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Von Wang Hairong, Beijing Rundschau

Ein modernes Zentrum in Beijing hilft autistischen Kindern sich in die Gesellschaft zu integrieren.

Eine große Familie: Lehrer des Wucailu Center for Children With Autism im September 2014. (Foto: Wucailu)

Ideenaustausch: Lehrer des Wucailu Zentrums beim Training gemeinsam mit Studenten des New Yorker Queens College (Foto: Wucailu)

Sun Menglin, Gründerin von Wucailu bei einer Präsentation in den USA am 29. Mai 2013 (Foto: Wucailu)

Die Gänge des Wucailu Zentrums für Kinder mit Autismus in Gaobeidian, sehen aus wie in jedem anderem Kindergarten oder jeder anderen Schule auch: Korridore mit Stuhlreihen für Eltern und Großeltern, die geduldig darauf warten, dass die wichtigsten Leute in ihrem Leben endlich Feierabend haben.  Im Inneren der großzügigen Räume, die in sind kleinere Abteilungen unterteilt sind, bekommen autistische Kinder von drei bis sechs Jahren, Einzelbetreuung von ihren Lehrerinnen, die in der Tat meistens junge Frauen sind.

Der vierjährige Junge Xiao Qiang ist eines dieser Kinder. Er sitzt seiner Lehrerin gegenüber, aber scheint durch sie hindurchzusehen. Wenn sie ihn bittet, kurz aufzustehen, reagiert er nicht. Daraufhin greift sie ihm unter die Arme und hebt ihn auf seine Füße während sie die Bitte wiederholt. In einem anderen Klassenzimmer nehmen fünf Kinder an einer Gruppenübung teil. Vier der Kinder ziehen konzentriert Perlen auf oder spielen mit Bauklötzchen, doch eines der Kinder ist unruhig. Er springt immer wieder auf, wandert im Klassenzimmer herum und rudert mit den Armen und Beinen.

Der vierjährige Xiao Tong ist das einzige Kind im Haus, das die Besucher mit einem Lächeln begrüßt. „Sag ‚Hallo‘ zur Tante!“, fordert ihn die Lehrerin auf. „Hallo Tante!“, antwortet er winkend. Es ist kaum zu glauben, dass so ein fröhliches Kind autistisch ist. „Er wird schon einige Zeit im Zentrum behandelt und er hat große Fortschritte gemacht“, sagt sein Lehrer, Herr Wang, der seinen vollen Namen nicht veröffentlich sehen will.

Autistische Kinder zeigen ein breites Spektrum unterschiedlichster Symptome – einige sind nicht in der Lage zu sprechen, während andere im Austausch mit anderen Menschen in einem rigiden und repetitiven Verhaltensmuster gefangen sind.

Autismus verstehen

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die sich durch Schwierigkeiten bei sozialer Interaktion und Kommunikation zeigt. Betroffene Kinder wiederholen oft einzelne Verhaltensweisen oder haben ein sehr enges Spektrum an Interessen.

Die Diagnosekriterien für Autismus wurden 2013 in der 5. Ausgabe des „Diagnostischem und Statistischen Manual psychischer Störungen“ der American Psychiatric Association neudefiniert und umfassen nun die früheren Kriterien von Autismus, sowie das Asperger-Syndrom und die „pervasive Entwicklungsstörung, ohne nähere Spezifizierung (PDD NOS)“.

In China gab es noch keine landesweite epidemiologische Untersuchung über Autismus. Schätzungen, basierend auf den Raten anderer Länder, ist von über 10 Millionen Menschen mit Autismus auszugehen. Davon sind 2 Millionen Kinder unter 14 Jahren, sagt Sun Menglin, die Gründerin von Wucailu. Sun nannte diese Zahlen bei einer Rede am Welt-Autismus-Tag am 2. April, der seit 2008 stattfindet. Sun erläuterte dabei die frühen Erkennungszeichen der Krankheit, wie mangelnder Blickkontakt, keine Reaktion auf den eigenen Namen, kein Lächeln oder keine Reaktion auf ein solches. Sie fordert Eltern zu Achtsamkeit auf und dass sie bei Zweifeln ihre Kinder so früh als möglich untersuchen zu lassen.

Nach Daten des U.S. Center for Disease Control, war die Verbreitungsrate 1975 bei 1/5000 und 2014 schon bei 1/68. Experten sind aber der Ansicht, dass dies nicht an einem Anstieg der Krankheit an sich liege, sondern an Verbesserungen bei der Diagnose. Sun erklärte auch, dass Jungen vier bis fünfmal häufiger betroffen wären als Mädchen.

Die ersten vier Autismus-Fälle Chinas wurden 1982 von Tao Gutai aufgezeichnet, einem Professor am Neurologischen Spital in Nanjing. Die erste Non-Profit Organisation für Autismus wurde 1993 von Tian Huiping, der Mutter eines autistischen Sohnes, eröffnet. Laut einer Studie der China Disabled Persons‘ Federation sind mehr als 90% der über 700 Institutionen, die Training für autistische Kinder anbieten, von Eltern autistischer Kinder gegründet. Die übrigen 10% gehören zu Krankenhäusern und Regierungsstellen.

Bislang gibt es nicht mehr als 100 Ärzte die zuverlässig die Diagnose Autismus stellen können, wodurch viele Kinder die Chance auf frühkindliche Behandlung verlieren würden, sagt Herr Wang von Wucailu.

 

Autistische Kinder im Vorschulalter lernen chinesische Schriftzeichen in Wucailu (Foto: Wucailu)

Ein Kind beim Einzeltraining in Wucailu (Foto: Wucailu)

Personalisierte Hilfe

Wucailu wurde 2004 in Beijing gegründet, ein Jahr nachdem sie bei ihrer Freiwilligenarbeit im Peking University Sixth Hospital das erste Mal mit autistischen Kindern in Kontakt gekommen war. Sie hatte beschlossen ihnen zu helfen.

Seit der Gründung hat Wucalilu über 3500 Kinder behandelt, von denen die meisten ihre sozialen Fähigkeiten verbessern konnten, sagt Frau Sun. Zusätzlich bietet das Zentrum kostenloses Training und Beratung für Betreuungspersonen an. Für sie wurden über 300 Trainingseinheiten in den letzten 10 Jahren angeboten, und jede von ihnen war im Schnitt von 70 Personen besucht. Gegenwärtig hat Wucailu vier Niederlassungen in Beijing und kann 400 autistische Kinder unterbringen. Es ist zu einer der größten Trainingsinstitutionen dieser Art in China geworden.

Lele kam im Frühling 2008 im Alter von sechs Jahren, nach dem Besuch des regulären Kindergartens, nach Wucailu. Damals konnte sie schon die Aussprache anderer nachahmen, sich aber nicht selbstständig klar artikulieren. Mit diesen Kommunikationsschwierigkeiten sprach sie meistens einfach gar nicht. Bei den Übungen fand die Lehrerin heraus, dass Leles visuelle Fähigkeiten viel besser als ihre sprachlichen waren. Die Lehrerin ließ sie sodann mit Bildern sprechen und brachte ihr bei, chinesische Schriftzeichen zu erkennen. Lele durfte Kärtchen verwenden, um Fragen zu beantworten. Sie lernte auch den Computer zu benutzen, eine Fähigkeit die im digitalen Zeitalter für die Integration in die Gesellschaft sehr wichtig ist. Computerspiele und das texten kurzer Nachrichten hat sie sich selbst beigebracht.

Kontinuierlicher Fortschritt

Mehr als 30 Prozent der Lehrer in Wucailu haben einen Bachelor oder Masterabschluss in Heilpädagogik, Psychologie oder Frühkindlicher Erziehung und die übrigen haben eine passende Berufsausbildung, betonte Sun.

Viele Lehrer sind so wie Li Xinshu mit dem Zentrum gewachsen. Als sie ihre Arbeit im Zentrum 2005 aufnahm, hatte sie keine heilpädagogische Ausbildung, diese bekam sie bei der Arbeit. Aufgrund ihrer herausragenden Leistungen und Koordinationsfähigkeiten wurde sie mittlerweile zur stellvertretenden Leiterin von Wucailu befördert.

2005 hat Sun bei einem internationalen Symposium den israelischen Experten Eitan Eldar kennengelernt. Er ist der Vorsitzende der Israelischen Vereinigung für Verhaltensanalyse und hat mehr als 30 Jahre Erfahrung bei der Behandlung von autistischen Kindern. 2006 begann er auf Einladung Suns als Berater für Wucailu zu arbeiten und hat viele der chinesischen Ausbilder trainiert.

Über die Jahre hat Sun Autismusexperten nicht nur von chinesischen Universitäten und Krankenhäusern sondern auch aus Australien, Kanada, Japan, Großbritannien, den USA, der Schweiz und Norwegen eingeladen ihre Expertise mit Wucailus Lehrern zu teilen. Das Zentrum hat Partnerschaften mit dem Heilpädagogischen Programmen des New Yorker Queens College, der Universität Oslo und der Beijing Normal University aufgebaut. Professoren und Studenten dieser Universitäten besuchen regelmäßig Wucailu und bringen theoretische und praktische Unterstützung.

Das Zentrum ist kontinuierlich dabei seine Methoden zu verbessern. Heute betont es die Wichtigkeit von Integrationsunterricht, bei dem autistische Kinder, mit Begleitung von Lehrern des Zentrums, in regulären Klassen unterrichtet werden.

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