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Im Gespräch mit… Kristof Becker, Jugendbildungsreferent der DGB-Jugend Düsseldorf-Bergisch Land

30.09.15

Von DGB Düsseldorf

Frage: Seit über einem Jahr arbeitest Du als Jugendbildungsreferent der DGB-Jugend für die Region Düsseldorf – Bergisch Land. Erzähl uns doch bitte etwas über die Arbeit der DGB-Jugend.

Becker: Die DGB-Jugend ist das Sprachrohr der Gewerkschaftsjugend, das bedeutet wir vertreten die Gewerkschaftsjugenden nach außen, beispielsweise im Stadtjugendring oder gegenüber den „Erwachsenen“ in den DGB-Strukturen. Bundesweit sind wir mit über 500.000 Jugendlichen eine der größten Jugendorganisationen und wir wachsen stetig weiter. Hier ist es wichtig neben der Arbeit unserer Mitgliedsgewerkschaften, also der Unterstützung der Jugend- und Auszubildendenvertretungen oder der Durchsetzung von tariflichen Forderungen, wie die unbefristete Übernahme nach der Ausbildung, die Interessen der lernenden und arbeitenden Jugend in die Öffentlichkeit zu tragen und gegenüber Politik und Verwaltung zu artikulieren. Wir greifen politische Themen auf und mischen uns ein. Wir bohren allerdings auch dicke Bretter bei Dingen, die nicht täglich in den Zeitungen stehen, aber für uns von großer Bedeutung sind.

Ein zentrales Thema derzeit etwas, die eigentlich selbstverständlich sein sollte: Bei politischen Entscheidungen müssen diejenigen gefragt werden, die davon betroffen sind. Egal ob in Bundestag, Landtag oder im Rat muss „Jugend“ mitgedacht werden. Bei jeder Entscheidung überdacht werden, welche Auswirkung diese für uns junge Menschen hat.

Um dieses abstrakte Thema konkret zu machen: Investitionen in die Infrastruktur oder Jugendverbandsförderung zu unterlassen, weil keine Schulden mehr gemacht werden sollen, bringt uns als Gewerkschaftsjugend auf die Palme. Warum wir in maroden Berufskollegs lernen sollen, während sich die Städte gerade praktisch für umsonst Geld leihen können kann man niemandem Erklären. Bei der Entscheidung die Schuldenbremse einzuführen, wurde viel mit der jungen bzw. den folgenden Generationen argumentiert, an sie gedacht wurde nicht. Das wollen wir ändern.

Frage: Im August und September haben viele ihre Ausbildung begonnen, wie bewertest Du sie Lage auf dem Ausbildungsmarkt?

Becker: Eine endgültige Bilanz können wir erst Ende Oktober ziehen, dann liegen uns die Zahlen der tatsächlich abgeschlossenen Ausbildungsverträge vor. Was wir wissen, das ist leider keine Überraschung, ist, dass wir von unserer Forderung nach einem auswahlfähigen Angebot noch weit entfernt sind. Auswahlfähig heißt eine Situation, in der mehr Ausbildungsplätze angeboten werden, als es Jugendliche gibt, die eine Ausbildung suchen. Ein Zwischenziel wäre, dass zumindest für jeden Jugendlichen ein Ausbildungsplatzangebot vorhanden ist, aber auch davon sind wir weit entfernt. Stattdessen werden jedes Jahr tausende Jugendliche in Warteschleifen gesteckt.

Positiv ist anzumerken, dass sich im Rahmen des Ausbildungskonsenses in NRW die Arbeitgeber verpflichtet haben ,3.000 zusätzliche abgeschlossene Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen Das ist bei weitem noch nicht genug, aber es geht in die richtige Richtung. Hier werden wir ganz genau darauf achten welche Ergebnisse Ende Oktober vorliegen.

Sollte diese Zusage nicht eingehalten werden, ist für mich klar, dass die Landesregierung am Zug ist. Sie muss die Initiative zu ergreifen, um eine Ausbildungsplatzumlage endlich in die Tat umzusetzen. Sollte dies aufgrund der politischen Lage in Berlin nicht möglich sein kann und muss eine Ausbildungsplatzumlage auf Landesebene eingeführt werden. Die Ausbildungsplatzumlage ist seit vielen Jahren mit guten Erfahrungen im Bauhauptgewerbe Realität. Dort zahlen die Betriebe, die nicht oder wenig ausbilden in einen Fonds ein, aus dem Betriebe mit einer hohen Ausbildungsquote Zahlungen erhalten oder überbetriebliche Angebote für ihre Auszubildenden bezahlen lassen können. In den 90er Jahren haben wir schon einmal mit den Worten „Wer nicht ausbildet, wird umgelegt“ Kampagne gemacht. Diesmuss auch jetzt wieder unsere Losung sein.

Frage: Das klingt sehr schlüssig doch klagen viele Unternehmen, die Ausbildungsplätze anbieten keine geeigneten Bewerber_innen zu finden. Was sagst du zu diesen Vorwürfen?

Becker: Es ist natürlich richtig, dass es Unternehmen gibt, die Ausbildungsstellen ausschreiben, aber am Ende niemanden einstellen. Das Katzengejammer der Arbeitgeberverbände und Kammern, dass sich keine geeigneten Bewerber_innen finden lassen, halte ich allerdings für falsch. Wie bereits erwähnt brauchen wir mehr Angebot als Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt, das ist eigentlich nicht das Problem. Das Problem ist vielmehr die Frage, wer durch die Arbeitgeber als „ausbildungsreif“ definiert wird. Dies ist die entscheidende Frage. Ich stehe auf der Position, dass alle Jugendlichen, die unser Schulsystem durchlaufen haben, grundsätzlich fähig sind eine Ausbildung erfolgreich zu absolvieren.

Für viele Berufe stellen die Arbeitgeber sehr hohe Voraussetzungen, um überhaupt in das Auswahlverfahren zu gelangen. Warum ein Hauptschulabschluss heute nicht genügen soll, um eine Ausbildung im Handwerk zu absolvieren oder ein Realschulabschluss um als Bankkauffrau ausgebildet zu werden, will sich mir nicht erschließen. Der Eindruck der sich ergibt ist vielmehr, dass die Unternehmen jahrelang in Zeiten von geburtenstarken Jahrgängen Rosinenpickerei betrieben haben und sich nun wundern, dass sie heute nicht mehr nur die in ein Ausbildungsverhältnis einstellen können, die ein sehr großes soziales und fachliches Vorwissen aufweisen.

An vielen Stellen haben Berufe, in denen keine Bewerberinnen und Bewerber gefunden werden auch einen schlechten Ruf und die Jugendlichen meiden diesen Bereich. Wir müssen daher auf die Qualität der Ausbildung einen noch stärkeren Fokus legen.

Die Gewerkschaftsjugend befragt in jedem Jahr mehrere tausend Azubis nach der Qualität ihrer Ausbildung. Die Ergebnisse dieses „Ausbildungsreports“ sind teilweise erschreckend. Wenn wir da sehen, dass 38,1 % der Auszubildenden regelmäßig Überstunden leisten müssen, oder über 10 % häufig Tätigkeiten ausüben, die nichts oder wenig mit den Inhalten der Ausbildung zu tun haben, muss sich etwas ändern. Um den Bogen zur Frage zurück zu schlagen: Wenn ich Ausbildung nicht als Investition in die Zukunft des Unternehmens sehe, sondern als günstige Arbeitskraft, ist es klar, dass ich dann junge Menschen brauche, die wenig Betreuungsbedarf haben. Es gibt gute Beispiele, wie sogenannte „ausbildungsunfähige“ Jugendliche in den Arbeitsmarkt integriert werden können etwa durch sogenannte assistierte Ausbildungen. Bei diesen werden Mittel der Agenturen für Arbeit den Azubis Sozialarbeiter_innen zur Seite gestellt, damit sie ihre Ausbildung gut absolvieren können. Diese Angebote gibt es noch viel zu selten. Grund dafür ist, dass Unternehmen dort immer noch Berührungsängste haben. Solange diese Instrumente nicht genutzt werden halte ich die Klagen der Arbeitgeber nur für ein Ablenkmanöver von der Nichterfüllung ihrer sozialen Verantwortung.

Frage: Haben die Auszubildenden einen Ausbildungsplatz ergattern können stellt sich oft die Frage nach der Unterkunft während der Ausbildung. Gibt es hier Probleme und welche Lösungen siehst du?

Becker: Viele Jugendliche können oder wollen mit Beginn der Ausbildung nicht mehr bei ihren Eltern wohnen. So gibt es Konstellationen, die ein Wohnen mit den Eltern unmöglich macht oder der Ausbildungsplatz ist in einer anderen Stadt. Bei Arbeitszeiten außerhalb der üblichen Zeiten ist Pendeln fast unmöglich.

Dieses Thema beschäftigt uns besonders in der Landeshauptstadt Düsseldorf. Hier ist Wohnen so teuer wie in fast keiner anderen Stadt in NRW. Günstiger Wohnraum ist in der Stadtpolitik ein großes Thema und wir wollen nun, gemeinsam mit dem DGB erreichen, dass das Thema des Wohnraums für Auszubildende zumindest teilweise gelöst wird.

Es müssen Auszubildendenwohnheime gegründet werden, die günstigen Wohnraum für Auszubildende bieten und Sozialarbeiter_innen beschäftigen, die Auszubildenden in ihren Problemen begleiten können. Diese ermöglichen auch, dass minderjährige Auszubildende dort einziehen können. Das ist besonders wichtig, denn für sie ist es noch schwieriger eine geeignete Wohnung zu finden, da kaum ein_e Vermieter_in an Minderjährige vermietet.

Frage: Du hast zu Anfang davon gesprochen, dass ihr politische Themen aufgreift und an die Öffentlichkeit tragt. Kannst du hier ein Beispiel nennen?

Becker: Was uns derzeit alle beschäftigt ist die Frage, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird. Wir haben zum Thema ‚Flucht‘ zum 1. Mai eine Aktion unter dem Motto „Fluchtwege freihalten“ gestartet. Wir sehen, wie hunderttausende Menschen ihre Heimat verlassen müssen, weil sie dort verfolgt werden oder unter großer Armut leiden. Für sie ist Europa eine Möglichkeit sicher und gut zu leben. Dafür müssen Menschen unglaubliche Strapazen auf sich nehmen, um hier her zu kommen. Viele Tausende sterben auf diesem Weg. Daher fordern wir, dass Geflüchtete eine sichere Möglichkeit haben müssen hier her zu kommen ohne illegale und damit unsichere Wege eingehen zu müssen. In unserer Bildungsarbeit beschäftigt uns dieses Thema auch, so werden wir für interessierte Mitglieder am 16.10. die Möglichkeit bieten sich mit dem Thema Flucht und dem Umgang mit Geflüchteten in Deutschland auseinander zu setzen. Wir werden dazu einen Film zeigen, der über die Ausschreitungen Anfang der 90er Jahre in Rostock-Lichtenhagen erzählt. Wir werden darüber diskutieren, was damals passiert ist und was diese Ereignisse für unsere Arbeit heute bedeutet. Die Veranstaltung führen wir gemeinsam mit dem schwul-lesbischen Jugendzentrum PULS in deren Räumlichkeiten durch. Beginn ist um 18.00 Uhr, ich würde mich freuen, wenn viele kommen würden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Thomas Ziegler.

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