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Übernommen aus dem neuen Theorie & Praxis-Heft Nr. 40

Es ist nicht ganz einfach, über die Theorien der Wachstumskritiker zu sprechen. Mit dem Ausgangspunkt ihrer Analyse haben sie ja alle recht. Der lässt sich immer noch am besten unter dem Titel zusammenfassen, den Donella und Dennis Meadows mit Kollegen vom Club of Rome bereits 1972 ihrer wissenschaftlichen Unter- suchung, die zugleich ein Aufruf war, gegeben hatten: „Die Grenzen des Wachstums“ [1]. Die Meadows hatten darin klar gesagt, welches Wachstum sie meinen. Sie bezogen ihre Grenz- these auf fünf Bereiche: das Wachs- tum der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Nutzung der Rohstoffe. Ihre These lautete, vereinfacht gesprochen: Wenn das Wachstum dieser fünf Bereiche so weitergeht wie bisher, ist ein katastrophaler Umbruch zu erwarten.

Damals, mitten in der ersten Ölkrise, als dieser Rohstoff vorübergehend knapp zu werden schien, fand die These von der Erschöpfung wichtiger Rohstoffe die größte Aufmerksamkeit. Heute, gut 40 Jahre später, stehen eindeutig das Element Luftverschmutzung durch Verbrennung, die damit verbundene Emission von Kohlendioxid und die Folgen für das Klima im Vordergrund. Zugleich hat sich eine Kurzform für die fünf Wachstumsbereiche herausgebildet, die zugleich vorgibt, eine Ursache für das „immer weiter so“ angeben zu können. Es soll das Wirtschaftswachstum schlechthin sein, das drohe an Grenzen zu stoßen und das beschränkt werden müsse.

Was ist Wachstum?

Was Wirtschaft ist, bleibt dabei zunächst unbestimmt. Dagegen ist auch nichts zu sagen, solange klar ist, dass die gesamte ökonomische Leistung der Menschheit, ihre Arbeitsleistung gemeint ist. Also diejenige Aktivität, die den Stoffwechsel der Menschheit mit der Natur gewährleistet. In der nichtmarxistischen Volkswirtschaftslehre kommt der Begriff der wirtschaftlichen Gesamtleistung diesem Begriff nahe. Weniger klar ist aber, was Wachstum der ökonomischen Gesamtleistung bedeutet. Da sie sich aus produzierten Waren zusammensetzt (oder Leistungen, die Waren ähnlich sind), kann sie in Geldeinheiten angegeben und quantitativ bestimmt werden. Damit addiert sich von einer Produktionsperiode zur anderen ein jeweils anderer Gesamtgeldbetrag. Ein Plus oder Minus von einem Jahr zum nächsten lässt sich damit feststellen. Die Statistikämter wenden dann große Mühe auf, um den Anstieg der Warenpreise auf allen Ebenen der Produktion herauszurechnen. Was dann als Plus oder Minus übrigbleibt, gilt als „reales Wachstum“ bzw. als tatsächliches Plus (oder Minus) der Arbeitsleistung der Nation.

Wenn diese Leistung von Jahr zu Jahr wächst, was bis zur aktuellen Weltwirtschaftskrise – gemessen am BIP – in allen Ländern des Kapitalismus meist der Fall war, was bedeutet das? Woher stammt das Wachstum? Was drückt es aus? Die Antwort auf diese schlichten Fragen fällt übrigens in der klassischen (oder marxistischen) und in der neoklassischen (heutigen bürgerlichen) Volkswirtschaftslehre ähnlich aus: Das Wachstum der wirtschaftlichen Leistung stammt aus zwei möglichen Quellen. Die erste ist mehr geleistete Arbeit. Die zweite ist effektiver geleistete Arbeit.

Zwei Quellen des Wachstums

Erstere geht zu Beginn der kapitalistischen Entwicklung einher mit der Einbeziehung von mehr und mehr Menschen in den Arbeitsprozess. In den alten kapitalistischen Ländern erhöht sich heute der Arbeitseinsatz nur noch durch Wachstum der Bevölkerung und/oder Zuwanderung. Kurzfristig spiegelt ein solcher Zuwachs die Erholungsphase aus einer Konjunkturkrise wider, wenn die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Im Weltmaßstab haben wir es immer noch mit einem kräftigen Wachstum der Arbeitsbevölkerung zu tun.

Erstens steigt sie als absolute Größe. Zweitens steigt sie, weil in den jungen kapitalistischen Ländern – vor allem Asiens – mehr und mehr Menschen in den kapitalistischen Arbeitsprozess, das heißt die Mehrwertproduktion, einbezogen werden. Diese Menschen haben auch vorher gearbeitet, allerdings meist in vor- kapitalistischen Produktionsverhältnissen. Die vorkapitalistisch erstellte Arbeitsleistung der Welt wird statistisch meist gar nicht erfasst, weil sie – ganz wie die häusliche Arbeit vorwiegend der Frauen in unserer Gesellschaft – nicht auf Märkten verkauft wird.

Effektiver geleistete Arbeit heißt auch höhere Produktivität der Arbeit. In der bürgerlichen Volkswirtschaft wird das Phänomen „technischer Fortschritt“ genannt. Karl Marx beschreibt es zunächst unter dem Aspekt der Schaffung „relativen Mehrwerts“ [2]. Es gelingt dabei dem Kapitalisten, bei gleichem Arbeitseinsatz seiner Lohnarbeiter die Masse des Produkts zu erhöhen oder bei gleicher Produktmasse mit geringerem Arbeitseinsatz auszukommen. Er kann also in beiden Fällen die Lohnsumme relativ zum erzielten Produkt verringern, was seinen Mehrwert „relativ“ erhöht. Das erklärt das Interesse des Kapitalisten an solcher effektiverer Arbeit. Es erklärt auch, weshalb der Kapitalismus als Produktionsweise die Produktivkraft der Arbeit in seiner kurzen Geschichte so unglaublich steigern konnte. Marx und Engels besingen im „Kommunistischen Manifest“ geradezu hymnisch diese einzige positive und „revolutionäre“ Eigenschaft des Kapitalismus.

Ist Wachstum die Ursache für die Ausbeutung der Natur?

Die Masse der produzierten Waren, ihre Vielfalt und Komplexität hat sich im Lauf der letzten zwei oder drei Jahrhunderte dramatisch erhöht. Zugleich erhöhte sich damit auch der Verbrauch von Rohstoffen, von Baumwolle, Getreide, Fleisch, Stahl, Kies, Metallen aller Sorten, Holz, Kohle und Öl sowie die Nutzung von Wasser, Luft und Boden. Dieser Verbrauch wird in Gewichts- oder Hohlmaßeinheiten, jedenfalls physikalischen Größen oder auch einfachen Stückzahlen angegeben. Er liegt in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) auch in Geldeinheiten vor.

Das dort errechnete Wachstum des Verbrauchs ist aber nicht angemessen. Denn es interessieren ja nicht die Marktpreise dieses Verbrauchs, die beispielsweise bei der Luft auch heute noch weitgehend mit Null angesetzt werden. Dasselbe gilt auch für die Berechnung dessen, was das Gesamtprodukt ausmacht. Wir stellen am Ende einer Periode fest, dass so und soviele Hochhäuser, Fabriken, Kraftwerke, Rathäuser, Stanz- und Waschmaschinen, Computer, Handys und Hektoliter Bier produziert worden sind und wir vergleichen diese Größen mit den entsprechenden des Vorjahres, bemerken in Fußnoten, dass die Qualität dieser Waren nur beim Bier gleichgeblieben, sich sonst aber geändert hat. In der VGR erhalten wir – wie oben ausgeführt – eine Zahl, die dieses Jahr mit dem Vorjahr vergleichbar macht, weil sie in Geld zu Marktpreisen angegeben ist.

In Wirklichkeit ist es kühn, von dieser Wachstumszahl auf den stofflichen Verbrauch zu schließen. Die Rechnung in Werten nach der klassischen Arbeitswerttheorie macht die Sache deutlicher. Der Wert der erzeugten Waren (und Dienstleistungen) einer Periode entspricht der Arbeitsleistung der Menschen in dieser Periode (plus einem Anteil der Arbeitsleistung aus den Vorperioden, der aus dem „konstanten Kapital“ stammt). Das kommt einer Tautologie gleich, weist aber darauf hin, dass in der Warenproduktion der Tauschvorgang die Waren im Verhältnis zueinander bewertet, nicht jedoch die Warenmenge einer Gesellschaft insgesamt quantitativ bestimmen kann. Die Schlussfolgerung aus diesem Exkurs lautet: Das Wachstum des BIP ist allenfalls ein Hinweis auf die stärkere Ausbeutung der Natur, keinesfalls jedoch ihre Ursache.

Kapital muss wachsen

Woher kommt dann der angebliche Zwang zu wachsen? Gern verweisen Wachstumskritiker auf die mathematischen Folgen kontinuierlichen Wachstums. Wenn – was auch immer – mit einer bestimmten Rate zunimmt, so führt dieser Vorgang an irgendeiner Stelle zur Wachstumsexplosion und zum Sprung in die Unendlichkeit. Der Grund dafür ist einfach. Denn bei gleicher Wachstumsrate wird auch der jeweilige Zuwachs immer größer, sodass der Sprung in sinnlose Größenordnungen am Schluss resultieren muss.

Auch die Autoren der „Grenzen des Wachstums“ haben diesen mathematischen Zusammenhang bemüht. Gelderneuerer werden nicht müde, die Schlechtigkeit des Zinses daran festzumachen, dass ein im Jahre 0 unserer Zeitrechnung bei einer Sparkasse zum Festzins angelegter Dukaten oder Pfennig dank Zins und Zinseszins mittlerweile den Wert eines Goldklumpens von der Masse mehrerer Erden oder Sonnen haben würde. Auch ernsthafte marxistische Autoren bemühen diesen mathematischen Effekt. Zum Beispiel widmet David Harvey ihm ein eigenes Kapitel in seinem letzten Buch und fragt dort bänglich, aber eben auch rein rhetorisch: „Ist dauerndes Wachstum mit gleicher Rate möglich?“ [3]

In der realen Welt lautet die Antwort selbstverständlich nein. Das Kapitel leitet Harvey mit der Bemerkung ein: „Kapital hat immer mit Wachstum zu tun und es wächst notwendigerweise exponentiell (at a compound rate).“ Der erste Satz ist korrekt. Schließlich ist Kapital sich selbst verwertender Wert. Das ist der Zweck der Übung, aus Geld wird mehr Geld, aus G wird G‘. Das ist nicht nur die Definition, besser der adäquate Begriff des Kapitals, sondern es ist auch Notwendigkeit. Bei Strafe des Untergangs ist der Kapitalist gezwungen zu akkumulieren. Das heißt, der überwiegende Teil des Profits wird wieder zu Kapital, bzw. dem alten Kapital zugeschlagen, das um diesen Profit wächst.

Hier ist das Wort vom Wachstumszwang akzeptabel. Kapital muss wachsen. Nur, wo steht geschrieben, dass die Verwertungsrate des Einzelkapitals, aber auch des Gesamtkapitals über die Zeit hinweg gleich bleibt? Vielmehr ist die Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Selbstverwertung legendär.

Neoliberaler Kampfbegriff

Man könnte meinen, die These vom Wachstumszwang, der die gesamte kapitalistische Wirtschaft angeblich bestimmt und charakterisiert, sei aus einer Kritik am Kapital als sich selbst verwertendem Wert abgeleitet. Das ist aber keineswegs so. Vielmehr entstand die These von der angeblichen Notwendigkeit der Wirtschaft zu wachsen aus der neoliberalen Kritik am Keynesianismus.

Die 50er und 60er Jahre waren in den angelsächsischen Ländern von dieser wirtschaftspolitischen Richtung dominiert. Das bedeutete aktive Steuerung des Marktgeschehens durch staatliches Handeln. Insbesondere suchten die keynesianisch geprägten Wirtschaftspolitiker, Absatzkrisen und Arbeitslosigkeit dadurch zu vermeiden oder zumindest gering zu halten, indem sie durch Staatsschuld finanzierte Nachfrageschübe inszenierten.

Der Verteilungskampf zwischen den Klassen wurde durch Wachstum gemildert und befriedet. Wird der zu verteilende Kuchen größer, sind alle Seiten besser zufriedenzustellen. Hier stehe die staatliche Wirtschaftssteuerung unter dem „Zwang“, Wachstum zu kreieren, lautete die Kritik der Neoliberalen, deren Vorhut in Deutschland der Sachverständigenrat und die Deutsche Bundesbank bildeten. Diesem Zwang zu widerstehen, sei die Pflicht marktgläubiger Regierungen. Erst dann werde aus den Marktkräften selbst jenes gesunde Wirtschaftswachstum erblühen, das dem staatlich induzierten „Zwang“ zu wachsen, entkommen sei.

Da die Fraktion der neoliberalen Marktgläubigen seit den 80er Jahren in allen alten kapitalistischen Ländern die Wirtschaftspolitik bestimmt (in Deutschland spätestens seit Helmut Kohls Übernahme der Kanzlerschaft 1982), lässt sich empirisch gesichert feststellen, dass vom blühenden Wachstum aus den sich selbst überlassenen kapitalistischen Marktkräften nicht die Rede sein kann. Das Wachstum ist vielmehr immer kümmerlicher geworden und wurde von Rezessionen unterbrochen. Seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2007 liegt die Wirtschaftsleistung in der Hälfte der altkapitalistischen Länder unter dem Niveau von vor der Krise.

Anders ausgedrückt: In Europa, Japan und Nordamerika findet im Aggregat seit 13 Jahren kein Wirtschaftswachstum (gemessen am BIP) mehr statt. Die Schlussfolgerung lautet: Es gibt im modernen Kapitalismus keine Gesetzmäßigkeit, die aus dem Verwertungsdrang des Kapitals zu einer dauerhaft wachsenden wirtschaftlichen Gesamtleistung führt. Im Gegenteil, das Gerede vom Wachstumszwang führt in die Irre.

Gefährliche Kritik

Es ist demzufolge auch falsch, gegen das Wachstum der Produktion und der gesellschaftlichen Gesamtleistung anzugehen. Diese fehlgeleitete Forderung findet sich in Abschnitt 2, These 8 der „Politischen Thesen des [damaligen, LZ] Sekretariats des Parteivorstands der DKP“ von 2010. Einleitend wird gegen die kapitalistische Produktionsweise ins Feld geführt, dass sie „an ihre natürlichen Grenzen stößt“.

Das ist leider falsch. Vielmehr produziert der Kapitalismus nicht nur Katastrophen, er übersteht sie erfahrungsgemäß auch. Die Grenzen, an die er stößt, sind vielmehr gesellschaftliche Grenzen, die das Kapital selbst errichtet. Weiter unter beklagen die Autoren dieses Textes, dass das „Produktionswachstum nicht gestoppt werden“ kann, „so lange die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise die wirtschaftlichen Prozesse bestimmen“. Ein eigenartiges Argument für die Abschaffung des Kapitalismus. Kommunisten werden nicht einmal sich selbst, geschweige denn die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung davon überzeugen können, dass wir den Sozialismus brauchen, um das Wachstum abzuschaffen.

Grundsätzlich haben diejenigen recht, die sagen, wir könnten mit der Rettung des Planeten nicht warten, bis die Arbeiterklasse der Welt sich dazu bequemt, den Sozialismus einzuführen. Der Kampf um die Lebensgrundlagen muss hier und heute geführt werden. Er ist dringlich. Allerdings muss unter allen Umständen vermieden werden, dass er in die falsche Richtung führt und die falsche Seite stärkt. In diese Gefahr geraten die Wachstumskritiker. Wer in seiner Lebensführung Verzicht übt, gehört noch nicht dazu. Wer allerdings Verzicht predigt, begeht diese Sünde. Völlig daneben ist es, für eine staatlich und von den Bürgern finanzierte Modernisierung der Elektrizitätsversorgung zu plädieren, wie sie derzeit als „Energiewende“ stattfindet.

Allgemein gesprochen kommt es darauf an, dass ökologische Forderungen weder direkt noch indirekt dem Ziel eines höheren Anteils der arbeitenden Klassen am erwirtschafteten Reichtum zuwiderlaufen. Das gilt natürlich auch international. Das heißt: ohne eine gerechtere internationale Wirtschafts- und Finanzordnung sind die Klimaziele, deren Umsetzung den herrschenden Regierungen überlassen werden, mehr als nutzlos.

Quellen und Anmerkungen:

[1] D. Meadows et al., The Limits to Growth, 1972.

[2] MEW 23, S. 331 ff.

[3] D. Harvey, Seventeen Contradictions and the End of Capitalism, 2014, S. 222

Autor

Lucas Zeise

Lucas Zeise (*1944) ist Finanzjournalist seit mehr als zwanzig Jahren. Er hat Philosophie und Volkswirtschaft studiert und im Laufe seines Berufslebens u. a. für das japanische Wirtschaftsministerium, die deutsche Aluminiumindustrie und die Frankfurter "Börsen-Zeitung" gearbeitet. Er war an der Gründung der "Financial Times Deutschland" beteiligt und schrieb in ihr eine regelmäßige Kolumne. Er ist Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung und schreibt inzwischen für die Tageszeitung "junge Welt".

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