DKP
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Referat vom 23. Juni 2016, gehalten vor der DKP Dortmund

Sehr verehrte Anwesende, liebe Genossinnen und Genossen,
ich danke Euch für Eure Einladung, zu einem Jahrestag zu sprechen, der nicht nur Kommunistinnen und Kommunisten besonders am Herzen liegt, sondern für alle demokratisch bzw. antifaschistisch denkenden Menschen eine große Bedeutung hat oder zumindest haben sollte.

Am 22. Juni 1941überfielen die Streitkräfte des faschistischen Deutschlands die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken. Der damit beginnende Krieg sollte 27 Millionen Bürgerinnen und Bürgern der UdSSR das Leben kosten. Aber obwohl das Dritte Reich hier mit der ganzen Bestialität, zu der es fähig war, auftrat, stand am Ende doch nur sein eigener Untergang und damit die Befreiung Europas.
Als ich überlegte, unter welche Überschrift ich meine Ausführungen stellen sollte, fiel mir so spontan wie naheliegend „75. Jahrestag des Überfalls auf die UdSSR“ ein. Aber dann nahm ich die Erweiterung vor: „Beginn des Großen Vaterländischen Krieges“. Dies hat einen besonderen Grund. Denn ohne diese Ergänzung wird das historische Geschehen nur halb beschrieben. Es gab den Überfall, aber die betroffenen Menschen waren nicht nur Überfallene, sondern vor allem Kämpfende, deren Kampfesleistung in der Menschheitsgeschichte ihresgleichen sucht. Es ist klar, dass die Verwendung des Begriffs „Großer Vaterländischer Krieg“ in Deutschland nicht unproblematisch ist. Hierbei muss man auf Angriffe von zwei Seiten gefasst sein. In bürgerlichen Kreisen ist man geneigt, hierin eine sowjetisches Relikt, eine Propagandaphrase zu sehen. Wenn man den Begriff dennoch verwendet, kann man gegenwärtig erwarten, aus dieser Richtung mit dem Vorwurf der Unterstützung des russischen Nationalismus konfrontiert zu werden. Auf der anderen Seite gibt es in Deutschland Kräfte, welche sich links oder noch lieber „linksradikal“ nennen, für die aber allein schon der Bezug auf ein „Vaterland“ nahezu faschistisch ist. Und wer dann noch über positive Leistungen der Sowjetunion spricht, kann sicher sein, als “Stalinist“ gebrandmarkt zu werden.

All diese Vorwürfe sind ebenso unsinnig wie vorhersehbar. Nebenbei bemerkt, fällt auch hier wieder eine gute Nachbarschaft bürgerlicher und sogenannter „linksradikaler“ Positionen auf.
Ungeachtet dessen ist es sicher statthaft, die Bezeichnung „Großer Vaterländischer Krieg“ im hier behandelten Zusammenhang zu verwenden. Dafür gibt es einen guten Grund: Es ist der Begriff, der im Land der betroffen Menschen geprägt wurde. Hier drückt sich der Stolz aus auf eine große Leistung, welche diese Menschen für sich selbst und die Welt erkämpften. Der Respekt vor dem damit verbundenen Leid sollte gerade in Deutschland jede Art von verächtlicher Geringschätzung verbieten.

Der hier auftauchende Bezeichnung „vaterländisch“ darf uns nicht dazu verleiten, einen Nationalismus bürgerlicher Prägung zu wittern, wie er gern geschürt wird, wenn es gilt, Völker zum Wohlergehen ihrer kapitalistischen Monopole aufeinander zu hetzen. Deutlich wird dies beim Lesen des Textes eines der bekanntesten sowjetischen Kampflieder aus der Zeit des Krieges. Zwei Tage nach dem deutschen Angriff erschien in der Prawda ein Gedicht des russischen Autors Wassili Iwanowitsch Lebedew-Kumatsch. Es trug den Titel „Der heilige Krieg“ und wurde direkt danach vom Komponisten Alexander Wassiljewisch Alexandrow vertont. In dieser Form wurde es zur inoffiziellen Kriegshymne der UdSSR. Im deutschen Sprachraum wurde vor allem die von Ernst Busch vorgetragene Fassung bekannt. Es lohnt sich, dem Text Beachtung zu schenken:
„Steh auf, steh auf, du Riesenland!
Heraus zur großen Schlacht!
Den Nazihorden Widerstand!
Tod der Faschistenmacht!
Es breche über sie der Zorn
wie finstre Flut herein.
Das soll der Krieg des Volkes,
Der Krieg der Menschheit sein.“ (1)

Hier wird die Verknüpfung von fortschrittlichem Vaterlandsbezug und Internationalismus deutlich. Die Heimat wird beschworen, sich gegen den Vernichtungswillen des Feindes zu erheben, aber ihr Kampf gilt nicht nur ihr selbst, sondern erfüllt eine Mission von weltweiter Dimension. Indem die Sowjetmenschen dem Faschismus auf ihrer Erde das Grab bereiten, schaffen sie die Voraussetzung für die Befreiung der bereits versklavten Völker. Die Menschheit steht vor der Frage, wie sie mit dem durch den Faschismus verkörperten Zivilisationsbruch umgehen soll und muss. Die Völker der UdSSR sind es, welche die Antwort geben.

Beim hier thematisierten Anlass sollte die Würdigung der historischen Wahrheit und der Opfer des Befreiungskampfes maßgebend sein. Dem Geltung zu verschaffen, ist in Deutschland vermutlich schwerer, als in anderen Ländern Europas. In unserem Land gibt es eine ebenso langlebige wie unselige Tradition, die sich bei wechselnder Stärke ihrer beiden Komponenten aus Antikommunismus und Russlandfeindlichkeit speist. Historische Tatsachen müssen da im politischen Interesse zurückstehen. In der Bundesrepublik ist üblich, die westalliierten Staaten als die Befreier vom Faschismus zu feiern – vorausgesetzt, man ringt sich dazu durch, im 8. Mai 1945 überhaupt eine Befreiung und keine Niederlage zu sehen. Wir sollten nicht diesen Fehler mit einem eigenen Fehler beantworten und die Kampfesleistung britischer, französischer und US-amerikanischer Soldaten gegen Hitler herabwürdigen. Aber gehört zu den geschichtlichen Tatsachen, dass die Wende des Kriegsverlaufs in Stalingrad erkämpft wurde und nicht in der Normandie. Der Anerkennung dieses Umstandes steht in Deutschland eine Sichtweise auf die UdSSR, bzw. Russland entgegen, die von einer ungesunden Mischung aus Misstrauen und Verachtung geprägt ist. Das durch Hitlers Propagandaminister Goebbels geprägte Bild vom primitiven, mordlüsternen slawischen Untermenschen ist in Reinkultur nicht mehr präsent, wirkt aber in gewissermaßen verdünnter Form weiter nach. Bemerkenswerterweise steht dem auf russischer Seite eine andere Haltung gegenüber. Dort hat man deutschen Kulturleistungen stets Achtung entgegengebracht, und es zeugt von hoher Gesinnung, dass selbst die Erfahrungen mit dem deutschen Faschismus dies nicht geändert haben.
Bezeichnend für die ignorante Respektlosigkeit gegenüber dem Leid der sowjetischen Menschen in der BRD war auch das Auftreten des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer bei seinem Besuch in Moskau 1952, bei der er auf die Entlassung der noch in der UdSSR verbliebenen deutschen Kriegsgefangenen hinwirken wollte. Ein Artikel des Nachrichtenmagazins Der Spiegel schilderte dies folgendermaßen: „Noch 1955, während des ersten offiziellen Moskau-Besuchs eines westdeutschen Regierungschefs, erwähnte Konrad Adenauer in seiner Grundsatzerklärung die Massenvernichtung sowjetischer Kriegsgefangener mit keinem Wort – obwohl er über das Schicksal der in Sowjet-Lagern inhaftierten Wehrmachtsangehörigen zu sagen wußte, dies sei eine Frage, „von der wohl keine einzige deutsche Familie unberührt ist“. Erst als Sowjet-Premier Bulganin den Bonner Kanzler massiv auf die „schweren Verbrechen gegen das Sowjetvolk“, auf Millionen „unschuldig hingemordeter, vergaster und lebendigen Leibes begrabener Menschen“ hinwies, ließ sich Adenauer zu dünnem Bedauern herbei: „Es ist wahr: Deutsche Truppen sind in Rußland eingefallen. Es ist wahr: Es ist viel Schlechtes geschehen.“ (2) Diese zur Schau gestellte beschämende Geisteshaltung sollte für die BRD stilbildend werden und konnte 1990 den Bereich ihrer Hegemonie auf das gesamte Deutschland ausdehnen.

Was am 22. Juni 1941 geschah, bleibt unverständlich, wenn von der Vorgeschichte abstrahiert wird. Gerade dies geschieht aber aus politischer Motivation heraus immer wieder. Bestimmend ist in der Bundesrepublik eine Interpretation, der zufolge sich 1941 zwei im Grunde wesensähnliche Diktatoren, nämlich Hitler und Stalin, getrieben von ihrer Raublust in die Haare geraten seien. Das hier angeführte vermeintliche Beweisstück ist immer wieder der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt. Gleich und gleich gesellt sich gern – auf diese simple Logik wird der Inhalt des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags von 1938 reduziert. Aber auch hier müssen wir in der Chronologie noch ein Stück weiter zurückgehen, und zwar bis zu den Bemühungen der sowjetischen Regierung, schon bald nach Hitlers Machtantritt seinen expansionistischen Ambitionen gemeinsam mit den Westmächten die Grenzen aufzuzeigen. Der bekannte Stalin-Biograf Isaac Deutscher, dessen Werk wirklich kein freundschaftliches Verhältnis zu dem sowjetischen Staatsmann offenbart, stellt fest: „(…) man hat doch den gerechtfertigten Eindruck, dass Stalin in den Jahren 1935 bis 1937 und auch noch später ernsthaft und ehrlich eine Koalition gegen Hitler auf die Beine bringen wollte. (…) Wenn es nicht schon reine antifaschistische Tugend war, so musste der Selbsterhaltungstrieb Stalin veranlassen, seine Sicherheit in einem solchen Bündnissystem zu suchen. Sein ganzes Bemühen richtete sich jetzt darauf, die Westmächte zu überzeugen, dass sie feste Verpflichtungen eingehen müssen, (…). Aber hier erwartete ihn eine Enttäuschung nach der anderen.“ (3) Dass diese Bemühungen ins Leere liefen, war nicht zuletzt darin begründet, dass es in den USA und Westeuropa die Hoffnung gab, dass man in Hitler den lenkbaren Bluthund gefunden haben mochte, der nun das vollbringen könne, woran man selbst mit dem Interventionskrieg gegen die junge Sowjetmacht nach der Oktoberrevolution noch gescheitert war. So war es nur folgerichtet, dass die UdSSR sich angesichts dieser Gefahr an die Kräfte in den westlichen Ländern appellierte, die diesem gefährlichen Spiel ablehnend gegenüberstanden. 1934 führte Stalin in seinem Rechenschaftsbericht an den XVII Parteitag aus, dass sich der Friedenskampf der Sowjetunion auch stütze „auf die Einsicht derjenigen Länder, die aus diesen oder jenen Motiven nicht an der Störung des Friedens interessiert sind (…).“ (4) Im Lichte der weiteren Entwicklung kann wohl gesagt werden, dass Stalin von den führenden Politikern Frankreichs und Großbritanniens hier mehr Weitsicht erwartet hatte, als diese tatsächlich besaßen. Der Historiker Manfred Hildermeier, der die bislang umfangreichste Geschichte der UdSSR für den deutschen Sprachraum vorgelegt hat, bewertet den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag unverhohlen negativ als einen „politischen Salto“, den „nur prinzipienlose Stalinisten vom Schlage eines Walter Ulbricht“ hätten verteidigen können. (5) Aber auch Hildermeier konzediert, dass Stalin zwar von einem letztlich eintretenden militärischen Konflikt mit dem kapitalistischen Westen ausging, aber ein Interesse daran haben musste, diesen zeitlich soweit wie möglich hinauszuschieben. (6) In diesem Bemühen musste er aus „der Kapitulation Großbritanniens und Frankreichs vor dem deutschen Säbelrasseln“ die Lehre ziehen, „dass die Westmächte Hitlers Expansionsgelüsten keinen Einhalt gebieten würden.“ (7)

Diese Einschätzung fand ihre Bestätigung in der Praxis. Die faschistische Reichsregierung ging daran, sich über sämtliche Bestimmungen des Versailler Vertrags hinwegzusetzen, die dem neuen Großmachtstreben im Wege standen. Zwar war der Vertrag von Versailles auch durch die Kommunistische Internationale als imperialistischer Raubfrieden gebrandmarkt worden, und selbst der Vorsitzende der KP im Land des ehemaligen Kriegsgegners Frankreich Maurice Thorez hatte gemeinsam mit seinem deutschen Amtskollegen Ernst Thälmann dessen Beseitigung gefordert. Es war aber auch offensichtlich, dass es sich bei Hitlers außenpolitisch offensivem Auftreten nicht um den Anlauf zu einer Vertragsrevision im Geiste gleichberechtigter Staatsbeziehungen handelte, sondern um die Vorbereitung einer imperialistischen Aggression bislang ungekannten Ausmaßes. Ebenso hätte ein Blick in Hitlers freiverkäufliches Buch „Mein Kampf“ manchen darüber belehren können, was für Vorstellungen der sogenannte „Führer“ von den Zielen deutscher Außenpolitik hatte.
Auf diesem Wege führte das Deutsche Reich 1935 die allgemeine Wehrpflicht ein. Aus dem vertraglich begrenzten 100000-Mann-Heer der Reichswehr wurden die militärtechnisch hochmodern ausgerüsteten Angriffsformationen der Wehrmacht gebildet. Bislang untersagte Bewaffnungssysteme wurden in Dienst gestellt. Im gleichen Jahr wurde das Saarland an das Reichsgebiet angegliedert. 1936 erfolgte der Einmarsch in das bislang entmilitarisierte Rheinland. Im März 1938 wurde Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch das militärische Eingreifen Deutschlands in den spanischen Bürgerkrieg zugunsten der Faschisten unter General Franco. Diesem kam die deutsche Waffenhilfe umso mehr zustatten, da Frankreich und Großbritannien die rechtmäßige republikanische Regierung in Spanien unter heuchlerischen Hinweisen auf eine Position der „Nichteinmischung“ im Stich ließen.

Es sollte bei der Betrachtung dieses expansiven Prozesses nicht vergessen werden, dass Hitler und seine Führungsriege hier ein Spiel mit hohem Risiko betrieben. Eine entschlossene militärische Antwort seitens der Siegermächte des Ersten Weltkriegs hätte in dieser frühen Phase alle hochfliegenden Pläne der Nazis vernichten können. Hitler war sich dessen bewusst, hatte aber auch wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass er die westlichen Staatsmänner für feige Zauderer hielt, so dass es ihm vertretbar schien, das Wagnis einzugehen. Der Erfolg gab ihm Recht. Es zeigte sich, dass außer lauen Missfallensbekundungen aus den westeuropäischen Hauptstädten nicht viel zu befürchten war. Fast schien es, als ob die einzige Regierung, die eine angemessene Vorstellung von der Gefährlichkeit des deutschen Faschismus hatte, in Moskau zu finden war.
Im Jahr 2009 fasste das Europäische Parlament den kuriosen Entschluss, den Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags 1939 künftig als Gedenktag an die Opfer aller totalitären und autoritären Regimes zu zelebrieren. Vermutlich hat man dies für eine gute Idee gehalten, um die Erinnerung an das Münchner Abkommen von 1938 in den Hintergrund zu drängen. Wollte man einen Gedenktag für das Versagen und die Heuchelei bürgerlicher Demokraten begehen wollen, so würde sich das Datum der Unterzeichnung dieses Vertrages anbieten. Beide Abkommen müssen im Zusammenhang betrachtet werden. Im München zeigte sich eine neue Qualität. Hatten die Westmächte Hitler bislang durch ihre Passivität im Zeichen der sogenannten Appeasement-Politik lediglich ermutigt, so wurden sie nun zu Komplizen faschistischen Landraubes. In München unterzeichneten die britischen sowie französischen Regierungschefs Chamberlain und Daladier gemeinsam mit Hitler und Mussolini die Vereinbarung, dass das tschechoslowakische Sudetengebiet an das Deutsche Reich fallen sollte. Vertreter der somit territorial amputierten Tschechoslowakei hatte man um, wohl um sich unnötige Komplikationen zu sparen, gar nicht erst eingeladen. Ohne jede Not verschenkten Großbritannien und Frankreich ihnen nicht gehörendes Land. Die Sowjetunion, deren Angebote, gemeinsam den Bestand der Tschechoslowakei zu schützen, keine Beachtung fanden, musste auf Höchste alarmiert sein. In Moskau man nicht mehr umhin einzusehen, dass an einer gemeinsamen antifaschistischen Allianz westlicherseits kein Interesse bestand und man einem zu erwartenden deutschen Angriff wohl alleine zu begegnen hätte. Nun konnte es nur noch darum gehen, den betreffenden Zeitpunkt im Interesse intensiver Kriegsvorbereitung hinauszuzögern. Zu diesem Zweck wurde der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag unterzeichnet. Kritiker des Abkommens verweisen stets auch das Zusatzprotokoll, in dem die Aufteilung Polens zwischen Deutschland und der UdSSR vereinbart wurde. Wer aber hier das Verteilen fremden Territoriums anprangert, müsste dies auch hinsichtlich des Münchner Abkommens tun. Der bekannte Faschismusforscher Kurt Gossweiler stellt zum deutsch-sowjetischen Vertrag fest: „Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass der Anspruch, über das Schicksal eines anderen Staates zu bestimmen, in diesem Fall wie auch in dem des Münchner Abkommens, vom völkerrechtlichen Standpunkt aus unhaltbar ist und daher zu Recht als Verletzung des Völkerrechts verurteilt wird.“ (8) Allerdings verweist er auf den Aspekt der „historischen Gerechtigkeit“, nach dessen Maßgabe erwähnt werden muss, dass durch den Vertrag der Sowjetunion Gebiete zufielen, die man als ursprünglich ukrainisch und weißrussisch bezeichnen musste, da Polen sie sich seinerseits 1921 unter Ausnutzung der damaligen Schwäche der UdSSR einverleibt hatte.

Der Vertrag brachte der UdSSR, deren Streitkräfte im Vergleich zur deutschen Wehrmacht immer noch stark modernisierungsbedürftig waren, nützliche Zeit. Aber am 22. Juni 1941 geschah letztlich doch das, was passieren musste. Über das Datum des deutschen Angriffs ist viel diskutiert worden. Oft wird gesagt, Stalin habe sich zu diesem Zeitpunkt in völlig verantwortungsloser Weise in Sicherheit gewiegt, Warnungen in den Wind geschlagen oder sich sogar Hoffnungen auf einen dauerhaften Frieden mit Hitlerdeutschland hingegeben. Diesen Annahmen steht aber eine Ansprache Stalins vor Offiziersanwärtern der Roten Armee entgegen, in welcher er am 5. Mai 1941 ausführte: „Die Situation ist äußerst ernst. Mit einem deutschen Angriff in naher Zukunft muss man rechnen. Die Rote Armee ist noch nicht stark genug, die Deutschen ohne weiteres schlagen zu können. Die Sowjetregierung will mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, den bewaffneten Konflikt mit Deutschland bis zum Herbst hinauszuzögern. Dieser Versuch kann gelingen, kann aber auch fehlschlagen.“ (9) Sicher hatte es Angriffswarnungen gegeben. Der Komintern-Vorsitzende Georgi Dimitroff notierte in seinem Tagebuch am 21.06.1941: „Im Telegramm von Tschou En-lai aus Chongqing nach Yan’an (an Mao Tse-tung) wird unter anderem darauf hingewiesen, dass Tschiang Kai-schek hartnäckig behauptet, Deutschland werde die UdSSR überfallen, und er nennt sogar das Datum, den 21.6.41“ (10) Im Nachhinein erscheint er erstaunlich, dass im fernen China der Führer der bürgerlich-nationalistischen Koumintang mit seiner Einschätzung so dicht an der Wahrheit lag. Andererseits ist es nicht verwunderlich, wenn die sowjetische Führung eine Information von einem zeitweiligen, höchst unsicheren, um nicht zu sagen gefährlichen Verbündeten wie Tschiang Kai-schek mit Vorbehalten aufnimmt. Die Anmerkungen des US-amerikanischen Historikers Grover Furr in diesem Zusammenhang erscheinen nachvollziehbar: „Nach dem Ende der Sowjetunion veröffentlichte Dokumente zeigen, dass Stalin und die sowjetische Führung einen deutschen Angriff erwarteten, aber dass die Warnungen von Nachrichtendiensten und aus andren Quellen äußerst widersprüchlich und ungewiss waren. W. W. Koschinow betont die Probleme bei der Unterscheidung zwischen beabsichtigten Desinformationen, schlichten Fehlern und akkuraten Informationen in der nachrichtendienstlichen Auswertung sowie die Widersprüchlichkeit der Aufklärungsdaten, die den Sowjetführern zur Verfügung standen. Die deutsche Armeeführung hatte einen Desinformationsplan, um falsche Gerüchte unter der sowjetischen Führung zu verbreiten. Ein entsprechender detaillierter Befehl von Feldmarschall Wilhelm Keitel vom 15. Februar 1941 ist veröffentlicht.“ (11)
Oft ist es so dargestellt worden, als ob Stalin unter dem Eindruck des deutschen Angriffs dem Zusammenbruch nahe gewesen sei, da er nun vor dem Bankrott seiner naiven Hoffnung auf einen Frieden mit Deutschland gestanden habe. Nikita Sergejewisch Chruschtschow hat zur Verbreitung dieses Bildes beigetragen. (12) Der sowjetische Heerführer und spätere Sieger von Berlin Marschall Georgi Schukow relativiert dieses Bild mit den Worten: „J. W. Stalin war ein willensstarker Mensch und bestimmt kein Feigling: Nur einmal sah ich ihn etwas niedergeschlagen: im Morgengrauen des 22. Juni 1941.“ (13) Dimitroff vermerkt für den 22.06.1941 in seinem Tagebuch: „Erstaunlich sind die Ruhe, Festigkeit und Zuversicht Stalins und aller anderen.“ (14)

Häufig wird darauf hingewiesen, dass die Rote Armee zum Zeitpunkt des deutschen Angriffs massiv geschwächt gewesen sei durch die vorangegangene Hinrichtung zahlreicher Angehöriger ihres Offizierskorps im Zuge der sogenannten Säuberungen in der UdSSR im Verlauf der Dreißigerjahre. Dazu möchte ich aus der Erklärung des Parteivorstandes der DKP zum hier behandelten Jahrestag zitieren: „Außerdem kam es zu organisatorischen Unzulänglichkeiten und Mängeln bei der Vorbereitung auf den von der sowjetischen Führung erwarteten Überfall. Hinzu kamen Mitte der 30er Jahre Fehler und zum Teil grobe Fehlentscheidungen im Kampf gegen echte und auch nur vermeintliche Angehörige einer „5. Kolonne“ in Armee, Partei und Staatsapparat, die die Kampfkraft des Landes objektiv schwächten. Auch eine gewisse Unterschätzung der Brutalität, Heimtücke und Wortbrüchigkeit des faschistischen Regimes in der unmittelbaren Vorkriegsphase begünstigten die Anfangserfolge der Aggressoren.“ (15) Der Historiker Klaus Hesse stellt zum Prozess gegen Marschall Tuchatschewski und weitere hochrangige Offiziere der Roten Armee, der 1937 mit der Hinrichtung der Angerklagten endete, fest, dass es durchaus Indizien für landesverräterische Aktivitäten durch Tuchatschweski gibt, aber die Frage nach Schuld oder Unschuld nicht zweifelsfrei geklärt werden kann. Hesse hebt das Leid der in dieser Zeit unschuldig Verfolgten und Hingerichteten hervor und hält in Bezug auf den Prozess gegen die genannten Offiziere einen somit verhinderten, bevorstehenden Militärputsch für ebenso möglich wie das Einschleusen gefälschter vermeintlicher „Beweise“ zu Lasten der Angeklagten durch deutsche Geheimdienste (16). Dass es zu jener Zeit in der UdSSR aber Aktivitäten einer „Fünften Kolonne“ gegeben hat, ist allein schon deshalb anzunehmen, weil SS-Chef Heinrich Himmler bei einer Tagung in Posen am 4. Oktober 1943 vor Untergebenen darüber geklagt hatte, dass der sowjetische Geheimdienst deutsche Unterwanderungsaktivitäten enttarnt hätte, die sich bis in die höchste Generalität erstreckt hätten. (17)

Es ist bekannt, dass die erste Phase des Krieges von tiefen Einbrüchen der Wehrmacht in das Territorium der UdSSR und von verheerenden Niederlagen der Roten Armee gekennzeichnet war. Tatsächliche und vermeintliche Fehler bei der Organisation der Verteidigung sowjetischerseits sind später immer wieder diskutiert worden. Es wurde kritisch angemerkt, dass die angebliche Hoffnung auf dauerhaften Frieden mit Deutschland das Versäumnis nach sich gezogen hätte, die Kampfverbände in Grenznähe angemessen zu verstärken. Dies habe die großen deutschen Geländegewinne der ersten Kriegsmonate ermöglicht. Marschall Schukow zeigt sich in seinen Memoiren skeptisch gegenüber solch verspätetem Besserwissen. Er schreibt: „In den letzten Jahre wurde es üblich, das Hauptquartier zu beschuldigen, es habe versäumt, die Hauptmasse unserer Truppen aus dem Landesinneren heranzuführen, um den Feind aufzuhalten und zurückzuschlagen. Ich will nicht nachträglich beurteilen, wie sich die Dinge in diesem Fall entwickelt hätten: ob schlimmer oder besser. Es ist durchaus möglich, dass unsere Truppen, die nur unzulänglich mit Panzer- und Flugabwehrwaffen ausgestattet und weniger beweglich waren, den wuchtigen Schlägen der Panzerverbände des Feindes nicht standgehalten hätten.“ (18) Schukows Zurückhaltung bei Versuchen, geschlagene Schlachten nachträglich noch gewinnen zu wollen, sollte man angesichts seiner militärischen Sachkompetenz durchaus ernstnehmen. Immerhin wurde er sogar durch den Leiter der Abteilung von Kriegsstudien an der britischen königlichen Militärakademie in Sandhurst David Chandler als der größte militärische Befehlshaber des zwanzigsten Jahrhunderts gewürdigt. (19)

Auch weist Schukow Schilderungen zurück, wonach bis kurz vor dem deutschen Angriff unter den Kommandeuren der grenznahen Wehrkreise eine Stimmung sorgloser Nachlässigkeit geherrscht habe. Er sieht die Ursache der anfänglichen Niederlagen vor allem darin, dass die Rote Armee mit einer Art von Kriegsführung konfrontiert wurde, die für sie neu gewesen sei. Er führt aus: „All das beweist, dass uns damals die Erfahrung fehlte, um die Truppen unter so komplizierten Bedingungen umsichtig zu führen, wie sie die großen erbitterten Schlachten und die weiten Räume mit sich brachten.“ (20) Es darf nicht vergessen werden, dass für die Entwicklung der sowjetischen Militärwissenschaft ja vor allem die Erfahrungswerte aus der Zeit des Bürgerkriegs bestimmend waren. Nun waren die sowjetischen Soldaten aber mit erheblich veränderten Bedingungen konfrontiert. Man denke nur an die stark abnehmende Bedeutung der Kavallerie und die Entwicklung der Panzerwaffe. Vor allem auf diesem Gebiet verfügte die deutsche Wehrmacht über einen deutlichen technischen Entwicklungsvorsprung. Es ging hier um Defizite, die erst im weiteren Kriegsverlauf ausgeglichen werden konnten. Zu den erheblichen Schwächen im Aufbau tiefgestaffelter Verteidigungslinien gegen die feindlichen Panzerverbände merkt Schukow an, dass es hierzu schlicht an der dazu erforderlichen Ausstattung der Artillerie gefehlt habe. Panzerabwehrgeschütze hätten nicht in benötigter Anzahl zur Verfügung gestanden. Auch die deutsche Luftwaffe habe sich zunächst überlegen gezeigt. Rückstände in der Kommunikationstechnik erschwerten die Koordinierung der militärischen Operationen zusätzlich. All diese Umstände verdeutlichen noch einmal, wie berechtigt die Orientierung der sowjetischen Führung auf Zeitgewinn in der Vorkriegsphase war, um die dargelegten Defizite, wenn schon nicht auszugleichen, so doch wenigstens zu reduzieren.

Die Kriegsführung der Wehrmacht in der Sowjetunion stellte ein militärgeschichtliches Novum dar. Es ging nun nicht mehr allein um die Zerschlagung der feindlichen Kampfverbände mit dem Ziel der Besetzung des gegnerischen Landes. Bereits vor Beginn des Angriffs lagen umfangreiche Pläne vor, die auf ein gegen die Zivilbevölkerung gerichtetes Ausrottungsprogramm ungeheuren Ausmaßes hinausliefen. In der Geschichtswissenschaft werden diese Planungen unter dem Schlagwort „Generalplan Ost“ zusammengefasst. Grundlegend war hier die dem deutschen Faschismus eigene Rassenlehre, wonach Juden und die Angehörigen slawischer Volksgruppen als grundsätzlich minderwertig und der arischen Rasse feindlich gesonnen eingestuft wurden. Ziel des Generalplans Ost war die sogenannte Germanisierung der zu erobernden Gebiete in Osteuropa. Perspektivisch war eine dortige deutsche Besiedlung beabsichtigt. Um den dafür erforderlichen Raum zu gewinnen, sollte die einheimische Bevölkerung versklavt und vernichtet werden. Unentgeltliche Arbeit für die sogenannten Herrenrasse war der einzige Daseinszweck, den die Faschisten diesen Menschen noch zubilligen wollten. Zudem war die großangelegte Überführung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus den zu kolonisierenden Gebieten in das Deutsche Reich vorgesehen, wobei millionenfacher Hungertod in der Sowjetunion durchaus gewollt war. (21)

Entsprechend diesen Vorstellungen begannen die Einsatzgruppen der SS, in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten mit der millionenfachen Vernichtung von Zivilpersonen, wobei die Auslöschung des jüdischen Bevölkerungsanteils aus Sicht der Faschisten Priorität hatte. Diese Barbarei vollzog sich unter Beteiligung von Freiwilligenverbänden, die man aus antisowjetisch eingestellten Einwohnern der besetzten Gebiete rekrutiert hatte. Im Baltikum und in der Ukraine hatte die Anwerbungsversuche besonderen Erfolg. Oft handelte es sich um Personen, die zwar so ihrem Hass gegen Juden und Kommunisten unter deutscher Schirmherrschaft freien Lauf lassen konnten, aber übersahen, dass ihnen im Rahmen der faschistischen Rassenlehre selber nur einer der unteren Ränge zugewiesen war. Dass es heute in Estland, Lettland, Litauen und der Ukraine inzwischen zum guten Ton gehört, diese Hilfskräfte des Völkermords als antisowjetische Freiheitshelden zu feiern, sagt viel darüber aus, welche Art von Freiheit dort wohl gemeint ist.
Hitler hatte von Anfang an großen Wert darauf gelegt, die Sowjetmenschen in den Augen der deutschen Soldaten zu entmenschlichen. Die Angehörigen von Wehrmacht und SS sollten in ihnen eher halbe Tiere sehen, denen man gar nicht anders als mit Vernichtungswille gegenübertreten könne. Bekannt ist Hitlers Ausspruch: „Der Krieg gegen Russland wird von einer Art sein, dass er nicht ritterlich geführt werden kann.“ (22) Offensichtlich bestand die Sorge, dass es im deutschen Offizierskorps noch Reste des traditionellen militärischen Ehrbegriffs geben könne, wonach es verachtenswert wäre, sich an besiegten oder gefangenen Gegnern zu vergehen. Der Kriegsverlauf zeigte aber schon bald, dass diese Befürchtung in aller Regel unbegründet war. Inzwischen gibt es reichliche Belege dafür, dass die späteren Erklärungen zahlreicher Wehrmachtsoffiziere, wonach die Verantwortung für die Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung ausschließlich bei der SS gelegen habe, nichts als feige Lügen waren. Die Legende, von der Wehrmacht, die angeblich nur ehrenhaft gekämpft habe, ist geschichtswissenschaftlich unhaltbar. Dies wird allein schon dadurch deutlich, dass der sogenannte Kommissarbefehl, wonach gefangengenommene Politkommissare der Roten Armee als Träger kommunistischen

Gedankenguts sofort zu erschießen seien, in erster Linie nicht von der SS, sondern von der Wehrmacht umgesetzt wurde. (23)
Als Kontrast zu der abstoßenden Weise, in der die faschistischen Ideologen versuchten, die Sowjetmenschen als vernichtenswertes Ungeziefer darzustellen, soll an dieser Stelle auf Stalins Befehl Nr. 55 vom 23. Februar 1942 verwiesen werden. In diesem heißt es: „In der ausländischen Presse wird manchmal darüber geschwätzt, dass die Rote Armee das Ziel habe, das deutsche Volk auszurotten und den deutschen Staat zu vernichten. Das ist natürlich eine dumme Lüge und eine törichte Verleumdung der Roten Armee. Solche idiotischen Ziele hat die Rote Armee nicht und kann sie nicht haben. Die Rote Armee setzt sich das Ziel, die deutschen Okkupanten aus unserem Lande zu vertreiben und den Sowjetboden von den faschistischen deutschen Eindringlingen zu befreien. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Krieg für die Befreiung des Sowjetbodens zur Vertreibung oder Vernichtung der Hitlerclique führen wird. Wir würden einen solchen Ausgang begrüßen. Es wäre aber lächerlich, die Hitlerclique mit dem deutschen Volke, mit dem deutschen Staate gleichzusetzen. Die Erfahrungen der Geschichte besagen, dass die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleibt.“ (24) Hier wird der fundamentale Unterschied zweier völlig gegensätzlicher Menschenbilder deutlich, der all denen zur besonderen Beachtung empfohlen sei, die heute gerne über die Wesensverwandtschaft von Faschismus und Kommunismus daherreden.

Der bürgerliche Historiker Jochen Hellbeck im Jahre 2012 unter dem Titel „Die Stalingrad-Protokolle“ eine Sammlung von Interviews veröffentlicht, welche sowjetische Historiker noch während der laufenden Gefechte mit Teilnehmern der Schlacht von Stalingrad geführt haben. Dieses Buch soll hier ausdrücklich empfohlen werden, vor allem, weil Hellbeck den Interviews ein lesenswertes Einführungskapitel vorangestellt hat. Er geht dort u. a. der Frage nach, wie die Rote Armee ideologisch und moralisch beschaffen war, so dass sie letztlich zu derart großen militärischen Leistungen in der Lage war. In Deutschland gab es immer wieder historische Darstellungen in Schrift und Film, die den Eindruck vermittelten, dass es sich bei den Rotarmisten um geknechtete Kreaturen gehandelt habe, die nur deshalb zum Angriff vorgerückt seien, weil sie die Gewehrläufe des NKWD in ihrem Rücken wussten. Hellbeck tritt dieser Interpretation entgegen und stellt die berechtigte Frage, wie denn bloßer Zwang Millionen von Menschen dazu bewegen könne, buchstäblich bis zum Umfallen zu kämpfen. (25) Die Beschäftigung mit den Aussagen von Zeitzeugen führt Hellbeck zu anderen Schlüssen. Er beschreibt die Rote Armee als die „erste politische Armee der Welt“, die gekämpft habe „mit dem doppelten Arsenal von politischen und militärischen Waffen. Augenfällig kam dieser Anspruch im Abzeichen der Roten Armee aus ihrer Gründungszeit zum Ausdruck. Es zeigte neben Hammer und Sichel auch ein Gewehr und ein Buch.“ (26) Es entsteht das Bild einer Streitmacht von Soldatinnen und Soldaten, deren Haltung nicht von Kadavergehorsam bestimmt ist, sondern von dem Bewusstsein, zur Verteidigung der Heimat berufen zu sein, mit deren staatlicher Ordnung es ein hohes Maß an Identifikation gibt. Hellbeck hebt hervor, dass die Verinnerlichung sozialistischer Wertvorstellungen in den Reihen der Roten Armee wesentlich tiefgehender und bestimmender war, als man im Westen bislang glauben wollte.

Nebenbei nimmt er eine Wertung der Auswirkungen der sogenannten Säuberungen der Dreißigerjahre auf die Kampfkraft der Roten Armee vor, welche auch den hierzulande gängigen Deutungsmustern widerspricht: „Der Umfang und die Auswirkungen der Säuberungen in der Roten Armee waren wohl geringer als lange Zeit angenommen worden ist. Stalins Nachfolger Chruschtschow betonte den Kahlschlag in der Roten Armee, um Stalin die alleinige Verantwortung für die verheerenden sowjetischen Niederlagen im Jahr 1941 anzulasten. Doch die von ihm und mehreren Generälen vertretene These, dass die Rote Armee zu Beginn des Krieges dem deutschen Gegner führungslos gegenüberstand, lässt sich nicht halten.“ (27)

Wenn nun darüber nachdenken, was der 22. Juni 1941 heute bedeutet, dann müssen wir ihn einordnen in bestimmte Kontinuitätslinien deutscher Raumordnungspolitik, welche nach wie vor Bestand haben. Seit den Tagen des Kaiserreichs wünscht sich der deutsche Imperialismus ein schwaches und möglicherweise auch noch territorial desintegriertes Russland als Nachbarn. Vor allem das Rohstoffpotential des riesigen Landes verführt in diesen Kreisen immer wieder zu dem Gedanken, dass Russland zu wichtig ist, um es den Russen zu überlassen. Natürlich können derartige Ziele nicht mit einer Neuauflage des 22. Juni 1941 angestrebt werden. Dem steht schon entgegen, dass der deutsche Imperialismus nicht mehr im klassischen nationalstaatlichen Verbund agiert, sondern sich führend an der Schaffung der Europäischen Union beteiligt hat. Allerdings wäre es ein fataler Irrtum anzunehmen, dass die EU, wie ihre Apologeten gern behaupten, die Aufhebung historisch überlebter Nationalismen darstelle. Das Gegenteil ist der Fall: Mit der EU hat das deutsche Monopolkapital den ihm gemäßen Rahmen gefunden, in dem sich seine hegemonialen Ziele weitaus erfolgversprechender anstreben lassen, als in der Konstellation nahezu allseitiger Konfrontation, die Deutschlands Stellung während des Zweiten Weltkriegs kennzeichnete. Natürlich ist das Verhältnis zu Großbritannien und Frankreich dabei nicht spannungsfrei, nicht zuletzt weil die niedriglohnbefeuerten Exportoffensiven der Bundesrepublik dort negativ zu Buche schlagen. Aber die Brutalität, mit der die deutsche Regierung der EU den von ihr favorisierten Strangulierungskurs gegenüber Griechenland diktieren konnte, zeigt deutlich, wer in dieser sogenannten Wertegemeinschaft den Ton angibt. In dieser Verfasstheit wendet sich die deutsch geführte EU Osteuropa und damit auch Russland zu. Das diesbezügliche Vorgehen erfolgt in Abstimmung mit den Vereinigten Staaten von Amerika, die vor dem Hintergrund ihres unverhohlenen, wenn auch menschenrechtlich verbrämten internationalen Führungsanspruchs an der unter Wladimir Putin erfolgten Konsolidierung der russischen Staatlichkeit wenig Geschmack finden können. In Washington wird man ebenso wie in Berlin oder Brüssel mit Wehmut an die Zeiten des traurigen Ausverkaufspolitikers Boris Jelzin zurückdenken, so wie man westlicherseits schon immer lobende Worte fand für schwache Führungspersönlichkeiten, die Russland auf einen ruinösen Kurs führten. Staatsmänner, die in Russland für Fortschritt, Modernisierung und nationales Selbstbewusstsein standen, wurden und werden hingegen gern in den schwärzesten Farben gemalt. Beispiele dafür bietet schon die geschichtliche Bewertung der verschiedenen Epochen des Zarentums. Besonderer Beliebtheit erfreut sich in diesem Zusammenhang immer wieder das Thema „Menschenrechte“, das üblicherweise in der Weise abgehandelt wird, dass man Russland die tatsächlichen oder vermeintlichen Verfehlungen vorwirft, welche man im eigenen Macht- bzw. Einflussbereich umstandslos akzeptiert.

Allerdings ist das westliche Vorgehen gegen Russland nicht widerspruchsfrei. Die USA können sich angesichts ihres vergleichsweise geringen Handelsvolumens im Austausch mit Russland einen relativ unbekümmerten Konfrontationskurs leisten. Hinzu kommt die geographische Distanz, die im Hinblick auf eventuelle militärische Konflikte bedeutsam ist. Schließlich fantasierte ja schon der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan von einem auf Europa begrenzen Atomkrieg. (28) Die Bundesrepublik dagegen wurde noch 2013 in entsprechenden Erhebungen des Bundeswirtschaftsministeriums als das zweitwichtigste Lieferland Russlands ausgewiesen. (29) Dementsprechend gibt es deutsche Kapitalgruppen, die von einer sanktionsgetriebenen Verschlechterung der Beziehungen zu Russland alles andere als begeistert sind. Hier herrscht die Befürchtung vor, dass russische Marktanteile leichtfertig aus der Hand gegeben und lachenden Dritten überlassen werden. Der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft hat hier bereits Stellung bezogen. (30)

Gegenwärtig sieht es aber nicht so aus, als ob diese Bedenkenträger innerhalb der EU richtungsbestimmend werden können. Denn gerade das Verhalten von BRD bzw. EU in der ukrainischen Krise zeigte und zeigt ein beängstigend hohes Maß an Eskalationsbereitschaft. Im Februar 2014 war in Kiew der gewählte Präsident Wiktor Janukowitsch durch einen Putsch gestürzt worden. Er war zuvor in die Kritik geraten, weil er die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU ausgesetzt hatte. Mit diesem Vertrag war beabsichtigt, im Sinne der schon seit Jahren betriebenen antirussischen Einkreisungsstrategie das nächste Land an den eigenen Machtbereich zu binden und zu instrumentalisieren. Dem Sturz von Janukowitsch waren Versammlungen und Kundgebungen auf dem Kiewer Maidan-Platz vorangegangen. In den deutschen Medien wurden die dort Versammelten als Demokraten und Pro-Europäer dargestellt, die das Ende eines korrupten Regimes verlangten. Die starke dortige Präsenz von militanten Neofaschisten, die Bilder ihres historischen Führers Stepan Bandera präsentierten, wurde von vorn herein ausgeblendet. Bald erschienen dort auch westliche Politiker wie der deutsche Außenminister Westerwelle, der US-Senator John McCain und das antikommunistische Urgestein im Dienste des Vatikans Lech Walesa. Die damit zur Schau gestellte ausländische Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Ukraine war an Dreistigkeit schwer zu überbieten. Währenddessen waren in der Ostukraine und auf der Krim die Menschen mehrheitlich nicht bereit, den russlandfeindlichen und EU-euphorischen Vorgaben des Maidan Folge zu leisten. Nachdem der gestürzte Präsident Janukowitsch nach Russland geflohen war, wurde in Kiew eine faschistische durchsetze Regierung installiert, die sich westlicherseits umfangreicher Unterstützung erfreute. In der Ostukraine entstanden in Ablehnung des Kiewer Putsch-Regimes die Volksrepubliken Donezk und Lugansk. Je unverhohlener die westliche Einmischung in der Ukraine wurde, desto heftiger beschuldigte man Präsident Putin, bei der Abspaltung der beiden Volksrepubliken die Fäden zu ziehen. Die dort lebenden Menschen mussten sich schon bald den Angriffen ukrainischer Regierungstruppen und Freiwilligenverbände mit Hakenkreuz- sowie SS-Emblemen an den Uniformen erwehren. Die von diesen begangenen Verbrechen an der Zivilbevölkerung waren der Bundesregierung nicht eine Protestnote wert. Wladimir Putin veranlasste im Februar 2014 die Entsendung russischer Truppen auf die Krim. Ca. einen Monat später fand dort eine Abstimmung statt, in deren Verlauf sich eine sehr große Mehrheit für die Rückkehr in den russischen Staatsverband aussprach. Hier muss erwähnt werden, dass die Krim seinerzeit durch Nikita Chruschtschow unter verfassungsrechtlich höchst fragwürdigen Umständen von der russischen an die ukrainische Sowjetrepublik übertragen worden war. Im Westen war die Empörung groß, und man sprach von einer Annexion durch Russland. Der eigentliche Sinn dieses Schachzuges durch Putin wird aber erst verständlich, wenn man sich die entsprechende Strategie der NATO seit 1990 anschaut. Damals hatte US-Außenminister James Baker zugesagt, dass es keine Osterweiterung der NATO gegen werde. (31) Dennoch nahm man in wortbrüchiger Weise den Kurs auf Expansion. Inzwischen gehören nicht nur die ehemaligen Mitgliedsstaaten des Warschauer Vertrags, sondern sogar ehemalige Sowjetrepubliken wie Estland, Lettland und Litauen der NATO an. In Georgien steht US-Militär. Und in der Ukraine war nichts weniger beabsichtigt, als der nächste große Schritt zur Einkreisung Russlands. Um zu begreifen, wer hier Verteidiger und wer Aggressor ist, genügt es festzustellen, welcher Machtbereich sich hier seit Jahren auf Kosten des anderen ausdehnt. Russland hat mit der Ermöglichung des Krim-Referendums deutlich gemacht, dass das Maß voll ist und dass es gewillt ist, seinen Sicherheitsinteressen Geltung zu verschaffen. Die Gemengelage der Interessen von USA und EU zeigt durchaus auch Differenzen. Dennoch ist der Vorrat an Gemeinsamkeiten groß genug für eine Aggressionspolitik gegenüber Russland, die mit der Gefahr eines neuen Krieges spielt. Bemerkenswerterweise hatte sogar der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt mit dem ihm eigenen Realitätssinn die Versuche der EU, die Ukraine zu vereinnahmen als „Größenwahn“ qualifiziert. (32) Und das Stichwort des „Größenwahns“ führt uns nun auch wieder zum thematischen Ausgangspunkt zurück. Denn diese Geisteshaltung war auf deutscher Seite auch am 22. Juni 1941 bestimmend. In Erinnerung daran kann es für uns heute nur heißen: Schluss mit den Abenteuern der Ostexpansion! Friede mit Russland! Die Friedensbewegung dieses Landes steht vor großen Aufgaben.

Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit.

(1) http://www.erinnerungsort.de/steh-auf-2c-steh-auf-2c-du-riesenland-21–28der-heilige-krieg-29-_104.html, 11.06.2016

(2) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40616394.html, 11.06.2016

(3) Isaac Deutscher, Stalin. Eine politische Biographie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1989, S. 538

(4) Stalin Werke, Band 13, S. 267, Dietz Verlag Berlin, 1955

(5) Manfred Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917 – 1991, Verlag C. H. Beck , München, 1998, S. 598

(6) Vgl. ebd. S. 587

(7) Vgl. Ebd. S. 591

(8) Kurt Gossweiler, Wider den Revisionismus, Verlag zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung, München, 1997, S. 183

(9) Zitiert nach: Neues Deutschland, 08./ 09. 06.1996, W. Wünsche, Fakten wider Behauptungen

(10) Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933 – 1943, Band I, Aufbau-Verlag, Berlin, 2000, S. 392

(11) Grover Furr, Chruschtschows Lügen, Das Neue Berlin, Berlin, 2014, S. 108

(12) Vgl. ebd. S. 114

(13) Georgi K. Schukow, Erinnerungen und Gedanken, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1969, S. 264.

(14) Georgi Dimitroff, Tagebücher 1933 – 1943, Band I, Aufbau-Verlag, Berlin, 2000, S. 392

(15) http://news.dkp.suhail.uberspace.de/2016/06/75-jahre-nach-dem-ueberfall-auf-die-sowjetunion-heissen-die-lehren-nie-wieder-faschismus-nie-wieder-krieg/, 12.06.2016

(16) Vgl. Klaus Hesse, Zur Geschichte der UdSSR und der KPdSU, Eigenverlag, Leipzig, 2012, S. 365 ff.

(17) Vgl. Offen-siv, Nr. 4, 2007; S: 34

(18) Georgi K. Schukow, Erinnerungen und Gedanken, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1969, S. 245.

(19) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Georgi_Konstantinowitsch_Schukow, 18.06.2016

(20) Georgi K. Schukow, Erinnerungen und Gedanken, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1969, S. 249.

(21) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Generalplan_Ost, 18.06.2016

(22) http://www.zeitklicks.de/top-menu/zeitstrahl/navigation/topnav/jahr/1941/hitler-kuendigt-den-rassenkrieg-gegen-die-sowjetunion-an/, 18.06.2016

(23) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Kommissarbefehl, 18.06.2016

(24) http://www.stalinwerke.de/vaterlandkrieg/vk-004.html, 18.06.2016

(25) Vgl. Jochen Hellbeck, Die Stalingrad-Protokolle, Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2012, S. 26

(26) Ebd. S. 32

(27) Ebd. S. 42

(28) Vgl. http://archives.nd.edu/kl/lnz172.htm, 19.06.2016

(29) Vgl. http://www.freiepresse.de/WIRTSCHAFT/WIRTSCHAFT-REGIONAL/Russland-Embargo-US-Firmen-gegenueber-saechsischen-im-Vorteil-artikel9046456.php, 19.06.2016

(30) Vgl. http://www.handelsblatt.com/politik/international/sanktionen-gegen-russland-ukraine-kritisiert-ostausschuss-der-deutschen-wirtschaft/13723844.html, 19.06.2016

(31) Vgl. http://www.stern.de/politik/ausland/nato-osterweiterung-wie-der-westen-einst-gorbatschow-uebertoelpelte-3839144.html, 19.06.2016

(32) http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-krise-helmut-schmidt-wirft-eu-groessenwahn-vor-a-969773.html, 19.06.2016

Autor

Erik Höhne

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