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Vorbemerkung für die Leser in der Bundesrepublik Deutschland: Kurt Waldheim (1918-2007) war ein österreichischer Diplomat, von 1968 bis 1970 war er Außenminister Österreichs und von 1972 bis 1981 Generalsekretär der Vereinten Nationen. Aus Anlass seiner von der Österreichischen Volkspartei unterstützten Kandidatur (1986) zur Wahl des österreichischen Bundespräsidenten wurden ihm von der österreichischen Wochenzeitung Profil, von der New York Times und vom World Jewish Congress unterstellt, er habe als Offizier der Deutschen Wehrmacht aktiv an Kriegsverbrechen teilgenommen bzw. er habe die Kenntnis davon nach 1945 bewusst verschwiegen. Waldheim wurde dennoch zum Bundespräsidenten gewählt (bis 1992), als welcher er mehr oder weniger international isoliert geblieben ist.

kurt-waldheimDie österreichischen Medien erinnern je nach Klientel, das sie zu bedienen und zu manipulieren haben, an die turbulente Affäre um Kurt Waldheim aus Anlass seiner Präsidentschaftskandidatur vor 30 Jahren. Am Beginn dieser von wütenden Kommentaren begleiteten Affäre stand ein Foto, das Kurt Waldheim im Mai 1943 als Oberleutnant der Deutschen Wehrmacht auf einem Flugfeld auf dem Balkan zeigt und das im Frühjahr 1986 bei einem Trödler entdeckt worden ist. Das Foto gab den Anstoss zu weiteren Nachforschungen in verschiedenen Archiven, worüber das Buch des früheren ORF-Journalisten Georg Tidl (Waldheim – wie es wirklich war. Die Geschichte einer Recherche. Wien, 2015) Auskunft gibt. Die aufgelesenen Wehrmachtsakten geben keinen realen Hinweis auf irgendeinen völkerrechtswidrigen Einsatz von Oberleutnant Waldheim so wie das für seinen Kameraden Helmut Schmidt wahrscheinlich auch zutreffen wird – sieht man vom insgesamt verbrecherischen Umfeld der deutschen Wehrmachtseinsätze einmal ab.

Der Wiener Widerstandskämpfer Eduard Rabofsky und der Verfasser dieses Artikels, denen das aufgetauchte Waldheimfoto schon bald nach seinem Auffinden zur Auswertung für einen eventuellen publizistischen Kommentar übermittelt worden war, waren grundsätzlich der Auffassung, dass Krieg eben Krieg ist, dass es allerdings andere Positionen der Pflichterfüllung in dieser Zeit in Österreich gegeben hat, als jene, die Waldheim wahrgenommen hat. Rabofsky und der Autor haben deswegen eine eigene Broschüre „Pflichterfüllung für oder gegen Österreich“ verfasst (1988), worin insbesondere auf die Widerstandstätigkeit der kommunistischen „Gruppe Soldatenrat“ Bezug genommen wurde. Es handelte sich um gut organisierte, großräumige und vielfältige Aktionen junger Menschen, die sich gegen die Deutsche Wehrmacht richteten. Heroischer Höhepunkt war das erste Kriegsjahr gegen die Sowejtunion.

Waldheim hat seine „Pflicht“ allerdings nicht anders erfüllt als sein von der österreichischen Politik heute heilig gesprochene Amtsvorgänger Rudolf Kirchschläger, der am 9. Juli 1985 Rabofsky geschrieben hat: „Auch ich habe überlegt, ob ich 1938 emigrieren sollte. Ich habe mich schließlich zum Hierbleiben entschlossen, damit aber bewußt auch die militärische Dienstpflicht in Kauf genommen“. Das hat Kirchschläger, wie Waldheim bekennender Katholik, jedenfalls veranlaßt, am 31. März 1945 als Hauptmann und Taktiklehrer der Hitlerwehrmacht in der Offiziersschule Wiener Neustadt ein letztes Aufgebot von etwa 1200 Fahnenjunkern gegen die zum Angriff auf Wien ansetzenden sowjetischen Truppen zu führen. Dieser völlig sinnlose Einsatz endete für hunderte junge Männer mit dem Tod.

Die Kriminalisierung der Kriegsvergangenheit von Waldheim hat nicht nur bei den Geschichtsschreiber, Politikwissenschaftler und Journalisten Österreichs Resonsanz gefunden. Waldheim hat von 1972 bis 1982 als Generalsekretär der UNO amtiert, davor war er in verantwortlichen Positionen in der österreichischen Außenpolitik im guten Einvernehmen mit Kreisky tätig gewesen. Kreisky hat gemeinsam mit dem ebenfalls von den Nazis aus Österreich vertriebenen damaligen österreichischen Botschafter in Peking Hans J. Thalberg die Wahl von Waldheim zum Generalsekretär betrieben.

Als Generalsekretär hat sich Waldheim dem Universalitätsprinzip der UNO verpflichtet und sich mit anerkennenswerter Courage für die Position des Schiedsrichters und gegen einseitige Parteinahmen der UNO eingesetzt. Er verurteilte die Bombardierung der vietnamesischen Staudämme durch die US-Luftwaffe. Die dadurch bedingten enormen Überschwemmungen hatten große Opfer unter der vietnamesischen Zivilbevölkerung gefordert. Waldheim setzte sich für die Aufnahme beider deutscher Staaten in die Vereinten Nationen ein (1973). Aus Anlass der Verleihung des Ehrendoktorats der Berliner Humboldt Universität (1979) wurde anerkannt, dass sich Waldheim „mit diplomatischer Umsicht und juristischem Scharfsinn als konsequenter Verteidiger der Grundprinzipien der UN-Charta erwiesen hat, jener Charta, auf der das Völkerrecht unserer Zeit beruht“. Sein wiederholtes Eintreten für die Durchsetzung der UN-Resolutionen im Nahen Osten und seine Anerkennung der Rolle der Palästinensischen Befreiungsorganisation haben für ihn persönlich, aber auch für Österreichs neutrale Außenpolitik seit 1986 sehr nachteilige Folgen gezeitigt.

Waldheim hat die Bemühungen von Kreisky, Wien zu einem internationalen Treffpunkt zu machen, forciert. Als 1986 gewählter Bundespräsident hat er dazu aber keine Möglichkeit mehr, vielmehr rückte er jetzt von seinen friedensorientierten Positionen da und dort ab oder konnte diese nicht mehr artikulieren. Sein persönlicher Einbruch ist vor allem in seinem 1986 publizierten Buch „Die Antwort“ erkennbar. Dort stellt er sich hinter die kriegstreiberische und neutralitätsverletzende Außenpolitik von Mock oder er drückt seine Anerkennung für den bosnischen Präsidenten Izetbegovic aus, der sich während des zweiten Weltkrieges an Aktionen bosnischer Muslime gegen die serbische Bevölkerung beteilig hat. Mit Brecht könnte man über Waldheim resümieren, dass von keinem mehr verlangt werden kann, als er hat.

Gerhard Oberkofler, Wien