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MEZ 17.10.2015 Seminar: Geht dem Kapitalismus die wertbildende Arbeit aus?

Referat von Stephan Müller

 

Vie­len Dank für das In­ter­es­se an der De­bat­te, vie­len Dank an das Marx En­gels Zen­trum (MEZ), das zu die­ser De­bat­te ein­ge­la­den hat. Zu dan­ken ist auch Inge Hum­burg von der Ham­bur­ger Masch, die die De­bat­te in der Zeit­schrift „Theo­rie und Pra­xis“ (T&P) an­ges­toßen hat. Vor al­lem ist hier an Re­na­te Münder zu er­in­nern, die am 8. Au­gust ge­stor­ben ist und die uns zu die­ser De­bat­te er­mu­tigt und in­spi­riert hat­te. Ein Licht­blick auf der Trau­er­fei­er für Re­na­te am 16. Sep­tem­ber in München war die Ver­si­che­rung aus dem Kreis der T&P Re­dak­ti­on, dass die Zeit­schrift im Kampf­geist von Re­na­te wei­ter­geführt wird.

Ich wer­de ver­su­chen, un­se­re Ar­gu­men­te noch ein­mal über­sicht­lich dar­zu­stel­len, die wir in T&P ge­gen die The­sen von Man­fred Sohn vor­ge­bracht ha­ben. Wir, das heißt die Ar­beits­grup­pe der Kom­mu­nis­ti­schen Ar­bei­ter­zei­tung, der KAZ, für die ich un­se­re Ar­gu­men­ta­ti­on zu­sam­men­ge­fasst habe.

Die Dis­kus­si­on kon­zen­triert sich auf die Fra­ge, ob dem Ka­pi­ta­lis­mus die wert- und mehr­wert­bil­den­de Ar­beit aus­geht. Die Pro­duk­ti­ons­wei­se, die auf dem Pro­duk­ti­ons­verhält­nis des Ka­pi­tals und der da­mit not­wen­di­gen Pro­duk­ti­on und Ak­ku­mu­la­ti­on von Mehr­wert be­ruht, wäre da­mit am Ende. Des­halb spricht Man­fred von der „fi­na­len Kri­se“, die den „Epo­chen­bruch“ der Epo­che des Ka­pi­ta­lis­mus ein­lei­tet.

Es geht dar­um, die ge­genwärti­ge Kri­se rich­tig zu cha­rak­te­ri­sie­ren, um dar­aus Schluss­fol­ge­run­gen für den Klas­sen­kampf zu zie­hen.

„Für die un­ter dem Ban­ner von Marx und En­gels strei­ten­den Kräfte“, sagt Man­fred, ist die Fra­ge nach dem Cha­rak­ter der ge­genwärti­gen Kri­se not­wen­dig zur Stra­te­gie­ent­wick­lung. Dem ist zu­zu­stim­men. Ob sie „der Dreh- und An­gel­punkt für alle stra­te­gi­schen und da­von ab­ge­lei­tet auch tak­ti­schen Fra­gen“ ist, darüber müsste man dis­ku­tie­ren. Der Streit­punkt hier ist aber, ob Man­freds The­se von der „fi­na­len Kri­se“ zur Klar­heit über die Lage beiträgt.

Das „Epi­zen­trum der Kri­se“ ist zu su­chen, wie Man­fred rich­tig sagt, „im Kern des gan­zen ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tems.“

Ge­hen wir also zum „Kern“, dem Ka­pi­tal, das als Pro­duk­ti­ons­verhält­nis nur ak­ku­mu­lie­rend exis­tie­ren kann. Die Be­we­gungs­form der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on ist der Kri­sen­zy­klus. Mit der Be­we­gung der Ak­ku­mu­la­ti­on über die Zy­klen ent­steht die Kon­zen­tra­ti­on und Zen­tra­li­sa­ti­on der Ein­zel­ka­pi­ta­le. Es ent­wi­ckelt sich der Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus, der Im­pe­ria­lis­mus. Der Qua­litäts­sprung vom Kon­kur­renz­ka­pi­ta­lis­mus zum Im­pe­ria­lis­mus kommt da­her, dass der Ka­pi­ta­lis­mus in sei­ner ge­setzmäßigen Aus­deh­nung an sei­ne his­to­ri­schen Gren­zen stößt. We­gen der rest­lo­sen Auf­tei­lung der Welt un­ter die im­pe­ria­lis­ti­schen Großmächte war um das Jahr 1900 her­um die Aus­deh­nung der Gren­zen durch den bis­he­ri­gen zy­kli­schen Ex­pan­si­ons­pro­zess nicht mehr möglich. Da­mit steht die Al­ter­na­ti­ve Krieg oder Re­vo­lu­ti­on. Der Ka­pi­ta­lis­mus tritt in sei­ne Nie­der­gangs­pha­se ein, in sei­ne ‚all­ge­mei­ne Kri­se‘. Die bil­det in der wei­ter­be­ste­hen­den Wech­sel­wir­kung mit der zy­kli­schen Kri­se die Grund­la­ge zur Cha­rak­te­ri­sie­rung der ge­genwärti­gen Kri­se.

Be­reits in der Ana­ly­se der zy­kli­schen Kri­se stim­men wir mit Man­fred bzw. Ro­bert Kurz, an den er sich an­lehnt, nicht übe­rein. Die zy­kli­sche Kri­se zeigt auf, dass sich Ka­pi­tal in Wa­ren­form auf dem Markt nicht in Geld­form zurück­ver­wan­deln lässt, je­den­falls nicht in der Wei­se, dass aus dem zur Pro­duk­ti­on der Wa­ren ein­ge­setz­ten Geld­ka­pi­tal ein rea­li­sier­tes, größeres Geld­ka­pi­tal er­zielt wird, d.h. die Ak­ku­mu­la­ti­on gerät ins Sto­cken. Die Pro­duk­ti­on wird ent­spre­chend ein­ge­schränkt, die Abwärts­pha­se des Zy­klus, die Kri­se, be­ginnt. Das an­dau­ern­de Ab­sin­ken von Pro­duk­ti­on und Nach­fra­ge, die De­pres­si­on, wird durch den Ver­drängungs­pro­zess der ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz auf­ge­hal­ten. Durch neue Tech­no­lo­gie können Pro­duk­ti­ons­kos­ten und Prei­se ge­senkt wer­den. Die Pro­duk­tiv­kraft der Ar­beit wird im Ka­pi­ta­lis­mus im Kri­sen­zy­klus ent­wi­ckelt, auf Ba­sis der Er­neue­rung des Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rats, der im Pri­vat­ei­gen­tum der Ka­pi­ta­lis­ten ist. Die Stei­ge­rung der Pro­duk­tiv­kraft der Ar­beit, die ja nichts an­de­res ist als die Ver­rin­ge­rung der not­wen­di­gen Ar­beits­zeit, rich­tet sich des­halb im Ka­pi­ta­lis­mus ge­gen die Ar­bei­ter­klas­se, Ar­beitsplätze wer­den ver­nich­tet, die Löhne gedrückt. Die mas­sen­haf­te Er­neue­rung des Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rats, also des fi­xen Ka­pi­tals, löst aber Nach­fra­ge nach Pro­duk­ti­ons­mit­teln und Ar­beits­kraft aus, die Lohn­sum­me steigt, der Zy­klus tritt in die Be­le­bungs­pha­se ein. Die Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft be­dingt, dass neue Sek­to­ren im In­ne­ren der ka­pi­ta­lis­ti­schen Na­ti­on und neue Ge­bie­te außer­halb un­ter Zwang der Kon­kur­renz in den Ge­samt­markt und den Kreis­lauf des Ka­pi­tals ein­be­zo­gen wer­den. Die Aus­deh­nung zur Er­hal­tung des Ka­pi­tals ist nicht nur not­wen­dig, weil mit der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft die Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zität pro Ar­beits­stun­de steigt. Darüber wer­den wir später nach Hel­muts Vor­trag zum „ten­den­zi­el­len Fall der Pro­fi­tra­te“ spre­chen.

Wich­tig ist hier noch, dass im Ren­nen um die Märkte der Kre­dit eine zu­neh­men­de Rol­le spie­len muss. Um auf höhe­rer Stu­fen­lei­ter zu in­ves­tie­ren, ist Zu­gang zu Kre­dit we­sent­lich. Eine drit­te Ge­setzmäßig­keit auf dem Bo­den des Pri­vat­ei­gen­tums ist die un­gleichmäßige Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft und folg­lich die un­gleichmäßige Ent­wick­lung von kon­kre­ten Pro­duk­ti­ons­sek­to­ren, Re­gio­nen und Ländern.

Ich fas­se zu­sam­men: Der Kern der der­zei­ti­gen welt­wei­ten Wirt­schafts-, Fi­nanz- und Währungs­kri­se liegt wei­ter­hin in der Übe­r­ak­ku­mu­la­ti­on, also der re­la­tiv zur Mas­sen­kauf­kraft zu großen Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zität. Hier wi­der­spre­chen wir der The­se der Grup­pe Kri­sis, die auch von Man­fred vor­ge­bracht wur­de, das Be­son­de­re der ge­genwärti­gen Kri­se sei im Kern nicht mehr die re­la­ti­ve Übe­r­ak­ku­mu­la­ti­on, son­dern die so­ge­nann­te 3. in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on, aus­gelöst durch die Mi­kro­elek­tro­nik. Es sei der Kern nicht zu su­chen im Zurück­blei­ben der kauf­kräfti­gen Nach­fra­ge hin­ter der ak­ku­mu­lier­ten Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zität, son­dern im Zurück­blei­ben des An­ge­bots an neu­ar­ti­gen Mas­sen­kon­sumgütern.

Das scheint aber nicht Man­freds Haupt­ar­gu­ment zu sein. Er ar­gu­men­tiert, dass auch un­abhängig vom Man­gel an neu­en Pro­duk­ten die neu­en Tech­no­lo­gie­zy­klen, an­ders als die Tech­no­lo­gie­zy­klen da­vor, mehr Ar­beitsplätze ver­nich­ten als neue schaf­fen. Das müsste min­des­tens em­pi­risch be­legt wer­den.

Für ei­ni­ge In­dus­tri­en und ei­ni­ge Länder ist das rich­tig, aber nicht für den heu­ti­gen Ka­pi­ta­lis­mus ins­ge­samt. Die Sta­tis­ti­ken der In­ter­na­tio­nal La­bour Or­ga­ni­sa­ti­on (ILO) zei­gen, dass geo­gra­phisch und über die Jah­re ver­teilt das Ge­gen­teil ein­ge­tre­ten ist. Das be­deu­tet, dass welt­weit das Pro­le­ta­ri­at sich wei­ter­hin ver­mehrt.

Ich habe bei Man­fred und an­de­ren, die die The­se vom Ver­schwin­den der Lohn­ar­beit verkünden, kein sta­tis­ti­sches Da­ten­ma­te­ri­al dazu ge­fun­den. Die The­se, dass dem Ka­pi­tal die Ar­beit aus­gin­ge, wur­de mei­nes Wis­sens ab An­fang der 90er Jah­re for­mu­liert. Für Deutsch­land lie­gen Zah­len vor aus dem sta­tis­ti­schen Jahr­buch 2014 für die Ent­wick­lung der ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­den: Die Zahl sinkt von 60,1 Mil­li­ar­den Stun­den 1991 auf 57,7 Mil­li­ar­den Stun­den im Jahr 1995 und auf 55,8 Mil­li­ar­den Stun­den zehn Jah­re später. Sie steigt dann wie­der bis 2013 auf 58,1 Mil­li­ar­den.

Mei­ner Mei­nung nach se­hen wir hier nicht den Be­ginn der fi­na­len Kri­se auf­grund der Mi­kro­elek­tro­nik, son­dern das Platt­ma­chen der DDR-In­dus­trie mit der an­sch­ließen­den Ex­port­of­fen­si­ve des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus auf Grund­la­ge der Agen­da 2010.

Da­mit sind die Nie­der­gangs­er­schei­nun­gen des Ka­pi­ta­lis­mus in und außer­halb Deutsch­lands, die zu Recht an­geführt wer­den, natürlich noch nicht erklärt. Fest­zu­hal­ten ist hier aber, dass die Erklärung aus der Ecke von Ro­bert Kurz nicht halt­bar ist, so­wohl im An­satz – man­geln­de Pro­dukt­in­no­va­ti­on – als auch in der em­pi­ri­schen Über­prüfung – Ver­schwin­den der mehr­wert­schaf­fen­den Lohn­ar­beit.

Wir sind der Mei­nung, dass es sinn­voll ist, zur La­ge­be­stim­mung der Nie­der­gangs­pha­se des Ka­pi­ta­lis­mus bei der Theo­rie der ‚All­ge­mei­nen Kri­se‘ des Ka­pi­ta­lis­mus zu blei­ben, die in Ver­bin­dung und in Wech­sel­wir­kung mit der zy­kli­schen Kri­se wirkt. Da­bei geht es um Fol­gen­des:

In der „nor­ma­len“ zy­kli­schen Kri­se würden die über­le­ben­den stärke­ren Ka­pi­ta­lis­ten, die Geld und Kre­dit ha­ben, in neue Tech­no­lo­gie in­ves­tie­ren. Der Zy­klus würde in Be­le­bung und durch die Aus­deh­nung in neue Geschäfts­fel­der in die Pha­se des Auf­schwungs über­ge­hen.

Die „stink­nor­ma­le“ zy­kli­sche Kri­se gibt es aber seit der Wen­de vom 19. zum 20. Jahr­hun­dert nicht mehr. Aus den Ge­setzmäßig­kei­ten der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on, nämlich Ka­pi­tal­kon­zen­tra­ti­on (die hier die Zen­tra­li­sa­ti­on ein­sch­ließt), zu­neh­men­dem Ein­fluss des Kre­dits und der un­glei­chen Ent­wick­lung ent­wi­ckel­te sich, wie schon ge­sagt, der Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus und das Fi­nanz­ka­pi­tal, der Im­pe­ria­lis­mus, wie Le­nin ihn cha­rak­te­ri­siert. Das hat­te Fol­gen für den Kri­sen­pro­zess: Der Grund­pro­zess der Ak­ku­mu­la­ti­on blieb un­verändert, kam aber an sei­ne Gren­zen, als die Auf­tei­lung der Welt un­ter die Mo­no­pol­grup­pen und die im­pe­ria­lis­ti­schen Großmächte ab­ge­schlos­sen war. Zunächst ging des­halb der Mo­dus von In­be­sitz­nah­me der Ein­fluss­zo­nen über in Ver­tei­di­gung und Kon­so­li­die­rung. Die zu kurz ge­kom­me­nen, wie der deut­sche Im­pe­ria­lis­mus, muss­ten auf Neu­auf­tei­lung drängen. Der Ex­pan­si­ons­zwang der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on bau­te not­wen­dig zu­neh­mend Druck auf. Die Zeit vor 1914 ist be­stimmt durch das Aus­tes­ten der Kräfte­verhält­nis­se in den di­ver­sen di­plo­ma­ti­schen Kri­sen und lo­ka­len Krie­gen. Das wie­der hat­te Fol­gen für das Kräfte­verhält­nis der Klas­sen im In­ne­ren: Aufrüstung, Mi­li­ta­ri­sie­rung der gan­zen Ge­sell­schaft, Er­zwin­gen oder Er­kau­fen von Ruhe im ei­ge­nen Land. Das Verhält­nis der Ka­pi­ta­lis­ten zum Staat änder­te sich. Die klei­ne Cli­que der Fi­nan­zo­lig­ar­chen be­stimmt seit­dem, wer wo mit­zu­re­den hat. Wir er­hal­ten die Kräfte­auf­stel­lung, die sich im 1. Welt­krieg entlädt, der von der Ar­bei­ter­be­we­gung nicht auf­ge­hal­ten wer­den konn­te we­gen des Op­por­tu­nis­mus, des­sen ma­te­ri­el­le Grund­la­ge Le­nin 1916 im „Im­pe­ria­lis­mus als höchs­tes Sta­di­um …“ zu ana­ly­sie­ren hat­te.

Das Er­geb­nis des 1. Welt­kriegs mo­di­fi­zier­te den Kri­sen­pro­zess wei­ter. Nach 1918 war ein neu­es in­ter­na­tio­na­les Kräfte­verhält­nis ent­stan­den, auch durch den Ro­ten Ok­to­ber.

Die Kom­mu­nis­ti­sche In­ter­na­tio­na­le (KI) hat sich zur La­ge­be­stim­mung ge­nau da­mit beschäftigt und hat mit Le­nin und auf der Grund­la­ge sei­ner Ana­ly­se die Theo­rie der ‚All­ge­mei­nen Kri­se‘ ent­wi­ckelt. Eu­gen Var­ga, der führen­de Po­litöko­nom der KI, hat das 1961 noch ein­mal in „Der Ka­pi­ta­lis­mus im 20.Jahr­hun­dert“ zu­sam­men­ge­fasst. Ich glau­be, dass wir uns mit ei­nem kri­ti­schen Zu­gang zu Var­ga die Me­tho­de zur Cha­rak­te­ri­sie­rung der Lage an­eig­nen können.

Die Dif­fe­renz zu Man­freds Dar­stel­lung wird dann viel­leicht klar.

Man­fred nennt drei Gründe, war­um der Ka­pi­ta­lis­mus bis­her sein Ende her­aus­schie­ben konn­te, jetzt aber in der fi­na­len Kri­se sei:

1. Un­ter­wer­fung neu­er Ge­bie­te in­ner­halb und außer­halb sei­nes na­tio­na­len Ter­ri­to­ri­ums der Ka­pi­tal­ver­wer­tung. Das sei seit 1989 nicht mehr möglich.

2. Krieg und Wie­der­auf­bau, heu­te auch nicht mehr möglich?

3. Neue Tech­no­lo­gi­en, die bis­her mehr Ar­beitsplätze er­zeugt als ver­nich­tet ha­ben, also das ein­gangs be­han­del­te Ar­gu­ment der Mi­kro­elek­tro­nik.

Ich mei­ne, dass das drei As­pek­te der glei­chen Ent­wick­lung sind, sehe aber den Bruch durch die 3. In­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on nicht. Wir den­ken, dass Man­fred mit sei­nem Bild des Epo­chen­bruchs den his­to­ri­schen Zu­sam­men­hang zer­reißt.

Der his­to­ri­sche Zu­sam­men­hang ent­steht durch den Über­gang vom Kon­kur­renz­ka­pi­ta­lis­mus zum Im­pe­ria­lis­mus und den da­mit ver­bun­de­nen qua­li­ta­ti­ven Ände­run­gen.

Die eben durch das Er­rei­chen der Gren­zen der Ex­pan­si­on be­son­ders star­ken Kri­sen mit den star­ken und sehr un­gleichmäßigen Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lun­gen am Ende des 19. Jahr­hun­derts er­zeug­ten die nach in­nen und außen zu­neh­men­den Span­nun­gen, die sich im 1. Welt­krieg ent­lu­den. Le­nin stellt im „Im­pe­ria­lis­mus“ den Zu­sam­men­hang zwi­schen den in­ne­ren und äußeren Span­nun­gen her. Er muss die­sen Ana­ly­se­schritt ge­hen, weil der Op­por­tu­nis­mus in der Ar­bei­ter­be­we­gung, der den Krieg erst möglich mach­te an Stel­le der Re­vo­lu­ti­on, nur auf dem ma­te­ri­el­len Bo­den des Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus vorüber­ge­hend be­stim­mend wer­den konn­te. Letzt­lich we­gen der stark un­glei­chen Ent­wick­lung von Ka­pi­tal und Ar­beit und der ent­spre­chen­den un­gleich­zei­ti­gen Klas­senkämpfe gab es dann auch kei­ne syn­chro­ni­sier­te sieg­rei­che Welt­re­vo­lu­ti­on. Re­vo­lu­tio­nen gab es welt­weit, aber außer in der SU sieg­te die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on. Die USA konn­ten ih­ren Ein­fluss aus­deh­nen und wur­den in der ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt do­mi­nant. Die re­la­ti­ve Sta­bi­li­sie­rung ab 1924 mit der ent­spre­chen­den Er­neue­rung des Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rats wur­de nicht vom Wunsch der Mas­sen nach Kon­sumgütern, son­dern von staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ein­grif­fen und nicht zu­letzt von US-Kre­di­ten be­feu­ert. Die Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zität wuchs enorm, stieß aber 1929 an die Gren­ze der Kauf­kraft, die in der „Ra­tio­na­li­sie­rungs­of­fen­si­ve“ nicht ent­spre­chend mit­ge­wach­sen war. Der neu ver­teil­te Welt­markt war auch durch die SU und durch die Re­vol­ten der un­ter­drück­ten Völker be­ein­träch­tigt. Var­ga kon­sta­tiert: „Die Auf­nah­mefähig­keit des ka­pi­ta­lis­ti­schen Ab­satz­mark­tes genügte selbst in den Hoch­kon­junk­tur­pha­sen nicht, um eine vol­le Aus­nut­zung des Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rats zu ermögli­chen.“

Ge­nau da­mit hat sich die KI in Theo­rie und Pra­xis beschäftigt. Die kon­kre­te Kräfteent­wick­lung im Klas­sen­kampf konn­te aber auch den 2. Welt­krieg nicht ver­hin­dern.

Die Hoff­nung der im­pe­ria­lis­ti­schen Großmächte, dass das fa­schis­ti­sche Deutsch­land und die SU sich ge­gen­sei­tig auf­rei­ben würden, rea­li­sier­te sich nicht. Der Wi­der­spruch zwi­schen den Im­pe­ria­lis­ten er­wies sich als stärker als der Wi­der­spruch zwi­schen dem Im­pe­ria­lis­mus im Gan­zen und dem So­zia­lis­mus.

1945 war die SU ge­schwächt, aber sieg­reich auch dank der un­erhörten Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft der Ar­beit dort seit 1917. Welt­weit wa­ren 1945 die kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en stark, wie auch die Hin­wen­dung der Mas­sen zum So­zia­lis­mus. Wie­der stand in fast al­len Ländern der Erde die so­zia­lis­ti­sche Re­vo­lu­ti­on auf der Ta­ges­ord­nung. Sie sieg­te in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten zwar in meh­re­ren Ländern, aber vor al­lem nicht in den im­pe­ria­lis­ti­schen Hauptländern. Die­se Kräfteent­wick­lung ist für uns der Aus­gangs­punkt zur Cha­rak­te­ri­sie­rung der ge­genwärti­gen Kri­se.

Auf der im­pe­ria­lis­ti­schen Sei­te do­mi­nier­ten 1945 die USA, die die an­de­ren Im­pe­ria­lis­ten mit dem Währungs­sys­tem von Bret­ton Woods de fac­to tri­but­pflich­tig ma­chen. Mit den an­de­ren Im­pe­ria­lis­ten hat­ten die US-Im­pe­ria­lis­ten das ge­mein­sa­me Ziel, die Ent­wick­lung des So­zia­lis­mus rückgängig zu ma­chen. Der Druck der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on in den an­de­ren im­pe­ria­lis­ti­schen Ländern zwingt aber de­ren Fi­nan­zo­lig­ar­chi­en, nach We­gen zu su­chen, der US-Do­mi­nanz zu ent­kom­men. Die Eindämmung der Klas­senkämpfe, der Be­we­gung zum So­zia­lis­mus und ge­gen den Ko­lo­nia­lis­mus, er­zeugt ei­nen Dau­er­kriegs­zu­stand der USA. We­gen der an­dau­ern­den Hochrüstungs­pro­duk­ti­on ent­stand eine lan­ge Wie­der­auf­bau­pha­se ohne star­ke Un­ter­aus­las­tung. Die USA ex­por­tier­ten Ka­pi­tal nach Eu­ro­pa, wur­den aber schwächer we­gen ih­rer zu­neh­men­den Mi­litäraus­ga­ben. Sie konn­ten Gold­ab­fluss nicht ver­hin­dern, blie­ben aber wei­ter mi­litärisch do­mi­nant. Das Bret­ton-Woods-Sys­tem hielt bis An­fang der 70er Jah­re.

Man­fred ver­legt den „Be­ginn der Kern­schmel­ze“ auf die 70er Jah­re. Da wur­de eben mit dem Ende des Bret­ton-Woods-Sys­tems auch sicht­bar, dass die He­ge­mo­nie des US-Im­pe­ria­lis­mus im ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tem ih­ren Höhe­punkt über­schrit­ten hat­te. Etwa gleich­zei­tig tra­ten in der SU Sta­gna­ti­ons­er­schei­nun­gen auf, mit Fol­gen für die so­zia­lis­ti­schen Länder und die Länder, die um ihre Un­abhängig­keit vom Im­pe­ria­lis­mus kämpf­ten. Die re­la­ti­ve Sta­bi­lität der Nach­kriegs­ord­nung im Kal­ten Krieg ging zu Ende.

Die skiz­zier­te Dy­na­mik be­stimm­te den Wie­der­auf­stieg der deut­schen Fi­nan­zo­lig­ar­chie. Sie konn­te so­wohl die Ag­gres­si­vität der USA ge­gen die SU nut­zen, als auch den Wunsch vor al­lem des französi­schen Im­pe­ria­lis­mus, von den USA un­abhängi­ger zu wer­den.

Die na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Kräfte­verhält­nis­se wur­den 1989 noch­mal neu auf­ge­stellt. Der Kampf um die Neu­ver­tei­lung – auch der bis 1989 we­gen des RGW nicht frei zugäng­li­chen Märkte – hält an. Die Märkte der Länder, die dem RGW an­gehört hat­ten, spie­len aber we­gen der durch die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on schrump­fen­den Kauf­kraft eher eine Rol­le als Lie­fe­ran­ten von Roh­stof­fen und bil­li­ger Ar­beits­kraft. Die Öff­nung der Märkte Chi­nas da­ge­gen stellt ei­nen Großteil des Ex­pan­si­ons­po­ten­ti­als der ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on dar, eben weil der Rest sta­gniert. Auf den Märk­ten, die dem RGW nicht an­gehörten, aber durch das Exis­tie­ren des RGW eine ge­wis­se Un­abhängig­keit ge­nos­sen, fin­det eine bru­ta­le Re­ko­lo­nia­li­sie­rung statt.

Die letz­te Ant­wort des Im­pe­ria­lis­mus auf das Er­rei­chen der Gren­zen ist Ge­walt. Die Gren­zen wer­den nicht von der tech­ni­schen Ei­gen­art der Mi­kro­elek­tro­nik ge­zo­gen, son­dern von den Ge­set­zen der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on im Sta­di­um des Im­pe­ria­lis­mus, die be­reits im gan­zen 20. Jahr­hun­dert den Klas­sen­kampf geprägt ha­ben, na­tio­nal und in­ter­na­tio­nal.

Am deut­lichs­ten wird so­mit un­se­re Dif­fe­renz zu der Ar­gu­men­ta­ti­on von Man­fred, wenn er fest­stellt, dass der Ka­pi­ta­lis­mus de­fen­siv ge­wor­den sei.

Dan­ke für die Auf­merk­sam­keit.

Autor

Stephan Müller

22. Parteitag

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Der Leitantrag zum 22. Parteitag: "Die Offensive des Monopolkapitals stoppen."

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