DKP
0

Die „ratlosen Ökonomen“ und die 1,7-Billionen-Dollar-Frage

Der Wirtschaftsredakteur der FAZ Patrik Bernau hat ein Problem, das es eigentlich nicht geben dürfte: „Die Unternehmen in Amerika bunkern mehr Geld als je zuvor: 1,7 Billionen Dollar.“ Allein Apple hat 146 Milliarden Dollar Flüssiges auf der hohen Kante. Klingt schlecht, ist aber noch schlechter. „Warum geben die Konzerne das Geld nicht aus?“, fragt sich verstört der FAZ-Mann. Vor dieser Frage stünden „Ökonomen weitgehend ratlos – auch in Deutschland“. Das dürfte wohl hinkommen. „Gerade in Deutschland“ wäre gegen die unterschwellige Arroganz zu präzisieren.

„Die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen.“ Kein Geringerer als der „Weltökonom“ Helmut Schmidt hatte 1974 die neoklassische Grundweisheit so knapp wie eingängig auf den Punkt gebracht. Und lag doch so offenkundig gründlich falsch, wie die ökonomische Elite bis heute. Schon 1803 hatte Jean Baptiste Say (sinngemäß) den Ersten Glaubenssatz aller Angebotstheoretiker formuliert: „Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst.“ Und Angebot und Nachfrage sorgen für „Markträumung“.

Says Kernannahmen sind: Optimale Waren- und Finanzkreisläufe, eine Sparquote nahe Null, ein idealer Markt. Nicht gerade das, was so den realen Kapitalismus auszeichnet. Je weiter sich dieser entwickelte, umso weniger. Ein Widerspruch, der Marktfetischisten wie Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek und Milton Friedman motiviert hat, sich in die heile Welt der widerspruchsfreien, elaboriert-mathematischer Modelle zu flüchten. Die 1947 von Hayek gegründete, betont anti-keynesianistische und selbstredend anti-sozialistische Mont Pelerin Society nimmt sich denn auch aus wie der weltabgeschiedene, zölibatär lebende Gelehrtenorden in Hermann Hesses „Glasperlenspiel“. Dieser sich als Wissenschaftselite verstehende, zwar der Perfektionierung der Wissenschaft und Künste verpflichtete, aber nach außen völlig sterile Wissenschaftlerzirkel pflegt als höchsten Ausdruck und Synthese seiner intellektuellen Bemühungen eine rituelle Übung, das Glasperlenspiel.

Ebensowenig hatten die Weisheiten der Mont Pelerin Society mit dem wirklichen Leben zu tun. Dafür bekam das wirkliche Leben aber umso mehr mit ihr zu tun. Says erster Glaubenssatz wurde natürlich auch auf die „Finanzmärkte“ ausgedehnt. Sparen, Konsumverzicht ermöglicht demnach Investitionen und der „Finanzmarkt“ die „optimale Ressourcenallokation“. Das Geldangebot strebt in einer idealen Welt schrankenlosen Kapitalverkehrs immer genau und restlos dahin, wo die Renditen am größten sind. (Und verschwindet noch schneller bei deren Abwesenheit, wie man in den diversen Krisen bestaunen konnte.) Das größte Glück der Menschheit lauert demnach genau da, wo dem „Investor“ die höchsten Profite winken. (Also Finanzderivate, Prostitution, Drogen- und Menschenhandel, Pharmaprodukte etc.)

Wie nun, außer bei den „ratlosen Ökonomen“, doch zunehmend zur Kenntnis gelangt, sieht die „Ressourcenallokation“ trotz freien Kapitalverkehrs im wirklichen Leben leider nicht ganz so optimal aus wie bei den Glasperlenspielern, der ohne rechte Begründung „Neoklassik“ genannten, heute marktbeherrschenden Öko-Scholastik. Steigerung der Profitrate 1974, Helmut Schmidt wurde gerade Bundeskanzler, stand die kapitalistische Welt am Abgrund einer Weltwirtschaftskrise und die kapitalistische Profitwirtschaft in der Kritik. Dass Millionen schuften sollten, um mit dem von ihnen erarbeiteten milliardenschweren Mehrwert die Taschen weniger zu füllen, stieß (noch) auf eine gewisse Reserviertheit. In Chile hatte der Schlächter Pinochet den Chicago-Boys daher ein großes Freiluft-Experiment gestattet. Die Welt stand vor dem großen „Enrichissez -vous“, der großen Bereicherung der Reichen durch die neoliberale Gegenreform, und der erste deutsche Gegenreformer hieß Helmut Schmidt.

Ist der Imperialismus machtpolitisch ein Konzept zur Raumbeherrschung und ökonomisch eines zum Import der globalen Reichtümer und Export der nationalen Widersprüche, so radikalisiert die neoliberale Variante vor allem die Konkurrenz. Vor allem die Konkurrenz im imperialistischen Wolfsrudel. Bislang hatte der Bretton-Woods-Korporatismus, unter der Herrschaft des Dollars die zerstörerische Seite der Macht der „Finanzmärkte“ in gewissen Grenzen gehalten, nun spätestens nach Thatchers „Big Bang“, 1986, geriet alles und jedes, auch die Staaten, unter das Verwertungsdiktat des Maximalprofits und unter den Einfluss der spekulativen Manöver des Finanzcasinos. Das ökonomische Großziel hieß also: Steigerung der Profitrate (in den Zentren). Auf der Erscheinungsebene dann unübersehbar durch den aus allen Nähten platzenden Reichtum weniger und die deprimierende Verarmung und Verelendung, den Zerfall und die Entzivilisierung bei der großen Masse.

Kohle ohne Ende – und was nun?

Die entscheidende Frage heißt aber nun: Wohin mit all der Kohle. Genauer: mit dem Kapital. Und das genau ist die große Frage des Kapitalismus überhaupt. „Das Mysterium (…) um dessen Lösung sich die ganze politische Ökonomie seit Adam Smith dreht“ (MEW 25/223). Das „Mysterium“, das Say und seine Adepten glauben aus der Welt postulieren zu können. Das entscheidende, von den „ratlosen Ökonomen“ gern ignorierte Problem: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Krupp und Krause. Während Krauses Lohn ziemlich komplett für die Reproduktion seiner Arbeitskraft draufgeht, folgt die (möglichst erweiterte) Reproduktion des Kruppschen Kapitals ganz anderen Normen und Zwängen. Zwar verlangt die Konkurrenz bei Strafe des Untergangs gebieterisch die maximale Kapitalakkumulation, gleichzeitig aber zieht der fragliche Profit in Zweifel, ob dies denn tatsächlich möglich sein wird. Kapital zu investieren ohne Aussicht auf Profit ist, siehe die 1,7 Bio. Dollar, Kapitalisten nicht nur ein Gräuel, sondern geradezu selbstmörderisch. Hier kommt nun Krause wieder ins Spiel. Sein Lohn ist es, auf die sich in letzter Instanz alle Aussicht auf Profit stützt. Irgendjemand muss das, was die hochproduktiven Fabriken an mehr oder weniger Zweifelhaftem auf den Markt werfen, am Ende tatsächlich kaufen wollen und auch bezahlen können.

Aus dieser Perspektive erscheint die Dialektik von Lohn und Produktion (Kapitalverwertung) – im Gegensatz zu Say – letztlich klar durch die Lohnentwicklung determiniert. Nun leben wir nicht mehr im Kapitalismus des Dampfmaschinenzeitalters. Die Theorie hat zusätzlich den Prozess der Modernisierung und Monopolisierung abzubilden. Er erscheint ökonomisch in der Akkumulation und Zentralisation des Kapitals und in der Veränderung seiner organischen Zusammensetzung. Also der jeweiligen Anteile des im Produktionsprozess angewandten Kapitals. Die Modernisierung der Produktionsmittel, so die These, lässt den Anteil der menschlichen Arbeitskraft, des variablen Kapitals, zugunsten des Anteils der Maschinerie, Anlagen, Gebäude, Hilfsprodukte etc., also des fixen Kapitals, immer mehr zurücktreten. Am Horizont erscheint die vollautomatisierte Fabrik.

Diese Verschiebung in der organischen Zusammensetzung des Kapitals schmälert aber tendenziell die Profitbasis. Maschinerie und Anlagen vermögen ihren Wert entlang ihrer Lebensdauer auf das Produkt zu übertragen, Wert über den eigenen hinaus, also Mehrwert zu schaffen vermögen sie – sofern das Wertgesetz gilt – nicht. Dies vermag nur die Arbeitskraft. Gerade ihr Anteil aber nimmt im Verlaufe der kapitalistischen Modernisierung in der Kapitalzusammensetzung immer mehr ab. So erzeugt die kapitalistische Modernisierung auf der einen Seite die Tendenz zu einer Erhöhung der Mehrwertrate wie auf der anderen Seite die eines Falls der Profitrate.

Überakkumulation – das Grundproblem des Kapitalismus

Zuerst einmal geht es der neoliberalen Gegenreform um die Verbilligung der Ware Arbeitskraft. Je billiger, umso größer der Profit. Wie die 1,7 Billionen Dollar deutlich machen, verschärft dies längerfristig aber die oben skizzierten Widersprüche. Ein relativ zur Produktivitätsentwicklung eher sinkender Reallohn drückt die absetzbaren Warenmasse immer weiter unter das Maximum des absolut Herstellbaren. In diesem Umfeld machen auch Neuinvestitionen in der Regel wenig Sinn. Die marktbeherrschenden Monopole haben den Markt eh unter sich aufgeteilt. Der Versuch einer strategischen Neuordnung ist zumeist nur bei grundlegenden Innovationen erfolgversprechend. Eine Lage, in der sowohl Produktion als auch Modernisierung eher stagnieren und das nicht verwertbare Kapital rasant zunimmt.

Die hier angedeutete Dialektik macht klar, dass die Entwicklung des Kapitalismus keinen linearen Verlauf haben kann. Die sich rasch aufbauenden Ungleichgewichte erzwingen, wenn sie zu groß werden, einen gewaltsamen Ausgleich. Das System gerät in die Krise. Die Produktion muss durch Stilllegungen, Bankrotte, Aufkäufe u. ä. an die Konsumfähigkeit angepasst werden. Es erhebt sich zwingend die existentielle Frage, wer wie und auf wessen Kosten überlebt.

Komplizierter ist es bei der Überakkumulation des Kapitals. Also seiner Aufhäufung über die Grenze der profitablen Verwertbarkeit hinweg. Die großen Krisen des Kapitalismus (1873 und folgende Jahre, 1929 und folgende sowie 2007 und folgende), ihre Tiefe und Dauer sowie die im Verlauf ihrer Überwindung ausgelösten strukturellen Umwälzungen (1890er Jahre: Imperialismus: 1930er Jahre: New Deal) vermitteln einen Eindruck vom Charakter der gegenwärtigen Lage. Überakkumulation betrifft die Klasse als Ganzes. Es offenbart sich ein Strukturproblem. Wie Marx meint, das Grundproblem des Kapitalismus überhaupt.

Natürlich gibt es keine klare, starre Grenze der profitablen Verwertbarkeit. Marx listet im Dritten Band des „Kapitals“ sechs „entgegenwirkende Ursachen“ auf, die den Fall der Profitrate eben zu einem „tendenziellen“ machen.

Eine „Ursache“ ist schon benannt: Die Verbilligung der Arbeitskraft, und somit die Erhöhung des Ausbeutungsgrades, also der Mehrwertrate. Von aktueller Bedeutung scheinen aber die Punkte fünf und sechs: Der auswärtige Handel und die Zunahme des Aktienkapitals. Marx dürfte hiermit die beiden entscheidenden Formen imperialistischen Widerspruchsexportes berührt haben. Das merkantilistische Abschöpfen der Kaufkraft des Auslands durch Waren- (und Kapital-)Exportüberschüsse. Und die Errichtung eines innovativen Investitionsparadieses, des Finanzcasinos, in dem reales Kapital sich in fiktives, also, und das ist von zentraler Bedeutung, blasenfähiges verwandelt, und umgekehrt. Und in dem, wie im realen Casino, die Gewinne des einen die Verluste des anderen sind.

Überakkumulation und Neoliberalismus

Anfang der 1970er Jahre war der Nachkriegsboom an sein Ende gekommen. Die Profitraten fielen. Der Vietnamkrieg brachte die Verwertungsprobleme an den Tag. Bretton Woods zerbrach. Seit Reagans und Thatchers neoliberaler Gegenreform hat das Finanzcasino immense, rapide wachsende Mengen überschüssigen Kapitals absorbiert. In Dimensionen, die die globale Realwirtschaft bei weitem in den Schatten stellen. Dazu erlaubte die von IWF und Weltbank gestützte kapitalistisch-neokoloniale Durchdringung der „Dritten Welt“ den zunehmenden Waren- und Kapitalexport.

Und nach 1989 war es natürlich das große „Go East“, das eine wahre Goldgräberstimmung auslöste. Ein Drittel des Globus war der Kapitalverwertung, der normalen kapitalistischen Ausbeutung zurückerobert worden. Das Überakkumulationsproblem war 30 Jahre unsichtbar. 2007 fand dieser zuletzt von raschen Krisenanfällen durchschüttelte Rausch im Kollaps der Immobilienblasen sein Ende. Die marktgläubigen Allmachtsphantasien zerbröselten unter den billionenschweren Rettungsprogrammen der Regierungen und Zentralbanken. Millionen verloren ihre Arbeit, ihre Existenz, ihr Zuhause. Seither wird das Finanzcasino mit hunderten Milliarden gestützt.

Die Vermögenswerte, das fiktive Kapital, notieren bereits wieder auf neuen Allzeithochs. Wie jede Blase braucht auch die jetzige den permanenten Zustrom von Fresh Money, von „frischem“ Geld, um nicht zu kollabieren. Das Casino hängt an den Zentralbank-Milliarden wie ein Junkie an der Nadel. Diese extreme Aufblähung des Kapitals, real wie fiktiv, einerseits, und andererseits die mit dem „Quantitative Easing“ der Zentralbanken beabsichtigte und erreichte Absenkung des Zinsniveaus verschärfen das Verwertungsproblem zusätzlich. Weite, bislang relativ sichere Anlagefelder wurden völlig unattraktiv. Das realwirtschaftliche Verwertungsproblem erstreckt sich nun auch auf Anleihen u. ä. Es kostet mittlerweile Geld, sein Geld sicher zu parken. Von einer sicheren, substanzsichernden Anlage gar nicht zu reden. Das Überakkumulationsproblem der großen Krise diffundiert mittlerweile bis zu den Lebensversicherungen.

Der untaugliche Kapitalismus und die „toten Hunde“ Marx und Keynes

Wenn die US-Unternehmen für ihre 1,7 Bio. Dollar keine bessere Verwendung haben, als sie irgendwo in der Finanzindustrie zu parken, so zeigt das zumindest sechserlei. Erstens, dass die US-Konzerne im Gegensatz zu den Millionen betrogener US-Bürgern, bislang gut durch die Krise gekommen sind. Zweitens, dass die Löhne zu gering sind. Drittens, dass auch die Steuern zu niedrig sind. Viertens, dass der Versuch der Notenbanken, mit billigem Geld die Ökonomie anzuschieben, komplett sinnlos ist. Und fünftens die Dramatik, zu der sich das Überakkumulationsproblem, selbst bei einem wieder voll hochgefahrenen Finanzcasino, bereits entwickelt hat. Und zum Sechsten, wie wenig der ganz reale Kapitalismus, selbst bei vollen Geldsäcken, zur Lösung der Probleme der Menschheit taugt. Allein in den USA leben 50 Millionen Menschen von Lebensmittelgutscheinen. Die Infrastruktur zerfällt ebenso wie die Gesellschaft. Jeder Sechste lebt in Armut, 2,4 Millionen im Knast. Bedarf ohne Ende, Geld ohne Ende – und was passiert? In Richtung Helmut Schmidt wäre zu sagen: Die Gewinne von heute sind die Spekulationen von morgen und fordern die Rettungsbillionen von übermorgen.

Die hier angedeuteten Überlegungen sind natürlich sehr viel eleganter und umfassender im Dritten Band des „Kapitals“ nachzulesen. Aber man muss kein Marxist sein, um gegen Say & Co. Einspruch zu erheben. 1936, unter dem Eindruck der Großen Depression, veröffentlichte John Maynard Keynes, als späterer Baron Keynes of Tilton und Mitglied des House of Lords umstürzlerischer Umtriebe unverdächtig, seine „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes.“ Hierin bestreitet Keynes die Gültigkeit des Sayschen Theorems und auch er bestimmt Produktion und Beschäftigung als durch die Nachfrage begrenzt. (Ohne allerdings die spezifische Dialektik der kapitalistischen Produktionsweise für seine strukturelle Nachfragelücke verantwortlich zu machen.) Und Keynes bestreitet auch ebenso das von Helmut Schmidt popularisierte „neoklassische“ Kapitalmarkttheorem als einen Trugschluss der Verallgemeinerung. Hohe Gewinne, hohe Ersparnisse, letztlich
der Konsumverzicht erhöhen keineswegs prinzipiell die Investitionen, sondern können zur Nachfragesenkung und damit zu einem Rückgang der Investitionen führen. Natürlich ist Lord Keynes für die heutigen „ratlosen Ökonomen“ beinahe ebenso ein „toter Hund“ wie Karl Marx.

Die Große Krise hätte es nach herrschender Lehre genauso wenig geben dürfen wie die 1,7 Billionen Dollar auf der hohen Kante. Aber, was soll’s? Ihr intellektueller Offenbarungseid hindert die herrschende Öko-Scholastik ebenso wenig wie die spätmittelalterliche daran ihr Glasperlenspiel weiter zu spielen. „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“ (MEW 3/46). Und da darf zwei mal zwei auch schon mal fünf sein. Karl Marx war schon ein kluger Mann.

Aus UZ, Zeitung der DKP, Nr. 22/2015

Autor

Klaus Wagener

22. Parteitag

22. Parteitag

Der Leitantrag zum 22. Parteitag: "Die Offensive des Monopolkapitals stoppen."

Nächste Termine

Neueste Beiträge