DKP
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Weltanschauung und Parteikonzeption

Die Auseinandersetzung in der DKP um den Charakter dieser Partei ist nach Erscheinen des Leitantrags auf die Formel des „marxistisch-leninistischen Partei“ gebracht worden. Hinter der Formel aber, und das zeigen die vielen Wortmeldungen in der UZ und diversen anderen Publikationsorganen, verstecken sich viele Auseinandersetzungen um Einzelfragen. Diese Auseinandersetzungen sind – beinahe in ihrer Gesamtheit – nicht neu, sondern haben ihren Anfang jeweils bereits vor dem 20. Parteitag.

Ich will in diesem Beitrag mir eine dieser Auseinandersetzngen herausgreifen und darauf weiter eingehen. Es geht um die Frage der Partei. In dieser Auseinandersetzung hat sich in den letzten Jahren eine unüberschaubare Flut an Publikationen ergeben, aus der allein geschlossen werden kann, dass es sich hierbei um eine der wesentlichen Auseinandersetzungen unserer Zeit handelt.

Diese Auseinandersetzung ist aber älter. In den Jahren 1989/1990, den Jahren der Konterrevolution in DDR und SU ergab sich in der DKP (wie auch in SDAJ und MSB) die Auseinandersetzung zwischen „Erneuerern“ und „Betonköpfen“. Nicht die personelle, aber die inhaltliche Nähe der heutigen Anhänger der rechtsopportunistischen Fraktion „Marxistische Linke“ zu den damaligen „Erneuerern“ ist derart deutlich, dass Sepp Aigner die Traditionslinie vor dem 20. Parteitag offen benannt hat.(1)

Deutlich wird diese inhaltliche Nähe – „aufgehängt“ an der Parteifrage durch folgendes: In drei Heften der Marxistischen Blätter erschien 1990 und 1991 eine Art organisationspolitisches Manifest der Erneuerer-Gruppierung innerhalb der DKP, der Text „Lenins Auffassung der Parteiorganisation“ von Josef Schleifstein. Passenderweise wurde er vom alten Parteivorstand (bis zum 20. Parteitag) erneut als Broschüre veröffentlicht. Der neuesten Veröffentlichung im Neue Impulse Verlag ist nur anzukreiden, dass die Auseinandersetzungen dieser Zeit nicht erklärt werden. Nur viel eigenständige Recherche erlaubt es jungen Mitgliedern diese Texte in ihre Zeit einzuordnen.(2) Inhalt dieses Textes ist trotz der Ankündigung das Leninsche Denken darzustellen, dass auf „Historizität und Dialektik“ beruht im wesentlichen die Historisierung. Zentral ist der Satz: „Was von ihr (Lenins Auffassung der Parteiorganisation d. Verf.) übrig bleiben sollte, ist nur konkret beantwortbar …“, denn sie sei wie Lenins ganzes Denken „geschichtliche bedingt und geschichtlich begrenzt“.(3) Nun würde es derzeit und hier in der BRD niemandem einfallen aufgrund der Lektüre von Lenins „Was tun?“ auf die Idee zu kommen, illegale Parteigliederungen aufzubauen, Parteikader zu deligieren, die ohne bekannt werden zu dürfen ebenso illegale Zirkel zum Studium marxistischer Literatur leiten und es auch übernehmen müssen, diese Literatur illegal aus dem Ausland zu beschaffen. Das hat aber auch niemand getan. Was haben wir getan? Die DKP hat aus Lenin unter anderem den demokratischen Zentralismus abgeleitet, sie hat nach 1990 daran festgehalten und verteidigt ihn bis in unsere Zeit.(4)

So richtig die Historisierung Lenins auch wäre, denn nicht aus der reinen Theorie, sondern aus der heute notwendig geschichtlich zu erfassenden Praxis ebenso, also auch durch Historisierung, müsste ja die Arbeit geleistet werden, die aus dem realen Wirken historischer Personen das ableitet, was Hans Heinz Holz ein „geordneten Sinn für Selbstverständnis und Verhalten“ nannte, als er die Herausforderungen an die wissenschaftliche weltanschauung benannte.(5) Diese Arbeit haben Engels und Lenin für Marx geleistet und dabei aus der historischen Person und deren Nachlass ein System: Marxismus entworfen. Stalin leistete diese Arbeit für die historische Person Lenins, hierbei ist wichtig, dass der Anteil der Praxis hierbei größer war. Der Leninismus stand am Endpunkt dieser Arbeit.

In der Parteifrage bedeutet dass, dass es eben nicht um „Buchstabengläubigkeit“ geht, sondern darum, die Arbeit zu leisten, die allgemeinen Prinzipien des Leninismus in der Parteifrage auf die heutige Zeit anzuwenden, ihre Umsetzung zu organisieren, zu kritisieren, zu verändern, sollte das notwendig sein. Wer aber, wie Schleifstein 1990f, die Beschäftigung mit Lenin zum Empirismus verkommen lässt, der wird ihm nicht gerecht. Der Unterschied zwischem dem Empirismus und der wissenschaftlichen Weltanschauung ist nun der, dass die Arbeit unternommen wird, Werte- und Ordnungssysteme zu schaffen, in die die einzelnen Erscheinungen eingeordnet, innerhalb derer ihre Analyse (die Erkenntnis ihres wesentlichen inneres Widerspruches, also ihres Wesens) und die Einordnung in den Gesamtzusammenhang vorgenommen werden kann. Dieses System, das also gleichzeitig Methode ist, heißt Marxismus-Leninismus. Der Kampf um das Selbstverständnis der Kommunisten ist letzten Endes der Kampf um unsere Weltanschauung.

Der Marxismus ist ohne Aufforderung, die Welt zu verändern nicht zu denken, ohne eigene und fremde Praxis, die von Parteien und Klassen gibt es keine Entwicklung weil die bewusste Handlungsweise der Individuen dialektisch – und das heißt untrennbar – mit den Dingen verbunden ist, die, wie das Wertgesetz zum Beispiel, sich hinter dem Rücken der beteiligten Indiviuden vollziehen. Da die Praxis zur Weltanschauung gehört (unter anderem weil ich die Anschauung nur in der Praxis überprüfen kann), müssen wir uns fragen wie sie aussieht, nun sie hat in allen politischen Bereichen immer die Form, dass sie organisiert werden muss. Praxis ist ohne Partei also gar nicht zu denken. Der Kampf um das Verhalten der Kommunisten ist letzten Endes der Kampf um unsere Weltanschauung.

Wer heute die Partei, also den demokratischen Zentralismus ernst nimmt, der muss wissen, dass dieser nur auf der Grundlage der Einheit der Weltanschauung funktioniert (6), und daher die Wiederherstellung dieser gemeinsamen Weltanschauung, also das, was Hans-Peter Brenner als „Korrekturbewegung“ bezeichnet hat.(7) Diese Korrektur hat die gigantische Aufgabe, Selbstverständnis und Verhalten wieder zusammen zu führen. Dafür ist die Weltanschauung der Kommunisten, der Marxismus-Leninismus ein ganz wesentliches Instrument. Wenn sich also die Auseinandersetzung beinahe aller Teilgebiete um den Begriff (und das sich-selbst-begreifen der Kommunisten als) Marxisten-Leninisten gruppiert hat, so hat seinen guten Grund.

Da es sich bei der Frage des Selbstverständnisses auch immer um eine Frage von Tradition und Kontinuität geht, hier einige Streiflichter aus der Geschichte der DKP:

1970 im Zeitraum der Neukonstituierung der DKP und im Lenin-Jahr erschien im Verlag Marxistische Blätter das Buch des späteren Referenten für Literaturpolitik beim Parteivorstand der DKP, Hans Adamo(8), „Antileninismus in der BRD“(9). Darin wendet er sich unter anderem gegen die Verfälschung der Leninschen Parteitheorie. In der Auseinandersetzung mit dem Ex-Kommunisten Roger Garaudy sagte er: „Die revisionistischen Angriffe gegen die Partei sind heute in stärkerem Maße gegen ihre weltanschaulichen Grundlagen gerichtet.“(10) und hebt damit genau den Ansatz heraus, de wir oben auch vertreten haben. Ohne gemeinsame Weltanschauung keine kommunistische Partei, ohne kommunistische Partei keine gemeinsame Weltanschauung.
1995, im Laufe der Auseinandersetzungen mit der Erneuerer-Strömung vertritt Hans Heinz Holz, wenn auch nicht ausdrücklich, so doch inhaltlich die Gegenposition zu Schleifstein: „Die Einheit von wissenschaftlich-weltanschaulicher Orientierung und politischer Strategie als Wesensform und Organisationsprinzip einer Kommunistischen Partei hat Lenin in seiner für die Parteitheorie richtungsweisenden Schrift Was tun? (1901/02, LW 5, S.355 ff.) herausgearbeitet. Auch heute, nach fast hundert Jahren, sind seine Ausführungen noch hochaktuell.“ (11)
Mit der „Korrekturbewegung“ stellt sich der heutige PV in die Tradition und die Kontinuität der Kämpfe um die Neukonstituierung als kommunistische Partei (und nicht der Aufgabe aller Prinzipien, um, wie Garaudy oder die Eurokommunisten zu versanden), und in die Tradition der „Betonköpfe“, die uns diese Partei über die 90er Jahre hinweg retteten.

(1)Sepp Aigner: 45 Jahre DKP: Die Kommunisten vor ihrem 20. Parteitag, http://www.redglobe.de/deutschland/umwelt/1285 abgerufen am 11.07.15.
(2)Josef Schleifstein: Lenins Auffassung der Parteiorganisation, in Marxistische Blätter 6_1990, 1_1991 und 2_1991, als Broschüre 2012, neu in Josef Schleifstein: Reale Geschichte als Lehrmeister, Essen 2015 genutzt wurde letztere Ausgabe.
(3)Ebd. S. 248.
(4)Patrik Köbele: Verbessern, nicht verwässern, UZ vom 6.3.15 S. 12, Björn Schmitd: Kontrovers diskutieren, einheitlich handeln, https://theoriepraxis.wordpress.com/2014/12/29/kontrovers-diskutieren-einheitlich-handeln/ Zugriff am 16.04.15.
(5)Hans Heinz Holz: Orientierung in der Vielheit der Erscheinungen. Die Einheit des Marxismus auf dem Prüfstand, in junge Welt, Beilage Marxismus vom 26.08.2006.
(6)„Die Partei, das ist die bewusste, fortgeschrittene Schicht der Klasse, ihre Vorhut. Die Kraft dieser Vorhut übersteigt ihre Zahl um das Zehn-, das Hundertfache und mehr. Ist das möglich? Kann die Kraft von Hunderten die Kraft von Tausenden übersteigen? Sie kann es und sie übersteigt sie, wenn die Hunderte organisiert sind. Organisation verzehnfacht die Kräfte. Diese Wahrheit ist wahrhaftig nicht neu …
Die Bewusstheit des Vortrupps offenbart sich unter anderem darin, dass er sich zu organisieren versteht. Und indem er sich organisiert, erhält er einen einheitlichen Willen, und dieser einheitliche Wille der fortschrittlichen Tausend, Hunderttausend, Millionen wird zum Willen der Klasse.“ ( LW 19, S. 397f)
(7)Hans-Peter Brenner: Zu einigen grundsätzlichen und aktuellen ideologischen Fragen, http://news.dkp.suhail.uberspace.de/2015/06/zu-einigen-grundsaetzlichen-und-aktuellen-ideologischen-fragen/ abgerufen am 11.07.15
(8) https://www.jungewelt.de/2006/12-13/023.php
(9) Hans Adamo: Antileninismus in der BRD. Tendenzen, Inhalt und Methoden der Leninfälschung in der Bundesrepublik unter besonderer Berücksichtigung des Internationalen Leninjahres 1970, Frankfurt am Main 1970.
(10) ebd. S. 63.
(11) Hans Heinz Holz: Kommunisten heute. Die Partei und ihre Weltanschauung, Essen 1995, S. 57.

Autor

Kurt Baumann

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