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Höhepunkt einer Revolution: Der XIII. Zusatzartikel zur USA-Verfassung

Von Victor Grossman, Berlin

Mitteilungen der Kommunistischen Plattform in der Partei Die Linke

Lenin: »Welch ein Pedant, welch ein Idiot wäre jemand, der … die immense, welthistorische, fortschrittliche und revolutionäre Bedeutung des amerikanischen Bürgerkriegs … leugnet.« [1]

Vor 150 Jahren, am 6. Dezember 1865, wurde der 13. Zusatzartikel der USA-Verfassung zugefügt. Muss uns das interessieren? Sollen wir jeden letzten Jahrestag feiern?

Diesen vielleicht doch! Er stellte den Höhepunkt einer echten Revolution dar, deren Folgen heute die Welt betreffen. Und wie viele Revolutionserfolge gab es in der Geschichte?

Der Kampf gegen die Sklaverei galt lange in den USA unter guten, frommen Leuten als Tabu-Thema. Kluge Pastoren fanden dafür in der Bibel eine Rechtfertigung; noch wichtiger, die Wirtschaft der USA, damals schon als Muster der Demokratie angepriesen, ruhte stark auf den Rücken der aus Afrika entführten Menschen. Ihr Schuften beim reichen Ernten von Tabak, Zucker, Reis und Baumwolle in den südlichen »Sklavenstaaten« brachte ihren Besitzern Luxus und Schlösser, wobei Auspeitschen, Brandmarken und Töten das Aufbegehren verhinderten. Auch in den »freien« Nordstaaten wurden Generationen von Händlern, Reedern und Spekulanten davon reich; oft profitierte gar die Elite der Hochschulen wie Harvard, Brown, Columbia und Princeton von Sklaven und Sklavenhandel.

John Brown’s Body …

Da entstand – lange belacht, diskriminiert, angegriffen – eine Gegenbewegung mit vielen Heldinnen und Helden; am berühmtesten war der entschlossene John Brown (1800-1859), der mit 21 Mitkämpfern, weiß und schwarz, einen Armeestützpunkt erstürmte, um eine Basis für die Sklavenrevolte zu schaffen. Fast alle starben dabei oder wurden, wie Brown, gehängt. Kurz davor schrieb er:

»Ich bin jetzt völlig sicher, dass die Verbrechen dieses schuldigen Landes niemals anders weggespült werden können als mit Blut. Früher hatte ich mir eingebildet – unberechtigt, wie ich jetzt denke –, dass es ohne sehr viel Blutvergießen zu schaffen wäre.«

Er hatte Recht. Die Südstaaten wollten ihre Sklaverei über den weiten Westen ausbreiten. Dagegen standen die neuen Fabrikanten im Norden und auch Farmer, oft aus Deutschland und Skandinavien, die neues Land suchten. Und immer mehr hassten die Sklaverei, aufgerüttelt durch John Browns Tat, auch durch das Buch »Onkel Toms Hütte«. Als der als Sklavereigegner geltende Abraham Lincoln 1860 gewählt wurde, zogen elf Bundesstaaten, um ihre Sklaverei zu behalten, aus der Union der USA aus und bildeten die »Konföderierten Staaten«.

Der folgende Bürgerkrieg forderte in vier Jahren mehr als eine Million Tote und Verletzte. Lincoln war anfangs nur für die allmähliche Abschaffung der Sklaverei, mit Kompensation für die Besitzer. Sein Kriegsziel war die Rettung der Republik. Doch schrittweise schlussfolgerte er: die Schande muss weg – was auch für den Sieg nötig sein wird. Viele Schwarze warteten ungeduldig darauf, als Soldaten für die Befreiung mitzukämpfen. Nach einer sehr harten Schlacht ganz nahe an seiner Hauptstadt proklamierte Lincoln die Sklavenbefreiung für den 1. Januar 1863. Das war ein Provisorium, es hielt England und Frankreich davon ab, die Sklavenrepublik anzuerkennen, betraf aber nur Sklaven in den abtrünnigen Gebieten, nicht in den noch »treuen« Staaten.

Der Druck stieg weiter, Lincolns Überzeugung auch. Als die »radikalen« Republikaner im Kongress zum echten Verbot per Verfassungsänderung aufriefen, setzte auch er mit allerlei Druck auf Zögernde nach. Im Senat kam es leicht zur erforderlichen Zweidrittel-Mehrheit; im Unterhaus, wo 117 Stimmen nötig waren, kam es erst viel später zur knappen Mehrheit von 119 Stimmen! Danach mussten drei Viertel aller Bundesstaaten zustimmen – so kompliziert ist das in den USA! Vor 150 Jahren wurde diese Hürde genommen. Es folgte ein 100-Kanonen-Salut und ein riesiger Jubelsturm, nicht nur in Washington.

»Weder Sklaverei noch Zwangsdienst darf, außer als Strafe für ein Verbrechen, dessen die betreffende Person im ordentlichen Verfahren für schuldig befunden worden ist, in den Vereinigten Staaten oder in irgendeinem Gebiet unter ihrer Gesetzeshoheit bestehen.« Das war revolutionär!

Bis 1877: die besten Regierungen

Der Sieg im Krieg vor acht Monaten war vom Mord an Abraham Lincoln stark verdüstert worden. Vizepräsident Andrew Johnson, der ins Weiße Haus kam, war ein Kompromissler, der selbst mal Sklaven gehalten hatte. Die geschlagenen Plantagenherren durften zwar ihre Arbeitsleute nicht mehr ohne Rücksicht auf Familien verkaufen, auch nicht peitschen und brandmarken, und sie mussten sie für ihre Arbeit bezahlen. Doch die Löhne waren ein Witz und sogenannte »Schwarzen-Kodexe« nahmen den Ex-Sklaven fast sämtliche Rechte, vor allem die Rechte, sich frei zu bewegen oder zur Wahl zu gehen. Der Sieg, kaum erreicht, schien schon fast verloren.

Doch herrschte im Norden noch Kampfgeist, und die noch radikalen Republikaner in Lincolns Partei setzten sich durch. Der wichtigste, Thaddeus Stevens (1792-1868), hatte einst vielen flüchtenden Sklaven nach Kanada verholfen und glaubte an eine Welt ohne unverdiente Privilegien. In einer Waisenschule, die er sponserte, durfte es »bei der Aufnahme oder der Behandlung der Schüler keine Bevorzugung irgendeiner Rasse oder Hautfarbe geben. Weder arme Deutsche, Iren oder Mohammedaner noch sonst irgendjemand soll aufgrund seiner Rasse, Religion oder Herkunft ausgeschlossen werden. Alle sollen am selben Tisch speisen.«

Durch die Radikalen, die er anführte, wurde der neue, rassistische Präsident beinahe abgesetzt; dazu fehlte eine einzige Senatorenstimme. Doch konnten sie noch zwei weitere »Bürgerkriegs-Zusatzartikel« durchsetzen: der XIV. (1868) garantierte die gleichwertige Staatsbürgerschaft für alle in den USA geborenen (oder eingebürgerten) Männer; der XV. Zusatzartikel (1870) garantierte allen, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, Hautfarbe oder früherem Status als Sklaven, das Wahlrecht. (Das Ausklammern der Frauen davon verursachte leider eine Spaltung der Fortschrittlichen; für das Frauenwahlrecht musste noch fünfzig Jahre gekämpft werden.)

Dennoch erreichte man Erstaunliches. In mehreren Südstaaten entstanden Legislaturen von Schwarzen und armen Weißen gemeinsam – wohl die besten Regierungen der USA-Geschichte. Erstmalig gab es eine Schulpflicht für schwarze und weiße Kinder, verboten wurden das Auspeitschen, der Pranger, die Inhaftierung wegen Schulden, auch die Diskriminierung der Juden. Man schuf erstmalig Waisenheime, Anstalten für Blinde und Sinneskranke und verbesserte den Rechtsstatus der Frauen (noch ohne das Wahlrecht). Leider nur im Ansatz kamen sie zum Allerwichtigsten, eine Bodenreform für alle, die erträumten »Forty Acres and a Mule« (16 ha und ein Maultier). Doch schon schickten Südstaaten schwarze Abgeordnete nach Washington, sogar zwei Senatoren (aus Mississippi!). Und als die alten Sklavenbesitzer sich stur gegen all das stellten, teilte der Kongress den Süden in fünf Militärdistrikte und ließ sie von der Nordarmee besetzen.

Bis in die 1960er Jahre: Angst und Unterdrückung

Diese »Rekonstruktion« hielt sich zehn Jahre. Doch die Abolitionisten, die Radikalen, starben aus. Die Republikanische Partei geriet in die Hände der aufstrebenden Morgans, Rockefellers und Eisenbahnbarone, welche das Land bald beherrschten. Nach einem heißen Wahlkampf schlossen die Republikaner einen Teufelspakt mit den einstigen Feinden, den Süd-Demokraten. Um die Zusage für ihren Kandidaten zu bekommen, trotz dubioser Resultate, versprachen sie, die Truppen zurückzuziehen, also die Besetzung zu beenden. Als das 1877 geschah, war es mit den guten Regierungen und jeglichem Fortschritt vorbei. Die Schwarzen wurden zu bettelarmen, rechtlosen »Teilpächtern« reduziert, fest an die Plantagen gebunden und von Banden wie dem Ku-Klux-Klan terrorisiert, die die kleinste »Aufmüpfigkeit« mit Peitschen, Erschießen oder blutigen Lynchorgien beantworteten. Trotz der Verfassung wurden sämtliche Rechte, auch das Wahlrecht, von brutalen Gerichten ausradiert. Angst und Unterdrückung herrschten dann bis in die 1960er Jahre.

Reaktionäre Republikaner im Norden, freie Hand für reaktionäre »Demokraten« im Süden – das Bündnis hatte bittere Folgen. Mit der Armee konnte man nun Custers verlorengegangene Indianerschlacht am Little Big Horn vom Juni 1867 blutig – und endgültig – rächen. Soldaten plus örtliche Einheiten konnten zügellos gegen Arbeiter losschlagen, wie im großen Streik von 1877, nach der ersten großen Wirtschaftskrise, als hungernde Eisenbahner den ersten Generalstreik der USA-Geschichte wagten (mit Echos von der Pariser Kommune sechs Jahre davor).

Es gab mutige Versuche, schwarze und weiße Arbeiter zu einigen; der Kalte Krieg und die McCarthy-Repression erwürgten viele. Erst die schwarze Freiheitsbewegung, von Kämpfern wie Martin Luther King und Malcolm X symbolisiert, konnte viele Rechte erringen wie das Wahlrecht – oder das Recht, normal im Bus, Café, Park und der Bibliothek sitzen zu dürfen. Dagegen kam es zu einer anderen Änderung: als Stahl, Textil und dann Erdöl die Nur-Baumwolle-Ökonomie verdrängten, gelang dem Präsidenten Richard Nixon eine neue »Südstrategie«: die Rassisten der Südstaaten wurden Republikaner und vertrieben die nun von Schwarzen unterstützten Demokraten.

Dabei blieb der Rassenhass, der sich damals trotz der Revolution wieder festigen konnte, die Hauptwaffe der 1%-Vermögenden. Man korrumpierte damit nicht nur die Weißen im Süden, es gelang, weiße Arbeiter überall durch Hass gegen farbige Menschen, nun auch Latinos und Muslime, dazu zu bringen, gegen die eigenen Interessen zu stimmen und zu handeln. Deshalb waren Obamas Siege, so enttäuschend er dann wurde, dennoch von großer Bedeutung. Der andauernde Kampf um die Seelen, die Wahlstimmen, um einen gemeinsamen Kampfgeist aller Arbeitenden, bleibt für die USA entscheidend, innen- und außenpolitisch – und zunehmend für ganz Europa auch.

23. Oktober 2015

Anmerkung:

[1] Brief an die amerikanischen Arbeiter, 1918, Werke, Bd. 28, S. 56.