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Am 8. März 2016 wäre Peter Gingold 100 Jahre alt geworden. Er verstarb im Oktober 2006. Wir deutschen Kommunisten behalten unseren Genossen in ehrenvoller Erinnerung. Hier eine Rede Peter Gingolds aus dem Jahr 2005 auf dem 17. Parteitag der DKP, nachveröffentlicht in junge welt vom 8.3.2016 .

Vorbemerkung junge welt:

»Unser Traum erfüllte sich nicht«

Über ein antifaschistisches Deutschland nach 1945. Anlässlich seines 100. Geburtstages: Eine Rede von Peter Gingold

Peter Gingold wurde am 8. März 1916 in Aschaffenburg als Sohn einer aus Polen emigrierten jüdischen Familie geboren. Er organisierte sich mit Beginn seiner kaufmännischen Ausbildung in einer Gewerkschaftsjugendgruppe sowie im Kommunistischen Jugendverband (KJVD) und beteiligte sich an antifaschistischen Widerstandsaktionen. Nach einer ersten Verhaftung im Jahr 1933 folgte er seiner Familie ins Exil nach Paris. Zusammen mit seiner Frau Ettie Gingold kämpfte er nach der Besetzung großer Teile Frankreichs durch die deutschen Truppen im Jahr 1940 mit der französischen Widerstandsbewegung in der Résistance. Nach der Befreiung vom Faschismus gehörte er in Frankfurt am Main zu den Mitbegründern der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes). Seine Lehre aus dem Kampf gegen den Faschismus, die Notwendigkeit eines entschlossenen Zusammenstehens gegen jedwede faschistische Entwicklung vermittelte er vor ungezählten Schulklassen und Jugendgruppen, auf Demonstrationen und Kundgebungen.

Die junge Welt erinnert an seinem 100. Geburtstag mit dem Abdruck einer Rede Gingolds, die dieser im Jahr 2005 in Duisburg zur Eröffnung des Parteitages der DKP, gehalten hatte deren Mitglied er seit ihrer Gründung 1968 war. Die Ettie-und-Peter-Gingold-Erinnerungsinitiative und die VVN-BdA Frankfurt am Main laden am 13. März 2016 zu einer Matinee ein (www.gingold-initiative.de). (jW) 

Rede Peter Gingolds

Liebe Genossinnen und Genossen,

dass ich den ehrenvollen Auftrag erhalten habe, den Parteitag zu eröffnen, betrachte ich als Würdigung der Kommunistinnen und Kommunisten meiner Generation, die gegen Faschismus und Krieg alles hingegeben haben. Für sie möchte ich sprechen, zumal unser Parteitag in dem Jahre stattfindet, in dem sich zum 60. Mal die Befreiung Europas von der Terrorgewalt des Nazifaschismus jährt – in erster Linie war er der Sieg der Sowjetunion über die Hitlerarmee. Die meisten Menschen verbinden mit dem 8. Mai lediglich das Ende des Zweiten Weltkrieges. Wer weiß schon, dass die Antihitlerkoalition im Zusammenwirken und mit Unterstützung der antifaschistischen Widerstands- und nationalen Befreiungsbewegungen die Hitlerwehrmacht vernichtend besiegte. In diesen Befreiungsbewegungen der Völker waren die Kommunisten die bestorganisierten, zuverlässigsten und aufopferungsvollsten Kräfte. Dies ebenso im deutschen antifaschistischen Widerstand, der gemessen an Leiden und Opfern ebenbürtig zur europäischen Résistance gehört.

In der Erinnerung der Bevölkerung an ihre Befreiungskämpfe gelten die Kommunisten als die Patrioten ihres Landes, bis in die Gegenwart hochgeachtet. Hier, in diesem Land, sind sie diskriminiert und ausgegrenzt.

Im öffentlichen Bewusstsein existiert der deutsche Widerstand fast nur in Form des »20. Juli«, allenfalls wird noch die »Weiße Rose« der Geschwister Scholl genannt. Der eigentliche Widerstand der einfachen Frauen und Männer, vorwiegend aus der Arbeiterbewegung, die meisten Kommunisten, wird bis in die jüngste Zeit verschwiegen. 1933 gab es 360.000 organisierte Kommunisten, jeder zweite wurde irgendwie belangt, verfolgt, verhaftet, gefoltert, Zehntausende waren in Zuchthäusern und KZs, Tausende kamen zu Tode. Dokumentarisch ist es belegt: Von den Menschen im Widerstand waren 85 Prozent Kommunisten, zwölf Prozent Sozialdemokraten, drei Prozent kamen aus bürgerlichen Kreisen. »Sie gehörten in Deutschland zu den Edelsten, was in der Geschichte der Völker je hervorgebracht worden ist, einzig getrieben von der Unruhe ihres Gewissens.« Ein Ausspruch vom britischen Premier Winston Churchill im Jahre 1945.

Niederlage statt Befreiung

Die Tragik des deutschen Widerstandes: Er führte nicht zum Aufstand. Er konnte allenfalls etwas Sand in die Getriebe der Mordmaschine streuen, aufhalten konnte er sie nicht. Unsere Vision, unser Traum, unsere Hoffnung war es, der Widerstand könnte Massen der deutschen Bevölkerung zum Aufstand führen, um aus eigener Kraft mit Hitler und dem Krieg Schluss zu machen. War denn nicht der Erste Weltkrieg mit einer Volkserhebung, mit einer Revolution beendet worden? Unser Traum erfüllte sich nicht. An der Gedächtnisstätte des Preungesheimer Gefängnisses in Frankfurt am Main, an der Stelle, an der die Guillotine stand, mit der Hunderte Antifaschisten enthauptet wurden, stehen die Worte der Schriftstellerin Ricarda Huch: »Ihr, die das Leben gabt für des Volkes Freiheit und Ehre. Nicht erhob sich das Volk, euch Freiheit und Leben zu retten.« Ich füge hinzu: auch nicht als Millionen deutsche Soldaten fielen, die deutschen Städte sich in Trümmerlandschaften verwandelten mit Hunderttausenden Toten.

Das Erlebnis, wie ich es im Aufstand der Pariser Bevölkerung haben konnte, dann inmitten von zwei Millionen jubelnden, sich gegenseitig umarmenden Menschen, die Paris selbst befreit haben, und auch später inmitten des Aufstandes der norditalienischen Bevölkerung, dieses Erlebnis gab es nicht in Deutschland. Der 8. Mai vor 60 Jahren, Deutschland und Europa vom Nazifaschismus befreit, die menschliche Zivilisation gerettet, das Morgenrot der Menschheit, dieser Jubel, der an diesem Tag ganz Europa, ja, fast die ganze Welt erfasste, den gab es in Deutschland nicht. Wenn auch die deutsche Bevölkerung das Kriegsende so sehr herbeisehnte, sie empfand es nicht als Befreiung.

Errettet, erlöst, befreit, dieses Glück empfanden nur die Überlebenden des Widerstandes, der Nazikerker, der KZ, die im Exil überlebten; schließlich alle, die im Innern Gegner des Naziregimes blieben. Als ich anlässlich des 60. Jahrestages der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 auf Einladung von Frankreichs Präsidenten Jacques Chirac an der deutsch-französischen Begegnung in Anwesenheit des Bundeskanzlers Gerhard Schröder teilnahm, kam ich ins Gespräch mit ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht, die der Bundeskanzler mitgenommen hatte. Als ich ihnen sagte, ich bin hier in Vertretung von Deutschen, die an der Seite der Résistance kämpften, sagten sie mir: Da haben sie gegen Deutschland gekämpft. Als ich antwortete: Wir haben dazu beigetragen, Frankreich von der Hitlerokkupation zu befreien. Zugleich war es für uns ein Kampf für Deutschland, Deutschland von Hitler und Krieg zu befreien. Dann kam wortwörtlich die Entgegnung: Wir wollten ja nicht befreit sein.

Tatsächlich: Sie wollten nicht befreit sein. Damals hatten sie wohl aufgeatmet, endlich Friede. Doch als Befreiung war es nicht wahrgenommen worden, sondern als Katastrophe, als Zusammenbruch, besiegt zu sein, den Krieg verloren zu haben, die Niederlage des Nazireichs empfanden sie als ihre Niederlage.

Heutiger Antikommunismus

So war dann der reibungslose Übergang vom »Dritten Reich« in die Bundesrepublik möglich. Ehemalige hohe Funktionäre, die ihre Fähigkeiten dem »Führer« und der SS zur Verfügung gestellt hatten, bekamen in die höchsten Posten. Der von Hitler propagierte Antikommunismus wurde ebenfalls zur Staatsdoktrin gemacht, allerdings ohne Antisemitismus. Wohl nicht mehr der Judäo-Bolschewismus, nur noch der Bolschewismus war die Bedrohung. Dies erklärt, warum wie in keinem anderen Land auf der Erde, hier der Antikommunismus so tief verankert ist, so dass er latent und alltäglich in Westdeutschland die dominierende Mentalität blieb. Er formierte die politische Mitte, was den braunen Sumpf Urständ feiern lässt. Während in allen anderen Ländern die Kommunisten als die Patrioten ihres Landes gelten, haftet den Kommunisten in diesem Land der Geruch des Landesverrates an, weil sie auf der Seite des Siegers gestanden haben.

Lassen wir nicht in Vergessenheit geraten, die KPD vor 1933 war die einzige Partei, die am klarsten die drohende Gefahr des Faschismus einschätzte und den Zusammenhang von Faschismus und Krieg herstellte. In meiner Erinnerung lebt, wie ich als Jungkommunist mithalf, mit Flugblättern, mit großen Lettern an den Wänden zu warnen: »Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!« und »Hitler bedeutet Krieg!«. In dem oft gesungenen Lied vom roten Wedding heißt es: »drohend stehen die Faschisten / drüben am Horizont«.

Hatte doch der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann in den letzten Jahren der Weimarer Republik versucht, die verhängnisvolle »Sozialfaschismusthese« aus der Partei zu bringen und leidenschaftlich, jedoch vergeblich die Aktionseinheit mit den Sozialdemokraten angemahnt. Bei allen Irrungen und Fehlern – Irren und Fehler gehören zum Leben – wäre die Politik der KPD gefolgt, was wäre der eigenen Bevölkerung und der Welt erspart geblieben!