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Steffen Kastner

RotFuchs

 

Als am 4. November 1936 das faschistische Henkerbeil auf Etkar André niedersauste, endete ein Menschenleben, das ganz im Dienst der Sache der Arbeiterklasse gestanden hatte.

Etkar André, 1894 in Aachen geboren und nach dem frühzeitigen Verlust seiner Eltern bei Verwandten in Liège (Lüttich) erzogen, schloß sich 1909 einer Kindergruppe der belgischen Sozialdemokratie an. Hier und bei den „Jungen Sozialistischen Garden“ wurde sein politisches Denken geformt, fand er zum Klassenstandpunkt.

Nach dem Ersten Weltkrieg trat er der SPD und dem Transportarbeiterverband bei. 1923 erfolgte sein Übertritt zur KPD. Er gehörte zu den Mitbegründern des Rotfrontkämpferbundes „Wasserkante“ und wurde dessen Leiter. Der Hafenarbeiter Etkar André war neben Ernst Thälmann der prominenteste Arbeiterführer in Norddeutschland. Er kannte die Sorgen der Unterdrückten und Ausgebeuteten, die ihn 1932 gemeinsam mit Thälmann in die Hamburger Bürgerschaft wählten.

Da er furchtlos in Naziversammlungen auftrat, versteht es sich von selbst, daß er den mit allen Mitteln zur Macht drängenden Faschisten ein Dorn im Auge war. Unerschrocken und mit überzeugenden Argumenten rief er die Arbeiter, als die Nazis nach dem 30. Januar 1933 zum großen Schlag gegen Kommunisten und Sozialdemokraten ausholten, zu einheitlichem Handeln auf. Gemeinsam mit Matthias Thesen, Fiete Schulze und Anton Saefkow organisierte er die illegale Arbeit der KPD und den Schutz ihrer Parteikader. Am 5. März 1933 wurde Etkar André verhaftet. Die folgenden Jahre waren eine Zeit härtester Prüfungen für den kraftvollen, sportgestählten Vierziger, der von den Faschisten zum Krüppel geschlagen wurde. Als im Sommer 1936 der Prozeß gegen ihn begann, konnte er sich nur mühsam an Krücken in den Gerichtssaal schleppen.

Während der Verhandlung am 2. Juli sprach Etkar André Sätze, die bald darauf die Runde um den Erdball machten und allen Widerstandskämpfern im Lande Kraft vermittelten. Nach dem Antrag des Oberstaatsanwalts auf Ehrverlust, erklärte er: „Ihre Ehre ist nicht meine Ehre, und meine Ehre ist nicht Ihre Ehre. Denn uns trennen Weltanschauungen, uns trennen Klassen, uns trennt eine tiefe Kluft. Sollten Sie hier das Unmögliche möglich machen und einen unschuldigen Kämpfer zum Richtblock bringen, so bin ich bereit, diesen schweren Gang zu gehen. Ich will keine Gnade! Als Kämpfer habe ich gelebt, und als Kämpfer werde ich sterben!“

Ein Teil der Richter konnte sich offensichtlich der lauteren und starken Persönlichkeit Etkar Andrés nicht entziehen. So war es unmöglich, sofort das von der Naziregierung verlangte Todesurteil auszusprechen. Der Justizmord wurde erst auf direkte Weisung Hitlers begangen. Der Hinrichtungsbefehl war von Reichsanwalt Joms unterzeichnet, der 1919 zwar als Ankläger im Prozeß gegen die Mörder Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs auftrat, aber zugleich alles unternahm, um deren Spuren zu verwischen. So fiel damals in Hamburg-Fuhlsbüttel das Haupt eines deutschen Arbeiters, dessen Standhaftigkeit und kommunistische Überzeugungstreue seine Feinde nicht anders zu brechen gewußt hatten.

Noch im Oktober 1936 erhielten das I. und das II. Bataillon der XI. Internationalen Brigade in Spanien den Namen Etkar Andrés. Doch nicht nur die Spanienkämpfer waren mit dem Herzen bei ihrem damals noch hinter Kerkermauern begrabenen Genossen. Die internationale Öffentlichkeit – Nobelpreisträger, französische Minister, Geistliche aus den USA und Professoren aus Oxford – forderten seine Begnadigung. Die Angst der Faschisten vor dem weiterhin populären Arbeiterführer war größer als die Furcht vor noch mehr Einbuße an internationalem Renommee.

Mit dem Mord an Etkar André hatte der faschistische Terror wohl einen Helden der deutschen Widerstandsbewegung beseitigt – er vermochte indes auch durch den nun folgenden Vernichtungsfeldzug gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, standhaft gebliebene Geistesschaffende, aufrechte Christen und Angehörige des fortschrittlichen Bürgertums nicht zu verhindern, daß immer wieder neue Kämpfer die Lücken schlossen.