Nachrichten
0

Beim sogenannten Gipfel der EU am Ende der vergangenen Woche ging es um nicht mehr und nicht weniger als um die Grenzen der Europäischen Union – und das im doppelten Sinne.

Da war zunächst der seit Monaten schwelende Streit um die Behandlung der vielen Fragen der Massenflucht verzweifelter Menschen aus dem Nahen Osten, aus Asien und aus Afrika in Richtung Europa. Trotz aller hitzigen Debatten ist es den Staatenlenkern wieder nicht gelungen, auch nur annähernd eine Lösung zu finden. Genau genommen ist das auch gar nicht möglich. Denn hier stößt die EU immer wieder an ihre Grenzen, wie man es auch dreht und wendet. Einerseits will man dem Verhandlungspartner Türkei, der für die meisten auch ein NATO-Partner ist, in dieser Frage nicht auf die Füße treten. Denn die Türkei mit ihrem kriegslüsternen Präsidenten Erdogan ist unverzichtbar im Krieg gegen Syrien und Präsident Assad. Immerhin hat man sich darauf festgelegt, die syrische Exil-Opposition politisch, militärisch und finanziell zu unterstützen in deren Bemühungen, den syrischen Staat zu bekämpfen und – koste es was es wolle – einen »Regimewechsel« herbeizuschießen. Dazu braucht man eben die Türkei.

Deshalb läßt man die türkischen Herrscher gewähren, bei deren Mauscheleien mit allen möglichen Assad-Gegnern, aber eben auch bei deren durchsichtiger Taktik, die EU in der Flüchtlingsfrage unter Druck zu setzen. Denn wenn von Schließung einer Grenze die Rede ist, dann wäre das am sichersten in der Türkei, und nicht um die vielen griechischen Inseln herum. Wenn man Schleuserbanden bekämpfen will, dann auf türkischem Territorium, wo sie ihre Schlupflöcher haben, und nicht mit NATO-Kriegsschiffen auf offener See.

Stattdessen wird über Vorwürfe gegen Griechenland debattiert, und über die Schließung von Grenzen, über »Obergrenzen« bei der Aufnahme von Flüchtlingen und über die »Umverteilung« zwischen den EU-Ländern. All das sind untaugliche Mittel, und die EU-Chefs wissen das. Sie wissen auch, daß in den nächsten Wochen und Monaten die Zahl der Flüchtlinge weiter zunehmen wird. Und sie kennen die Ursachen: Krieg im Nahen Osten, Krieg in Afghanistan, Kriege und wirtschaftliche Krisen in Afrika, und nun auch noch die Dürrekatastrophe im südlichen Afrika. Dagegen helfen keine Zäune oder Kriegsschiffe, dagegen könnten nur Maßnahmen zur Beendigung von Kriegen und wirtschaftlicher Not helfen. Das allerdings stößt an die Grenzen der EU, denn dafür wurde sie nicht geschaffen. Alleiniger Daseinszweck der EU ist die Gewährleistung der bestmöglichen Bedingungen für die Banken und Konzerne, Maximalprofite zu erzielen. Und diese Profite kommen – unter anderem – eben auch aus den Kriegen und aus den Krisen in anderen Regionen der Welt. Mit wirklich friedenschaffenden Maßnahmen oder Programmen zur Abschaffung des Elends in aller Welt läßt sich kaum Profit machen…

Auch beim zweiten großen Thema des Gipfels stößt die EU an ihre Grenzen. Es geht um die Verhinderung eines »Brexit«, eines durchaus möglichen Austritts Britanniens aus dem kapitalistischen Staatenbündnis. Während Griechenland immer neue Opfer abverlangt werden und man einen »Grexit« ohne Probleme in Kauf nehmen würde, wird alles darangesetzt, einen »Brexit« zu vermeiden. Dafür sind Zugeständnisse nötig – nicht etwa für die britischen Arbeiter, Angestellten, Rentner, Arbeitslosen, sondern in erster Linie für den Finanzplatz, die »City of London«. Es ist ein Streit um Privilegien – und das ist letztlich nichts anderes als gewöhnlicher kapitalistischer Konkurrenzkampf. Den zu vermeiden, würde ebenfalls die Grenzen der EU sprengen…

Uli Brockmeyer

22. Februar 2016

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek