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Antonio Gramsci (1891-1937). Seit 1913 Mitglied der Sozialistischen Partei Italiens, leitet Antonio Gramsci ab 1919 die „Rätebewegung“, die die Gründung von Arbeiterräten in den Betrieben befürwortet. Im gleichen Jahr gründet er die Wochenzeitung Ordine Nuovo. Am 21. Januar 1921 nimmt er teil an der Gründung des Kommunistischen Partei Italiens (Pcd’I, später PCI). Er wird ihr Anführer. 1928 von den Faschisten festgenommen, stirbt Gramsci einige Tage nach seiner Befreiung im Jahre 1937. Er hinterließ die Gefängnishefte, mehr als 2 000 handgeschriebene Seiten mit Überlegungen zur Geschichte, der Kultur, der Politik und der Revolution. Sein Konzept der kulturellen Hegemonie als Mittel der Erhaltung des Staates in einer kapitalistischen Gesellschaft ist einer seiner grundlegenden Beiträge.

Die „Demokratie“ der europäischen Banken und Großkonzerne nimmt es sicherlich nicht hin, dass man die Grundlagen des Privateigentums der Unternehmen und Banken in Frage stellt. Aber heutzutage werden die Grenzen dieser Demokratie immer enger. Die EU lässt nicht einmal zu, dass man die neoliberalen Dogmen der grenzenlosen Konkurrenz, der Privatisierung der grundlegenden öffentlichen Dienste, der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, der Umgestaltung der Sozialversicherung in eine Unterstützungskasse usw. in Frage stellt. Wenn man das diskutieren will, hat man keinen Platz mehr im gemeinschaftlichen Haus von Juncker und Schäuble und – unglücklicherweise – von Dijsselbloem und Gabriel.

Die Massenmedien, großenteils kontrolliert von denselben Finanzkonzernen, die derartig von der europäischen Politik profitieren, haben gründlich zu dieser Propagandaoperation beigetragen. Ein Mediensystem, das wie geschmiert funktioniert und von den Deutschen kontrolliert wird, hat seinen Sitz in Brüssel. Die Hauptakteure beim Sammeln und Übermitteln von Nachrichten sind drei große Mediengruppen mit paneuropäischer Medienresonanz: Die Agentur Reuters, die Bloomberg-Gruppe und die Zeitung „The Financial Times“.

Dieser Kampf der Ideen und seine Rolle für die Beibehaltung des Status quo in der Gesellschaft wurde bereits von dem kommunistischen italienischen Politiker und Theoretiker Gramsci analysiert. Er beschrieb im Allgemeinen, dass, wenn die Gesellschaft keine Krise überwindet, die herrschende Klasse es schaffen wird, ihre Ideologie als den normalen Lauf der Dinge durchzusetzen. Die relative soziale Harmonie impliziert, dass die herrschende Klasse es geschafft hat, eine ausgewogene Entwicklung aufzuzwingen und zu große Verzerrungen zwischen den verschiedenen Ebenen der Struktur und zwischen den verschiedenen Teilen der Gesellschaft zu verhindern.

Die herrschende Klasse – indem sie die Hebel des Staates und das, was Gramsci die hegemonialen Instrumente nennt, kontrolliert (Lehrpläne, die Kirche, die Parteien, die Arbeiterorganisationen, den Universitätsapparat, Kunstschaffen und -verbreitung, die Massenkommunikationsmittel, die allmählich die Köpfe erobern und es erlauben, einen Konsens großer Teile der Massen zu erhalten) – kann relativ einfach die Intellektuellen der anderen Klassen assimilieren, indem sie ihnen vorteilhafte Positionen anbietet, und so ihren Einfluss auf die Klassen, die sie repräsentieren, absichern. Letzten Endes, dank ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht, ist diese Klasse praktisch die Einzige, die die Macht hat, sich regelmäßig und kraftvoll innerhalb der Zivilgesellschaft Gehör zu verschaffen. Gramsci unterscheidet die politische Gesellschaft, die durch den Gebrauch von Zwangsmitteln Herrschaftsfunktionen absichert (Polizei, Justiz, Armee usw.) und die Zivilgesellschaft, die Gesamtheit der nichtstaatlichen Organisationen, die Zustimmung erzeugen. Je schwächer der Konsens ist, umso schwächer ist die Zivilgesellschaft, umso mehr stützt man sich auf den Staat, auf die politische Gesellschaft. Gramsci nimmt den Gedanken von Marx auf. Die herrschende Klasse, sagt Marx, außer dass sie die Produktion und Verteilung der wirtschaftlichen Güter regelt, organisiert und verbreitet auch die Ideen: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so dass ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind.“ (Karl Marx)

Das Establishment strebt also danach, seine Philosophie zu verbreiten und zu vermarkten, bis die Leute diese Sichtweise der Welt nicht mehr als einen ideologischen Diskurs der Herrschenden betrachten, sondern als „normale Gedanken“. Man kann also von einer kulturellen Hegemonie der herrschenden Klasse sprechen.

Es gibt keine ewige Herrschaft

Für Gramsci bedeutet das gar nicht, dass diese Herrschaft absolut ist, keine Grenzen oder Brüche hat und dass die Perspektive einer alternativen Gesellschaft utopisch geworden wäre. Die griechische Krise, zum Beispiel, zwang die Machthaber dazu, gewisse Masken fallen zu lassen. So kommt es, dass der Wille gewisser Mitglieder der griechischen Regierung, nicht mehr im Verborgenen der Diplomatie zu bleiben (die alle Mechanismen der Entscheidungen vor dem Volk versteckt), die Existenz der sozialen Medien und die Arbeit gewisser Parteien und Organisationen es ermöglicht haben, eine Bresche in diese Propaganda-Sintflut zu schlagen. Das ist der Vorteil solcher Krisenzeiten.

Für Gramsci, wie für Marx, kann das kapitalistische System niemals irgendeine wirtschaftliche, politische oder ideologische Stabilität erreichen: Es ist in permanenter Bewegung, um sich zu erhalten. Das ist seine Stärke und gleichzeitig seine Schwäche. Seine Stärke, weil es nicht verknöchert ist und seine Gegner dazu zwingt, dauernd sein Funktionieren zu studieren, um neue Kampfwerkzeuge auszuarbeiten. Seine Schwäche, weil die notwendigen Neuausrichtungen unvermeidliche Krisen auf sozialer, wirtschaftlicher, politischer und/oder ideologischer Ebene mit sich bringen.

Diese Krisen tragen den Keim der „Hegemonie-Krise“ in sich: „Und der Inhalt ist die Hegemoniekrise der führenden Klasse, die entweder eintritt, weil die führende Klasse in irgendeiner großen politischen Unternehmung gescheitert ist, für die sie den Konsens der großen Massen mit Gewalt gefordert oder durchgesetzt hat (wie der Krieg [oder aktuell die Europäische Union, Anmerkung des Autors]), oder weil breite Massen (besonders von Bauern und intellektuellen Kleinbürgern) urplötzlich von der politischen Passivität zu einer gewissen Aktivität übergegangen sind und Forderungen stellen, die in ihrer unorganischen Komplexität eine Revolution darstellen.“

Für Gramsci kann die herrschende Klasse diese Krisen nicht vermeiden, und die Herausforderung für die Ausgebeuteten und Unterdrückten ist, sie vorzubereiten, denn ihr Ausgang ist weit davon entfernt, spontan zu ihrem Vorteil zu sein: „Die traditionell führende Klasse, die über ein zahlenmäßig starkes geübtes Personal verfügt, wechselt Menschen und Programme aus und gewinnt die Kontrolle wieder, die ihr mit größerer Geschwindigkeit zu entgleiten im Begriff war, als das bei den subalternen Klassen geschieht; sie bringt womöglich Opfer, setzt sich mit demagogischen Versprechen einer ungewissen Zukunft aus, behält aber die Macht, verstärkt sie für den Augenblick und bedient sich ihrer, um den Gegner zu zerschmettern.“

Selbst wenn die herrschende Klasse zahlreiche Thinktanks besitzt, selbst, wenn sie die großen Verbreitungskanäle kontrolliert, kann sie ihre Ideologie niemals vollständig den subalternen Klassen aufzwingen, die nie nur ausschließlich rezeptiv, passiv und von außen konditioniert sind. Für Gramsci – auch, wenn das Individuum in einer gewissen Art zwischen den diversen Einflüssen, die sein soziales Milieu ausübt, auswählt und selber innerhalb der Grenzen seiner persönlichen Erfahrungen denkt, gleich, welcher Klasse – gibt es einen Kern von „gesundem Menschenverstand“, der auf der direkten Beobachtung der Realität beruht. Ohne diesen wäre es dem Individuum unmöglich, sich von dem Schwall an von der Bourgeoise ausgeschütteter Propaganda zu befreien, und nicht nur seine Hegemonie über die Gesellschaft zu fordern, sondern auch seine wirtschaftliche und politische Macht.

Nach Gramsci besitzt der „aktive Mensch der Masse [der Arbeiter] [ein] theoretisches Bewusstsein, das in seinem Wirken impliziert ist, das ihn auch wirklich mit all seinen Mitarbeitern bei der praktischen Umgestaltung der Realität verbindet“. Das ist es, was Gramsci den „gesunden Menschenverstand“ nennt, also eine Weltauffassung, hervorgegangen aus der produktiven und sozialen Aktivität, und die – wenn auch „embryonal“ – die wahren Interessen des Produzenten ausdrückt. Der soziale und produktive Charakter der bezahlten Ausbeutung veranlasst so den Arbeiter, das System, zumindest teilweise, infrage zu stellen.

Jedoch ist es nicht der „gesunde Menschenverstand“, der sich die meiste Zeit in der Arbeiterklasse zeigt. Gramsci erklärt diesen Widerspruch: „… eine gesellschaftliche Gruppe, die eine eigene Weltauffassung hat, die sich in der Aktion und folglich unregelmäßig, gelegenheitsbedingt äußert, wenn also eine solche Gruppe sich als organische Gesamtheit bewegt, hat sie aus Gründen intellektueller Unterwerfung und Unterordnung eine Auffassung, die nicht die ihre ist, von einer anderen Gruppe übernommen, behauptet diese in Worten und glaubt auch, ihr zu folgen, weil sie ihr zu ‚normalen Zeiten‘ folgt, das heißt, wenn das Verhalten nicht unabhängig und autonom ist, sondern eben unterworfen und untergeordnet. Man kann sagen, dass er zwei theoretische Bewusstseine hat (oder ein widersprüchliches Bewusstsein), eines, das in seinem Wirken impliziert ist, und ein oberflächlich explizites oder verbales, das er von der Vergangenheit ererbt und ohne Kritik übernommen hat. [Dies ist] nicht ohne Konsequenzen: sie knüpft bei einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe an, wirkt auf das moralische Verhalten, auf die Ausrichtung des Willens auf mehr oder weniger energische Weise, die bis zu einem Punkt kommen kann, wo die Widersprüchlichkeit des Bewusstseins keinerlei Handlung erlaubt, keinerlei Entscheidung, keinerlei Wahl, und einen Zustand moralischer und politischer Passivität hervorbringt.

Somit wird, nach Gramsci, in „normalen Zeiten“ (das heißt außerhalb von Zeiten der Mobilisierung) das Bewusstsein der Arbeiter vom kapitalistischen Konkurrenzdruck dominiert, dem sie permanent ausgesetzt sind durch die Ideen der herrschenden Klasse, die sie von der Vergangenheit ererbt haben, und durch ihre Angewohnheit, mit den Wölfen zu heulen: Das nennt er „den Alltagsverstand“. Ihre Weltanschauung baut auf fix und fertigen Ideen, die eine Logik schaffen, die Antworten gibt auf die meisten der Fragen, die sich stellen. Dieser „Alltagsverstand“ baut sich auf religiöse Überzeugungen über die Natur des Menschen. Die Arbeiter teilen die Gesellschaft nicht in Klassen ein, sondern im Allgemeinen in konkurrierende Gruppen (Schwarze/Weiße, Homos/Heteros, Gläubige/Nichtgläubige usw.).

Daher ist das Bewusstsein der Arbeiter von der herrschenden Klasse dominiert, wenn auch nicht ausschließlich, denn es enthält zwei Elemente: Eins, negativ, das dominiert, und das andere, positiv, das eingeschlafen ist, zwei Elemente, die zu einem einzigen, aber deswegen „widersprüchlichen“ Bewusstsein werden. Weil das positive Element auf Erfahrungen beruht, ist es die fundamentale Schwäche der hegemonialen Position der Bourgeoisie: Diese hegemoniale Stellung ist instabil, denn die herrschende Klasse kann die Arbeiter nicht ihrer Arbeitspraxis berauben, ohne die Gesamtheit der Produktion ihrer Reichtümer zu verurteilen.

Die Wichtigkeit der Ideen und des Kampfes

Die ideologische Dominanz der Bourgeoisie basiert auf der ökonomischen und politischen Strukturierung der Gesellschaft. Die Arbeiterklasse ist sowohl sozial, national, politisch, als auch ideologisch gespalten. All dies liegt schwer auf ihrem Bewusstsein. Die Rolle derer, die die Gesellschaft ändern wollen, muss sein, diese Klasse über diese Unterschiede hinaus zu einigen. Durch ihr politisch bewusstes und autonomes Handeln kann die Arbeiterklasse den Kapitalismus zerstören: Die Welt in ihrer Gesamtheit zu verstehen ist eine Voraussetzung dafür, sie zu verändern.

Es ist dieser Kern von „gesundem Menschenverstand“, der es Gramsci erlaubt, für die Arbeiter die Möglichkeit wie die Notwendigkeit in Betracht zu ziehen, ein autonomes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Gramsci sagt: „Was lässt sich von Seiten einer erneuernden Klasse diesem phantastischen Komplex von Schützengräben und Befestigungen der herrschenden Klasse entgegensetzen? Der Geist der Abspaltung, das heißt der fortschreitende Erwerb des Bewusstseins der eigenen geschichtlichen Persönlichkeit, ein Geist der Abspaltung, der bestrebt sein muss, sich von der protagonistischen Klasse auf die potentiellen verbündeten Klassen auszuweiten …“

Aber wie kann man sich von der bürgerlichen Ideologie loslösen, und wie kann man die potenziell verbündeten Klassen loslösen? Nach Gramsci müssen die Arbeiter, um ein Bewusstsein ihrer selbst zu erlangen, ihre eigene Schicht von Intellektuellen schaffen und ebenso versuchen, die traditionellen Intellektuellen um sich zu scharen, was die schnellste und effektivste Methode ist, seinen Einfluss auf die Gruppen auszuweiten, die diese wiederum beeinflussen. Dieser Prozess darf nicht getrennt werden vom Kampf gegen die Bourgeoisie, im Gegenteil.

Für Gramsci kann sich der „gesunde Menschenverstand“ nur durch Mobilisierungen entwickeln, also in Kämpfen. Die Rolle derer, die die Welt ändern wollen, ist daher die, zu ermutigen und jeglichen spontanen Widerstand zu fördern, mit dem Ziel, die Beherrschten im gemeinsamen Handeln zu üben. „Die Kommunisten müssen alles in Bewegung setzen, um dieses Ziel zu erreichen, und sich vor allem als fähig erweisen, sich den Arbeitern anderer Parteien oder ohne Partei anzunähern, indem sie deren Feindseligkeit und unangebrachtes Unverständnis überwinden, indem sie sich bei jeder Gelegenheit als die Handwerker der Einheit der Arbeiterklasse zeigen, im Kampf für die Verteidigung der Klasse und ihrer Revolution.“

Die Erfahrung der Arbeiter, die Fortschritte und Rückschläge, die Erinnerung an Kämpfe und kämpferische Traditionen müssen in ihren Organisationen Gestalt annehmen. Jeder Schritt vorwärts im Kampf zwischen „Alltagsbewusstsein“ und „gesundem Menschenverstand“, der aus der Mobilisation erwächst, muss in eine permanente Organisationsform gegossen werden, was es ermöglicht, den „gesunden Menschenverstand“ herauszufiltern und die Bedingungen für seine permanente Entwicklung zu schaffen.

Gramsci erinnert uns daran, dass das ein Kampf an sich ist, den wir nicht unterschätzen dürfen. Es ist fundamental, sich um Preispolitik, Löhne und Renten und ganz allgemein, um die unmittelbaren Bedürfnisse der Bevölkerung zu kümmern. Aber der kulturelle Kampf um die Sicht der Welt ist nicht weniger wichtig. Die Menschen werden ausgebeutet, aber es sind oft auch die Ideen, die sie zu Gefangenen ihrer Unterdrückung machen.

 

UZ, Zeitung der DKP, Nr. 2/2016

Gekürzter Vorabausdruck aus den Marxistischen Blättern 1/2016.

Herwig Lerouge ist Mitglied des Studiendienstes der Partei der Arbeit Belgiens (PTB/PVDA).

Übersetzung aus dem Französischen: Andreas Spector.