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Gespräch  mit Helga Hörz

Über den Kampf für Frauenrechte in der UNO, das langsame Absterben des Patriarchats und provinzielles Denken in der DDR

Jana Frielinghaus, junge welt online, 26.09.2015

jw: Sie waren in der DDR eine vielbeschäftigte Frau: Professorin für Ethik an der Sektion Philosophie der Humboldt-Universität in Berlin, fast 15 Jahre lang Vertreterin der DDR bei den Vereinten Nationen und Mutter von drei Kindern. Wie überlebt man so eine Aufgabenvielfalt als Familie? Schließlich war auch Ihr Mann Professor …

Helga Hörz: Durch gute Arbeitsteilung und Einbeziehung der Kinder in die Aufgaben. Wir haben ihnen immer erklärt, woran wir arbeiten und warum das wichtig ist.

Und wir haben immer darauf gesehen, dass wenigstens einer von uns zu Hause ist. Denn Kinder haben eben oft ganz schnell mal ein Problem, das man mit ihnen besprechen muss und will, damit sie auch wieder herauskommen aus einer komplizierten Situation.

jw: Vor 40 Jahren fand in Mexiko die erste Weltfrauenkonferenz der UNO statt, danach gab es alle fünf Jahre Folgekonferenzen. Im UN-Jahr der Frau 1975 begann auch Ihre Tätigkeit in der Kommission »Zum Status der Frau« der Vereinten Nationen. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?

Helga Hörz: Ich habe nach dem Studium im Berliner Glühlampenwerk als Jugendfunktionärin gearbeitet und dort festgestellt, wie viele Probleme wir noch haben bei der Einbeziehung der Frauen in die gesellschaftliche Entwicklung. Daraus ergab sich meine Doktorarbeit über die gesellschaftliche Rolle der Frau. Und daran gab es in der DDR ein breites Interesse, wohl auch, weil ich mich bemüht habe, sowohl Literatur auszuwerten als auch praktische Probleme aufzuzeigen, die in der Entwicklung neuer Formen des Zusammenlebens auftreten. Ich erhielt danach von fast allen Zeitungen der DDR Anfragen, musste für sie schreiben oder Interviews geben und habe viele Vorträge gehalten. Dadurch bin ich in das Blickfeld geraten – und auch durch meine Tätigkeit in der Internationalen Demokratischen Frauenföderation IDFF. Nachdem die Blockade überwunden und die DDR 1973 in die UNO aufgenommen worden war, kam ich in diese Auswahl und wurde dann 1975 vom ECOSOC, dem Wirtschafts- und Sozialrat der UNO in die Kommission gewählt. Vorgeschlagen hatte mich die DDR-Regierung.

jw: In der Kommission waren Sie an der Ausarbeitung der UN-Konvention über die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung der Frau beteiligt (Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women, CEDAW). Welche Erfahrungen haben Sie hier einbringen können?

Helga Hörz: Es war eine sehr komplizierte Arbeit, weil Menschen mit den verschiedensten kulturellen und ethnischen Prägungen aufeinandertrafen. Das musste ich bei allem berücksichtigen, was ich versuchte, in die Konvention einzubringen.

Ich habe mich darauf konzentriert, dass in der Konvention der Zusammenhang von Menschen- und Frauenrechten hervorgehoben wird. Das habe ich auch geschafft, er ist Bestandteil der Präambel.

In Diskussionsbeiträgen habe ich anhand der Erfahrungen mit der Schaffung vieler gesetzlicher Grundlagen für die volle Gleichberechtigung der Frauen aufgezeigt, wie die Entwicklung verlaufen kann, wie sie in unserem Lande verläuft – und dass es Probleme gibt, weil auch wir konfrontiert waren mit dem sehr stark verinnerlichten Rollenverständnis von Mann und Frau.

Überkommene Vorstellungen darüber, wie die Arbeitsteilung zu erfolgen hat, spukten in den Köpfen, und heute spukt es verstärkt wieder: ein Menschenbild, das nicht mehr den Realitäten entspricht, aber Wurzeln in der Geschichte hat.

Trotz vieler Kontroversen – es war zum Beispiel schwer, das Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit durchzusetzen, was wir aber geschafft haben – war die Konvention 1976 im Entwurf fertig, so dass sie in die UN-Gremien und die Vollversammlung gehen konnte. Der Staatsrat der DDR hat sie 1980 als zweites Land der Welt ratifiziert und damit mit 25 anderen Staaten zusammen die Voraussetzung für ihr Inkrafttreten geschaffen. Heute ist sie die UN-Konvention mit dem zweithöchsten Ratifikationserfolg und zwingt alle Länder, die ihr beigetreten sind – es sind 184 –, alle vier Jahre gegenüber dem Ausschuss für die Rechte der Frau, dessen Einrichtung die Kommission durchgesetzt hat, Rechenschaft abzulegen. Zwar gibt es oft auch geschönte Berichte, aber das Kontrollgremium ist durchaus in der Lage, dergleichen nachzuweisen und realistischere Darstellungen einzufordern.

jw: Welche Erfolge bei der Durchsetzung von Frauenrechten gab es während Ihrer Zeit bei der UNO? 

Helga Hörz: Durch die UN-Dekade der Frau von 1975 bis 1985 wurden die Frauen weltweit stark motiviert und aktiviert, auch durch die Weltkongresse. Durch diese Aktivitäten kamen viele Frauen aus der Vereinzelung heraus. Sie haben plötzlich gemerkt: Sie sind eine Kraft, die gegenüber den Regierungen Forderungen stellen kann. In Großbritannien ist zum Beispiel 1975 ein Lohngleichheitsgesetz durchgesetzt worden.

Ein weiteres Beispiel für erfolgreiches Engagement von Frauen in der UNO, das sehr spontan entstanden ist: Zwei skandinavische Vertreterinnen haben sich am Küchentisch überlegt, dass man etwas tun muss gegen die atomare Gefahr, haben eine Deklaration gegen atomare Bewaffnung erarbeitet – und dafür innerhalb kurzer Zeit mehrere Millionen Unterschriften von Frauen aus aller Welt zusammenbekommen. Auf der zweiten Weltfrauenkonferenz in Kopenhagen 1980, bei der ich das Amt der ersten Vizepräsidentin »in charge of coordination« innehatte, wollten sie diese Liste dem damaligen UN-Generalsekretär Kurt Waldheim übergeben, und das sollte zunächst blockiert werden. Aber in meiner Funktion hatte ich die Möglichkeit, die Sache voranzubringen. Da wurde zum Beispiel gesagt, es ist kein Übersetzerteam vorhanden. Also organisierte ich ein Übersetzerteam für das Plenum, und so konnten diese Frauen die Unterschriften übergeben.

jw: Sie haben 1979 auch eine Deklaration zur stärkeren Einbeziehung von Frauen in den Friedenskampf in den UN-Sicherheitsrat eingebracht …

Helga Hörz: Ja, das geschah im Auftrag der DDR-Regierung, und der Entwurf hatte die stärkere und gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an Friedensverhandlungen und -prozessen, aber auch ihre aktive Rolle bei der Überwindung von Kolonialismus und Rassismus zum Inhalt. Das ist auf viele Widerstände gestoßen, weil man immer wieder das Argument brachte, Frauen fehle die Qualifikation, was natürlich Unsinn ist, denn sie sind ja die Hauptleidtragenden in Kriegen.

1982 wurde diese Deklaration nach vielen Diskussionen tatsächlich von der UN-Vollversammlung verabschiedet. Und ich meine, dass die Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrates, in der Konfliktparteien dazu aufgerufen werden, die Rechte von Frauen zu schützen und sie gleichberechtigt in Friedensverhandlungen, Konfliktbeilegung und Wiederaufbau einzubeziehen, auch auf der Erkenntnis basiert: Man kann die Frauen nicht einfach ignorieren.

jw: Sie waren im Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) aktiv und heben in Ihren Büchern dessen Bedeutung für die Durchsetzung der Gleichberechtigung der Frauen in der DDR hervor. Im Internetlexikon Wikipedia heißt es, der DFD sei eine »Massenorganisation im Gefolge der SED« gewesen. Kritiker meinen, er gehörte eher zu den offiziellen Organisationen, die nicht berühmt dafür waren, Probleme wirklich zur Sprache zu bringen …

Helga Hörz: Das entspricht überhaupt nicht den Tatsachen. Die – noch gesamtdeutsche – Gründung des DFD 1947 diente zunächst dazu, mit den Folgen des Krieges zurechtzukommen. Er hat sich unter anderem sehr stark dafür eingesetzt, dass die Schulen wieder in Betrieb genommen wurden, dass für die Kinder gesorgt wird, die durch den Krieg ihre Eltern verloren hatten.

Und er hat Frauen an die Literatur herangeführt, indem in den Ortsgruppen Lesezirkel veranstaltet wurden. Ich finde, das sind große Verdienste.

In den internationalen Beziehungen haben wir immer wieder Hilfsaktionen gestartet. Als wir zum Beispiel zu einer Konferenz nach Bangladesh reisten, waren zwei Maschinen mit Hilfsgütern aus der DDR vorausgeflogen. Es wurden unter anderem Nähmaschinen und andere Geräte geliefert, mit denen sich Frauen eine Existenz aufbauen konnten. Der DFD hatte viele Kontakte zu Frauen in Entwicklungsländern. Bei unseren Treffen mit Frauen aus diesen Ländern gab es großes Interesse an unseren Erfahrungen. Dabei war es mein Ansatz, immer auch auf Probleme aufmerksam zu machen, damit keine Illusionen entstehen.

1975 war ich zusammen mit Hertha Jung, Mitglied der CDU der DDR, im DFD-Vorstand und Abgeordnete der Volkskammer, auf einem Seminar in London.

Wir haben dort beide Rede und Antwort stehen müssen, erstens über Friedensaktivitäten und das Agieren von Frauen dabei – und zweitens, wie wir die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf umsetzen. Die Art, wie in der DDR die Betreuung von Kindern durch medizinisch und pädagogisch ausgebildete Kräfte gewährleistet wurde, hat unseren Gesprächspartnern ebenso imponiert wie die Tatsache, dass wir eine einheitliche Frauenorganisation besaßen, die in der Volkskammer vertreten war und ein gewichtiges Wort dabei mitzureden hatte, wie Gesetze auch im Interesse von Frauen formuliert werden mussten. Denn in allen Ländern, in denen ich als Vertreterin der IDFF oder der UNO war, wurde immer wieder das Problem der Zersplitterung der Frauenorganisationen angesprochen. Das machte es schwierig, gegenüber Regierungen Rechte durchzusetzen.

Wenn ich von all diesen Aktivitäten zurückkam, hatte ich oft das Gefühl, dass in unserem Land ein gewisser Provinzialismus herrscht, der einfach nicht über die Grenzen hinausguckt und nicht sieht, wie groß die Probleme der Frauen in der ganzen Welt sind und dass man Defizite bei uns auch dazu ins Verhältnis setzen muss.

jw: Aber hatte diese Beschränktheit nicht auch mit dem für die meisten Bürger beschränkten Zugang zu Informationen zu tun?

Helga Hörz: Das ist zwiespältig. Denn es wurde ja immer wieder in vielen Publikationen der DDR die Situation weltweit geschildert. Ja, es gab Einschränkungen im Reiseverkehr. Einige haben aber auch zu wenig die vorhandenen Informationsmöglichkeiten genutzt. 1989 habe ich erlebt, dass eine Vertreterin der Modrow-Regierung, die dort als Ministerin ohne Geschäftsbereich für Frauenfragen zuständig war und von der DDR-Akademie der Wissenschaften kam, nicht einmal deren Veröffentlichungen zu Problemen bei der Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frauen kannte.

Diese Ministerin sagte mir 1990, ich sei eine Altlast und meine Weiterarbeit für die UNO nicht mehr zu verantworten. Obwohl sie diese Ansicht auch in den UN-Gremien sinngemäß zum Ausdruck brachte, wurde ich per Akklamation zur Präsidentin der Tagung zu Frauenfragen mit Weltkonferenzcharakter in Wien gewählt – eigentlich bis 1991. Aber meine Tätigkeit endete 1990, als die DDR aufhörte zu existierten. Mein Antrag an das Auswärtige Amt, wenigstens zur Amtsübergabe an die neue Präsidentin für einen Tag nach Wien reisen zu können, wurde abschlägig beschieden. Man sagte mir, ich könne ja privat reisen.

jw: Im Herbst 1989 gründete sich der Unabhängige Frauenverband UFV. Unter seinem Dach wollten sich viele Frauengruppen aus dem ganzen Land zusammentun. Viele von ihnen kritisierten, dass man in der DDR über fortexistierende patriarchale Gesellschaftsstrukturen nicht habe reden können. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Helga Hörz: Ich habe mich als Wissenschaftlerin immer auch mit Frauenfragen beschäftigt, und ich meine, dass es patriarchale Verhaltensweisen in der DDR tatsächlich sowohl bei Funktionären als auch in den Betrieben und in den Familien gab. Aber sie unterlagen Beschränkungen, weil der Gesamttenor der Gesellschaft dem entgegengesetzt war. Und der lautete, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Dass immer noch viele Funktionen von Männern besetzt waren, stimmt auch. Aber die DDR existierte nur 40 Jahre. Das ist historisch ein sehr kurzer Zeitraum. Bedenkt man das, haben wir enorm viel erreicht. Insofern finde ich es vereinfachend, wenn man diese Strukturen so betont. Man konnte sich, wenn man Benachteiligungen aufgrund des Frauseins nachweisen konnte, beschweren: bei der Gewerkschaft, bei der Presse, bei der Partei.

Manche Frauen, das konnte ich als Vorsitzende des Frauenausschusses der Humboldt-Universität erleben, wollten sich aber gar nicht wirklich weiterqualifizieren. Ich habe etliche Absolventinnen immer wieder gedrängt, in Richtung Promotion oder Habilitation weiterzuarbeiten, aber viele von ihnen scheuten die Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann, der dann in der Familie hätte mehr tun müssen. Einfach war die Neuregelung der Arbeitsteilung nicht, aber so etwas dem Staat anzulasten, finde ich unehrlich.

jw: 1990 endete für Sie auch Ihre Tätigkeit an der Uni. Sie wurden damals gedrängt, in den Ruhestand zu gehen, nahmen dieses »Angebot« an und wurden dann mit erst 55 Jahren emeritiert. Wie haben Sie diese Zeit des Herausdrängens sogenannter Systemnaher aus dem Wissenschaftsbetrieb erlebt, und welche Gründe sehen Sie rückwirkend für diese Vorgehensweise?

Helga Hörz: Die Abwicklung der DDR-Wissenschaftler geschah zum Beispiel an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Uni unter Leitung des Volkswirts Wilhelm Krelle, bis zum Mai 1945 SS-Sturmbannführer und glühender Nazi. Sein Leitspruch nach der »Wende« lautete: »Kein Marxist wird seinen Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzen, solange ich hier das Sagen habe.« Wenn so jemand eingesetzt wird, um die »fachliche und politische Eignung« der bisher dort Lehrenden zu beurteilen, wird das Ziel klar. Die Erinnerung daran, dass unser Land eine Alternative zur Kapitaldiktatur war und dass sie durch Gewährleistung der sozialen Rechte gezeigt hat, dass man eben auch menschlich miteinander umgehen kann, sollte so weit wie möglich gelöscht werden.

Ich selbst habe nie resigniert, merkte aber, dass viele Kollegen mit der Situation nicht zurechtkamen. Ich habe dann in Berlin-Mitte eine Diskussionsgruppe initiiert, in der wir über Ethik und Humanismus gesprochen haben. Wir haben eine Arbeit gemacht, die einige wieder aufgerichtet und aus der Isolation geführt hat. Als der Berliner Senat dafür keine Mittel mehr bewilligte, bin ich im Beirat der Volkssolidarität Berlin in die Bildungsakademie eingestiegen und habe sie 13 Jahre lang geleitet – mit wissenschaftlichen Vorträgen, Schriftstellerlesungen und Computerkursen.

jw: Wie schätzen Sie die Umsetzung der UN-Konvention zur Beseitigung der Frauendiskriminierung seit 1990 international ein?

Helga Hörz: Es hatte dramatische Folgen, dass das Korrektiv weggefallen ist, das die Existenz der sozialistischen Staaten bildete. Es gibt seitdem in vielen Fragen Stagnation und auch Regression, was die Durchsetzung von Frauenrechten betrifft.

jw: Regression kann man gerade in den ehemals sozialistischen Ländern beobachten …

Helga Hörz: Zugenommen hat dort insbesondere die Gewalt gegen Frauen, das Recht auf selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruch wird in vielen dieser Länder beschnitten. Und die Frauen wurden massenhaft aus dem Arbeitsprozess gedrängt – was zu wachsender weiblicher Altersarmut führt.