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Über Antisemitismus und Ausländerhaß

Von Dr. Bernhard Majorow

RotFuchs, Februar 2016

Im Herbst 1923 kam es in Berlin zu einem Vorfall, der angesichts der gerade in jenem Jahr – dem letzten der gebündelten Ereignisse (Höhepunkt der Inflation – Ruhrbesetzung – gewaltsame Auflösung der Arbeiterregierungen in Sachsen und Thüringen – Hamburger Aufstand – Münchner Hitlerputsch) – weniger Beachtung fand und später gezielt verdrängt wurde: dem Pogrom im Scheunenviertel.

Zunächst der Hintergrund: Nach 1918 gab es hierzulande drei Gruppen von Immigranten. Die meisten waren Deutsche, die nach Gebietsabtretungen aus Polen, Dänemark und Frankreich übersiedelten. Dem folgte die weiße Emigration aus Sowjetrußland, die aber zumeist gen Westen weiterzog und von der Bevölkerung kaum wahrgenommen wurde.

Wie hier im baden-württembergischen Weissach gab es im Jahr 2015 über 850 Brandanschläge auf Asylbewerberheime und -Unterkünfte.

Ganz anders verhielt es sich hingegen mit den sogenannten Ostjuden, die vor Pogromen und sozialem Elend vor allem aus dem ostpolnischen Galizien geflohen waren. In Deutschland fühlten sie sich relativ sicher. Die meisten von ihnen waren auf karitative Hilfe angewiesen. Es handelte sich um mehr als 30 000 Menschen, die überwiegend nach Berlin kamen. Durch sie nahm der jüdische Bevölkerungsanteil dort um ein Fünftel zu. Die Einwanderer konzentrierten sich im Scheunenviertel, einer Gegend zwischen Alexanderplatz und Friedrichstraße.

Ostjuden unterschieden sich in vieler Hinsicht von deutschen Juden, die religiös und weltlich aufgeklärter waren. Durch die in der Weimarer Verfassung garantierte Gleichberechtigung besaßen diese volle staatsbürgerliche Rechte, was ihnen einen sozialen Aufstieg – auch in die Kapitalistenklasse – ermöglichte.

Demgegenüber trugen Ostjuden nicht nur ärmlichere Kleidung, sondern waren als streng Gläubige auch durch Haartracht und – soweit es Männer betraf – Bärte schnell auszumachen. In den Augen vieler umgab sie etwas Mysteriöses. Untereinander sprachen sie neben jiddisch auch russisch und polnisch, also Sprachen, die extremen deutschen Nationalisten und rabiaten Antikommunisten besonders verhaßt waren. An ihnen sollte sich der in Deutschland latente, nach der Kriegsniederlage 1918 noch heftiger aufflammende Antisemitismus entladen.

Linke Intellektuelle jüdischer Herkunft hatten sowohl in der Novemberrevolution als auch während der Bayerischen Räterepublik eine exponierte Rolle gespielt. Die Bedeutendsten von ihnen – Kurt Eisner, Rosa Luxemburg und Eugen Leviné – waren schon 1919 ermordet worden. 1922 wurde mit Außenminister Walther Rathenau sogar ein jüdischer Angehöriger der herrschenden Klasse von faschistoiden Gewalttätern umgebracht.

Die Rechten bezeichneten die Weimarer Republik als „Judenrepublik“. Sie zu beseitigen war nicht nur das Ziel der besonders auf Antisemitismus setzenden faschistischen Hitlerpartei, sondern auch breiter Schichten der durch diese aufgehetzten Bevölkerung.

Ostjuden waren in der Propaganda der Nazis der Prototyp des Juden überhaupt. Unter Einflüsterungen rassistischer Stimmungsmacher und entsprechender Presseorgane galten sie in den Augen vieler als „feindliche Ausländer“, die sich angeblich nur Sozialhilfe und politischen Einfluß erschleichen sowie durch kriminelle Machenschaften ihr Dasein im krisengeschüttelten Deutschland bestreiten wollten.

Sie waren die ersten Fremden, denen gegenüber sich aus einer Mischung von Unverständnis, Mißtrauen und Ablehnung handfester Haß entwickeln ließ.

Am 5. November 1923 – nur vier Tage vor Hitlers Putsch in München – standen unweit des Berliner Scheunenviertels Massen von Arbeitslosen um Unterstützung an. Als der Zahlstelle das Geld ausging, verstreuten rechte „Agitatoren“ flugs das Gerücht, Juden hätten es an sich gerissen. Daraufhin zogen Tausende Aufgebrachte unter Führung rassistischer Scharfmacher in das zentral gelegene Viertel, griffen Juden oder Menschen, die sie für solche hielten, unterschiedslos an, plünderten oder zerstörten deren Geschäfte und drangen in Wohnungen ein. Es gab zahlreiche Verletzte, aber keine Todesopfer. Das angeblich gesuchte Geld wurde natürlich nicht entdeckt.

Die Polizei, die sonst sogar bei kleinen Delikten hart durchgriff, schritt diesmal nicht ein, obwohl sie die Gewalttaten mit Leichtigkeit hätte unterbinden können; Eigentum, Leben und Gesundheit von Juden waren in ihren Augen nicht schützenswert. Verhaftet oder gar vor Gericht gestellt wurde niemand.

Andererseits hatten im Scheunenviertel wiederholt Razzien stattgefunden, deren vorgebliches Ziel darin bestand, „organisierter jüdischer Kriminalität“ das Handwerk zu legen.

Ohne Zweifel war das gegenüber dem, was später im Genozid von Auschwitz gipfeln sollte, nur eine Episode, die von der linken und demokratischen Öffentlichkeit scharf verurteilt wurde. Doch historisch betrachtet handelte es sich um weitaus mehr: Erstmals wurden in Deutschland nicht nur Juden, sondern zugleich auch wehr- und schutzlose Ausländer, die sich dort sicher wähnten, so pauschal angegriffen. Der Anschlag erfolgte mit Duldung der Staatsmacht.

Schlimmer noch: Die Ereignisse trugen sich in einer von Sozialdemokraten regierten Reichs- und Landeshauptstadt zu, die als rot galt und in der die KPD zu Beginn der 30er Jahre stärkste Partei werden sollte. Die meisten der gewalttätigen Erwerbslosen waren Arbeiter, die auf ein gezielt ausgestreutes Gerücht hereinfielen und sich zu Gewalttaten hinreißen ließen. Das geschah lange bevor die Nazis in Berlin massiv Fuß fassen konnten. Es handelte sich demnach um einen Vorläufer des Amoklaufs der deutschen Faschisten, denen es darum ging – wie Hitler später schrieb – „die Massen zu nationalisieren“.

Die Geschehnisse im Berliner Scheunenviertel machten deutlich, wie leicht es in der kapitalistischen Gesellschaft ist, in Not Geratene und Unzufriedene, darunter auch Proletarier, gegen ihre eigenen Interessen zu mobilisieren.

Heute wird das durch die ununterbrochenen Brandanschläge auf Notquartiere hilfs- und schutzbedürftiger Flüchtlinge einmal mehr unter Beweis gestellt.