ‚Industrie 4.0‘ von Bundesregierung und Unternehmerverbänden ist kein Ausdruck für die vom technischen Fortschritt erzwungene Anpassung der Produktionsmethoden, sondern ein Versuch, die Früchte des Produktivitätsfortschritts deutschen (statt ausländischen) Kapitalisten zukommen zu lassen. Von der „Intelligenten Fabrik“, die da gefordert und gefördert wird, geht an sich keine Gefahr für die Arbeiter aus. Sie werden wie bisher von der Firmenleitung zum Zwecke der Renditeverbesserung im Auftrag des Kapitals freigesetzt.

Aus UZ, Zeitung der DKP, Nr. 10/2015

 

Vergl. dazu:

Nina Hager, Produktivkraftentwicklung und Arbeiterklasse

Uwe Fritsch, Entwicklung der Produktivkräfte und die Arbeiterklasse heute

Autor

Lucas Zeise

Lucas Zeise (*1944) ist Finanzjournalist seit mehr als zwanzig Jahren. Er hat Philosophie und Volkswirtschaft studiert und im Laufe seines Berufslebens u. a. für das japanische Wirtschaftsministerium, die deutsche Aluminiumindustrie und die Frankfurter "Börsen-Zeitung" gearbeitet. Er war an der Gründung der "Financial Times Deutschland" beteiligt und schrieb in ihr eine regelmäßige Kolumne. Er ist Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung und schreibt inzwischen für die Tageszeitung "junge Welt".

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