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20.02.16

Von Gewerkschaftsforum Dortmund

via scharf-links

Wer sich Mitte der 1970er Jahren für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit interessierte und mit Lehrlingen bzw. Auszubildenden arbeitete, kam an dem Einsatz der Proletenpassion von der Band Schmetterlinge nicht vorbei. In unzähligen Seminaren und Zeltlagern wurde die Proletenpassion eingesetzt, die Texte vorgetragen als Lieder, Poesie oder in Theaterstücken aufgeführt. Die jungen Menschen wurden so an eine für sie bis dahin unbekannte Geschichte herangeführt, von der sie bisher in Schule, Familie und Betrieb noch nie etwas gehört hatten. Mit dem Einsatz der Proletenpassion erlebten sie die reale und klare Kritik an der üblichen Geschichtsschreibung, die sich häufig darin erschöpft, Schlachten, Herrscher und ihre Kämpfe aufzulisten und einseitig zu idealisieren. Der normale Mensch und die sozialen Kämpfe kamen und kommen dabei nicht vor.

Inspiriert wurden die Macher der Schmetterlinge um Heinz Rudolf Unger (Text), Willi Resetarits und Georg Herrnstadt (Komposition) von den „Fragen eines lesenden Arbeiters“ von Bertolt Brecht, mit seiner Kritik an der herrschenden Geschichtsschreibung:

FRAGEN EINES LESENDEN ARBEITERS

Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Und das mehrmals zerstörte Babylon, Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war, Die Maurer? Das große Rom Ist voll von Triumphbögen. Über wen Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis Brüllten doch in der Nacht, wo das Meer es verschlang, Die Ersaufenden nach ihren Sklaven. Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte Untergegangen war. Weinte sonst niemand? Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer Siegte außer ihm? Jede Seite ein Sieg. Wer kochte den Siegesschmaus? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen? So viele Berichte, So viele Fragen.

„So viele Berichte. So viele Fragen. Was sind das für Schulen, die so viele Fragen nicht beantworten? Ist nicht die heutige Berichterstattung in den Zeitungen und im Rundfunk ähnlich der Geschichtsschreibung? Wem nutzt das Ganze? Wem müssen wir da misstrauen? Die herrschende Geschichtsschreibung will entgegen den Interessen der Unterdrückten die gegenwärtigen Zustände legitimieren und die Kämpfe ein für alle Mal für beendet erklären. Wir wollen im Gegensatz dazu zeigen, dass die Kämpfe der jeweils Unterdrückten die Geschichte weitertreiben – für ihre Höherentwicklung sorgen“. (aus: Schmetterlinge, Beiheft zur CD)

Die Arbeit an der Proletenpassion begann 1974 mit dem Versuch der Gruppe Schmetterlinge, formale Umsetzungen der musikalischen Strukturen der Passionen von Johann Sebastian Bach vorzunehmen. Innerhalb der Schmetterlinge war der Begriff der Passion für das geplante Werk sehr umstritten, da die Passion eine Leidensgeschichte erzählt. Die Diskussion bezog sich auch auf die Irreführung des Begriffs, angesichts der historischen Fortschritte und der erfolgreichen sozialen Kämpfe. Doch innerhalb der Gruppe wurden keine Alternativen gefunden, so dass der Titel auch aufgrund seiner Einprägsamkeit blieb.

Zwei Jahren lang arbeitete die Gruppe an dem Werk. Mit dabei waren nicht nur die Musiker der Schmetterlinge, sondern unter anderen auch Arbeitsgruppen aus Studenten und Historikern.

In dem neu eingerichteten Wiener „Schmetter Sound Studio“ nahm man die Proletenpassion dann auf. 1976 wurde das Werk bei den Wiener Festwochen als szenische Theaterfassung uraufgeführt und 1977 auf einem Album, auf drei Langspielplatten, als konzertante Fassung eingespielt. Mit diesem fast zweieinhalb Stunden dauernden Programm gingen die Schmetterlinge bis in die 1980er Jahre hinein im deutschsprachigen Raum auf Tour.

Die Proletenpassion ist als eine historische Revue der Geschichte der Arbeiterbewegung angelegt mit den inhaltlichen Schwerpunkten wie den Deutschen Bauernkriegen 1524/25, die bürgerlichen Revolutionen (vor allem die Französische Revolution von 1789), die Pariser Kommune 1871, die Oktoberrevolution in Russland 1917 und die ihr nachfolgenden revolutionären Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg, dem Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 bzw. dem Kampf der antifaschistischen Internationalen Brigaden gegen den Franquismus und die Auseinandersetzung mit dem Faschismus in Deutschland zwischen 1933 und 1945. Zum Ende thematisiert die Proletenpassion die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen der damaligen Gegenwart der 1970er Jahre. Dazu gehörte beispielsweise auch die internationale Auseinandersetzung mit dem Militärputsch gegen die sozialistische Regierung in Chile und dem daran anschließenden staatlichen Terrorregime unter General Pinochet. Im Jahr 2015 erfolgte die Wiederaufnahme einer überarbeiteten Fassung Proletenpassion, bei der neue Texte hinzugefügt und die Musik neu arrangiert wurde.

Genau das geeignete Mittel für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit mit jungen Menschen von heute.

Quelle: Schmetterlinge, Wikipedia Bild: Schmetterlinge

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