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Nachdenken des evangelischen Christen Emil Fuchs in Leipzig

emil-fuchsEmil Fuchs (1874-1971) hat in seinen Erinnerungen dargestellt, wie ihn der Weg vom Studium der Theologie in Gießen über eine Pfarre in hessischen Rüsselsheim und Eisenach und über die deutsche Quäkergemeinde hin führte zur Sozialistischen Partei Deutschlands, deren Mitglied er 1921 geworden ist. (1) 1930 war Fuchs Professor der Religionswissenschaft an der Pädagogischen Akademie in Kiel, 1933 wurde er von den Nazis entlassen und verhaftet. Vielen Schikanen ausgesetzt konnte er sich 1943 mit seinem Enkel Klaus Fuchs-Kittowski (*1934) ins Montafon zurückziehen, von wo aus er nach Kriegsende nach Deutschland zurückgekehrt ist. 1949 entschied sich Emil Fuchs mit der Annahme einer Berufung als Professor der systematischen Theologie und Religionssoziologie an die Universität Leipzig dem Aufbau einer neuen, friedlichen und sozialistischen deutschen Gesellschaft eine christlich intellektuelle Stimme zu geben. So wie Fuchs folgte beispielsweise auch der katholische Theologe und Historiker Eduard Winter (1896-1982) dem „Roten Stern“, indem er einen Ruf nach Halle annnahm. (2) Emil Fuchs hat den Dialog zwischen Christentum und Marxismus als fruchtbar angesehen und sich daran initiativ beteiligt. (3) Die Marxisten der DDR hörten ihm zu, weil im Unterschied zu so vielen Kirchenleuten kein Widerspruch zwischen seinen Worten und seinen Taten bestand.

Emil Fuchs hat nach den Ungarnereignissen dem in Vésenaz bei Genf wohnenden, von Leonhard Ragaz (1868-1945) (4) inspirierten Journalist Hugo Kramer (1890-1969) am 21. Dezember 1956 einen langen Brief geschrieben. Kramer war eine Persönlichkeit des schweizerischen religiösen Sozialismus rund um die seit 1906 publizierte Monatszeitschrift Neue Wege. (5) Ragaz hat dieses in christlichen Kreisen gelesene Organ als Stimme für den Frieden und gegen den Krieg, als Stimme für die unterdrückte und gegen die herrschende Klasse profiliert. (6) In dieser Tradition stand Kramer, der seit 1948 die von ihm mit begründete schweizerische Zeitschrift Zeitdienst geleitet hat. Zu Kramers 70. Geburtstag hat der bedeutende europäische Marxist Konrad Farner (1903-1974) (7) geschrieben, er sei wohl nicht immer mit seinen politischen Ansichten und Kommentaren einverstanden, was er aber besonders an ihm schätze, das sei sein unentwegt Christliches Sein als Sozialist: „Wie selten ist doch eine solche Haltung inmitten unserer Welt der billigen Kompromisse, des Mitlaufens und Anpassens, der hysterischen Hetze und erst noch der zahllosen heuchlerischen und verlogenen Schlagworte“. (8)

In Ungarn hatten sich im Herbst 1956 die reaktionären Kräfte mit den kriegstreibenden Imperialisten des Westens verbündet und die im Lande herrschenden Widersprüche zugespitzt. Der von langer Hand vorbereitete konterrevolutionäre Aufstand, der vom weißen Terror begleitet war, wurde durch die mit der Regierung János Kádár (1912-1989) neu organisierten ungarischen revolutionären Streitkräfte gemeinsam mit sowjetische Truppen Anfang November 1956 niedergeschlagen. Selbst im fernen China hat Mao Zedong (1893-1976) versucht, aus diesen Ereignissen Lehren zu ziehen. (9) Naturgemäß hat auch der Imperialismus aus dem ungarischen Szenario gelernt wie nicht zuletzt die Vorgänge in der Ukraine deutlich machen. In den westlichen Ländern überboten sich Ende 1956/Anfang 1957 die Medien im Antikommunismus und Antisowjetismus. In der Schweiz wurde selbst die ansonsten vornehm tuende Neue Zürcher Zeitung zum Hetzblatt. Konrad Farner, aus alter Zürcher Familie mit eigenem Wappen stammend, galt nicht mehr als „Schweizer“ und musste im November 1956 nach seiner Rückkehr aus Berlin, wo er am 31. Oktober 1956 im Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm auf Wunsch von Helene Weigel (1900-1971) eine Abdankungsrede für Bertolt Brecht (1898-1956) gehalten hat, mit seiner Familie fluchtartig sein Heim verlassen. Die NZZ hatte Namen und Adresse von Farner in Thalwil (bei Zürich) veröffentlicht und zum Pogrom aufgerufen. Eine Folge der Ungarnereignisse war, dass in den westlichen Ländern sich viele intellektuellen „Wegbegleiter“ des Kommunismus von der nach 1945 sie noch beeindruckenden Idee des Kommunismus verabschiedet haben.

Der Christ Emil Fuchs stellt die von Wladimir I. Lenin (1870-1924) in scheinbar komplizierten Situation wiederholt gestellte Frage Wer – wen? (10) Es sind ihm die vielen und schier unüberwindlichen Probleme des Aufbaus in den sozialistischen Ländern nach dem antibolschewistischen Kreuzzug der Deutschen Wehrmacht bewusst. Diese Probleme sind ihm nicht losgelöst vom Kontext des Kalten Krieges mit seiner Rollback-Politik des Imperialismus. Der Klassenkampf ist Fuchs im Einklang mit der christlichen Ethik, weil ihm die dialektische Kausalbeziehung zwischen Reichtum und Armut offenkundig ist. Konkret sieht Fuchs die Bundesrepublik Deutschland mit Konrad Adenauer (1876-1967) und dem wieder zu Herren gewordenen Nazigesindel als unmittelbare Gefahr für den Frieden. Mit der Manipulation der Menschen durch banalen Konsumismus und durch moralische Degradation in der BRD kann er gar nichts anfangen. Fuchs nennt die sowjetfeindliche Politik der Labour Party mit dem Arbeiterverräter Ernest Bevin (1881-1951) und die Unterwanderung der sozialistischen Länder mit Agenten des Imperialismus, auch wenn diese sich als Verteidiger des christlichen Abendlandes tarnten, war ihm offenkundig. Zu den antikommunistischen Agenten gehörten in der DDR auch, wie Emil Fuchs am 21. März 1957 an Kramer schreibt, „unsere Kirchenmänner mit ihren Verbindungen nach dem Westen“. (11)

Fuchs spricht konkret die Bedeutung der Führungskader beim Aufbau der neuen sozialistischen Gesellschaft an, wenn er dem Bemühen der Regierung der DDR mit Walter Ulbricht (1893-1973) Respekt zollt, auf die neue Regierung in Polen mit Władysław Gomulka (1905-1982) große Hoffnung setzt und die offenkundige Entartung beim Aufbau des Sozialismus unter der Regierung Mátyás Rákosi (1892-1971) mit verantwortlich machte für die Situation in Ungarn. Auf den Rechtsopportunismus von Imre Nagy (1896-1958), der früher als ein disziplinierter Kommunist eingeschätzt worden ist, (12) ist Fuchs nichts zu sprechen gekommen. Er nimmt auch nicht Bezug auf die fatale Rolle der katholischen Kirche mit ihrem Kardinal József Mindszenty (1892-1975), der als geistiger Führer der Gegenrevolution an die Installierung von Otto von Habsburg (1912-2011), dessen Herzerl 2011 in der Erzabtei Pannonhalma südlich von Györ bestattet ist, gedacht hat. (13)

Weniger bekannt war, dass der im schweizerischen Freiburg an der Universität tätige polnische Dominikaner Joseph Maria Bocheński (1902-1995) Adenauer beraten und ihm das gewünschte Gutachten zur Feststellung der Verfassungswidrigkeit der Kommunistischen Partei Deutschlands geliefert hat. (14) Władyław Bartoszewski (1922-2015) sammelte später an westdeutschen Universitäten mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung die polnische Reaktion. (15) Der Antikommunismus als politische Waffe der reaktionärsten Kräfte der deutschen Bourgeoisie fand und findet in Kirchenkreisen immer wieder willige Handlanger. Heute singt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Heinrich Bedford-Strohm in der FAZ wieder dasselbe Lied, wenn er behauptet, die Menschen in Ostdeutschland hätten 40 Jahre lang auf die 1945 der Bundesrepublik geschenkte Freiheit warten müssen. (16) Und der deutsch/deutsche Pastor Joachim Gauck (*1940) propagiert seine Beteiligung an Deutschlands Wende hin zum wieder Kriege führenden europäischen Hegemon als „Glück“ des Jahres 1989. (17) Beide deutschen Pastoren geben zum Unterschied von Fuchs nicht das Zeugnis ihres christlichen Glaubens, sie geben vielmehr das Zeugnis der Götzen des Imperialismus, indem sie die Ursachen von Krieg und Unterdrückung verhüllen und als eitle Repräsentanten den Applaus der „Zivilisation des Reichtums“ suchen. (18) Eben solchen deutschen Figuren wird Stefan Hermlin (1915-1997) nach seiner Rückkehr aus der Emigration in Westdeutschland begegnet sein, wenn er 1947 im Resümee darüber aus Frankfurt a. M. seinem Freund Farner schreibt: „Erst wenn man sie sieht, hört, mit ihnen leben muss, sieht mans allmählich ein – sie sind bis ins Mark verdorben, und ausgerechnet dieses mittelmässig begabte, moralisch unsaubere, auf so entsetzliche Art im Durchschnitt tüchtige Volk fühlte sich als Herrenrasse (Millionen fühlen auch heute noch so)“. (19)

Von solchen Gedanken angeleitet schreibt Emil Fuchs, der mit der Sowjetunion den Neuanfang der Menschheit verknüpft, also an Hugo Kramer: (20)

„Lieber und sehr verehrter Freund Hugo Kramer!
Haben Sie Dank für Ihren Brief, der mich sehr erschüttert hat. Anfangen will ich mit dem, was die Lage der Menschheit betrifft: Wir sind ein Häuflein, das sich beauftragt fühlt Frieden zu schaffen und dem Geiste der Gewalt, des Machtbegehrens und der Habsucht entgegenzustehen, wo wir auch immer sind und wirken können oder müssen.
Wir haben aber zu wirken in einer Menschheit, deren Massen und führenden Schichten glauben, das Mittel der Gewalt, sei es zum Schutze, sei es zum Erreichen „berechtigter“ Ansprüche anwenden zu dürfen, ja zu müssen. Der Kommunismus in seiner marxistischen Form teilt mit uns die Überzeugung, daß Gewalt des Menschen unwürdig ist, glaubt aber gleichzeitig, daß dieser Glaube erst verwirklicht werden könne, wenn die Umwandlung der Gesellschaftsordnung erreicht ist, die den von dort ausgehenden Zwang zu Gewaltübung unnötig macht.
So ist die kommunistische Welt auf dem Wege der Gewalt geboren und hat dies Schicksal weiter zu tragen auch da, wo sie nun daran arbeitet, es zu überwinden. Aber sie läßt keinen Zweifel darüber, daß sie gewillt ist, ihr Dasein mit jedem Mittel der Gewalt zu verteidigen.
Welche Seite in dem gewaltigen Kampfe wir für die richtigere halten, wir haben es mit auf uns zu nehmen, daß die, die wir dabei als Bundesgenossen haben, bereit sind am entscheidenden Punkt Gewalt einzusetzen. Können wir aber mit Menschen zusammenarbeiten, seien sie sog. Christen oder Materialisten, die auch an Gewalt zu appellieren ev. bereit sind?
Diese Menschen haben ja nun neben ihrer Haltung dieser Frage gegenüber noch andere Dinge, die sie zu tun haben. Ich für meinen Teil bin nach dem Osten gegangen, weil ich glaube, daß diese neu beginnende Weltgestaltung das Notwendige tut, das der heutigen Menschheit aufgetragen ist – vom Schicksal – Gottes Schicksal – eine Gestaltung zu beseitigen, die ohne Zweifel diese Menschheit in unaufhörliche Kämpfe stürzen muß, weil ihr Wesen Kampf ist und nicht Liebe. Es ist die große Schuld der Christen – auch von uns allen –, daß dieses Werk nicht zur rechten Zeit aus unserm Gewissen heraus angegriffen wurde, sondern es zu dem kam, was in Rußland geschah und was nun Anfang der Erneuerung wurde. Ich bin deshalb hier, weil ich mich genötigt wußte das Teil dieser Schuld, das ein Einzelner tragen kann, auf mich zu nehmen und das Meine zu tun, diese Welt mitzubauen und in sie hinein jene Zuversicht zu tragen, die einmal den Glauben an Recht und Notwendigkeit der Gewalt überwindet.
Wer so sich in die Arbeit stellt, wird immer auch der Verdächtigung ausgesetzt sein, daß er den Gewaltglauben – ja das Gewaltüben – rechtfertige, weil er mit Menschen zusammenarbeitet, die zu solchen Mitteln greifen. Unsere Kirchenmänner hier – die beinahe alle in der Frage der Gewalt – viel weniger klar sind als unsere denkenden Kommunisten, verdächtigen mich immer wieder in dieser Weise. Das trage ich mit froher Sicherheit. Weniger leicht wird es mir, wenn ich erfahre, daß unsere deutschen Quäkerfreunde oft in dasselbe Mißtrauen verfallen – und dadurch ihre entscheidende Aufgabe, die wir heute im zerteilten Deutschland tun müssten, nicht tun – Verstehen für einander wirken.
Hier liegt nun das Erste, was mich an Ihrem Brief bewegte. Wenn wir ein Kreis sein wollen als Religiös-Sociale, die den Weg in die Zukunft aus dem Gewissen heraus und in der Wahrheit und Liebe suchen, müssen wir in Vertrauen zu einander stehen – das auch dann da ist, wenn der Andere von seiner Sicht aus die Dinge ganz anders sieht als ich sie sehe und seine Haltung so ist, daß ich sie schwer verstehe.
Wir werden nun sie und die andern Schweizer Freunde sich zu mir stellen, wenn Sie folgende Darlegung meiner Stellung zu Ungarn lesen. Für uns hängt das, was in Ungarn geschah mit dem tiefgehenden Ringen zusammen, das seit dem 20. Parteitag auch bei uns alle verantwortungsbewußten Menschen bewegt, das vor allem unsere marxistischen Freunde in schwerste innere Kämpfe und Auseinandersetzungen führte und darin festhält und das eine so gewaltige Sache ist, eine so große Verheißung in sich trägt. Ist es nicht eine Bewegung der Buße wie man sie in einer politischen Machtbewegung kaum je in der Welt erlebt hat? Wenn man das als eine Sache der Schwäche nimmt, so gehört man zu denen, die wahrhafte Kraft nicht begreifen können.
Es ist um so mehr ein Zeichen der Kraft, wenn man wagt, solches zu leisten, umringt von einer feindseligen Welt, in der selbst Linkssocialisten, wie weiterhin sogar „New Statesman and Nation“ dies als ein politisches Mittel ausnutzen, um an den Darlegungen der Kommunisten zu beweisen wie gut sie selbst sind. (Sie sollten einmal ihre [Ernest] Bevin-Politik und deren Folgen so überprüfen und ihre Mitschuld an allem, was England heute tut). –
Mitten in einer solchen Welt einen neuen Weg zu suchen, ist schwer. Es kommt dazu, daß ja die Fehler, die korrigiert werden müssen, sehr viel Unheil über Menschen brachten, die nun aufbegehren und Recht fordern oder Strafe. Es ist gar keine Frage, daß auch in der DDR solche Fehler und Rücksichtslosigkeiten begangen wurden. Wir müssen allerdings auch sagen, daß zu unserm Glück unsere Regierung schon seit einigen Jahren daran arbeitete, neue Wege zu gehen und Menschen zu erziehen, die das leisten können, was da erfordert ist. – Es liegt ja immer auch daran, daß man unter den Ausführenden die rechten Menschen hat und die sind nicht so zahlreich, wenn es gilt eine neue Gestaltung zu bauen und nicht einfach alte Gewohnheiten weiterzutragen. So erleben wir es mit Hoffnung und Zuversicht, daß bei uns die Auseinandersetzung zu einer sehr energischen Diskussion auf allen Gebieten geworden ist, die uns weiterhilft und auch der Regierung vertrauend weiterhilft.
Polen war schlimmer daran, Ungar noch schlimmer. [Władysław] Gomulka ist nun zu einem der ganz führenden Staatsmänner geworden, auf den wir alle große Hoffnungen setzen können, denke ich. Gerade hier werden die neuen Gestaltungen und Möglichkeiten am Deutlichsten sichtbar.
Die ungarische Regierung scheint niemand gehabt zu haben, der die Sache begriff. So kam es zu dieser furchtbaren Lage. Niemand hier bestreitet die ganz wesentliche Schuld der [Mátyás] Rákosi-Regierung. Aber wir sehen auch deutlich, wie wenig man in unserer Lage an der Grenze zweier sich gegenüberstehender Machtsysteme den Weg der Gewalt beschreiten kann. Wir versuchen beider Notwendigkeiten auch nach ihrer innern Struktur u. Geistigkeit zu verstehen u. von da unsere Entscheidung zu finden, um für echte Versöhnung arbeiten zu können. (21)
Denn: Niemand hier, der verantwortungsbewußt denkt und die Dinge wahrhaft verfolgt, kann daran zweifeln, daß sofort jene Gruppen des Westens, die den Krieg wollen, hier eingriffen, das sind [Konrad] Adenauer mit seinen drüben Herr gewordenen Nazis und die leitenden Leute der C[ounter]I[ntelligence]C[orps] und Secret Service, die eben stärker sind als ihre Regierung oder wenigstens in der Gewißheit leben, daß ihre Regierung ihnen nichts tut. Warum zweifelt hier niemand an diesem Eingreifen und Mitwirken? Weil wir dies Hereinwirken dieser finsteren Mächte und die ganze Gemeinheit und Rücksichtslosigkeit ihrer Mittel selbst erleben. Das ist es ja gerade, was unsere Lage hier so innerlich schwer macht, daß durch Sabotage und Spionage und ein geschicktes Operieren der Agenten Leute hineingerissen werden, die an so etwas gar nicht denken, nur nicht aufmerksam genug leben, um gesichert zu sein. Das geht bis in unsere kirchlichen Werke und Arbeiten hinein. Wenn dann Agenten verhaftet werden, ist es für die Westagitation wieder eine Möglichkeit gegen die DDR zu hetzen und Vorurteile zu wecken.
Dazu kommt, daß ja die Westpresse selbst bis zur amerikanischen hin deutlich Meldungen brachte, die beweisen, daß die Demonstrationen umschlugen in fascistischen Aufruhr mit den entsprechenden Greuelscenen, wie sie diese fascistischen Kämpfe immer begleiten.
Das veranlasste Sowjet-Russland zum Eingreifen. Ich kann nicht beurteilen, wie weit es das Einzig-Mögliche war. Aber ich kann verstehen, daß ein [János] Kádár und eine russische Regierung glaubten, daß es das sei. Gern, froh haben sie es sicher nicht getan, denn sie wären keine Staatsmänner, wenn sie nicht gewußt hätten, wie schwer die Folgen dieses Schrittes sein würden. Umgekehrt wären die treibenden Leute im Westen keine Politiker, wenn sie nicht gewußt hätten, daß man so Rußland zum Eingreifen zwingen würde – und das wollte man – dafür opferte man Tausende – wie man ja auch bei uns Menschenglück opfert, damit man nun das Agitationsmaterial gegen uns hat. […]
Ich glaube niemand im Westen kann dieses Schicksal in Ungarn im Entferntesten so bitter empfinden wie wir, denen es eine furchtbare Belastung ihrer Sache, ihrer Friedensarbeit, ihrer Arbeit an der Neugestaltung der Gesellschaft, am innern und äußern Frieden unserer DDR und Deutschlands ist. Wie nehmen es wahrhaftig nicht leicht.
Aber wenn wir nun erleben, wie das von den westlichen Mächten, die das herbeigeführt haben, ausgenutzt ist und wenn wir erleben, daß selbst Freunde, die mit uns am Frieden arbeiten, diese westlichen Darstellungen aufnehmen, ihnen erliegen, fragen wir uns, wie soll da überhaupt Frieden werden? – Immer wieder schiebt man jene Rufe bei Seite, in denen gefordert wird – wie [Heinrich] Grüber es vor Kurzem tat –, daß man sich endlich einmal gegen dieses dauernde Unterwühlen unserer staatlichen Organisation durch den Westen wende. So lange man das leicht nimmt, darf man dann nicht schreien und von Unrecht reden, wenn die Konsequenzen kommen, an denen jeder mit schuld ist, der nicht mitwirkte Sabotage, Spionage und dies ganze Wesen von CIC, Secret Servive und fascistischer Unterwühlung unmöglich zu machen. Wollen wir Frieden und Verständigung, dann müssen die Staaten ehrlich gegeneinander werden.
So sehen wir die Lage. Wenn wir nun für den Frieden arbeiten wollen, müssen wir uns in dieser unserer ganz verschiedenen Sicht verstehen. Denn uns gilt es ja nun, darum zu ringen, daß die von Russland ausgehende Neuorientierung weitergeht und nicht vom Westen her unmöglich gemacht wird. […] (22)
Ihr Emil Fuchs“.

 

Gerhard Oberkofler

 

(1) Emil Fuchs: Mein Leben. Erster Teil. Leipzig 1957. Zweiter Teil. Ein Christ im Kampfe gegen den Faschismus, für Frieden und Sozialismus. Leipzig 1959; Kurt Reiprich / Kurt Schneider / Helmut Seidel und Werner Wittenberger (hg. von): Christentum, Marxismus und das Werk von Emil Fuchs. Leipzig 2000; dort S. 21 zur vita; S. 73-87 Klaus Fuchs-Kittowski: Emil Fuchs – Christ und Sozialist. Aus persönlichem Erleben.

(2) Vgl. Gerhard Oberkofler: Ein ungedruckt gebliebener Vortrag von Eduard Winter über die Gemeisnamkeiten von Christus und Lenin aus dem Jahre 1968. In: querela iuris. Gedächtsnisschrift für Eduard Rabofsky (1911-1994). Wien / New York 1996, S. 221-233.

(3) Emil Fuchs: Marxismus und Christentum. Leizpig, 3. A. 1955; Christliche und marxistische Ethik. Lebenshaltung und Lebensverantwortung des Christen im Zeitalter des werdenden Sozialismus. 2 Bände, Leipzig 1956 und 1959.

(4) Ruedi Brassel-Moser, Artikel Ragaz, Leonhard, Historisches Lexikon der Schweiz http://www.hls-dhsdss.ch/textes/d/D9059.php [7. Mai 2015].

(5) Markus Mattmüller: Artikel Kramer, Hugo, Historisches Lexikon der Schweiz http://www.hls-dhsdss.ch/textes/d/D23013.php [7. Mai 2015].

(6) Webpräsenz der Neuen Wege: http://www.neuewege.ch/icc.asp?oid=8831 [7. Mai 2015].

(7) Gerhard Oberkofler: Konrad Farner. Vom Denken und Handeln des Schweizer Marxisten. Innsbruck / Wien 2015 (noch nicht erschienen).

(8) Zeitdienst Nummer 27, S. 161.

(9) Das Rote Buch. Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung zur Zeit. Eingeleitet und hg. von Tilemann Grimm. Hamburg 1967, S. 40 (Aus: Zur Frage der richtigen Lösung von Widersprüchen im Volk. 27. 2. 1957).

(10) Z. B. Werke Band 33 (1973), S. 44-49.

(11) Sozialarchiv Zürich, Nachlass Kramer.

(12) Vgl. Endre Sík: Aufzeichnungen eines Diplomaten. Berlin 2. A. 1985, 307.

(13) Eduard Winter: Rom und Moskau. Ein halbes Jahrtausend Weltgeschichte in ökumenischer Sicht. Wien / München /
Zürich 1972, S. 426 f.

(14) Vgl. Edgar Morscher: Philosoph, Mönch. Pilot. Über Joseph Maria Bocheński zum 100. Geburtstag. Die Furche
vom 29. 8. 2002; Leo Stern: Der Antikommunismus als politische Hauptdoktrin des deutschen Imperialismus. Berlin
1963.

(15) Parte in der FAZ vom 9. Mai 2015.

(16) FAZ vom 13. April 2015.

(17) Joachim Gauck: Nicht den Ängsten folgen, den Mut wählen,. Denkstationen eines Bürgers. München 2013, S. 15.

(18) Über die „Zivilisation des Reichtums“ und die „Zivilisation der Armut“ als Grundbegriffe der Theologie der Befreiung s. Ignacio Ellacuría / Jon Sobrino (Hg.): Mysterium Liberationis. Grundbbegriffe der Theologie der Befreiung. Band 1, Luzern 1995, Band 2, Luzern 1996.

(19) Vgl. Gerhard Oberkofler: Aus der Emigration zurück in die deutsche Wirklichkeit. Marxistische Blätter 2_2015, S. 106-114, hier S. 109.

(20) Original. Sozialarchiv Zürich. Nachlass Kramer.

(21) „Wir versuchen … zu können“. Eigenhändige handschriftliche Einfügung von Fuchs.

(22) In der hier nicht weiter zitierten Fortsetzung dieses Briefes bezieht sich Fuchs auf die hier nicht weiter zu
interessierende Situation der „Neuen Wege“.

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