DKP
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Marx Engels Stiftung

I. Paradoxer als gegenwärtig, könnte die Situation kaum sein: Während die sozialen Widerspruchstendenzen sich verschärfen, die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern der sozialen Umwälzungen zunehmend größer wird, bleibt das Bewusstsein der Menschen hinter den gesellschaftlichen Problemen zurück. Scheinbar bereitwillig übernehmen sie Sichtweisen des herrschenden Blocks, die nur all zu offensichtlich ihren eigenen Interessen widersprechen. Die Erklärungen solcher Vorgänge sind eine vordringliche Aufgabe kritischer Gesellschaftstheorie. Und dabei kommt zwangsläufig Leo Kofler ins Spiel, der eine umfassende Theorie ideologischer Herrschaftsreproduktion im Spätkapitalismus vorgelegt hat, die in den linken Diskussionen bei weitem jedoch nicht die Aufmerksamkeit gefunden hat, die ihrer Substanz und der gegenwärtigen Problemlage angemessen wäre.

Nun füllen ja die Veröffentlichungen über den Ideologie-Komplex ganze Bibliotheken. Dennoch kann nicht unbedingt unterstellt werden, dass sich das Problemverständnis durch die ausufernde Theorieproduktion vertieft hätte. Die meisten Versuche scheitern schon an den kategoriellen Bestimmungen, beispielsweise an der zentralen Frage nach dem Gegensatzprinzip zur Ideologie. Ist es die Wahrheit? Oder existiert ein solches Alternativprinzip überhaupt nicht, weil jede gesellschaftliche Bewußtseinsform als Moment einer entfremdeten Praxis grundsätzlich ideologischer (also verzerrter) Natur ist? Obwohl an dieser Stelle auf solche grundlagentheoretischen Fragen nicht näher eingegangen werden kann, soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Marxismus das Problem durch den Nachweis einer gesellschaftlichen Prägung sowohl der verzerrten Denkmuster, als auch der realitätsadäquaten Sichtweisen auflöst.

II. Es geht bei diesen Fragen nach den menschlichen Erkenntnismöglichkeiten übrigens nicht, wie ein postmodernistisches Diskurs-„Wissen“ unterstellt, um ein absolutistisches Wahrheitsstreben. Grundlegend für eine marxistische Ideologietheorie ist das Verständnis des Bewusstseins als Funktionselement gesellschaftlichen Handelns – und zwar zunächst unabhängig davon, ob seine Inhalte als „richtig“ oder „falsch“ qualifiziert werden können. Damit ist die Thematisierung des Verhältnisses von Wahrheit und Irrtum nicht suspendiert, jedoch widerspricht eine Konzeption, die Ideologie als Faktor des gesellschaftlichen Geschehens und als irreversibles Moment sozialer Selbstinterpretation begreift, ihrer linearen Gleichsetzung mit falschem Bewusstsein: Das dialektische Verständnis spielt auf beide Möglichkeiten und der impliziten Doppelbödigkeit des Ideologiebegriffs an. Denn auch verzerrte Ideen sind „ein Teil der Wahrheit der … materiellen Verhältnisse“ (T. Eagleton) durch die sie geprägt werden.

Auch mythologisches Denken, dass von moderner Rationalität scheinbar weit entfernt ist, transportiert Erklärungsmuster mit alltagspraktischem Erklärungswert. Wenn ein Vater in einer „vor-modernen“ Gesellschaft seinem Kind erklärt, er solle dem reißenden Strom fern bleiben, weil „böse Geister“ ihn bevölkern und nach ihm greifen würden, dann hat diese Erklärung ihren praktischen Zweck erfüllt. Seine „Erzählung“ ist zwar objektiv falsch, ihr praktische Gebrauchswert jedoch hoch.

Selbst durch solch knappen Hinweise dürfte die Unvereinbarkeit eines historisch-materialistischen Verständnisses gesellschaftlicher Bewusstseinsformen mit einer abstrakten Entgegensetzung von „Wissenschaft“ und „Ideologie“ (wie sie beispielsweise Louis Althusser mit absoluten Geltungsanspruch postuliert hat) deutlich werden. Nun gibt es bei Althusser auch noch subtilere Bemerkungen zur Ideologieproblematik, etwa seine „Theorie Ideologischer Staatsapparate“, die einen wichtigen Aspekt herrschaftskonformer Sichtweisen thematisiert, jedoch durch das reduktionistische Verständnis des Ideologischen als ein Ensemble strukturell vermittelter „ideologischer Mächte“ nur einen Teilaspekt der geistigen Herrschaftsreproduktion erfasst.

In Althussers Nachfolge wird auch in einem „Historisch-kritischem Wörterbuch des Marxismus“ (Ed. Haug) Ideologie wesentlich auf den Modus einer „Vergesellschaftung von Oben“ reduziert. Weil das Ideologische in diesem Sinne erst mit der „systematisierenden Arbeit der Ideologen“ beginnt, die bemüht sind die „Menschen auf bestimmte Verhältnisse“ einzuschwören, wird der Reflexionshorizont eines frühbürgerlichen Materialismus, der die ideologische Intervention als bewusste Irreführung begreift, kaum überschritten: Die zentrale Einsicht der Marxschen Ideologietheorie, dass „nicht das Bewusstsein … das Leben, sondern das Leben … das Bewusstsein“ bestimmt, wird systematisch auf den Kopf gestellt.

III. Um einen problemgerechten Zugang zu den aktuellen Formen ideologischer Vermittlungen haben sich in den 60er Jahren neben Herbert Marcuse vor allen Leo Kofler bemüht. Beider Analysen weisen trotz nicht unwichtiger konzeptioneller Differenzen, einen gemeinsamen Grundtenor auf: Sie stellen fest, dass die Menschen im Spätkapitalismus die Herrschaftsimperative weitgehend verinnerlicht haben und eine aktive Rolle bei der Aufrechterhaltung der Repressionsmechanismen spielen.

Marcuses und Koflers Theorien ideologischer Machtreproduktion sind als Antwort auf die Selbststabilisierungsfähigkeiten der kapitalistischen Gesellschaften zu verstehen, die im Laufe des 20. Jahrhunderts immer deutlicher zutage traten. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass trotz seiner eklatanten Widerspruchsstruktur es dem entwickelten Kapitalismus immer wieder gelingt, die Menschen emotional und geistig an sich binden. Um diese ideologischen Vereinnahmungen zu begreifen, musste sich die theoretische Herangehensweise in dem gleichen Maße verändern, wie die ideologischen Vermittlungsprozesse es getan haben: „Die ideologischen Formen der Repression haben sich im 20. Jahrhundert weitgehend irrationalisiert und haben psychische Bereiche erreicht und besetzt, die in früheren Epochen noch Kräfte des Widerstands aufgespeichert hatten.“ (L. Kofler) Die ideologischen Formierungsprozesse bewirken mehr als bloß geistige Konformität; von ihnen wird zunehmend der ganze Mensch betroffen: Sein Bewußtsein, seine Psyche, selbst seine Sinnlichkeit werden machtkonform instrumentalisiert.

IV. Ideologie präsentiert sich zwar immer auch noch in der Form fest umrissener Weltbilder und konzeptioneller Erklärungsmuster, wie ja gerade die grassierende Ideologie des Neoliberalismus beweist. Und nicht zuletzt bei einer Analyse seiner Durchsetzungsstrategien wird deutlich, welche tragende Bedeutung nach wie vor ideologische Apparate und „materiellen“ Vermittlungsinstanzen haben. Die Akzeptanz solcher Behauptungen wie der, dass „Lohnverzicht Arbeitsplätze schaffen“ würde, ist durch den effektiven Einsatz ideologischer Agenturen begründet worden. Aber mit der Analyse der objektiven Vermittlungsstrukturen ist noch nicht die beachtliche Wirkung der herrschaftskonformen Sichtweisen und vor allem nicht die auffällige Widerstandslosigkeit gegen sie erklärt.

Auf der Wahrnehmungsebene ist zu beobachten, dass die Krisenopfer die Sichtweise des Kapitals in der Hoffnung übernehmen, beispielsweise durch Lohnverzicht und Arbeitszeitverlängerungen doch noch den bedrohten Arbeitsplatz retten zu können. Ideologische Hegemonie wird also durch soziale Verunsicherung gesichert. Möglich ist das, weil Angst zu einer gesellschaftlichen Konstante geworden ist und die Übernahme herrschender Theoreme ein – meist vergebliches – Moment der Angst-Abwehr beinhalten. Der ideologischen Unterwerfung liegen also psychische Reaktionen und Verarbeitungsweisen zugrunde, mit denen eine Theorie, die den aktuellen ideologischen Formierungsprozessen gerecht werden will, sich intensiv beschäftigen muss.

V. Um den über psychische Instanzen vermittelten Prozesse der Machtstabilisierung theoretisch gerecht werden zu können, beschäftigte sich Kofler schon früh mit den Fragen und Problemen einer Verbindung von Gesellschaftstheorie und Sozialpsychologie. Bevor tiefenpsychologische Kategorien wie Verdrängung, Rationalisierung oder Übertragung in den Theorierahmen einer dialektischen Gesellschaftstheorie integriert werden können, muss jedoch die Wirkungsweise der gewöhnlichen Formen des falschen Bewusstseins betrachtet werden. Denn sie liegen in einer elementaren Weise, den subjektiven Anpassungsstrategien zugrunde.

Marx hat im „Kapital“ – und Leo Kofler bezieht sich unmittelbar darauf – in seinen Analysen des fetischisierten Bewusstseins gezeigt, wie entfremdete Denkformen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit, durch die soziale Praxis im Kapitalismus entstehen. Durch den Warencharakter aller sozialen Beziehungen und die kapitalistische Prägung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bilden sich Einstellungsmuster, die das Bild von den (klassengesellschaftlich strukturierten) sozialen Zusammenhängen systematisch verzerren und den Eindruck einer „Naturhaftigkeit“ der gesellschaftlichen Prozesse erzeugen.

Dieses fetischisierte Bewusstsein liegt allen anderen ideologischen Prozessen zugrunde: Leo Kofler hat sie als die „primäre Stufe der ideologischen Reflexion“ bezeichnet. Sie „vollzieht sich“, wie er betont, „in einer spontan-irrationellen Form [und] … stellt schlechthin das dar, was man als die „unreflektierte“ Hinnahme erlebter ökonomischer Zwangsläufigkeit und damit zusammenhängend gesellschaftlicher Schicksalhaftigkeit im Alltagsbewusstsein“ (Kofler) bezeichnen kann.

VI. In seiner offensichtlichen Reibungslosigkeit kann das System der Selbstunterdrückung jedoch nur funktionieren, weil den aus der unmittelbaren Praxis entstammenden Bewusstseinsverzerrungen und Selbsttäuschungen mehrschichtige Strukturen des Vor- und Unbewussten mit selbstunterdrückender Funktionalität vorgelagert sind. Die im praktischen Lebensvollzug sich entwickelnden Interpretationsschablonen werden durch sowohl historisch als auch aktuell vermittelte Bilder und Deutungsmuster zu einem Weltbild mit politischer Orientierungsstruktur komprimiert. Kofler hat mehrere Ideologiekomplexe mit – wie er es genannt hat – „tiefensoziologischer“ Wirkung unterschieden, die jeweils eine eigene Genese und eine differenzierte Funktionalität besitzen, sich aber gegenseitig beeinflussen und inhaltlich „ergänzen“.

Festgefügte Vorstellungen wie beispielsweise die, dass sich „jeder selbst der Nächste“ ist, oder dass „Die-da-oben“ doch machen, was sie wollen, entsprechen zunächst einmal unmittelbaren Sozialerlebnissen. Doch solche pseudo-empirischen Feststellungen entfalten ihre vollständige Wirkung erst durch die Prägekraft der verinnerlichten Koordinaten eines „repressiven Menschenbildes“ (Kofler). Es besteht aus tief verwurzelten Bewusstseinsebenen, die auf die Interpretation und mentale Strukturierung aktueller Erlebnisse einen nachhaltigen Einfluss ausüben. Während der Warenfetischismus und die diversen Vergeblichkeitsvorstellungen den geistigen Gegenwartsströmungen angehören, ist das repressive Menschenbild das Produkt der gesamten klassengesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit. Dieser Bewusstseinsmodus „fundiert“ und generalisiert Unterdrückungserfahrungen vieler Generationen und repräsentiert eine der Wurzeln des resignativen Gegenwartsbewusstseins, dessen Quintessenz lautet, dass es zu den herrschenden Zuständen keine Alternative gibt.

Zu den Elemente dieses repressiven Menschenbildes gehört als quasi-kulturelle Konstante (als eine Form der christlich-abendländischen Ideologie) beispielsweise das Verständnis der Arbeit als prinzipiell leidvolle und mühselige Angelegenheit. Auch die Vorstellung einer Unaufhebbarkeit des feindselig-aggressiven Verhaltens der Menschen untereinander, ist in dieser Bewusstseinschicht eingelagert. Sowohl zynische Legitimationsreden vom „Recht des Stärkeren“, als auch die Vorstellung vom „Überlebenskampf“ der Rassen, können unmittelbar an solche Integrationsschablonen anschließen.

VII. Kofler beschäftigt sich jedoch nicht nur mit den repressiv besetzten Seiten der menschlichen Psyche. Er hat auch auf die Existenz von archaischen Ebenen verwiesen, in der vor-klassengesellschaftliche Ahnungen, in der Form gattungsgeschichtlicher Harmoniebedürfnisse und Momente des utopischen Verlangens aufgehoben sind. Das Gewicht der einzelnen Bewusstseinsebenen bei der Bewertung und Verarbeitung aktueller Erfahrungen hängst sowohl von den übrigen ideologischen Konstellationen als auch von den Interpretationsbedürfnissen des Alltagsdenkens ab. Die diversen Faktoren werden individuell zu einem (in alltagspraktischer Relevanz) „homogenen“ Weltbild verarbeitet, personale Existenzansprüche mit den objektiven Anforderungen in Übereinstimmung zu bringen versucht.

Entscheidend ist, ob das herrschende Denken hegemonial ist, oder auch alternative Denkmuster in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Selbstverständigungsprozesse eine Rolle spielen. Je unverstandener die eigene Welt und je undurchsichtiger das soziale Leben erlebt wird, um so größer ist die individuelle und kollektive Empfänglichkeit für herrschaftsbesetzte – und darin eingeschlossen – archaisch-irrationale Interpretationsmuster mit repressiver Wirkung. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass in der aktuellen Krisensituation esoterische Orientierungen und rechte Mythologien Hochkonjunktur haben!

VIII. Obwohl seine Existenz vom Alltagsbewusstsein verdrängt und ein Bewusstsein seiner Integrationswirkung aus der sozialtheoretischen Reflexion verbannt ist, kommt besonders dem repressiv strukturierten Gewissen eine zentrale Rolle bei der ideologischen Formierung und den „freiwilligen“ Unterwerfungshandlungen zu. Nur scheinbar haben sich die traditionellen Moralsysteme, als Dreh- und Angelpunkt machkonformen Verhaltens, gelockert. Zwar existiert durch das verbreitete Bewusstsein individualistischer „Freiheit“ die Illusion „ungebundener“ Handlungsmöglichkeiten und eines grenzenlosen „Genusses“. Jedoch stößt dieses Selbstverwirklichungsstreben immer wieder an die Grenzen, sowohl des „Realitätsprinzips“, als auch an die Demarkationslinien der verinnerlichten Verhaltensmuster und Normensysteme.

Eine latente Unterwerfungsbereitschaft wird besonders durch die in der Massenpsyche eingelagerte Leistungsorientierung stimuliert. Als Ergebnis eines langfristigen Anpassungsprozesses haben die kapitalistisch sozialisierten Menschen Leistungs- und zu moralischen Postulaten geronnene Disziplinmuster verinnerlicht. Entgegen den Behauptungen sozialwissenschaftlich kaschierter Mythenproduzenten haben die arbeitsgesellschaftlichen Maßstäbe weder ihre normierende Wirkung noch ihre subjektive Orientierungsfunktion verloren; jedoch hat sich gegenüber früheren bürgerlichen Entwicklungsstadien die Vorstellungen von der Bedeutung anstrengender und aufopferungsvoller Arbeit säkularisiert: Nicht mehr das Seelenheil verspricht der arbeitsbedingte Lustverzicht, sondern die Freuden des Konsums.

Leo Kofler beschreibt diesen Wirkungszusammenhang als „Dialektik von Genuss und Askese“, bei der es stichwortartig zusammengefasst um die Einbindung elementarer menschlicher Lebensansprüche in den konsumvermittelten Prozess der Selbstunterdrückung geht: Um an den Verheißungen der „Konsumgesellschaft“ partizipieren zu können, müssen die Menschen sich bereitwillig den repressiven Anforderungen des „Werkalltagslebens“ (Marx) unterwerfen.

IX. Auch durch die neuesten Entwicklungen, also durch die gesellschaftlichen Spaltungstendenzen und die Ausgrenzung zunehmender Bevölkerungsteile aus dem „Wohlstandszonen“, wird die Wirkungsweise dieser ideologischen Verarbeitungsmechanismen nicht ausgehebelt, sondern tendenziell noch verstärkt. Denn wer den Leistungsimperativen nicht genügen und seine Leistungsfähigkeit nicht durch den Konsum demonstrieren und „bestätigen“ kann, fühlt sich aufgrund dieser verinnerlichten Verarbeitungsmuster für seine Situation selbst verantwortlich und zieht sich schamhaft und resignativ zurück.

Es ist gerade die Angst aus den „Normalitätszonen“, also den Bereichen regulärer und existenzsichernder Beschäftigung, heraus zu fallen, die angepasstes Verhalten produziert und die Bereitschaft zur Übernahme noch der fragwürdigsten neoliberalistischen „Lösungskonzepte“ (die sich schon lange vor der Realität blamiert haben) fördern. Strategien der Gegenwehr, setzen die Aushebelung dieser Bereitschaft zur Selbstunterdrückung voraus.