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Vor 60 Jahren starb Joseph Wirth – ein Reichskanzler der Weimarer Republik mit aktueller Botschaft

Von Ulrike Hörster-Philipps

junge Welt online vom 02.01.2016

Vor 60 Jahren, am 3. Januar 1956, verstarb in Freiburg der ehemalige Reichskanzler Joseph Wirth im Alter von 76 Jahren. Der Politiker der katholischen Zentrumspartei hatte ein bewegtes politisches Leben hinter sich. Schon früh hatte sich der promovierte Mathematiker und Gymnasialprofessor Wirth für die Politik interessiert, wurde Stadtverordneter in seiner Heimatstadt Freiburg, dann Landtags- und Reichstagsabgeordneter. Er legte eine steile politische Karriere hin, wurde in jungen Jahren badischer Finanzminister, 1920 Reichsfinanzminister und 1921 Reichskanzler. Er stand für die Verständigungspolitik zwischen Deutschland und dem erst wenige Jahre alten Sowjetrussland, für die demokratische und parlamentarische Staatsform von Weimar und für das politische Bündnis der demokratischen Kräfte. Von ihm stammt der oft zitierte Satz: »Dieser Feind steht rechts!« Er formulierte ihn in seiner berühmten Rede nach dem Mord an Außenminister Walther Rathenau im Sommer 1922. Das ist mehr als ein Grund, sich anlässlich seines 60. Todestages an ihn zu erinnern.

Der Vertrag von Rapallo

Mit der Ernennung zum Reichskanzler am 10. Mai 1921 hatte der 41jährige Joseph Wirth den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn erreicht. Er war der jüngste Reichskanzler der Weimarer Republik.

Sein direkter Gegenkandidat war Konrad Adenauer, der sich in der Zentrumsfraktion jedoch nicht gegen Wirth durchsetzen konnte. Dies war – neben unterschiedlichen politischen Standpunkten – der Quell einer jahrzehntelang zwischen beiden schwelenden Gegnerschaft, die bis in die 1950er Jahre andauerte.

Mit der Wahl zum Reichskanzler hatte Wirth große Verantwortung in einer fast aussichtslosen außen- und innenpolitischen Situation des Reiches übernommen. Deutschland, Verlierer des Ersten Weltkriegs, war durch den Versailler Vertrag, durch astronomische Reparationsforderungen und durch seine internationale Isolation in einer schwierigen Lage. Wirth trat dafür ein, die Reparationsforderungen der Alliierten zu erfüllen. Das brachte ihm und seinem Außenminister die – von der nationalistischen Rechten als Schimpfwort benutzte – Bezeichnung »Erfüllungspolitiker« ein.

Auch die nach der sozialistischen Oktoberrevolution 1917 entstandene Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (RSFSR) litt unter den Folgen des Krieges und war international isoliert und geächtet.

Wirth befürwortete eine »aktive Ostpolitik«, die auf den Prinzipien von Ausgleich und Verständigung mit Sowjetrussland basieren sollte. Sie verfolgte das Ziel, friedliche Beziehungen zwischen beiden Staaten herzustellen und weitergehende Reparationsforderungen des ehemaligen Kriegsgegners Russland zu verhindern, den Versailler Vertrag zu mildern und die deutsche Isolation zu durchbrechen.

Am Rande der internationalen Wirtschaftskonferenz in Genua im April 1922, auf der unter dramatischen Umständen über die Begleichung der deutschen Kriegsschulden verhandelt wurde, trafen sich am Ostersonntag, dem 16. April 1922, in dem kleinen Badeort Rapallo nahe Genua Mitglieder der deutschen Reichsregierung mit hochrangigen Vertretern der sowjetrussischen Delegation. Auf deutscher Seite waren es neben Reichskanzler Wirth Außenminister Rathenau, der Chef der Ostabteilung des Auswärtigen Amtes, Adolf Georg Otto »Ago« von Maltzan, und Staatssekretär Ernst von Simson.

Auf sowjetrussischer Seite nahmen der von Wirth sehr geschätzte Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Georgi Tschitscherin, Außenhandelskommissar Leonid Krassin und der ehemalige russische Botschafter in Berlin, Adolf Joffe, teil. Dem Treffen mit der sowjetrussischen Delegation waren mehrfach Verhandlungen in Berlin vorangegangen. In der Nacht vom 15. auf den 16. April waren auf deutscher Seite in einer als »Pyjamasitzung« bezeichneten dramatischen nächtlichen Besprechung die Würfel für den Vertragsabschluss gefallen. Noch am selben Tag, dem 16. April 1922, wurde der Rapallo-Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und der RSFSR abgeschlossen.

Es war der erste Vertrag friedlicher Koexistenz zwischen zwei Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung. Er sah den gegenseitigen Verzicht auf Reparationen, die diplomatische Anerkennung Sowjetrusslands und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Staaten, Handelserleichterungen nach dem Prinzip der Meistbegünstigung sowie den Verzicht Deutschlands auf Entschädigungszahlungen für Verstaatlichungen in der RSFSR vor. Für beide Länder, die auf unterschiedlichen Seiten als Verlierer aus dem Weltkrieg hervorgegangen waren, bedeutete der Vertragsabschluss Hoffnung auf wirtschaftliche Belebung und Durchbrechen der politischen Isolation.

Wirth in seiner aufsehenerregenden Reichstagsrede am 29. Mai 1922: »Wer den Rapallovertrag sorgfältig und ohne Voreingenommenheit durchliest, muss gestehen, dass der Vertrag von Rapallo ein ehrliches, aufrichtiges Friedenswerk ist. Es ist in gewissem Sinne ein vorbildlicher Friedensvertrag. In diesem Friedensvertrag gibt es weder Sieger, noch gibt es Besiegte. (Es) ist ein Frieden zwischen zwei Völkern, denen es immer gut gegangen ist, solange sie sich verstanden haben, er bedeutet auch einen Ausgleich, eine Brücke zwischen Ost und West in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht zum Wohle beider Völker.«

In der Folgzeit entstanden die ersten – wie man heute sagen würde – »Joint-ventures« zwischen deutschen und russischen Unternehmen.

Allerdings gab es auch gemeinsame Rüstungs- und Ausbildungsprojekte der Militärs beider Länder auf russischem Boden, die 1926 durch Enthüllungen deutscher Pazifisten bekannt wurden. Auch wenn die Wogen der Empörung über die deutsch-russische Verständigung bei den Westmächten zunächst hochschlugen und die Deutung des Rapallo-Vertrags bis heute kontroverse Diskussionen auslöst, sah Wirth die Verständigung mit Sowjetrussland keineswegs als Gegensatz zu einer nach Westen ausgerichteten Verständigungspolitik. Er sollte in den 1950er Jahren die Erfahrungen der Rapallo-Politik für seine politischen Konzepte nutzen.

»Dieser Feind steht rechts!«

Wenige Wochen nach Unterzeichnung des Rapallo-Vertrags fiel Reichsaußenminister Walther Rathenau einem feigen Mordattentat zum Opfer. Am 24. Juni 1922, einem strahlend schönen Sommertag, wurde er im Berliner Grunewald auf seinem Weg ins Außenministerium im offenen Wagen von Angehörigen der rechtsradikalen »Organisation Consul« erschossen. Derartige politische Verbrechen waren in der jungen Weimarer Republik häufig. Statistische Erhebungen des Heidelberger Mathematikprofessors Emil Julius Gumbel aus jener Zeit belegen, dass die Morde überwiegend von nationalistischen und rechtsradikalen Kräften verübt wurden. Erschreckend war die mangelnde Aufklärung und Verfolgung dieser Straftaten. Auch Wirth und Rathenau waren ins Fadenkreuz dieser Kräfte geraten. Hetzgedichte heizten die Stimmung auf: »Haut immer feste auf den Wirth! Haut seinen Schädel, dass es klirrt! Knallt ab den Walther Rathenau, die gottverfluchte Judensau!«

Wirth war fassungslos angesichts des Mordes an seinem politischen Freund und Weggefährten. Am 25. Juni 1922 hielt er im Reichstag eine erschütternde, aufrüttelnde Rede, in der er von allen politisch denkenden Menschen ein Bekenntnis zur Demokratie und deren aktive Verteidigung einforderte: »In jeder Stunde … Demokratie! Aber nicht Demokratie, die auf den Tisch schlägt und sagt: Wir sind an der Macht! – Nein, sondern jene Demokratie, die geduldig in jeder Lage für das eigene (…) Vaterland eine Förderung der Freiheit sucht! (…) In diesem Sinne müssen alle Hände, muss jeder Mund sich regen, um endlich in Deutschland diese Atmosphäre des Mordes, des Zankes, der Vergiftung zu zerstören! Da steht (an dieser Stelle wandte sich Wirth den rechten Abgeordneten zu) der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind – und darüber besteht kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts.«

Gegen das Naziregime

Wenige Jahre später waren die Kräfte, vor denen Wirth so eindringlich gewarnt hatte, in Deutschland an die Macht gelangt. Am Tag nach der Verabschiedung des sogenannten Ermächtigungsgesetzes am 23. März 1933 verließ Wirth Deutschland. Sein Exil sollte 15 Jahre dauern.

Jahrzehntelang blieb das politische Wirken Wirths während seines Exils der Öffentlichkeit verborgen. Erst das Auffinden zweier umfangreicher Nachlassteile brachte buchstäblich »Licht ins Dunkel«. Ein Teil des Nachlasses, der jahrzehntelang bei entfernten Verwandten Wirths auf einem Dachboden in München geschlummert hatte, gelangte Ende der 1980er Jahre ins Bundesarchiv Koblenz. Ein weiterer großer Teil wurde in Moskau aufgespürt. Die Geschichte dieses Nachlasses ist abenteuerlich: Die Gestapo hatte 1933 nach der Flucht Wirths die Dokumente aus seiner Berliner Wohnung beschlagnahmt. 1940, nach der Besetzung von Paris durch deutsche Truppen, wurden Wirths Papiere aus seiner Pariser Exilwohnung ebenfalls dem Gestapo-Archiv zugeführt. Diese Dokumentensammlung war kurz vor Kriegsende nach Oberschlesien ausgelagert worden, wurde dort von der Roten Armee aufgefunden und in ein eigens geschaffenes Archiv nach Moskau verbracht.

Dort wurden die Papiere bis 1991 unzugänglich für die Öffentlichkeit aufbewahrt und konnten von der Verfasserin erstmals ausgewertet werden.

Der auf Wirth am 23. März 1933 ausgestellte Reisepass legt Zeugnis ab von seinen rastlosen politischen Aktivitäten. Der emigrierte Exregierungschef führte politische Gespräche mit Staatsmännern und Vertretern der katholischen Kirche in fast allen Ländern Europas, um über die Gefahren des Nazismus aufzuklären. Er warnte vor der Vernichtung der Freiheitsrechte in Deutschland und insbesondere vor seinen schlimmsten Auswüchsen, dem Antisemitismus und der Judenverfolgung. Als ehemaliger Reichskanzler wurde er auf höchster staatlicher Ebene empfangen. Mehrfach weilte er in Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz, Italien, in Polen, der Tschechoslowakei und in den USA.

1935 nahm er seinen ständigen Wohnsitz in Paris. Er war finanziell, wie viele Exilanten, in große Not geraten. Sein Vermögen war beschlagnahmt, die Naziregierung hatte ihm seine Bezüge als früherem Reichskanzler und Minister entzogen und ihn zudem mit einem sogenannten Reichsfluchtsteuerverfahren überzogen. Ohne die finanzielle Unterstützung des vermögenden Amsterdamer Bankiers Fritz Mannheimer vom Bankhaus Mendelssohn hätte er kaum überleben können. Mannheimer entstammte einem jüdischen Elternhaus. Wirth kannte ihn seit den frühen zwanziger Jahren aus Berlin. Beide einte das Bestreben, zum besseren Verständnis zwischen Juden und Katholiken beizutragen und dem Antisemitismus entgegenzutreten.

Als gläubiger Katholik sah Wirth seine Aufgabe darin, »eine Brücke der Verständigung« zwischen Judentum und Christentum zu schlagen. Er wolle, schrieb er an einen Freund am zweiten Weihnachtstag 1936, »Reisender sein im Dienste des humanen Gedankens, und (…) arbeiten, dass Juden und Katholiken sich besser verstehen«.

Besondere Bedeutung maß Wirth seinen Kontakten zum Vatikan bei. Vom Heiligen Stuhl erwartete er eine Stellungnahme gegen die Vernichtung der Freiheitsrechte in Deutschland und gegen den rassistischen Antisemitismus.

Dabei stand er mit äußerst einflussreichen Kreisen des Vatikans in Verbindung. Aus Freiburg kannte er den Jesuitenpater und Professor an der Päpstlichen Universität in Rom, Robert Leiber, der einmal sein Schüler gewesen war. Leiber war ein enger Vertrauter von Papst Pius XI. und von Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII. Seit 1933 gab es im Vatikan Diskussionen über den Umgang mit dem Antisemitismus. Wirth bemühte sich aktiv mit Korrespondenzen und Schriften, auf diese Debatten Einfluss zu nehmen. Erst seit den 1990er Jahre ist nachgewiesen, dass Papst Pius XI. den Jesuitenpater Gustav Gundlach – ein Vertrauter von Leiber und Wirth – damit beauftragte, einen Enzyklikaentwurf gegen den Antisemitismus zu verfassen. Tatsächlich war der Text Ende 1938 fertiggestellt. Durch Krankheit und Tod von Papst Pius XI. gelangte er nicht an die Öffentlichkeit. Am 2. März 1939 übernahm Pacelli als Pius XII., »der Stellvertreter«, das Pontifikat.

Zurück blieb eine »unterschlagene Enzyklika«, von der die Weltöffentlichkeit erst Jahrzehnte später erfahren sollte.

Zeitgleich zu seinen Verbindungen zum Vatikan unterhielt Wirth enge Kontakte zu den führenden Vertretern jüdischer Organisationen, vor allem in den USA, darunter Morris Waldman, Generalsekretär des American Jewish Committee in New York, und Stephen Wise, Präsident des American Jewish Congress. Wise organisierte Hilfe für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und wurde dabei von Wirth unterstützt. Auf Einladung von Wise reiste Wirth im Frühjahr 1939 drei Monate durch die USA, um an amerikanischen Universitäten über die politische Situation in Nazideutschland aufzuklären.

Mit Kriegsbeginn am 1. September 1939 floh Wirth aus Paris nach Luzern in die Schweiz. Sein Förderer Fritz Mannheimer war zwei Wochen zuvor einem plötzlichen Herztod erlegen. Wieder war Wirth mittellos. Er mietete zwei möblierte Zimmer in unmittelbarer Nähe des Vierwaldstätter Sees und lebte dort unter sehr bescheidenen Verhältnissen bis 1948.

Für Frieden und deutsche Einheit

1939 bis 1942 unterhielt er Kontakte zum militärischen Widerstand in Deutschland. Über den ehemaligen Reichswehrminister Otto Geßler hatte er Verbindung zum Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, der für eine begrenzte Zeit zum Kreis der umsturzbereiten Militärs gehörte. Im Februar und März 1940 verhandelte Wirth in der Schweiz mit hochrangigen Vertretern des britischen Auswärtigen Amtes über die Zukunft Deutschlands nach einem Sturz des Hitlerregimes. Indes, die Pläne scheiterten, weil nationalkonservative Kräfte und oppositionelle Kreise der Wehrmacht nicht zum Handeln bereit waren.

Erst 1948 konnte Wirth erstmals in seine Heimatstadt zurückkehren. Der fast Siebzigjährige stand dem Konzept seines alten Kontrahenten Konrad Adenauer, der Westintegration und der Wiederbewaffnung, ablehnend gegenüber. Er war der Meinung, dass dies die deutsche Spaltung zementiere und damit den Frieden gefährde. Er war bereit, sich noch einmal in die Politik einzumischen.

Um die Jahreswende 1951/52 reiste er erstmals nach Ostberlin. Er führte politische Gespräche mit dem DDR-Staatspräsidenten Wilhelm Pieck, Volkskammerpräsidenten Johannes Dieckmann und dem Vorsitzenden der Ost-CDU, Otto Nuschke. Sie alle kannte er aus der Weimarer Zeit. Gleich bei seinen ersten Gesprächen verwandte er sich für die Freilassung politischer Häftlinge in der DDR. In der Broschüre »Die Reise hinter den Eisernen Vorhang«, die er veröffentlichte, ging er von folgenden Grundgedanken aus: Jedes Volk wolle den Frieden, der Krieg löse keine politischen Konflikte; in der Spaltung Deutschlands liege die Hauptgefahr für die Bedrohung des Friedens; die Spannungen zwischen den Blöcken müssten abgebaut werden durch den Verzicht auf die Aufrüstung und die Wiederherstellung eines einheitlichen Deutschland ohne einseitige Bindung an ein Lager; beide deutsche Staaten müssten miteinander verhandeln, eine gesamtdeutsche Regierung bilden und mit den vier Mächten einen Friedensvertrag aushandeln. Dies blieb bis an sein Lebensende sein politisches Credo.

1952 gründete er mit dem ehemaligen Zentrumspolitiker Wilhelm Elfes aus Mönchengladbach die »Deutsche Sammlung«, aus der 1953 der »Bund der Deutschen für Einheit, Frieden und Freiheit« hervorging. Zum gleichen Zeitpunkt wurde in Düsseldorf von Wirth und Elfes die Deutsche Volkszeitung gegründet, deren Herausgeber Wirth war; sie ging 1990 in der Wochenzeitung Freitag auf. Im Zeichen des Kalten Krieges war die politische Auseinandersetzung äußerst zugespitzt. Die Gegner des Adenauerschen Konzepts waren vielfältigen Diffamierungen ausgesetzt und wurden als »Handlanger Moskaus« verunglimpft.

Vor den Bundestagswahlen vom September 1953 kam es zu einer bemerkenswerten Vereinbarung. Der von Wirth und Elfes geführte »Bund der Deutschen« schloss sich mit der »Gesamtdeutschen Volkspartei« (GVP) von Gustav Heinemann und Helene Wessel zu einem Wahlbündnis zusammen. Heinemann, ehemals CDU-Bundestagsabgeordneter und Innenminister im Kabinett Adenauer, war aus Protest gegen Adenauers Politik Ende August 1950 von seinem Amt zurückgetreten. Im November 1952 hatte er gemeinsam mit der Zentrumspolitikerin Helene Wessel die Gesamtdeutsche Volkspartei gegründet. Unter dem Motto »Joseph Wirth – der Kanzler der Verständigung« knüpfte die GVP an die historische Rolle Wirths als Rapallo-Kanzler an. Die Bundestagswahl vom 6. September brachte ein niederschmetterndes Ergebnis: Die oppositionellen Kräfte gegen Westintegration und Wiederbewaffnung hatten den Sprung ins Parlament nicht geschafft.

Wirth blieb bis zu seinem Lebensende politisch aktiv und nahm – bis ins hohe Alter als begnadeter Redner bekannt – an zahlreichen Kongressen und Veranstaltungen teil. Die Regierung Adenauer verweigerte ihm jedoch die Reichskanzler- und Ministerpension. In seinen letzten Lebensjahren litt Wirth sehr unter der politischen Diffamierung. Nach seinem Tod 1956 wurde er weitgehend ins Vergessen abgedrängt. Seit seinem 100. Geburtstag im September 1989 hat ein Prozess der Neubewertung seines politischen Wirkens eingesetzt, der durch umfangreiches Quellenmaterial gestützt wird. Aber ohne die Bereitschaft demokratischer Kräfte, sich seiner zu erinnern, hätte es diesen Prozess nicht gegeben.