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Vor 125 Jahren wurde Antonio Gramsci geboren

Von Gerhard Feldbauer |

Wenn wir am 22. Januar den 125. Geburtstag Antonio Gramscis begehen, erinnern zeitgleich zwei historische Ereignisse an sein Wirken als eines herausragenden kommunistischen Theoretikers nicht nur Italiens, sondern der kommunistischen Weltbewegung: Am 21. Januar 1921 entstand die maßgeblich von ihm begründete kommunistische Partei; am 23. Januar 1926 beschloss der illegale Parteitag in Lyon die von ihm ausgearbeitete Strategie zur Erringung der führenden Rolle der Arbeiterklasse im antifaschistischen Kampf als Parteiprogramm und wählte ihn als Nachfolger Amadeo Bordigas, der wegen seines Sektierertums nicht wieder ins ZK gewählt wurde, zum Generalsekretär. Nicht außer Acht lassen kann man aber auch den 31. Januar, an dem 1991 der letzte Parteitag begann, auf dem die Revisionisten in der IKP die von ihm begründete Partei, wie Domenico Losurdo einschätzte, liquidierten, dabei in demagogischer Weise verkündeten, an seinem theoretischen Erbe anzuknüpfen, während in Wirklichkeit die gesamte Linke Italiens in eine bis heute anhaltende tiefe Krise gestürzt wurde.

Antonio Gramsci, um 1920

Antonio Gramsci, um 1920

Während des Studiums der Philosophie und Geschichte an der Universität in Turin, der Metropole der norditalienischen Arbeiterbewegung, trat das vierte Kind eines Verwaltungsangestellten auf Sardinien 1913 in die Sozialistische Partei (ISP) ein. Im Ersten Weltkrieg vertrat Gramsci aktiv die von der Partei als einziger westeuropäischer Sektion der Zweiten Internationale bezogene Antikriegsposition.

Sein theoretisches Schaffen weist Gramsci als einen genialen Theoretiker aus, der einen gewaltigen Beitrag zur Verbreitung und schöpferischen Vertiefung des Marxismus-Leninismus leistete. Er war aber ebenso ein Mann der revolutionären Praxis. Im August 1917 gehörte er zu den Organisatoren des Aufstandes der Turiner Arbeiter gegen Hungersnot und für Frieden, die den reformistisch beherrschten ISP-Vorstand absetzten und eine neue Leitung mit Gramsci an der Spitze wählten.

Beginnend mit ersten grundsätzlichen Gedanken über eine marxistische Konzeption des Kampfes der italienischen Arbeiterbewegung 1916 in der Zeitschrift „La città futura“ verfasste er eine Fülle theoretischer Schriften, die von den ökonomischen Analysen (darüber hinaus zum Faschismus), philosophisch-moralischen Abhandlungen („Byzantinismus“ und „Scholastizismus“) und kulturellen Schriften über seine Definition der Hegemonie der Arbeiterklasse, die Bündnispolitik, eingeschlossen die Süditalien-Frage und den Historischen Block, bis zu den Thesen über den sogenannten Stellungs- und Bewegungskrieg der Arbeiterbewegung reichen. Er lehnte die von der Komintern ausgehende pauschale Diffamierung der Sozialdemokratie als „Sozialfaschismus“ sowie die Taktik des Kampfes „Klasse gegen Klasse“, die Bündnisse im antifaschistischen Kampf behinderte, ab.

Theoretisches Gespür bewies Gramsci, als er zur Gründung einer Kommunistischen Partei nicht den direkten Weg des Bruchs mit der ISP einschlug, sondern mit Palmiro To­gliatti, Umberto Terracini und Angelo Tasca in der ISP im Mai 1919 die kommunistische Gruppe Ordine Nuovo (Neue Ordnung) und ihre gleichnamige Zeitschrift gründete, um in der Partei den Reformismus zu überwinden, sie revolutionär zu erneuern, um sie in eine „Partei des revolutionären Proletariats“, die sich zur „Zukunft einer kommunistischen Gesellschaft“ bekennt, umzuwandeln. Grundlage dieser Konzeption war für ihn die Antikriegshaltung der ISP im Ersten Weltkrieg. Lenin stärkte den Ordinuovisten in der Auseinandersetzung mit den Reformisten und Zentristen den Rücken und betonte, „von dem Ausgang dieser Kämpfe, von der Geschlossenheit der Arbeitermassen, von ihrer Diszipliniertheit und Selbstlosigkeit hängen der Sieg über die Bourgeoisie, der Übergang der Macht an das Proletariat“ ab. (Über den Kampf innerhalb der Italienischen Sozialistischen Partei, Werke, Bd. 31, S. 385)

Gramsci suchte auf revolutionären Positionen Kompromisse. So wollte er mit den Zentristen ein Übereinkommen zum Ausschluss der Reformisten schließen. Die Stärke der drei Fraktionen auf dem XVII. Parteitag der ISP in Livorno verdeutlichte, dass seine Strategie Aussicht auf Erfolg hatte.

„Ordine Nuovo“ vertrat 58 783, die Zentristen 98 028, Die Reformisten 14 695 Mitglieder. Der Führer der Zentristen, Giacinto Menotti Serrati, hatte sich für die Trennung von den Opportunisten ausgesprochen. Er war in den meisten Fragen ein revolutionärer Sozialist, hatte als Chefredakteur des „Avanti“ konsequent die Antikriegsposition vertreten, sich in Zimmerwald und Kienthal Lenin angenähert. Auf dem Parteitag, der am 15. Januar 1921 in Livorno begann, trat er jedoch nicht konsequent dafür ein, sodass die Zentristen mit dem Argument, die Einheit der Partei zu wahren, den Ausschluss der Reformisten ablehnten. Daraufhin verließen die Ordinuovisten den Parteitag und konstituierten sich am 21. Januar zur Kommunistischen Partei.

Ende 1923 kehrte Gramsci aus Moskau zurück, wo er seit März 1922 Vertreter der IKP im Exekutivkomitee der Komintern war. Lange vor deren VII. Weltkongress erarbeitete er als Erster Grundsätze einer Analyse des Faschismus und die für seinen Sturz erforderliche nationale Bündniskonzeption und erwies sich damit, wie Domenico Losurdo schrieb, als „ein kommunistischer Führer ersten Ranges“ (Der Marxismus Antonio Gramscis. Hamburg 2000).

Gramsci schäzte ein, dass nach der Machtergreifung des Faschismus die proletarische Revolution zunächst nicht mehr auf der Tagesordnung stand. Die Arbeiterklasse müsse ihre „politische Hegemonie“ auf der Grundlage der Freiwilligkeit und Überzeugung erringen. Ihr Masseneinfluss setze voraus, das Sektierertum zu überwinden. Er verband den Kampf für den Sozialismus mit der Verteidigung bzw. der Eroberung der Demokratie.

Der Blocco storico

Den Kern der Bündnispolitik Gramscis bildete seine These vom „Historischen Block“. Ausgehend vom Bündnis der Arbeiter und Bauern entwarf er ein System von Bündnissen der Arbeiterklasse mit den Mittelschichten und der Intelligenz, in dem er dem Zusammengehen mit den katholischen Volksmassen einen hohen Stellenwert beimaß. Er ging von Lenins Hinweisen für die italienischen Kommunisten auf dem III. KI-Kongress aus, dass die Partei im revolutionären Kampf „nicht nur die Mehrheit der Arbeiterklasse, sondern auch die Mehrheit der werktätigen und ausgebeuteten Landbevölkerung“ gewinnt. (LW, Bd. 32, S. 500) Gramsci hielt fest, dass die bürgerlichen Bündnispartner eigene politische Ziele verfolgen, was seitens der KP Zugeständnisse erfordere. In seinen Gefängnisheften präzisierte er später, was oft übersehen wird, es müsse sich um einen „ausgeglichenen Kompromiss“ handeln, bei dem die Zugeständnisse der KP „nicht das Wesentliche, nämlich „die ökonomischen Aktivitäten der führenden Kraft“, betreffen dürften, worunter er die Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaft und die Errichtung einer sozialistischen Ordnung verstand.

Unter Bruch seiner Immunität als Parlamentarier wurde Gramsci am 8. November 1926 verhaftet und am 4. Juni 1928 zu 20 Jahren Kerker verurteilt. Im Gefängnis nahm Gramsci auf die weitere Entwicklung der Strategie als auch auf Fragen der aktuellen Politik der Partei aus dem Kerker heraus, den er erst 1937, kurz bevor er starb, todkrank im Ergebnis einer internationalen Protestbewegung verlassen konnte, großen Einfluss. Was er im Kerker erarbeitete, war ein ungeheures Pensum an theoretischen Erkenntnissen, orientiert auf den praktischen revolutionären Kampf. Gramsci, der einen Buckel hatte und von zwergenhafter Gestalt war, litt von früher Kindheit an unter einer schwachen Gesundheit. Im Gefängnis kämpfte er dagegen an und lieferte einen Beweis seiner enormen Energie und Willenskraft.

Für die Verwirklichung der Konzeption Gramscis reiften in den 30er Jahren die Bedingungen heran, die im Juli 1943 zum Sturz Mussolinis führten. Unter Palmiro Togliatti, seit Gramscis Verhaftung amtierender Generalsekretär und nach dessen Tod 1937 sein Nachfolger, errang die Arbeiterklasse mit der IKP an der Spitze die Führung im antifaschistischen Kampf. Nach dem Sturz des „Duce“ schlossen sich die bürgerlichen Parteien dem von der IKP initiierten Nationalen Befreiungskomitee an. Mit der im April 1944 gebildeten Nationalen Einheitsregierung (Wende von Salerno) wurde Gramscis Blocco Storico in einer größeren Dimension verwirklicht, als sein Theoretiker ihn konzipiert hatte.

Gramsci-Werke

Gramscis Arbeiten sind vor allem in seinen Gefängnisheften enthalten. Sie erschienen in Deutsch seit 1991 im Argument-Verlag Hamburg in 10 Bänden.

An Einzelausgaben sind erschienen:

– Die süditalienische Frage, Berlin (DDR) 1955
– Briefe aus dem Kerker, Berlin (DDR) 1956; Frankfurt/Main 1972
– Philosophie der Praxis, Frankfurt/Main 1967
– Zur Politik, Geschichte und Kultur, Leipzig 1980, 2. Aufl. 1986
– Gedanken zur Kultur, Leipzig 1987
Siehe auch: Gramsci: Kulturelle Hegemonie und „Alltagsverstand“ – Von Herwig Lerouge, UZ vom 15.1.2016, S. 10 (Vorabdruck aus den Marxistischen Blättern).