DKP
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Dazu drei Artikel mit zum Teil kontroversen Positionen:

1. Peter Wolf: Zur Kritik der Agro-Gentechnik

2. Gentechnik – Wem nützt es? (rm)

3. Peter Wolf: Gentechnik – Wem nützt es?

 

1. Peter Wolf: Zur Kritik der Agro-Gentechnik

Keine andere Technologie wird in Deutschland so kontrovers diskutiert wie die Gentechnik. Ihre Anwendung in der Medizin wird zwar inzwischen auch von den Grünen akzeptiert, die sogenannte „Grüne“ oder „Agrogentechnik“ ist aber immer wieder Gegenstand von in den Medien ausgetragenem Streit.

Als in Deutschland 1996 erstmals eine Schiffsladung mit gentechnisch veränderten Sojabohnen eintraf, protestierte Greenpeace bei der Einfahrt in den Hamburger Hafen und vor Lebensmittelherstellern wie Unilever,und hatte damit Erfolg: Die Margarineproduktion wurde von Soja- auf Rapsöl umgestellt. Und obwohl mittlerweile in der Europäischen Union (EU) mehr als 30 gentechnisch veränderte Mais- und Sojasorten zur Herstellung von Lebens- und Futtermitteln zugelassen sind[1], werden diese zwar als Futtermittel verwendet, im Lebensmittelhandel sind sie aber so gut wie nicht zu finden. Dazu haben die Aktivitäten von Greenpeace und anderen Nichtregierungsorganisationen nicht unerheblich beigetragen.

Was sind die Gründe für die weit verbreiteten Vorbehalte gegenüber gentechnischen Methoden in der Agrarwirtschaft? Die Argumente reichen von der grundsätzlichen Ablehnung eines Eingriffs in die Natur, über die Furcht vor unvorhergesehenen Vorfällen bis hin zur Auffassung, dass kein Bedarf für diese Technologie bestehe. Diese und ähnliche Einwände sind nicht neu, es gab sie etwa schon 1903 anlässlich der Einführung des Verfahrens der Milch-Pasteurisierung.

Abgesehen davon, dass der Mensch seit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht mehr oder weniger gezielt die natürliche Evolution durch Auswahl- und Kombinationszüchtung zu seinem Nutzen beeinflusst, stellt sich hier die Frage, was gentechnisch veränderte von konventionell gezüchteten Pflanzen unterscheidet. Die ersten gentechnisch veränderten Pflanzen entstanden vor fast 30 Jahren. Am Kölner Max Planck-Institut für Züchtungsforschung gelang es damals der Arbeitsgruppe von Jeff Schell, in Kooperation mit dem Labor des Molekularbiologen Marc Van Montagu im belgischen Gent, mit Hilfe eines der Natur abgeschauten Verfahrens einzelne Gene in die Zellen von Tabakpflanzen einzuschleusen[2]. Gentechnik ist also keine Erfindung sondern eine Entdeckung von Wissenschaftlern, die beobachtet hatten, dass das im Boden siedelnde Bakterium Agrobacterium tumefaciens in der Lage ist, Gene auf Pflanzen zu übertragen und diese so zu veranlassen, bakterienspezifische Nährstoffe zu produzieren. Mit Hilfe derselben Methode lassen sich aber auch andere ausgewählte, für eine gewünschte neue Eigenschaft verantwortliche Gene in eine Vielzahl von Pflanzenarten transferieren. Auch das angestrebte Ziel der Wissenschaftler war nicht neu: Wie die bisher angewandten konventionellen Züchtungsmethoden sollte auch das neue Verfahren dazu beitragen, die Agrarproduktion mit Hilfe von Pflanzensorten, die mit neuen Eigenschaften ausgestattet sind, zu steigern und die Qualität der Produkte zu verbessern. Als erstes Lebensmittel gelangten 1994 mit diesem Verfahren hergestellte gentechnisch veränderte Tomaten mit verlängerter Haltbarkeit und verbessertem Aroma für kurze Zeit auf den US-amerikanischen Markt, nachdem sie zuvor einer umfassenden Sicherheitsbewertung unterzogen worden waren[3].

Seit 1996 hat die Kultivierung gentechnisch veränderter Pflanzen weltweit kontinuierlich zugenommen. Im Jahr 2011 wurden bereits in 29 Ländern (darunter die EU-Mitgliedsstaaten Spanien, Portugal, Tschechische Republik, Polen, Slowakische Republik, und Rumänien) von insgesamt 16,7 Millionen Landwirten (davon 15 Millionen Kleinbauern in 19 Entwicklungsländern) auf 160 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut. Davon entfallen 47 Prozent auf den Anbau von Sojabohnen, 32 Prozent auf Mais, 15 Prozent auf Baumwolle und 5 Prozent auf Raps (ISAAA)[4].

Sicherheitsbewertung

Wie sieht es dabei mit der Sicherheit aus? Die in der EU geltenden Rechtsvorschriften sehen vor, dass eine Zulassung für gentechnisch veränderte Pflanzen und daraus hergestellte Lebens- und Futtermittel nur dann erteilt werden darf, wenn umfassende Untersuchungen zur molekularen Charakterisierung der genetischen Veränderung, zur Toxizität und Allergenität neuer Proteine, vergleichende Analysen der Inhaltsstoffe sowie der agronomischen Eigenschaften der gentechnisch veränderten und der konventionellen Ausgangspflanze und – geht es um den Anbau – Umweltverträglichkeitsprüfungen belegen, dass die gentechnisch veränderte Pflanze und die daraus hergestellten Lebens- und Futtermittel ebenso sicher sind wie vergleichbare konventionelle Produkte.[5]

Im Unterschied dazu gelten konventionell gezüchtete Pflanzen als erfahrungsgemäß sicher, selbst solche, die mit Hilfe der seit den 1960er Jahren angewandten Verfahren der Mutationszüchtung, etwa durch radioaktive Bestrahlung, verändert werden. Dazu gehören beispielsweise die für italienische Pasta verwendeten Hartweizensorten. Die Zeitschrift Der Freitag hatte anlässlich des 60. Jahrestags des Atombombenabwurfs auf Hiroshima an diese, den meisten Verbrauchern unbekannte „Technologie, die direkt von der Atomindustrie profitiert“, erinnert.[6] Mutationszüchtung basiert auf der Erhöhung der natürlichen Mutationsrate, entweder durch Einwirkung radioaktiver Strahlung oder durch Chemikalien (Mutagene) wie EMS (Ethylmethylsulfat). Hierdurch werden im Erbgut der Pflanzen unkontrolliert zufällige Veränderungen ausgelöst, die zu neuen Genvarianten führen können. Gesucht wird anschließend nach Mutanten mit den gewünschten Eigenschaften. Da die mit diesem Verfahren entstehenden Pflanzen aufgrund einer Ausnahmeregelung nicht dem EU-Gentechnikrecht unterliegen, können sie ohne Zulassungsverfahren und damit ohne Untersuchungen auf weitere – infolge der ungerichteten „Schrotschuss“-Methode – mögliche Veränderungen, auf den Markt gebracht werden.

Potentiale der Grünen Gentechnik

In einer Stellungnahme der Nationalen Akademie der Naturforscher Leopoldina vom 13. Oktober 2009 wird die Nobelpreisträgerin und Direktorin des Max Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen, Christiane Nüsslein-Vollhard wie folgt zitiert: „In Deutschland ist noch nicht hinreichend akzeptiert, dass die Anwendung der Gentechnik in der Pflanzenzüchtung ein noch unausgeschöpftes Potenzial für den ökologischen Landbau, für verbesserten Umweltschutz, die Erhaltung der Artenvielfalt und die Gesundheit bietet. Pflanzen, die resistent gegen Motten, Pilzbefall, Viren und Nematoden sind, müssen nicht gespritzt werden. Pflanzen, die besser an ungünstige Wachstumsbedingungen, Salzböden, Karst und Trockenheit angepasst sind, können so gezüchtet und angebaut werden, um verödetes Land wieder fruchtbar zu machen.“ Und weiter: „Wir sind dabei, hervorragend ausgebildete Forscher statt hoch entwickelte Saatgüter und innovative Agrartechnologien zu exportieren.“

Das Potential dieser Technologien wird inzwischen erfolgreich von den Ländern genutzt, die damit Versorgungsprobleme angehen und zugleich die Einkommen ihrer Landwirte steigern. Beispiele hierfür sind die folgenden von öffentlichen Institutionen entwickelten bzw. in der Entwicklung befindlichen gentechnisch veränderten Pflanzen:

– Virus-resistente Papaya (Hawaii/USA)[7],
– Virus-resistente Bohnen (Brasilien)[8],
– Insekten-resistente Baumwollsorten (Burkina Faso)[9],
– Insekten-resistente Kartoffeln und Herbizid-tolerante Zuckerrüben (Russland)[10],
– Bakterien-resistente Kochbananen (Uganda)[11]

Ebenso wie diese Pflanzen, deren Anbau einen deutlich verringerten Pestizideinsatz zur Folge hat, ist die im EU-Zulassungsverfahren befindliche, gegen Kraut- und Knollenfäule widerstandsfähige Kartoffelsorte Fortuna[12] hervorragend für den ökologischen Landbau geeignet, kommt sie doch ohne die dort per Ausnahmeregelungen erlaubte Anwendung giftiger, umweltbelastender Kupferpräparate zur Bekämpfung von Pilzerkrankungen aus.

Die Kritik von links

Das von Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen artikulierte Misstrauen gegenüber der Gentechnik wirkt sich auf Parteien und Politiker und vermittelt über diese auch auf die Entscheidungen der EU-Ebene aus. In Deutschland wird die von den Grünen angeführte Opposition von den in ländlichen Regionen starken bürgerlichen Parteien, wie beispielsweise der CSU in Bayern, unterstützt. Dem hat sich leider, wie ihrem aktuellen Programm zu entnehmen ist, auch die Partei Die LINKE angeschlossen. Zwar unterscheidet sie sich von den anderen Parteien durch die Verbindung ihrer Ablehnung der Agrogentechnik mit antikapitalistischer Kritik. So wird unter der Überschrift „Wie wollen wir leben?“ ausgeführt: „Die Agrogentechnik nutzt nur einigen wenigen internationalen Saatgut- und Agrochemiekonzernen, die die globale Kontrolle über den landwirtschaftlichen Sektor und die Ernährung anstreben.“ Sie „ist mit hohen gesundheitlichen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Risiken (…) behaftet.“ Dennoch ist die Kritik der Linkspartei nicht frei von kleinbürgerlich romantischen und anti-rationalen Vorstellungen von bäuerlicher Landwirtschaft, die auf biologischen Anbau reduziert werden soll, und von Ressentiments gegenüber einer Rationalisierung der Agrarwirtschaft durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt. So heißt es: „Die nachhaltige und umweltschonende Erzeugung von gesunden Nahrungs- und Futtermitteln sowie nachwachsenden Rohstoffen ist nur mit gentechnikfreier Landwirtschaft möglich. …“ Und unter dem Stichwort „sozialökologischer Umbau“ heißt es u. a.: „Um dies zu erreichen, wollen wir ökologischen Landbau (…) systematisch preislich bevorzugen, finanziert durch etwa Umlagen bei nicht ökologischer Erzeugung. So wird der Kauf von Bio-Lebensmitteln für alle möglich.“

Wie jede andere Technologie im Kapitalismus dient natürlich auch die Gentechnik gegenwärtig in erster Linie den Verwertungsinteressen des Kapitals. Zwar werden ihre grundlegenden Methoden an nationalen Universitäten und Forschungsinstituten erforscht, wo auch weiterhin an der Entwicklung, aber kaum noch an der Erprobung und gar nicht mehr an der Vermarktung gentechnisch veränderter Pflanzen gearbeitet wird. Die weiterführenden Schritte bis zur Marktreife und die Erlangung der Genehmigung zum Inverkehrbringen sind in der EU aufgrund der damit verbundenen hohen Kosten jedoch nur den „big six“, den global agierenden Konzernen Monsanto, Syngenta, Pioneer, Dow AgroSciences, Bayer, BASF, sowie der Kleinwanzlebener Saatzucht (KWS) möglich.

Die Bewertung der Gentechnik darf aber nicht allein davon abhängig gemacht werden, dass ihre gegenwärtige Entwicklung und Anwendung vor allem von profitorientierten Konzernen bestimmt werden. Die grüne Gentechnik stellt vielmehr eine neue Technologie dar, die bisherige Verfahren der Pflanzenzucht weiterentwickelt und dabei zugleich revolutioniert. Ihre Entwicklung ist daher eine der gegenwärtig wichtigsten Produktivkraftentwicklungen der Menschheit. Für sie gilt, wie für alle Produktivkraftentwicklungen unter kapitalistischen Bedingungen, dass sie den Beschränkungen und Zielen dieser Produktionsweise unterliegt. Ihre potentiellen Fähigkeiten zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit und ihre zugleich bestehende Unterordnung unter die Profitproduktion stehen daher in einem Widerspruch zueinander. Es gilt auch hier der Satz von Karl Marx: „Wenn daher die kapitalistische Produktionsweise ein historisches Mittel ist, um die materielle Produktivkraft zu entwickeln und den ihr entsprechenden Weltmarkt zu schaffen, ist sie zugleich der beständige Widerspruch zwischen dieser historischen Aufgabe und den ihr entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen.“[13]

Literatur

•[1] European Commission, Register of authorised GMOs: ec.europa.eu/food/dyna/gm_register/index_en.cfm
•[2] Joos H, Timmerman B, Van Montagu M, Schell J (1983) Genetic analysis of transfer and stabilization of Agrobacterium DNA in plant cells. EMBO J. 2(12): 2151–2160
•[3] EFSA (2011) Guidance for risk assessment of food and feed from genetically modified plants. EFSA Journal 9(5): 2150
•[4] Global Status of Commercialized Biotech Crops/GM Crops: 2011. ISAAA Brief 43-2011: www.isaaa.org/resources/publications/briefs/43/executivesummary/default.asp
•[5] Food and Drug Administration: Summary of Consultation with Calgene, Inc. Concerning FLAVR SAVRTM Tomatoes, Memorandum May 17, 1994
•[6] Radioaktiv satt, in: Der Freitag vom 05.08.2005
•[7]Zakour J, McCandless L, Virus-resistant papayas may save Hawaii’s million-dollar industry, in: Cornell Chronicle vom 07.05.1998: www.news.cornell.edu/chronicle/98/5.7.98/papaya.html
•[8]Tollefson J (2011) Brazil cooks up transgenic bean. Nature 478: 168
•[9]Vitale JD et al. (2010) The Commercial Application of GMO Crops in Africa: Burkina Faso’s Decade of Experience with Bt Cotton. AgBioForum 13(4): 320-332: www.agbioforum.org/v13n4/v13n4a05-vitale.pdf
•[10] Skryabin K (2011) Do Russia and Eastern Europe need GM plants? New Biotechnology 27(5): 593-595
•[11 Bananen: Letzte Rettung Gentechnik? TransGen: www.transgen.de/pflanzenforschung/anbaueigenschaften/158.doku.html
•[12] Kraut- und Knollenfäule bei Kartoffeln: Neue Strategien gegen einen trickreichen Erreger. TransGen: www.transgen.de/pflanzenforschung/anbaueigenschaften/845.doku.html
•[13] Karl Marx, MEW 25, S. 260

 

2. Gentechnik: Wem nützt es?

Anmerkungen zu einer gebrauchswertorientierten Kritik der Agro-Gentechnik

In der November-Ausgabe (2011) des Berliner Anstoß erschien ein Artikel, der Erläuterungen zur sogenannten grünen Gentechnik brachte. Darin wurde die Rolle der Produktivkraft Gentechnik als durchweg positiv und handhabbar auch im Kapitalismus, auf jeden Fall aber unter Bedingungen des Sozialismus dargestellt. Ich sehe an dieser Sichtweise zu viel Zweckoptimismus. Zudem werden Wirkungen sozioökonomischer Art, die durch Einsatz von Agro-Gentechnik bedingt sind, zu wenig beachtet.

Was ist Gentechnik?

Das Wesen der Techniken zur Herstellung genveränderter Organismen (GVO) besteht darin, Genübertragungen gezielt vorzunehmen, die auf dem Wege der konventionellen Züchtung so nicht stattfinden können. Es gibt daher sehr wohl große Unterschiede zwischen Züchtung und Gentechnik. Entscheidend vom materialistischen Standpunkt aus ist natürlich nicht die Naturbelassenheit von Pflanzen an sich. Es ist vielmehr immer die Frage, wie stark neue Eigenschaften von Kulturpflanzen auf ihr Umfeld, das Ökosystem, sich auswirken und ob es Rückwirkungen auf den Menschen gibt. Weiterhin ist die Frage, wie sich die Anbaubedingungen verändern und was das für sozioökonomische Strukturen bedeutet. Und schließlich geht es auch darum, wie stabil die neuen Eigenschaften eigentlich sind.

Das Beispiel Gen-Soja

Der Sojaanbau hat weltweit in den letzten Jahren stark zugenommen. Besonders als Futtermittel für die Tierproduktion und zunehmend als Grundstoff für Ethanol-Treibstoffe ist das Produkt im Einsatz. Besonders in Südamerika findet der großflächig betriebene, kapitalintensive Anbau statt. Um die Erträge zu erhöhen und die Kosten für Unkrautbekämpfung zu mindern, wird ein Totalherbizid (Roundup) eingesetzt, gegen das nur die entsprechend genveränderte Sojapflanze resistent ist. Saatgut und Herbizid werden als Paket von den Monopolen der Agrochemie-Industrie verkauft. Zu entsprechend hohen Preisen. Hinzu kommt, dass die Konzerne die Kontrolle über das Saatgut erhalten, selbst aber nur eine Sorte anbieten. Die daraus resultierende Vernichtung der Sortenvielfalt führt letztlich zu einer genetischen Verarmung der betroffenen Kulturpflanze, da neue Züchtungen erschwert sind. Der Soja-Anbau hat in Brasilien, Argentinien und Paraguay zur massiven Verdrängung der Landbevölkerung geführt. Großgrundbesitz nimmt weiter zu. Und schließlich gibt es trotz Totalherbizid nun große Probleme mit sogenannten Superunkräutern, die gegen Roundup Resistenzen entwickelt haben.

Das Beispiel Bt-Baumwolle

In vielen Ländern kommt Baumwolle zum Einsatz, die durch Genmanipulation ein Gift gegen Schadinsekten produziert. Damit wurde der Befall durch den Baumwollkapselkäfer reduziert. Problem ist mittlerweile, dass andere Tiere dessen Rolle eingenommen haben, als Sekundärschädlinge. Umstritten ist, ob die Erträge in Indien durch Bt-Baumwolle gestiegen sind, oder sogar gesunken. Fest steht, dass die hohen Kosten des Saatgutes und die zugehörigen Knebelverträge der Konzerne viele Klein- und Mittelbauern in Indien ruiniert haben, was zu zahllosen Selbstmorden geführt hat.

Das Beispiel Goldreis

Vor mehreren Jahren wurde von der Saatgut-Industrie versucht mit Hilfe eines Prestige-Projekts die Tür für transgene Kulturpflanzen weiter aufzustoßen. Aufgezäumt wurde das Manöver an dem Problem der einseitigen Ernährung (aus Armut) vieler Menschen in asiatischen Ländern, die oft fast nur aus Reis besteht. Anstatt über den verbesserten Zugang zu anderen Lebensmitteln nachzudenken, wurde versucht, gentechnisch dem Reis Vitamin A hinzuzufügen. Abgesehen davon, dass die erreichten Gehalte an Provitamin A eher bescheiden waren – ein rein technokratischer Ansatz, der die Ursachen von Hunger nicht anrührt. Der propagandistische Erfolg blieb aus. Dennoch nimmt der Einsatz genveränderter Pflanzen weiter zu.

Freiwillige Selbstkontrolle?

In der gesellschaftlichen Debatte in der BRD überwiegen unter den Kritikern der Grünen Gentechnik christlich-konservative und andere kleinbürgerlich-idealistische Positionen. Das heißt aber nicht, dass es von einem marxistischen Standpunkt aus keine Bedenken geben kann. Und hier geht es nicht um Maschinenstürmerei. Der Einbau völlig neuer Eigenschaften in Pflanzen ist mehr als nur eine weitere Technik. Denn eine Rückholbarkeit bereits freigesetzter GVO gibt es nicht. Risiken werden höchstens nebenbei erforscht. Die Struktur der Forschungsförderung lässt dies auch nicht zu. Die Konzerne bestimmen, was erforscht wird und wo produziert wird. Staatlich finanzierte Forschung passt sich diesen Interessen stark an. Von den mit der Genmanipulation befassten Wissenschaftlern ist ebenfalls kein kritisches Bewusstsein zu erwarten. Das kann man auf Pflanzenzüchterkongressen u.ä. in Erfahrung bringen.

Die Rolle der Produktivkraft Agro-Gentechnik im Stadium des gegenwärtigen staatsmonopolistischen Kapitalismus ist die eines Instrumentariums zur Durchkapitalisierung weiterer Bereiche der Landwirtschaft, zur Realisierung von mehr Profit. Seine objektive Rolle ist nicht die Bekämpfung des Welthungers, auch wenn uns das die „Experten“ oft erzählen.

Da nützt auch nicht der Wunsch, die Biobauern mögen sich darüber freuen, dass sie keine giftigen Kupferpräparate mehr ausbringen müssten, wenn sie nur die neue Gen-Kartoffel „Fortuna“ anbauen würden. Dazu wäre noch zu sagen, dass diese Kartoffel v.a. für die Pommes- und Chips-Produktion konzipiert und geeignet ist.

Und im Sozialismus? Mit der Erringung der Macht durch die arbeitende Klasse ist das Problem der Handhabung der Grünen Gentechnik noch nicht gelöst. Erst unter demokratischer Kontrolle und mit einem gesellschaftlichen Auftrag versehen, können Forschung und Erprobung in völlig neuen Strukturen erst verantwortungsvoll stattfinden. Und auch dann kann es sein, dass der gesellschaftliche Nutzen im Verhältnis zu den erkannten Risiken zu gering ist.

rm

 

3. Gentechnik – Wem nützt es?

Zweckoptimismus und Vernachlässigung sozioökonomischer Wirkungen – so lautet im Kern die Kritik an dem in der vorletzten Ausgabe erschienenen Artikel im Berliner Anstoß zum Potential der Agrogentechnik.*

Als Gründe dafür werden negative Auswirkungen des Anbaus insektenresistenter Baumwolle in Indien und herbizidtoleranter Sojabohnen in Südamerika angeführt. Der sogenannte „Golden Rice“ wird als erfolgloses Projekt bewertet. Doch die Tatsachen stützen – wie im Folgenden gezeigt wird – diese Kritik nicht.

Selbstmorde indischer Bauern durch Gentechnik?

2011 wurden gentechnisch veränderte insektenresistente Bt-Baumwollsorten in 13 Ländern – darunter Indien, China, Pakistan, Burkina Faso, Mexiko – angebaut.(1) Gegen die vor allem von NGOs verbreiteten Berichte über dadurch verursachte Ertragsminderungen, die in Indien zu Selbstmorden vieler Bauern geführt hätten, sprechen empirische Studien auf der Grundlage systematischer Befragungen indischer Kleinbauern im Zeitraum von 2002 bis 2008. Sie zeigen, dass die Erträge im Vergleich zum konventionellen Baumwollanbau um bis zu 24 Prozent und die Gewinne bis zu 50 Prozent gestiegen sind. In der Folge erhöhte sich der Lebensstandard der Bt-Baumwollbauern, gemessen an den Konsumausgaben, um 18 Prozent.(2) Gleichzeitig wurde der Pestizideinsatz um insgesamt 50 Prozent, der Einsatz der giftigsten Pestizide sogar bis zu 70 Prozent reduziert. Dadurch konnten jährlich 2,4 Millionen durch Pestizidanwendung verursachte akute Vergiftungsfälle vermieden werden, was im Gesundheitsbereich zu Einsparungen in Höhe von 14 Millionen US$ führte.(3) Eine Analyse amtlicher Daten ergab, dass die Zahl der Selbstmorde zwischen 1997 und 2000, also noch vor Einführung der Bt-Baumwolle, von 13.622 auf 16.603 gestiegen war und 2004, als die Anbaufläche erst bei etwa einer halben Million Hektar lag, mit 18.241 Selbstmorden einen Höhepunkt erreicht hatte. Im Jahr 2007, als bereits auf mehr als sechs Millionen Hektar Bt-Baumwolle angebaut wurde, ging die Zahl auf 17.131 zurück.(4)

Wenn also nicht Ernte- und Einkommensverluste ursächlich sind, was sind dann die Gründe für die erschreckend hohe Zahl an Selbstmorden, die es etwa in China nicht gibt? Wie in Indien wird Bt-Baumwolle auch in China überwiegend von Kleinbauern angebaut. Umfragen zwischen 1999 und 2001 in einer Region Nordchinas mit mehr als vier Millionen Kleinbauern erbrachten vergleichbar positive Ergebnisse hinsichtlich Ertrag, Pestizideinsatz und Vergiftungsfällen wie in Indien.(5) Die Autoren dieser Studie sind der Auffassung, dass sich China aber von anderen Ländern vor allem durch die Rolle des öffentlichen Sektors unterscheidet. Die in China angebauten Bt-Baumwollsorten wurden meist von Wissenschaftlern in öffentlichen Forschungsinstituten entwickelt, und sie werden von staatlichen Saatgutfirmen vertrieben.

In Indien mangelt es an Überwachungssystemen, fehlende Saatgutzertifizierung führt zum Handel mit zwar als Bt-Baumwolle ausgewiesener aber eben nicht insektentoleranter Sorten. Vor allem fehlt es an institutionellen Kreditgebern zur Finanzierung des hochpreisigen Bt-Saatgutes sowie zur Überbrückung finanzieller Engpässe bei niedrigen Weltmarktpreisen und Ernteausfällen. Die Wucherzinsen privater Geldverleiher führen zu steigender Verschuldung ohne Aussicht darauf, die Schulden jemals tilgen zu können. Staatliche Unterstützung gibt es dagegen für die Hinterbliebenen von Selbstmordopfern, was als weiteres Motiv für die vielen Selbstmorde vermutet wird5. Somit ist zwar nicht falsch, dass – wie in der Replik festgestellt – „die hohen Kosten des Saatguts und die zugehörigen Knebelverträge der Konzerne viele Klein- und Mittelbauern in Indien ruiniert haben, was zu zahllosen Selbstmorden geführt hat“. Doch die Hauptursache dafür ist in der gesellschaftlichen (Un)Ordnung, im kapitalistischen Systems Indiens zu suchen, welches die in anderen Ländern erfolgreichere Anwendung der Produktivkraft Gentechnik behindert.

Monopol bei Herbiziden und Saatgut?

Am Beispiel von „Gen-Soja“ wird in der Replik kritisiert, dass bei Unkrautbekämpfungsmitteln ein Monopol geschaffen wurde, indem „ein Totalherbizid (Roundup) eingesetzt wird, gegen das nur die entsprechend genveränderte Sojapflanze resistent ist“. Inzwischen werden in elf Ländern unterschiedliche herbizidtolerante Sojasorten, in weiteren Ländern auch herbizidtolerante Mais-, Raps-, Baumwoll- und Zuckerrübensorten verschiedener Anbieter (Monsanto, Bayer CropScience, DuPont Pioneer, Dow AgroSciences, Syngenta, BASF Plant Science, KWS) mit Resistenz gegen die herbiziden Wirkstoffe Glyphosat, Glufosinat oder Imidazolinon angebaut. Glyphosat wird nicht nur als Roundup von Monsanto sondern z.B. auch von Syngenta (Vorox oder Compo) und Dow AgroSciences (GlyphoMAX) vertrieben. Seit Ablauf des Monsanto-Patents wird Glyphosat zudem in großem Maßstab als Generica u.a. auch in China produziert. Monopole gibt es daher weder bei gentechnisch veränderten Pflanzen noch bei den Unkrautbekämpfungsmitteln.

Sekundärschädlinge und Superunkräuter durch Resistenzentwicklung?

Resistenzbildung ist kein gentechnikspezifisches sondern ein natürliches, durch Mutation und Selektion verursachtes Phänomen. Die Evolution bringt nun einmal immer wieder neue, gegen bisherige Abwehrmittel resistente Organismen hervor. Man denke nur an die permanent notwendige Weiterentwicklung der Antibiotika. Auch Gentechnik kann diesen evolutionären Prozess nicht aufheben. Der seit nunmehr 16 Jahren kontinuierlich zunehmende Anbau herbizid- und insektentoleranter Pflanzen zeigt jedoch, dass sich die Ausbreitung sowohl herbizidresistenter Unkräuter wie Bt-resistenter Insekten bei sorgfältiger Anwendung der existierenden Resistenz- und Managementsysteme zumindest verzögern lässt.(6)

„Golden Rice“ – nur ein Manöver der Gentechnikverteidiger?

Die Grundlagen der Entwicklung von gentechnisch verändertem Reis mit erhöhten Mengen an Provitamin A wurden in einem von 1991 bis 1999 mit öffentlichen Mitteln geförderten Projekt von Ingo Potrykus an der ETH Zürich und Peter Beyer an der Universität Freiburg gelegt mit dem Ziel, den Vitamin A-Mangel in der armen Bevölkerung südasiatischer Länder auszugleichen, insbesondere bei Kindern, wo dieser Mangel Ursache für Erblindungen ist.(7) Das kann gelingen, wenn an die Bedingungen vor Ort angepasste Sorten wie geplant ab 2013 den Subsistenzbauern auf den Philippinen, später in Bangladesh, Vietnam, Indonesien und China kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Die Bezeichnung als „Prestige-Projekt“, „Manöver“ und „rein technokratischer Ansatz“ wird der großen Bedeutung dieses Vorhabens für die Gesundheit und das Wohlergehen von Millionen von Menschen, und hier vor allem von Kindern, nicht gerecht. Zur Erinnerung: Marx kritisierte am Kapitalismus auch, dass er nicht in der Lage ist, die Produktivkräfte schnell und effizient genug im Interesse der Menschen zu entwickeln. Maschinenstürmerei lehnte er daher entschieden ab.

Fazit

Gentechnik ist kein Wundermittel und kein Ersatz für gute agronomische Praxis und Innovation, aber sie hat das Potential, Pflanzen nicht nur gezielt und deshalb schneller im Hinblick auf Ertrag, Qualität und Umweltschutz zu optimieren sondern auch mit Eigenschaften wie Virus- und Pilzresistenz, Dürre- und Salztoleranz zu versehen, die mit konventioneller Züchtung nicht oder nur mit großem Aufwand erzielbar sind. Das Beispiel Indien zeigt, dass nicht die gentechnisch veränderten Pflanzensorten das eigentliche Problem sind sondern die unzureichenden Rahmenbedingungen, die es Kleinbauern erschweren, vom Potential neuer Technologien zu profitieren. Das Beispiel China und das „Golden Rice“-Projekt demonstrieren, dass es auch anders gehen kann, wenn öffentliche Unterstützung und Aufsicht vorhanden sind. In den entwickelten kapitalistischen Ländern hingegen fehlt es zwar nicht an Know how und Finanzkraft aber am politischen Willen, das große Potential von Produktivkräften wie der Gentechnik zur Entwicklung und zum Wohl der Gesellschaft zu nutzen.
Peter Wolf

* Vgl. den Artikel von Peter Wolf in der Ausgabe November 2012 des Berliner Anstoßes und die Replik darauf in der Januar-Ausgabe 2013

Anmerkungen

(1) ISAAA Brief 43-2011: Global Status of Commercialized Biotech / GM Crops: 2011

(2) Kathage, J. und Quaim, M. (2012) Economic impacts and impact dynamics of Bt (Bacillus thuringiensis) cotton in India. PNAS online (www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1203647109)

(3) Kouser, S. und Quaim, M. (2011) Impact of Bt cotton on pesticide poisoning in smallholder agriculture: A panel data analysis. Ecological Economics 70: 2105-2113

(4) Gruere, G.P. und Sengupta, D. (2011) Bt Cotton and Farmer Suicides: An Evidence-based Assessment. Journal of Development Studies 47(2): 316-337

(5) Pray, C., Huang, J., Hu, R., Rozelle, S. (2002) Five Years of Bt Cotton in China – The Benefits Continue. The Plant Journal 31: 423-430

(6) http://www.biosicherheit.de/aktuell/1341.bt-pflanzen-resistente-schaedlinge.html; http://www.biosicherheit.de/aktuell/653.usa-superunkraeuter-gentechnik-pflanzen.html

(7) Potrykus, I. und Ammann, K. (2010) Transgenic Plants for Food Security in the Context of Development. New Biotechnol. 27(5): 443-717

 

Quelle: Berliner Anstoß, Monatszeitung der  Landesorganisation Berlin der DKP

Autor

Peter Wolf, rm

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