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In der letzten Aprilwoche des Jahres 1975 erreichten die vietnamesischen Befreiungsstreitkräfte das damalige Saigon (heute Ho Chi Minh Stadt). Die letzten USamerikanischen Besatzungskräfte und ihre vietnamesischen HiWis flohen in Panik auf Schiffen und Helikoptern. Am 1. Mai 1975 war Vietnam vollständig befreit. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte waren die USA in einem ihrer Interventionskriege vollständig und bedingungslos besiegt. Sie hinterliessen ein zerstörtes und chemisch verseuchtes Land. Bis heute, schon in der drittten Generation kommen in Vietnam infolge des Einsatzes von Agent Orange durch die USA Kinder mit schrecklichen Erbschäden zur Welt. Die historische Schuld der USA, ihre monströsen Kriegsverbrechen in Vietnam bleiben auch vierzig Jahre danach unvergessen.

Hier ein geschichtlicher Abriss von Cathrin Karrras aus ihrem Blog „Mein Leben in Vietnam und Drumherum“ , geschrieben 2007:

 

Geschichte des Vietnamkriegs

 

Diese sehr gekuerzte Zusammenfassung der Geschichte des Vietnamkrieges entstand mit Hilfe folgender Literatur:

-Apokalypse Vietnam
-Der Amerikanische Krieg
-Der Vietnamkrieg
-Die Pentagon Papiere
-Geschichte des Vietnamkrieges
-The Long Resistence
-The Vietnam Wars 1945-1990
-Anatomy Of A War
Eine gute unparteiische Darstellung gibt es auch in der deutschsprachigen Wikipedia.

Von 1945 bis zum Ende der franzoesischen Kolonialherrschaft

Việt Nam, das sich in seiner Geschichte einer tausendjaehrigen Einverleibungspolitik des grossen noerdlichen Nachbarn China widersetzen musste, gehoerte seit der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts zum franzoesischen Kolonialreich Indochina. Im zweiten Weltkrieg verschaffte sich das japanische Regime ab 1940 eine Oberhoheit ueber das Land.

1941 gelang es dem vietnamesischen Befreiungskaempfer und Revolutionaer Nguyễn Sinh Cung (1890-1969), bekannt als Hồ Chí Minh, ein breites Volksbuendnis (Việt Nam Ðộc Lập Ðồng Minh Hội, Liga fuer die Unabhaemgigkeit Việt Nams, kurz Việt Minh) gegen die kolonialistischen Maechte Japan und Frankreich zu initiieren. Nach der Kapitulation Japans proklamierte er am 2. September 1945, beginnend mit einem Zitat aus der US-amerikanischen Unabhaengigkeitserklaerung, die souveraene Demokratische Republik Việt Nam. Die Kandidaten der Việt-Minh-Bewegung erhielten am 6. Januar 1946 bei den ersten freien Wahlen der vietnamesischen Geschichte 95 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Im Sueden Vietnams hatte Frankreich bereits 1945 mit Waffengewalt seine alten kolonialen „Ansprueche“ geltend gemacht und dann unter Bruch einer Vertragszusage fuer ein Volksreferendum im Juni 1946 die Abspaltung eines separaten „Cochinchina“ mit Sài Gòn als Hauptstadt betrieben.

Hồ Chí Minh zeigte sich noch im September ausserordentlich verhandlungsbereit, um nicht das Leben unzaehliger Vietnamesen leichtfertig zu opfern. Die Gegenseite antwortete mit Gewalt. Vom November 1946 bis zum 21. Juli 1954 fuehrte Frankreich seinen langen Indochinakrieg gegen die Demokratische Republik Việt Nam.

1949 installierte die Kolonialmacht im Sueden eine Gegenregierung unter Bảo Đại, der schon den Japanern als Marionettenkaiser gedient hatte. Die USA unterstuetzten das kolonialistische Frankreich politisch ab April 1945 beim Kampf gegen die vietnamesische Unabhaengigkeitsbewegung, finanzierten ab Maerz 1950 zunehmend den gesamten Krieg und leisteten schliesslich auch militaerischen Beistand aus der Luft. Die US-Militaerhilfe für die europaeische Kolonialmacht betrug fast drei Milliarden, die wirtschaftliche Entwicklungshilfe für Indochina lediglich 50 Millionen Dollar.

Doch die Regierung Frankreichs musste nach der Niederlage von Điện Biên Phủ am 7. Mai 1954 wenig spaeter einem Waffenstillstand zustimmen. 92.000 Soldaten hatte der unzeitgemaesse Kolonialkrieg auf franzoesischer Seite das Leben gekostet. Fast zehnmal so viele Vietnamesen wurden getoetet, so kurz, nachdem ihr Land zum Ende des zweiten Weltkrieges bereits über zwei Millionen Hungertote zu verzeichnen hatte.

Die von aussen bewerkstelligte Trennung des Landes in das unabhaengige Nordvietnam und das vom Ausland fremdbestimmte Suedvietnam (Genfer Konferenz) haette nun enden koennen. Die vietnamesische Bevoelkerung stand mehrheitlich hinter der von Hồ Chí Minh verkoerperten Befreiungsbewegung.

 

Ngô Đình Diệm — Ein installierter Diktator anstelle des Genfer Friedensplans

Die USA entscheiden sich politisch im Jahre 1954 gegen den auf der Genfer Indochina-Konferenz beschlossenen Weg zu Unabhaengigkeit und Frieden für das leidgepruefte Land.. Sie verhindern die für 1956 festgelegten Wiedervereinigungswahlen. Mit ihrer Torpedierung der Ergebnisse von Genf verantworten die Regierenden der Vereinigten Staaten den „zweiten Teil“ des laengsten Krieges im 20. Jahrhundert.

Den ihnen ergebenen Ngô Đình Diệm befoerdern sie von seinem US-Exil in New Jersey zurueck nach Việt Nam und bestimmen ihn zum suedvietnamesischen Ministerpraesidenten. Die Pseudomystik dieses hochtrabenden Propheten wird nicht als Problem gesehen. Der Mann gilt als hundertprozentiger Antikommunist und hat theokratische Ambitionen. Diệm und sein Clan, der sich als katholische Elite des buddhistischen Landes duenkt, organisieren mit US-Milliarden einen blutigen Polizeistaat. Unter dem Dach eines diffusen „Personalismus“ huldigen sie einer autoritaeren Herrschaftstheorie, in der Volkssouveraenität und Religionsfreiheit gleichermassen keinen Platz haben. Den Hoehepunkt ihrer rechtstaatlichen Ideale bilden beruechtigte Militaertribunale. Die Demokratisierung Việt Nams durch die USA besteht also bereits in der ersten Phase darin, einen im Volk verhassten Diktator durch Militaerhilfe und CIA-Operationen fast ein Jahrzehnt an der Macht zu halten.

Washington brandmarkt die Kollektivierung der nordvietnamesischen Landwirtschaft, der auch zahlreiche dem Việt Minh verbundene Bodenbesitzer zum Opfer fallen. Die Verfolgungen, in deren Verlauf bis zu 15.000 Menschen getoetet wurden, enden 1956 auf Druck von oben, Hồ Chí Minh und General Võ Nguyên Giáp sehen sich zu einer Entschuldigung bei der Bevoelkerung genoetigt.
Im Sueden des Landes deckt die Weltmacht jedoch politische Massenmorde des verbuendeten Diệm, der bereits nach drei Jahren Amtszeit bis zu 12.000 Gegner umgebracht hat. Bis 1960 gehen unabhaengige Schaetzungen von bis zu 150.000 politischen Haeftlingen in Suedvietnam aus.
Die USA ignorieren auch die von ihrem Zoegling gefoerderte Korruption und das Bereicherungssystem der Eliten, die das ganze Volk ins Elend stuerzen. Im Mai 1961 feiert US-Vizepraesident Johnson den Tyrannen gar als den „Winston Churchill Suedostasiens“.

Gegen den Widerstand breiter Kreise, der sich 1960 in Nachfolge des Việt Minh als Nationale Befreiungsfront (FNL) konstituiert, setzen US-Kampfflugzeuge Napalm und erntevernichtende Chemikalien ein. John F. Kennedy gehoert zu den Pionieren dieser Bombardierungen aus der Luft, denen zigtausende Zivilisten zum Opfer fallen. Sie kommen spaetestens ab 1961 einem Krieg der US-Administration gegen das hungernde Volk von Suedvietnam gleich. Kennedy zaehlt die Eliteeinheit Green Berets zu seinen Lieblingskindern. Die Zahl der so genannten US-Militaerberater betraegt 1963, zum Zeitpunkt seiner Ermordung, bereits mehr als 16.000.

 

Nguyễn Văn Thiệu, oder: Das Kriegsspiel eskaliert

Irgendwann wuerde die US-Regierung allerdings einsehen muessen, dass ausser ihr, der profitierenden Machtelite und Teilen der feudalen Oberschicht niemand Sympathien für den suedvietnamesischen Diktator hegte. Dass Diệms einflussreiche Schwaegerin „Madame Nhu“ die Selbstverbrennung des oppositionellen Moenches Quảng Đức vom 11. Juni 1963 oeffentlich als nachahmenswertes „buddhistisches Grillfest“ verhoehnt, erfuellt jedenfalls in keiner Hinsicht die Erwartungen der US-Oeffentlichkeit. Allein im August 1963 laesst das Diệm-Regime ueber 14.000 Oppositionelle verhaften. Noch im selben Jahr findet unter „stillschweigender Duldung“ Washingtons ein Putsch statt, wobei eine im Volk verankerte Alternative nicht erwuenscht ist.

Ein Regierungschef wie General Dương Văn Minh, dem eine Kompromissbereitschaft gegenueber der Nationalen Befreiungsfront nachgesagt wird und der sich den US-Vertretern als eigenstaendig agierender Politiker praesentiert, kann sich nicht halten.
Ab Februar 1965 bis zum Ende des US-Krieges in Việt Nam bleibt General Nguyễn Văn Thiệu mit Hilfe der USA an der Macht.
Unter Diệm hatte er eine militaerische Fortbildung in den USA genossen. Karriere eroeffneten ihm vor allem die Heirat einer katholischen Frau und die Konversion zur Religion der Machtelite.

An Demokratie und am Schutz der Menschen des Landes ist freilich auch diesem Junta-Chef nie gelegen gewesen. US-Steuergelder wandern auf sein Privatkonto. Zehn Jahre lang bestimmen masslose Korruption, Ausschaltung buergerlicher Oppositioneller, ueber 100.000 Verhaftungen, Verfolgungen der buddhistischen Mehrheit und millionenfache Landvertreibung armer Bauern seine Politik. Die Kriegsfolgen für die Menschen des Landes und eine Urbanisierung des Elends unter dem Regiment von Drogen, Schwarzmarkt und Militaerprostitution lassen ihn kalt. Thiệus Polizeistaat findet Rueckhalt bei nur einem Achtel der Bevoelkerung. Waehrend ihres gesamten „Engagements“ in Indochina unterstuetzen die USA damit durchgehend illegitime Regime, die bei keiner freien Wahl eine Aussicht auf Erfolg gehabt haetten.

Kennedys Nachfolger Praesident Lyndon Johnson informiert den US-Kongress im August 1964 voellig irrefuehrend ueber den, nie stattgefundenen, zweifachen Beschuss des US-Zerstoerers „Maddox“ im Golf von Tonking durch nordvietnamesische Streitkraefte. Nach dieser unzutreffenden, schon im Vorfeld inszenierten, Initialzuendung holt er sich bei den Volksvertretern eine Blankovollmacht fuer jede weitere US-Kriegsfuehrung — ohne Kriegserklaerung — in Việt Nam. Der Kongress trifft die Entscheidung fast einstimmig.

Was danach, jetzt auch unter Einsatz riesiger US-Bodentruppenkontingente, zu einem Krieg ohne Ende eskaliert, wurzelt vor allem in einem Theoriekonstrukt, das in Washington spaetestens seit Dwight D. Eisenhower (Praesident 1953-1961) bis Mitte der 80er Jahre als Dogma die Koepfe beherrscht. Dieses Dogma besteht aus der einfachen Phrase, der Sieg des Kommunismus in einem einzelnen Land werde im zwangslaeufigen Domino-Effekt eine ganze Erdregion dem demokratischen Kapitalismus entziehen. Von Vertrauen in die eigene Weltanschauung kann also keine Rede sein. Real wird daraus ein Domino-Kriegspiel der USA, ein Dominoeffekt von Gewalt und Elend in ganz Suedostasien.

 

Thiệu und Kỳ – Diktatoren von Amerikas Gnaden

Zur Rolle dieser beiden Militaerdiktatoren gibt es in der einschlaegigen Literatur viele Beispiele. Ich koennte hier jetzt Dutzende von Zitaten bringen, moechte mich aber auf einige wenige beschraenken.

Zuerst die Meinung von Ex US-Kriegsminister McNamara.

Kaum war ein Staatsstreich fehlgeschlagen, folgte der naechste, angezettelt von jungen suedvietnamesischen Offizieren. Sie setzten schliesslich Armeegeneral Nguyen Van Thieu – er war 42 Jahre alt – als Staatsoberhaupt ein und Luftwaffengeneral Nguyen Cao Ky – 35 Jahre – als Premierminister. Der stellvertretende Botschafter, Alex Johnson, beschrieb Ky als „ungelenkte Rakete“. Damit hatte er recht. Ky trank, spielte und war ein ausgemachter Schuerzenjaeger. Er kleidete sich auffaellig, oft lief er in einem schwarzen Pilotenoverall herum, und an seinem Guertel prangten zwei identische Revolver mit perlenbesetzten Griffen. Auch gab er unglaubliche Aeusserungen von sich: Als er einmal von einem Juornalisten gefragt wurde, wen er am meisten bewundere, antwortete er: „Hitler….. Wir brauchen vier oder fuenf Hitlers in Vietnam.“ Rueckblickend charakterisierte Bill Bundy Ky und Thieu als „absoluten Abschaum“.

(Zitat aus Robert S. McNamara, Vietnam Das Trauma einer Weltmacht, S.244)

Das angesprochene Interview von Ky mit dem Journalisten Brian Moynahan erschien am 4. Juli 1969 in der Londoner Zeitung Sanday Mirror.

Leider „vergisst“ McNamara dabei zu erwaehnen, dass sich Thiệu und Kỳ mit massiver US-amerikanischer Hilfe an die Macht putschten. Dazu folgendes:

Das Pentagon hatte keinen Putsch gegen Diem gewollt, somit war es weitgehend im Hintergrund geblieben. Es stellte sich zur Ueberraschung Washingtons schnell heraus, dass die neue Militaerregierung in Suedvietnam unter General Minh….. begann, Schritte zur Bildung einer neutralen Regierung einzuleiten. Diesmal organisierte das Pentagon den Umsturz, und sie hatten ihre Finger direkt im Spiel……..Dieser Putsch brachte eine suedvietnamesische Regierung unter einem anderen General, Khanh, hervor…..General Khanh erkannte, dass die einzige Hoffnung in einer neutralen Koalitionsregierung lag.Er schrieb an Huynh Tan Phat im Zentralkomitee der Befreiungsfront, und im Januar 1965 antwortete Phat…..Die Amerikaner bekamen diesen Brief in die Hand und organisierten im folgenden Monat einen Putsch gegen General Khanh. Aus diesem Putsch…..gingen General Thieu als Praesident hervor und Luftmarschall Ky als Vizepraesident.

(Zitat aus: Jonathan Neale, Der Amerikanische Krieg, S. 82/83
Ebendort befinden sich Angaben zu amerikanischen Quellen, in denen nachgewiesen wird:)

Beide waren auf die uebliche Bestechungs- und Import-Export-Weise korrupt. Beide steckten auch tief im Heroinhandel.

Georg W. Alsheimer (Erich Wulff), ein deutscher Arzt, der von 1961-1968 in Suedvietnam lebte und arbeitete, beschreibt, wie „Wahlen“ in Suedvietnam abliefen.

Im September (1967) sollten in Suedvietnam Praesidentschaftswahlen stattfinden. Ueberraschungen waren nicht zu erwarten. Die Bevoelkerung stand unter allzu grossem Druck. Auf dem Lande hatten die Distriktchefs bereits damit begonnen, den Bauern zu verstehen zu geben, allzu viele Stimmen fuer missliebige zivile Kandidaten wuerden das ganze Dorf des Kommunismus verdaechtig machen. Das war eine Todesdrohung, denn der Distrikchef konnte jede Siedlung fuer Luftangriffe „freigeben“, unter dem Vorwand, „Viet Kong“ seien in der Naehe aufgetaucht. Ky und Thieu, die Kandidaten des Militaers begnuegten sich mit dieser Einschuechterung nicht. Die einzigen ernst zu nehmenden „neutralistischen“ Konkurrenten, General Duong Van Minh, der 1963 Diem gestuerzt hatte und nun im Zwangsexil in Bangkok lebte, und Au Truong Thanh, ein ehemaliger Wirtschaftsminister Kys, wurden wegen prokommunistischer Sympathien von der Wahl ausgeschlossen.

(Zitat aus: Georg W. Alsheimer, Vietnamesische Lehrjahre, S. 249)

Die Wahlen selber liefen dann so ab:

Junge Lehrer einer Huer Schule, die im Distrikt von Phu Loc, etwa 50 Kilometer suedlich von Hue, im Auftrag der zivilen Kandidaten die Wahlen beobachten wollten, wurden vom Distriktchef gefragt, ob sie zum Militaerdienst wollten, als sie dagegen protestierten, dass nach Abschluss der Wahl ein Soldat die Urnen mit Stimmzetteln fuer Thieu und Ky vollstopfte. Sie erhoben also keinen offiziellen Einspruch, erzaehlten aber ihren Freunden in Hue von dieser Demuetigung.

(Zitat aus: Georg W. Alsheimer, Vietnamesische Lehrjahre, S. 457)
Ueber weitere Wahlmanipulationen u.a. in Bien Hoa berichtet Alsheimer auf den folgenden Seiten seines Buches.

Das Ergebnis der Wahlen sah dann auch dementsprechend aus.

Ky und Thieu wurden zum Vizepraesidenten und zum Praesidenten gewaehlt, wie es zu erwarten gewesen war…….. Die Generale hatten ueberall dort hoch gewonnen, wo keine Journalisten herumschnueffelten…..In den meisten Staedten, in Saigon, Hue und Da Nang aber fielen sie durch. Dort hatten die Reporter naemlich nicht nur die Stimmabgabe, sondern auch die Auszaehlung beaufsichtigt.

(Zitat aus: Georg W. Alsheimer, Vietnamesische Lehrjahre, S. 457)

Zum Schluss noch etwas ueber die Flucht Thieus kurz vor Ende des Krieges. Darueber schreibt der ehemalige CIA-Mitarbeiter Snepp folgendes:

Einige Tage zuvor wurde ich angewiesen, den Praesidenten des Landes, Thieu, in Sicherheit zu bringen. Das war ein unglaublicher Abend. Ich fuhr gemeinsam mit dem Saigoner CIA-Stationschef und dem Botschafter zu ihm. Thieu kam aus dem Haus, er trug einen grauen Anzug, sein Haar war zurueckfrisiert, er sah aus wie ein Modell der fernoestlichen Ausgabe eines Herrenmodemagazins, und er war betrunken. Er stieg hinten in den Wagen ein. Dann kamen einige seiner Bediensteten aus den Bueschen gerannt, sie trugen grosse Koffer, und ich konnte Metall an Metall schlagen hoeren. Gold, es war Gold, das sich Thieu eingeheimst und verborgen hatte. Den groessten Teil seines persoenlichen Besitzes hatte er schon einen Monat zuvor ausser Landes gebracht. Sie packten das Gold hinten ins Auto, und wir fuhren los zum Luftwaffenstuetzpunkt.

(Zitat aus: Wolfgang Schneider, Apokalypse Vietnam, S. 206, siehe auch: Frank Snepp, Decent Interval, An Insiders Account of Saigons Indecent End told by the CIAs Chief Strategy Analyst in Vietnam, New York 1977 (in englischer Sprache))

Entschuldigt bitte die vielen sehr langen Zitate. Aber ich denke, das ist die beste Moeglichkeit, diese Zeit aufzuarbeiten. Vor allem moechte ich diejenigen zum Nachdenken bringen, die heute immer noch der Meinung sind, Suedvietnam sei damals eine Demokratie gewesen.

 

Der sogenannte Việt Cộng

Zugunsten einer fixen Propaganda-Idee hatten die USA ab 1954 die friedliche Wiedervereinigung Việt Nams verhindert. Danach war Việt Nam eine Prestige-Frage fuer die Weltmacht.

Der Revolutionaer und Antikolonialist Hồ Chí Minh wurde aufgrund des paranoiden Antikommunismus der US-Politik unweigerlich zu immer engeren Verbindungen mit China und der Sowjetunion gezwungen. Ohne die „Interventionen“ der US-Administrationen haette der Weg eines vietnamesischen Sozialismus sich unter Umstaenden ganz anders entwickelt. Real aber waren alle Anstrengungen in einem Widerstand erschoepft, der das Regiment von Riesenbombern und Giftwolken auch seinerseits oft mit blutigstem Gegenterror beantwortete und auf Waffenlieferungen der kommunistischen Großmaechte angewiesen war.

Lange Zeit hatte sich Hồ Chí Minh glaubwuerdig für einen breiten gesellschaftlichen Dialog eingesetzt. Sein Appell an Woodrow Wilson (Praesident 1913-1921), das urspruengliche US-Ideal der Selbstbestimmung aller Voelker in Versailles politisch zu vertreten, stiess auf taube Ohren. Seine erneute Anknuepfung an die Ideale eines Thomas Jefferson, nach US-Hilfen fuer den Việt Minh im Widerstand gegen Japan, blieb ebenso ohne jede Reaktion wie sechs persoenliche Briefe an Harry S. Truman (Praesident 1945-1953).

Für die Vietnampolitik der Vereinigten Staaten, die Hồ Chí Minh zutiefst als „antiamerikanisch“ empfand, wuerden sich hingegen die auf Besitzstandswahrung bedachten Vertreter unter den US-Verfassungsvaetern als das ausschlaggebende Erbe erweisen. Diese hatten, so Noam Chomsky, vor allem den Schutz der „Minderheit der Wohlhabenden vor der Mehrheit“ proklamiert und wuenschten sicherzustellen, dass das „Land von denen regiert wird, die es besitzen.“ Besser laesst sich auch das praktische Việt Nam-Programm der beteiligten US-Administrationen nicht auf den Punkt bringen. Aus diesem Grund blieben alle Versuche, den wirkungsvollen Sozialmodellen der im Volk verankerten Nationalen Befreiungsfront episodenhaft nachzueifern, bestenfalls kosmetische Plagiate.

Zwischen 1947 und 1954 hatte eine erneut entfachte antikommunistische Hysterie in den USA dazu gefuehrt, dass die Grundrechte vieler US-Buerger zunehmend ausser Kraft gesetzt wurden. Bezogen auf Suedostasien bewirken dann entsprechende Stereotypen, dass man schliesslich die Mehrheit eines ganzen Volkes zum Feind erklaert. Die offizielle US-Politik folgt ihrem Ziehkind Ngô Đình Diệm darin, die Nationale Befreiungsfront pauschal als „Việt Cộng“ (Vietnamesische Kommunisten) zu betrachten. Allein dieses Etikett freilich genuegt, um des Todes zu sein.

Ohne Zweifel sind die Kommunisten und ihr strategisches Volksfront-Konzept massgeblich fuer die Entwicklung von Việt Minh (1941) und FNL (1959/60). Doch ebenso steht es ausser Zweifel, dass der organisierte Widerstand nach dem Einsetzen des brutalen Terrorregimes durch die USA eine echte, an der Basis ausgesprochen autonome Volksbewegung ist.

Die Mặt Trận Giải Phóng Miền Nam Việt Nam (Front National de Libération), kurz FNL, entsteht aus zwanzig suedvietnamesischen Gruppierungen. Sie schließt vor allem große Teile der verfolgten buddhistischen Mehrheit ein und umfasst unter anderem auch buergerliche Katholiken, die nicht mit der vom Ausland installierten Machtelite sympathisieren. Sie ist volksnah organisiert und zunaechst nur kuemmerlich bewaffnet. Die Losung der angestrebten Landreform entspricht einem vietnamesischen Sprichwort: „Demjenigen soll das Land gehören, der zu jeder Jahreszeit die Erde zwischen seinen Händen reibt.“ An erster Stelle geht es der Bewegung nach einem Leitwort von „Onkel Hồ“ (Hò Chí Minh) darum, Menschen zu gewinnen. Richtschnur sind dabei die Alltagszusammenhaenge der Bauern in ihren Doerfern.

In einem Pentagon-Bericht ueber die Jahre 1956 bis 1959 heisst es: „Die meisten derjenigen, die zur Waffe griffen, waren Suedvietnamesen, und die Gruende, um derentwillen sie kaempften, wurden durchaus nicht in Nordvietnam erfunden.“

 

Eine „ehrenhafte“ Mission

Am Ende werden modernste Waffentechnologie und Bankkonten einer Supermacht das Nachsehen haben. Nirgendwo sonst in der Geschichte hat eine derart ueberlegene Streitmacht wie die in Việt Nam kaempfende US-Armee einen Krieg verloren.

Aus dem historischen Geschehen laesst sich erkennen, dass es auf Seiten des gesamtvietnamesischen Widerstands nicht nur Militaerhilfe aus der Sowjetunion und China sowie den Hồ-Chí-Minh-Pfad fuer Nachschub aus Nordvietnam gab, sondern auch intelligente politische Strategen.

In der politischen und militaerischen Szene US-Amerikas ist gleichzeitig ueber alle Jahre hinweg an entschlossenen Wild-West-Reden kein Mangel. Der aussenpolitisch unerfahrene US-Praesident Johnson moechte zunaechst, dass die suedvietnamesischen Generaele unter US-Anleitung „im Dschungel den Kommunisten das Fuerchten lehren.“ Doch dann erklaert er der Bevoelkerung, warum er gegen sein Wahlkampfversprechen von 1964 die „Bluete der amerikanischen Jugend“ in einen „Kampf gegen Hass und Zerstoerung“ nach Việt Nam schicken muss: „Es gibt niemand anderen ausser uns“, der diesen Job übernimmt! Johnson scheut vor der Entsendung von US-Bodentruppen nach Việt Nam nicht davor zurueck, seine „Anti-Appeasement-Politik“ mit der Befreiung Europas vom Faschismus zu vergleichen.

Allenthalben wird gebetsmuehlenartig proklamiert, die Freiheit West-Berlins und der ganzen freien Welt werde in Suedostasien verteidigt. Der US-Kardinal Spellmann glaubt 1966 gar, im faktischen Widerspruch zum Konzil der katholischen Weltkirche, Việt Nam sei ganz prinzipiell ein „Krieg fuer die Zivilisation“! Der Schauspieler Ronald Reagan, der am 27. Mai 1981 als Praesident den Vietnamkrieg eine „ehrenhafte Mission“ („a noble case“) nennen wird, verkuendet 1965 sein Rezept: „Wir sollten Nordvietnam den Krieg erklaeren. Dann koennten wir bis Mittag das ganze Land einebnen und waeren zum Abendessen wieder zu Hause.“

Luftwaffengeneral Curtis LeMay will „Việt Nam in die Steinzeit zurueckbomben“. General William Depuy wuenscht begleitend zur endlosen Truppenanforderung „mehr Bomben, mehr Granaten, mehr Napalm, bis der Gegner zusammenbricht“. 1967 ordert man den politisch unbedarften, jedoch unverdrossen siegesgewissen General Westmoreland vor den US-Kongress, um die Volksvertreter mit seinem Tunnellichtblick zu ermutigen: „Mit Unterstuetzung, Geduld und Entschlossenheit und weiterem Nachschub werden wir den kommunistischen Aggressor in Việt Nam besiegen!“ Seine im selben Jahr erlaeuterte Strategie: Er will darauf hin arbeiten, dass das Land in einem Mass ausblutet, „welches an eine nationale Katastrophe fuer Generationen grenzt“. Argumentativ kann ein US-Offizier die Einebnung von Ben Tre nach der blutigen Tet-Offensive der suedvietnamesischen FNL und der nordvietnamesischen Armee vom 31. Januar 1968 damit begruenden, man habe den Ort durch seine Zerstoerung gerettet!

 

Die neuen Namen des Todes: Rolling Thunder, Bodycount, Free-Fire-Zones und Phoenix

Zunaechst eskaliert der „chirurgische“ Luftkrieg der USA ab 1965 zu einem „Rollenden Donner“ (Rolling Thunder) der B52-Bomber. Diese koennen mit einer einzigen Ladung ein ganzes vietnamesisches Gebiet von etwa ein mal vier Kilometer in eine Kraterlandschaft ohne Leben verwandeln.

Die breite Palette der „Entlaubungschemikalien“ dient vordergruendig einem Krieg gegen die Natur, die den Befreiungskaempfern Unterschlupf und Tarnung gewaehrt. Hinzu kommen unter den Augen einer empoerten Weltoeffentlichkeit das erprobte Napalm und die breitflaechig zerplatzenden Splitterbomben, grossflaechige Massenmordmethoden also, die fuer die gleichzeitige und unterschiedslose Eliminierung vieler Menschen ersonnen worden sind.

Dennoch kostet eine einzelne „Feindestoetung“ den US-Steuerzahler im Jahr 1967 angeblich rund 400.000 Dollar. Im Mai 1967 erkennt der US-Verteidigungsminister McNamara: „Das Bild der groessten Supermacht der Welt, die woechentlich 1000 Zivilisten toetet oder schwer verwundet, um ein kleines, zurueckgebliebenes Land zum Einlenken zu zwingen fuer ein hoechst umstrittenes Ziel, ist kein schoenes.“

Mehr als die Haelfte der US-Buerger wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, warum die Armee ihres Landes in Việt Nam kaempft. In London umringen erzuernte Menschen die US-Botschaft. In Paris fallen Eier, Farben und Steine auf den US-Vizepraesidenten. Doch fuer Praesident Nixon ist es spaeter kein Problem, der Haesslichkeit des gigantischen Bombenkrieges schier jede Grenze zu oeffnen.

Den freien Himmel Indochinas verwandeln seit 1961 insgesamt 7,5 Millionen Tonnen Bomben der USA in eine Hoelle. Das ist die vierfache Menge der im ganzen Zweiten Weltkrieg auf Europa abgeworfenen Bomben!

Vietnamesische Zivilisten und Kaempfer verlegen ihr Leben, ihre Einrichtungen und sogar die Geburt ihrer Kinder deshalb unter die Erde. Mit einfachsten Mitteln bauen sie in einigen Regionen die bereits auf den ersten Indochinakrieg zurueckgehenden Tunnelsysteme zu einem Netz aus, das in der Menschheitsgeschichte wohl einmalig dasteht.

Klare Gebietsabgrenzungen – dort Feindesland, hier Freundesland – gibt es für die US-Truppen in Suedvietnam nicht. Deshalb sind auch herkoemmliche Begriffe für militaerische „Erfolge“ weithin unbrauchbar. Alternativ kommt es zu einem neuen Sprachkodex des Mordens und zu einer verbalen Militaerpädagogik des Killens, die der Verrohung einer ganzen Armee Vorschub leisten. Der Feind „Charlie“ lauert ueberall.

Die Losung des Dschungelkampfes lautet „Search and Destroy!“, suchen und dann killen. „Bodycount“ und „Killratio“ sind in den stolzen Militaerberichten die massgeblichen Parameter. Gemeint sind Leichenzaehlungen und das statistische Verhaeltnis der eigenen Opfer zu den getoeteten Vietnamesen. Dass die Gesamtzahl der Ausgeloeschten mitunter eine Verdoppelung der realen Zahlen der kaempfenden Gegner ergibt, fuehrt man spaeter auf Berechnungsfehler und nicht auf Zivilistenanteile zurueck.

In „Clearings“ wird das Land durchforstet, unter die Lupe genommen und gesaeubert. Territoriales Feindgebiet schafft man sich auch in Suedvietnam. Ganze Regionen mit einem hohen Anteil an Kaempfern und Sympathisanten der Befreiungsfront erhalten eine Evakuierungsvorwarnung, die das Voelkerrecht Vertreibung nennen wuerde. Anschliessend erklaert man sie zu „freekill areas“ oder „free fire zones“. In diesen Freiheitszonen des Todes darf auf alles geballert werden, was sich bewegt. Dort kann jeder heimkehrende Bomber seine restliche Ladung abwerfen.

Anfang 1967 wird zum Beispiel in der US-Operation CEDAR FALLS das so genannte „Eiserne Dreieck“ nahe Saigon mit Hilfe von B52-Bombern, 30.000 Soldaten, Planierraupen und chemischer Abschlussdesinfektion in eine von allem Leben befreite Landschaft verwandelt.

Nach der Uebernahme des Oberkommandos durch General Creighton Abrams durchkaemmen 1968 mobile Einsatzkommandos Doerfer und Reisfelder zur „Identifizierung und Ausmerzung“ von schwer auszumachenden Kaderleuten der FNL und ihres Umfelds. Das brutale Programm heisst PHOENIX, ist von der CIA entwickelt worden und fuehrt zur Exekution von Zehntausenden, die man als was auch immer zu identifizieren glaubt.

Nach all dieser offiziellen Kriegsfuehrung gegen Millionen Menschen empoert sich die Weltzivilisation aber doch vor allem darueber, dass einfache US-Soldaten den Leichen ihrer Opfer die Zaehne herausreissen oder die Ohren abschneiden und davon noch Fotos fuer Zuhause schiessen. Dergleichen war bereits aus dem Koreakrieg (1950-53) bekannt.

1969 kommt, hauptsaechlich aufgrund der Initiativen eines ehemaligen US-Soldaten, ein einzelnes Massaker, das eine US-Einheit eineinhalb Monate nach der Tet-Offensive 1968 im Dorf My Lai veruebt hatte, an die Oeffentlichkeit. Die Kritik am „Babykilling“ der eigenen Leute gibt dem Protest in den USA starken Rueckenwind.

Bis heute lenkt die mediale Fixierung auf das Massaker von My Lai, dem mehrere duzend aehnlicher Massaker zur Seite stehen, vom Gesamtausmass der US-Kriegsverbrechen und der Gewaltexzesse im Militaer ab. Die 20.000 Filmrollen, auf denen Kameramaenner der US-Army die „Arbeit“ der eigenen Leute in Việt Nam festgehalten haben, zeigen jedenfalls keine Kriegsfuehrung, die sich im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs auf „westliche Zivilisationsstandards“ berufen koennte.

 

„Bei Nacht sind alle Vietnamesen Feinde“

Insgesamt leisteten rund drei Millionen US-Amerikaner ab 1961 in Việt Nam Kriegsdienst, nach 1965 zumeist in Einsaetzen von einem Jahr. Der Altersdurchschnitt betrug etwa 19 Jahre. Auf dem Hoechststand im Maerz 1969 zaehlte die US-Army 543.000 Mann vor Ort. Von den Verpflichteten gehörten 80 Prozent der Unterschicht an. Sie kamen vorwiegend aus Großstadtgettos und armen Landgegenden.

Viele US-Soldaten waren entsetzt, dass sie gegen Frauen und Jugendliche kaempfen mussten. Der US-Veteran Smith erinnert sich an das Erleben des Krieges so: „… Zwei waren vielleicht nur zwei oder drei Fuß entfernt, als ich sie erschoss. Du erschiesst Leute im Wasser, und sie schauen dich an und haben keine Waffe. Du kannst ihnen in die Augen sehen, und du schiesst ihnen einfach in den Kopf. Das hat mir sehr weh getan, doch je laenger es dauerte, umso leichter wurde es.“

Das nebuloese Feindbild der US-Administrationen und leitenden Militaers uebertraegt sich auf die US-Soldaten, die niemand auf eine Kommunikation mit den Vietnamesen, ihrer Kultur und ihrer Religion (Buddhismus, konfuzianisch gepraegter Ahnenkult) vorbereitet. Sie koennen, wie US-Botschafter Taylor bereits 1965 befuerchtet hatte, zwischen unbeteiligten Bauern und FNL-Kaempfern einfach nicht unterscheiden. Sie fuehlen sich vor Ort ueberall in feindlichem Gebiet. Zumal bei Nacht, so ein ueberliefertes Zitat, sind alle Vietnamesen Feinde. „Die Nacht gehoert Charlie!“ Die rassistische Bezeichnung „Gook“ fuer Asiaten ist in der US-Army gaengig: „Wir nannten sie ja Schlitzaugen. Dadurch haben wir sie entmenschlicht. Man kann ja keine Menschen erschiessen.“

Verheerend wirkt sich die propagandistische Vorbereitung der US-Soldaten aus. Zu Hause hatte man ihnen ja erzaehlt, sie wuerden das Land gegen einen aeusseren kommunistischen Aggressor verteidigen. Enttaeuscht muessen sie jedoch feststellen, dass man sie vor Ort keineswegs sehr haeufig als Befreier willkommen heisst. Wie undankbar die asiatischen Menschen sind, denken viele. Sie wollen die Freiheit gar nicht. Moeglicherweise sind sie noch nicht zivilisiert genug fuer das hohe Ideal? Faktisch gehoert ja die Mehrheit der Bevoelkerung zu den potentiellen Sympathisanten des sogenannten Feindes. Wie soll man das alles verstehen? Ist die Opposition gegen die letztlich von Washington installierte Regierung in Sài Gòn vielleicht doch ein Buergerkrieg oder ein Unabhaengigkeitskrieg oder irgend etwas dazwischen?

Robert J. Lifton fasst die Perspektive der einfachen Soldaten so zusammen: „In Việt Nam fuehlten sich die meisten GIs an einen fremdartigen, weit entrueckten und ganz unheimlichen Ort versetzt. Nicht minder unbegreiflich erschienen ihnen die Vietnamesen und ihre Kultur. Die Gegend war nicht nur gefaehrlich und unergruendlich, sondern auch bar aller Landmarken, die Gefahren anzeigten oder halfen, den Feind zu orten. Der GI schwankte staendig zwischen tiefer innerer Verwirrung, Hilflosigkeit und panischer Angst.“

 

Arroganz und Luegen der US-Machtelite

Die Haltung von Demokraten und Republikaner unterschied sich waehrend des Indochina-Krieges in den 60er Jahren nur unwesentlich. Politiker wie der einsichtige Senator Fulbright, der 1966 sein Land bat, von der „Arroganz der Macht“ abzulassen, standen auf einsamem Posten. Eine wirkliche Alternative gab es für die Waehler der Vereinigten Staaten nicht. Für die Administration war es laengst selbstverstaendlich geworden, die Aussenpolitik am demokratischen Prozess der Gesellschaft vollstaendig vorbei zu lenken.

Zur Ermoeglichung ihrer Vietnamkriegsfuehrung haben die US-Praesidenten Kennedy, Johnson und Nixon sowohl den Kongress als auch die Bevoelkerung in den zentralsten Punkten getaeuscht und belogen.

Kennedy machte den wirklichen Charakter des Suedostasien-„Engagements“ nie oeffentlich. Johnson praesentierte mit dem Tonking-Zwischenfall einen nicht existenten Grund fuer seinen irreversiblen Eintritt in einen Bodenkrieg; vietnamesische Ziele der US-Bomber waehlte dieser Friedensrhetoriker hoechstpersoenlich aus.

Die Tet-Offensive von FNL und nordvietnamesischen Soldaten am 31. Januar 1968 schreckte trotz ihrer Misserfolge die US-Oeffentlichkeit auf, weil man diese bis dahin stets mit beruhigenden Desinformationen über die Staerke des Feindes versorgt hatte. Nixon, seit 1969 im Amt, gewann 1972 die Praesidentschaftswahl gegen den demokratischen Kriegsgegner George McGovern mit den Ertraegen seiner „Watergate“-Aktivitaeten und einer Neuauflage seiner „De-Amerikanisierung“. Der Krieg sollte „vietnamisiert“ und die US-Truppen zuegig abgezogen werden. Das fanden die meisten vernuenftig. Tatsaechlich hat Nixon als Kriegspraesident die ruecksichtsloseste Eskalation betrieben und unberechenbare „Verruecktheit“ gezielt als Strategie eingesetzt. Die Ausweitung des US-Krieges auf Kambodscha, hunderttausende Tonnen Bomben, eine Seeblockade, die Verminung des Hafen von Haiphong und weit mehr als zwei Drittel (!) aller toten US-Soldaten fallen in seine Amtszeiten! Vor seiner Kambodscha-Invasion, gegen die stereotyp beschworene Bedrohung der freien Welt, erklaerte er, „die maechtigste Nation der Welt“ koenne doch nicht laenger „wie ein bedauernswerter hilfloser Gigant“ handeln.

General Alexander Haig, auf seine Beteiligung am Weg nach Kambodscha und Laos „sehr stolz“, wuerde danach niemals verstehen, warum gewählte US-amerikanische Rechtsgelehrte „dies als kriminellen Akt einstufen konnten.“ Nixons Weihnachtsbombardement 1972 mit 3500 Flugeinsaetzen über Nordvietnam provozierte eine scharfe oeffentliche Abscheubekundung durch Papst Paul VI.

 

„Die schlafende Bestie des oeffentlichen Protestes“

Auf Seiten der Bevoelkerung der USA entwickelte sich ab 1964 langsam eine Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg, die schließlich in fast allen Laendern Verbuendete fand. Am Vietnamkrieg schieden sich die Geister. Vor allem studentische bzw. akademische Initiativen, Frauenbewegung, schwarze und weisse Buergerrechtler, Angehoerige der Soldaten, die Linke und Christen entfesselten „die schlafende Bestie des oeffentlichen Protestes“ (Henry Kissinger).

Der Nixon-besessenen christlichen Rechten standen Menschen wie die pazifistischen Katholiken Philip und Daniel Berrigan gegenüber. Auch nach seiner Ermordung am 4. April 1968 blieb der auf der ganzen Welt hoch geachtete Friedensnobelpreistraeger Pastor Martin Luther King eine Leitfigur der Bewegung, in der Rassismus im eigenen Land, soziales Elend und Krieg in der Ferne gleichermassen abgelehnt wurden.

1967 hatte M. L. King sich gegen den Rat vieler Freunde eindeutig positioniert:

„Ich wusste, dass ich nie mehr meine Stimme gegen die Gewalttaetigkeit der Unterdrueckten in den Schwarzenvierteln erheben konnte, wenn ich nicht zuerst klipp und klar mit dem groessten Gewaltlieferanten der gegenwaertigen Welt redete: mit meiner eigenen Regierung. … Der Krieg in Việt Nam ist lediglich ein Symptom einer weit tiefergehenden Krankheit, die im Geist Amerikas steckt. … Eine wahre Revolution der Werte wird Hand an die Weltordnung legen und vom Kriege sagen: >Diese Art, Meinungsverschiedenheiten zu bereinigen, ist nicht Recht.< Dieses Gewerbe, Menschen mit Napalm zu verbrennen, die Wohnhaeuser unseres Landes mit Witwen und Waisen zu fuellen, giftige Drogen des Hasses in die Adern sonst humaner Voelker einzuspritzen, Maenner koerperlich behindert und seelisch zerruettet von finsteren, blutigen Schlachtfeldern heimzuschicken, das kann nicht mit Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe in Einklang gebracht werden. Eine Nation, die Jahr um Jahr fortfaehrt, mehr Geld für militaerische Verteidigung als für soziale Aufbauprogramme auszugeben, naehert sich dem geistigen Untergang.“

Die Bewegung klagte die eigene Regierung wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ an. Viele Vietnamveteranen schlossen sich an und forderten: „Bringt unsere Brueder nach Hause!“ Sie fuehrten in blutigen Schauspielen am Capitol vor, zu welchen Taten man sie in Suedostasien angestiftet hatte, und warfen die Belohnungen des Militaers, Rangabzeichen und Kriegsorden, in den Schmutz. Musik- und Jugendszene, so das unglaubliche Woodstock-Festival 1969, verbreiteten die Botschaft gegen den Krieg.

Waren 1965 bei der ersten grossen Antikriegsdemonstration erst 25.000 Menschen beteiligt, so kamen im April 1967 in New York bereits 400.000 auf die Straße. Im Oktober 1967 forderte Martin Luther King beim Marsch auf Washington vor 100.000 Demonstranten ein Ende des Krieges. Im Oktober 1969 folgten rund zwei Millionen US-Amerikaner den Antikriegsaufrufen in 200 Staedten, und wiederum Millionen sangen im November nach Glockengelaeut in den Kirchen des Landes John Lennons Hymne „Give Peace a Chance“.

Stellvertretend für das nationalistische Wahngebilde der US-amerikanischen Rechten richtete Praesident Nixon am 3. November 1969 ein Wort an die Widersacher im eigenen Land, das richtungsweisend für die spaetere republikanische Aufarbeitung der Vietnam-Apokalypse bleiben sollte: „Nordvietnam kann die Vereinigten Staaten nicht demuetigen. Nur Amerikaner koennen das!“ Den Feind sah er innerhalb der eigenen Grenzen.

Im Mai 1970 erreichten 100.000 Leute um das abgeriegelte Weisse Haus, dass der Kongress Nixon keine Gelder für eine Invasion in Laos bewilligte.

Am 4. Mai hatten Nationalgardisten auf dem Campus der Kent State Universitaet in Ohio auf einer Demonstration gegen die Ausweitung des Krieges auf Kambodscha vier Studenten getoetet. Im ganzen Land solidarisierten sich die Universitaeten und gesellschaftliche Gruppen. Die Regierung war bloss gestellt, weil sie nicht nur geheimdienstliche Operationen, sondern auch Knueppel und toedliche Schusswaffen gegen Buergerinnen und Buerger einsetzte, die ihre Verfassungsrechte wahrzunehmen gedachten.

Bereits Praesident Johnson hatte die Antikriegsbewegung als blossen „Handlanger des Internationalen Kommunismus“ diffamieren wollen. Durch das FBI liess er Tausende von US-Buergern bespitzeln. Mittels einer eigenen FBI-Operation CHAOS sollte die Bewegung in sektiererische Konflikte verwickelt werden. Selbst vor der illegalen Einbeziehung des CIA schreckte Johnson nicht zurueck. Unter Nixon, dessen Amoralitaet vor allem durch evangelikale Grossveranstaltungen gedeckt wurde, weigerte sich die Bundespolizei spaeter, viele tausend Menschen verfassungswidrig zu kontrollieren.

Die Erfolge der Bewegung duerfen nie vergessen werden. Ende 1970 hielten fast 60 Prozent der US-Amerikaner den Krieg fuer unmoralisch und zwei Drittel zumindest fuer einen furchtbaren Fehler. Zu diesem Zeitpunkt fuehrte die Regierung im Musterland der Demokratie bereits laenger gegen den Willen der eigenen Bevoelkerungsmehrheit Krieg.

Ende der 60er Jahre schwenkten die im Sinne der Administration arbeitenden US-Medien für eine kurze Zeit um und praesentierten dabei Hoehepunkte des aufdeckenden Journalismus. Die Demokratische Partei konnte auf Dauer nicht laenger ihren kriegswilligen Fuehrern folgen. Sogar Robert Kennedy gehoerte schliesslich zu den ernsthaften Zweiflern und wurde vermutlich auch deshalb am 6. Juni 1968, zwei Monate nach Martin Luther King, ermordet.

Einzelne US-Buerger bewiesen ein starkes Rueckgrat: Daniel Ellsberg kopierte 1971 zusammen mit Anthony Russo die streng geheimen „Pentagon Papers“ ueber die wahren Hintergruende des Vietnamkrieges und veroeffentlichte sie in einem weiteren Akt des zivilen Ungehorsams.

Die Wehrpflicht wurde 1972 nach zeitweiliger Umwandlung in eine Lotterie ganz abgeschafft, und im Maerz 1973 verliessen bei anhaltender Kriegsfuehrung die letzten US-Soldaten den vietnamesischen Boden. Eine ganze Generation bereicherte die US-Gesellschaft mit ihren Einsichten und ihrer Widerstandskultur. Die Menschen der Erde hatten das Selbstverstaendliche auch verstanden, dass naemlich die den Vietnamkrieg fuehrende Administration und die Bevoelkerung der USA streng zu unterscheiden sind.

 

Resuemee des Schreckens und US-Unschuldswahn

Nach insgesamt dreissig Jahren Krieg erhielt ganz Việt Nam 1976 Einheit und Unabhaengigkeit, wie sie bereits 1954 so greifbar nahe gewesen waren.

Im Rueckblick erweist es sich, dass US-Administrationen faehig waren, das Leben von 58.167 zumeist sehr jungen US-Amerikanern fuer ein absurdes und verbrecherisches Unternehmen zu opfern, an dessen Finanzierung die Bundesrepublik Deutschland uebrigens erheblichen Anteil hatte.

Zwischen „1961 und 1975 fielen etwa zwei Millionen Vietnamesen dem Krieg zum Opfer, hinzu kamen 300.000 Vermisste. Mehrere hunderttausend Kambodschaner und Laoten verloren ebenfalls ihr Leben. Im Norden waren die sechs staedtischen Industriezentren sowie 4000 der 5800 landwirtschaftlichen Genossenschaften durch Luftangriffe schwer beschaedigt. Im Sueden hatten die Kriegsfuehrenden 9000 der rund 15.000 Doerfer zerstört, Millionen Hektar Land durch Minen, Bomben und Herbizide unbrauchbar gemacht. Riesige Waldgebiete waren durch Entlaubungsmittel und Pflanzengifte vernichtet. In Suedvietnam hinterließ der Krieg 900.000 Waisen, eine Million Witwen und 200.000 Prostituierte.“ (Marc Frey)

Mit diesen Zahlen ist nur ein Ausschnitt der Verwuestung des Landes, der oekologischen Langzeitschaeden und der, bis heute anhaltenden, menschlichen Leiden benannt. Zum grausamen Erbe der Nachgeborenen Việt Nams und der US-Veteranen gehoert das chemische US-Kampfmittel Agent Orange, an dessen Produktion der deutsche Bayer-Konzern mittelbar beteiligt war und dessen Masseneinsatz erst nach Jahren in vollem Umfang ans Licht kam.

Das Resuemee zur US-amerikanischen Vietnampolitik: Die Administrationen der USA haben 1949 bis 1954 gegen eine Unabhaengigkeitsbewegung, die sich unter anderem auf die Gruendungsurkunde der Vereinigten Staaten und auf die Bill of Rights berief, einen kolonialistischen Krieg unterstuetzt. Danach sabotierten sie die einzige aussichtsreiche Friedensperspektive, entfesselten unter der hartnaeckigen Behauptung „aeusserer Aggression“ die Gewaltspirale in einem Buergerkrieg, installierten menschenverachtende Regime, ruesteten die vom Volk nicht gedeckte Machtelite mit Massenmordwaffen von unvorstellbarem Ausmass aus, verwandelten die Reiskammer Việt Nam in ein Hungerhaus, fuehrten indirekt und direkt mindestens fuenfzehn Jahre lang Krieg gegen Menschen in Sued- und Nordvietnam und in Nachbarlaendern, bahnten den Weg zu unsaeglichem Leid in Kambodscha und Laos und entzogen sich schliesslich der durch Nixon zugesagten Nachkriegshilfe fuer Việt Nam, die mit vier Milliarden Dollar nicht einmal drei Prozent der US-Kriegskosten betragen haette.

Selbst ein ernsthaft bemuehter Christ wie Jimmy Carter konnte nach all dem als Praesident 1977 allen Ernstes verlauten lassen, die USA truegen angesichts wechselseitiger Zerstoerung weder Schuld noch Verantwortung gegenüber Việt Nam. Vor Bill Clinton verhinderten US-Praesidenten ohne jede Scham Kredite, Wirtschaftshilfe und Anerkennung internationaler Organisationen fuer Việt Nam, dessen Durchloecherung einstmals so kostspielig gewesen war, dass die Gold-Deckung der Dollarwaehrung nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte.

Auf dem vom Philosophen Bertram Russell und anderen initiierten Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Stockholm im Mai 1967 hatte der Franzose Jean-Paul Sartre den Massenmord an vietnamesischen Menschen sogar mit der Judenverfolgung der Nazis verglichen. Die Groesse des Unrechts provozierte also auch bei herausragenden Vertretern humanistischer Ideale Vergleiche, die kaum hilfreich sein konnten. Ohne Zweifel jedoch sind die verantwortlichen US-Machthaber und Militaers, darunter der „Friedensnobelpreistraeger“ Henry Kissinger, auf der Grundlage von UN-Charta und Voelkerrecht vor dem Forum der Zivilisationsgeschichte als prominente Kriegsverbrecher zu qualifizieren.

Für die Weltoeffentlichkeit stand spaetestens jetzt die Frage im Raum, ob der administrative Komplex des US-Systems ueberhaupt zu einer, von Rationalitaet und Respekt vor anderen Kulturkreisen getragenen, Weltfriedenspolitik faehig waere. In zwei Jahrzehnten hatten Millionen US-Amerikaner ohne ein Konzept von Kulturdialog und Voelkerverstaendigung in Suedostasien fuer US-Regierungen agiert, deren „Werthaltung“ sich faktisch in einem irrationalen Antikommunismus erschoepfte. Gegen US-Buerger, die im Protest gegen diesen Krieg ihre Buergerrechte wahrnahmen, setzte die Regierung illegale und auch toedliche Mittel ein.

Gleichwohl hinderte das spaetere Regierungen nicht an Militaer- bzw. Geheimdienstoperationen im Nahen Osten oder in Sued- und Mittelamerika, wo faschistische Regime direkte und verdeckte Stuetzung erhielten. Die Flagge des Antikommunismus wurde dabei auch mit dem Blut zahlreicher ermordeter Christen gefaerbt. Die prominenten Moerder und Diktatoren des amerikanischen Kontinents hatten fast ausnahmslos die beruechtigte „School of the Americas“ absolviert. Dem durch den CIA ermoeglichten Militaerputsch in Chile am 11. September 1973 folgte bis heute eine endlose Liste weiterer US-Interventionen in aller Welt. Fuer die Grundsteinlegung eines militanten Islamismus auf der gesamten Erdkugel ist in erster Linie die Afghanistan-„Politik“ der USA unter Praesident Jimmy Carter mitverantwortlich. Nach Ende des US-amerikanischen Suedostasien-Engagements hatte dessen Vorgaenger Gerald R. Ford erklaert, die USA haetten aus dem Vietnamkrieg gelernt. Wie soll man das im Licht der letzten drei Jahrzehnte verstehen?

 

„Von Anfang an ein amerikanischer Krieg“

Zum Abschluss meiner kleinen Serie ueber den Vietnamkrieg moechte ich Daniel Ellsberg zu Wort kommen lassen.
Daniel Ellsberg war derjenige, der die einstmals geheimen Pentagon Papiere an die Oeffentlichkeit und damit das ganze Luegengebaeude der diversen amerikanischen Regierungen ueber diesen Krieg zum Einsturz brachte. Nach der Veroeffentlichung der Pentagonpapiere engagierte sich Ellsberg weiterhin politisch. Er haelt bis heute weltweit Vortraege ueber aktuelle Ereignisse, etwa ueber das Vorgehen der US-Regierung im Irak, wofuer er von der Regierung Bush heftig kritisiert wird. Fuer sein kontinuierliches politisches Engagement erhielt er 2006 den Alternativen Nobelpreis.

Man muss beachten, dass diese Zeilen von Ellsberg im Jahre 1972 geschrieben wurden, als der Krieg noch in vollem Gange war.

Ich fuehre nun einige Punkte aus, die ich nach der Lektuere der Pentagon Papiere begriffen habe.
Es gab niemals einen ersten oder zweiten Indochinakrieg, auch keinen dritten. Es war ein einziger Krieg, der seit einem Vierteljahrhundert andauert. Es war eigentlich von Anfang an ein amerikanischer Krieg: ein Krieg der Vietnamesen – nicht von allen, aber es waren genug, um durchzuhalten – gegen die amerikanische Politik und Finanz, gegen die Bevollmaechtigten, die Techniker, die Feuerkraft und schliesslich gegen die Truppen und Piloten.

Die gaengige Kritik, wir haetten uns in etwas „eingemischt“, was in Wirklichkeit ein Buergerkrieg sei….ist genauso ein Mythos wie die fruehere offizielle Theorie der „Aggression aus dem Norden“. Ein Konflikt, in dem eine Armee gaenzlich vom Ausland finanziert und ausgeruestet wird einen „Buergerkrieg“ zu nennen, verschleiert nur die schmerzlichere Wahrheit: dass dieser Krieg letztendlich eine Aggression von aussen ist. Unsere Aggression.

Unser Verhalten hat von Anfang an gegen die UNO-Charta und alle Prinzipien der Selbstbestimmung verstossen…..und dieses Verbrechen dauert weiter an: eine voellig illegitime einseitige Intervention, – von der Mehrheit der anderen Nationen (Vietnam, Laos, Kambodscha; Anmerkung CathrinKa.) verzweifelt abgewehrt – , mit dem Ziel, darueber zu entscheiden, wer sie regieren soll, wie sie leben sollen und wer von ihnen sterben soll….

Ich selbst habe durch die Lektuere unserer offiziellen Dokumente, die Kenntnisnahme der Ursachen des Konflikts und unseres Eingreifens begriffen, dass unser Engagement – und das Toeten – jeglicher Legitimation entbehrt.

Spaetestens seit Ende der vierziger Jahre gab es wahrscheinlich kein Jahr, in dem die gewaltsamen politischen Auseinandersetzungen in Vietnam das Stadium eines Krieges erreicht haetten, wenn nicht der amerikanische Praesident, der Kongress und die amerikanischen Staatsbuerger ihn mit Geld, Waffen und schliesslich mit Soldaten geschuert haetten: zuerst durch die Franzosen, dann durch Marionettenregierungen und zum Schluss durch direktes Eingreifen.

(Zitat aus: Daniel Ellsber, Ich erklaere den Krieg, Vietnam – Der Mechanismus einer militaerischen Eskalation, Carl Hanser Verlag Muenchen 1973, Seite 34/35)

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