DKP
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Die Welle grausamer imperialistischer Kriege – inzwischen immer öfter mit bundesdeutscher Beteiligung – und die unablässig steigende Flut der große Teile Europas überschwemmenden Faschisierung legen den Gedanken nahe, daß Gewesenes noch einmal über uns hereinzubrechen beginnt. Blinder Haß vor allem auf Muslime – eine neue Variante des Antisemitismus – sowie deutschnationaler Größenwahn, aber auch französischer Chauvinismus entladen sich auf keineswegs vom Himmel gefallene Flüchtlingsströme. Da fragen sich viele der Alten und Älteren, in denen die Erinnerung an selbst Erlebtes nicht erloschen ist, zwangsläufig: Alles noch einmal?

Es gibt Gründe, Schlimmes zu befürchten. Zweifellos kennt die Geschichte Parallelen und einander ähnelnde Situationen, wobei sie sich niemals auf dieselbe Weise wiederholt. Dabei unterliegt sie bestimmten Gesetzmäßigkeiten, läßt sich aber weder antreiben noch aufhalten. Das gilt auch für fundamentale gesellschaftliche Umwandlungsprozesse.

Hier gibt es neben Bremsern auch redliche Mitstreiter, die allzusehr in Eile sind und den Kapitalismus verständlicherweise in kürzester Frist und möglichst gleich weltweit aus den Angeln heben wollen. Solche auf die Wiederholung historischer Glanzzeiten Vertrauende, die der Gefahr unterliegen, sich um den Bau von Wolkenkuckucksheimen zu bemühen, steht tatsächlich Großes vor Augen.

Sie wissen um Ernst Thälmanns grandiose KPD der späten 20er und frühen 30er Jahre mit sechs Millionen Wählern, Hunderttausenden Mitgliedern und dem ersten Rang in der deutschen Hauptstadt. Um der „roten Gefahr“ zu begegnen, griff das Kapital 1933 nach der braunen Notbremse.

Unsere allzu optimistischen Freunde haben wohl auch die seinerzeitige FKP von Maurice Thorez im Blick, als jeder fünfte Franzose und jeder zweite Arbeiter der Grande Nation die kommunistische Liste wählten. Oder sie denken an Palmiro Togliattis IKP, deren Genossen in den Garibaldi-Brigaden gegen die deutschen und italienischen Faschisten kämpften, den Diktator Mussolini selbst zur Strecke brachten und jahrzehntelang eine das politische Leben der Italiener maßgeblich prägende Kraft waren. Für die zeitweilig zwei Millionen Mitglieder zählende Partei so standhafter Marxisten-Leninisten wie Armando Cossuta votierten bis zu 33 % der Stimmberechtigten.

Manche, deren Gedanken zum Mut- und Kraftholen in die Vergangenheit schweifen, gehen davon aus, daß solche großen Zeiten so oder so irgendwann zurückkehren müssen. Doch realistisch betrachtet, sind derzeit gerade in den drei genannten einstigen Hochburgen der revolutionären Arbeiterbewegung bei Marx, Engels und Lenin gebliebene kommunistische Parteien leider eine recht überschaubare Größe. Diese Situation, um deren Veränderung von den besten Kräften hartnäckig gerungen wird, macht ein solides und solidarisches Zusammenwirken von Sozialisten, Kommunisten und anderen Linksgerichteten zu einem politischen Imperativ. Dabei steht uns Älteren in Deutschland der historische Händedruck von Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl im April 1946 stets vor Augen. Parallel dazu geht es darum, einen maximalen Beitrag zur Friedensbewegung zu leisten, um der akuten Kriegsgefahr entgegenwirken zu können.

Die bekannte Formel „Alles hat seine Zeit“ betrachten wir weder als Haltesignal noch als Impulsgeber zu voluntaristischem Antreibenwollen der Geschichte.

„Wissen ist Macht“ … Ohne theoretischen Kompaß wird selbst der erfahrenste Praktiker zum zahnlosen Tiger. In unseren Reihen hat es neben Realistischen und Weitsichtigen immer auch flotte Sprücheklopfer und vom Leben abgeschottete Buchstabengelehrte gegeben. Pseudoradikale Durchreißer, für die das Maß des jeweils Möglichen überhaupt keine Rolle spielte, fehlten nicht minder. Bekannt ist die Äußerung eines umstrittenen Moskauer Spitzenpolitikers, der ungeachtet noch bestehender eklatanter Versorgungslücken unverdrossen verkündete, bis 1980 werde der Aufbau des Kommunismus in der UdSSR abgeschlossen sein.

Extremismen der einen wie der anderen Art führen nicht zum Ziel. Das gilt auch für die Bewertung von Sieg und Niederlage. Deshalb ist es unerläßlich, die historischen Dimensionen bestimmter Vorgänge sorgfältig zu erfassen.

Der Sieg der Bolschewiki um Lenin im Oktober 1917 stieß ohne Zweifel die Tore zu einer neuen geschichtlichen Epoche auf: Er setzte den Sozialismus erstmals als realisierbares Gesellschaftsmodell auf die Tagesordnung der Menschheit. Mit dem Sieg der Roten Armee über den deutschen Faschismus wurde seinem Aufbau in Teilen Europas eine historische Chance eröffnet. 1917 und 1945 waren positive Eckdaten der Geschichte und symbolisierten tatsächlich Siege von epochalem Charakter.

Wer davon ausgeht, bei den in Europa und Teilen Asiens erfolgten Konterrevolutionen habe es sich lediglich um schnell wieder auszuwetzende Scharten gehandelt, dürfte Entscheidendes dabei verdrängen: Auch hier handelte es sich um einen tiefen historischen Einschnitt – allerdings negativer Art. Zwischen 1989 und 1992 erlitt die revolutionäre Arbeiter- und Volksbewegung auf dem Weg zum Sozialismus in Teilen der Welt eine epochale Niederlage. Die Möglichkeit des Durchbruchs einer Reihe europäischer Länder zum Sozialismus konnte aufgrund objektiver und subjektiver Defizite im 20. Jahrhundert nicht dauerhaft in Wirklichkeit umgewandelt werden.

Dabei stimme ich unserem Autor Hermann Jacobs (s. S. 3) durchaus zu, daß beim Niedergang der Sowjetunion die Tatsache eine gewichtige Rolle gespielt haben dürfte, daß sie seit dem durch Hiroshima und Nagasaki bewiesenen US-Nuklearbombenbesitz zu einem permanenten waffentechnischen Kräftemessen mit der imperialistischen Hauptmacht gezwungen wurde. Für die Rüstungsparität und die Sicherung des Weltfriedens mußten enorme Mittel und Ressourcen aufgeboten werden, die anderswo fehlten. Während es gelang, das eigene Land und die Menschheit vor dem atomaren Inferno zu bewahren, verlor die UdSSR immer mehr an dringend benötigter Potenz für den Fortgang und die Vertiefung des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses in den eigenen Grenzen. Von Beginn an hatten es die tonangebenden Kräfte in den USA darauf angelegt, ihren Todfeind Sowjetunion systematisch „totzurüsten“.

Wie müssen sich progressive Kräfte in dieser komplexen Situation verhalten? Für Menschen unserer Art gibt es keinen Grund aufzustecken oder den Kampf gegen Krieg und Kapital auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben. Doch Augenmaß und Nüchternheit sind geboten. Man sollte dabei die eigenen Möglichkeiten weder unter- noch überschätzen. Bisher hat der weltweite Übergang von einer Gesellschaftsformation zu einer anderen Jahrhunderte in Anspruch genommen. Ziel unseres Handelns muß es sein, die historische Existenzdauer der letzten Ausbeuterformation, von der das Weiterbestehen der Menschheit in höchste Gefahr gebracht wird, maximal zu verkürzen. Denn je länger es den Kapitalismus gibt, um so größer ist das Risiko eines Infernos.

Was auch immer kommen mag: Wir folgen der alten Berliner Volksweisheit: Bange machen gilt nicht! Diese Erkenntnis betrachte ich übrigens auch als das Resümee meines langen politischen Lebens, in dem ich als Journalist und Klassenkämpfer in zahlreichen Ländern der Welt Erfahrungen habe sammeln können. Im Dezember waren es 67 Jahre, daß ich mich in Westberlin der von bei Marx gebliebenen Sozialdemokraten und Kommunisten gegründeten SED angeschlossen habe.

RotFuchs Februar 2016