Nachrichten
0

Der Reformationstag, das Reformationsfest oder der Gedenktag der Reformation wird von evangelischen Christen in Deutschland und Österreich am 31. Oktober im Gedenken an die Reformation der Kirche durch Martin Luther gefeiert. Aus diesem Anlass erinnern wir daran, wie die DDR und die SED ihr Verhältnis zu den evangelischen Christen bestimmten, am Beispiel der Thesen zum 500. Geburtstags Martin Luthers:

DDR-Thesen zum Lutherjahr 1983

Anlässlich des 500. Geburtstags Martin Luthers verfasste eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern der Akademie der Wissenschaften der DDR und von Vertretern der Universitäten 15 „Thesen über Martin Luther“. Darin hieß es:

Martin Luther (10. November 1483 – 18. Februar 1546) wirkte als ein Wegbereiter der großen geistigen und politischen Auseinandersetzungen, mit denen Deutschland und Europa in die Epoche des Verfalls des Feudalismus, der Herausbildung des Manufakturkapitalismus und der ersten bürgerlichen Revolutionen eintraten. Er gehört zu den großen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte von Weltgeltung.

Die Deutsche Demokratische Republik ist tief verwurzelt in der ganzen deutschen Geschichte. Als
sozialistischer deutscher Staat ist sie das Ergebnis des jahrhundertelangen Ringens aller progressiven Kräfte des deutschen Volkes für den gesellschaftlichen Fortschritt. Alles, was in der deutschen Geschichte an Progressivem hervorgebracht wurde, und alle, die es bewirkt haben, gehören zu ihren unverzichtbaren, die nationale Identität prägenden Traditionen. „Zu den progressiven Traditionen, die wir pflegen und weiterführen, gehören das Wirken und das Vermächtnis all derer, die zum Fortschritt, zur Entwicklung der Weltkultur beigetragen haben, ganz gleich, in welcher sozialen und klassenmäßigen Bindung sie sich befanden“ (Erich Honecker). In diesem Sinne würdigt die DDR die historischen Leistungen Martin Luthers und pflegt das von ihm hinterlassene progressive Erbe.
I. (…) Die gegebenen gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnisse bedingten die zentrale Bedeutung der Theologie in den politischen, sozialen und ideologischen Auseinandersetzungen und die religiöse Begründung der revolutionären Forderungen. Martin Luther löste durch seinen Kampf gegen das „internationale Zentrum des Feudalsystems“ (Friedrich Engels) die Reformation aus. Darin liegt sein bleibendes historisches Verdienst. Die Reformation wurde wesentlicher Bestandteil der beginnenden Revolution, bildete die ideologische Klammer für die sie tragenden höchst unterschiedlichen Klassenkräfte und gab im weiteren Verlauf des revolutionären Prozesses den Rahmen für deren rasche Differenzierung ab. Die Revolution kulminierte im deutschen Bauernkrieg von 1525, der jedoch mit einer Niederlage endete. Ihr historischer Platz im beginnenden Übergangsprozess vom Feudalismus zum Kapitalismus – unter noch unausgereiften objektiven und subjektiven Bedingungen – bestimmt den Charakter der Revolution als frühbürgerlich.

II. (…) Damit (d. h. mit seiner Kritik am Ablasshandel, M. E.) schuf Martin Luther theologische Grundlagen für die Herausbildung einer reformatorischen Ideologie, die unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen revolutionäre Wirkung erlangte; denn Reformation bedeutete nicht nur eine Reform der Kirche, sondern eine mehr oder weniger weitgehende Veränderung der Gesellschaft. Dieses Fundament zäh und unbeirrt verteidigt zu haben, ist jene persönliche Leistung Martin Luthers für die Entfaltung der frühbürgerlichen Revolution, die ihm von seinen Gegnern immer wieder abgenötigt wurde.
III. (…) Bürgerliche Oberschichten und mit dem Frühkapitalismus verbundene Kräfte, die Räte in vielen Städten sahen darin eigene Interessen ausgedrückt oder machten sich diese Ziele zu eigen. Die Reformation setzte Potenzen frei, den beginnenden Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus zu fördern. Dies verlieh ihr einen im Kern bürgerlich­-progressiven Charakter. Zugleich entwickelte sich eine zunächst von der bürgerlich­-städtischen Opposition getragene reformatorische Volksbewegung, deren Kräfte sich begeistert hinter Luther stellten (…)
V. (…) Die Volksbewegung nutzte die von Luther und den anderen Reformatoren gelieferten Argumente und biblischen Begründungen, beschränkte sich aber nicht darauf, im Sinne Luthers die Erfüllung ihrer Forderungen dem guten Willen der Obrigkeiten allein anheimzustellen.

Das Verhältnis zur Obrigkeit sowie die Frage nach den Mitteln zur Durchsetzung der reformatorischen Ziele wurden deshalb seit 1523/24 zu dem wichtigsten Streitpunkt zwischen Luther und der Volksbewegung. Zunächst unterstützte Martin Luther noch partiell die Volksbewegung und versuchte, die sich erweiternde Kluft zur adligen Ständeopposition zu überbrücken, obwohl er jetzt von weiterdrängenden Kräften, insbesondere von Thomas Müntzer, kritisiert und angegriffen wurde und sich seinerseits mit diesem auseinandersetzte. Noch von der Wartburg aus begründete er die Abschaffung der Messe in Wittenberg, die Ungültigkeit der Mönchsgelübde, die Einführung des Laienkelches und der deutschen Sprache in den Gottesdienst, die Übernahme des Kirchenvermögens in städtische Verwaltung und dessen Verwendung für die Armenfürsorge.

Anfang 1523 begründete Luther das Säkularisierungsprogramm der bürgerlich­-gemäßigten Reformation. Dieses Programm verfolgte das Ziel, das geistliche Eigentum in weltlichen Besitz zu überführen, und zwar vorwiegend zum Nutzen der weltlichen Feudalherren, bürgerlicher Oberschichten und der Gemeinde.
Luther erhob das Entscheidungsrecht der Gemeinde zum Prinzip der Reformation. So entwickelte Luther bis 1524 sein Programm der Reformation, das mit friedlichen Mitteln im Bündnis mit den weltlichen Obrigkeiten durchgesetzt werden sollte. In dem Maße, wie sich die Volksbewegung radikalisierte und sich auch gegen den weltlichen Feudalismus und die Fürsten richtete, wandte sich Luther von ihr ab. …

VIII. Martin Luthers Reformation übte eine nachhaltige Wirkung auf die europäischen Länder aus. Sie trieb die Lösung grundlegender Widersprüche der Feudalgesellschaft voran und wurde deshalb sehr rasch zu einer europäischen Erscheinung, die den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus beschleunigte. Europa trat damit in die Epoche der bürgerlichen Revolutionen ein, in denen sich das Bürgertum im Laufe der nächsten Jahrhunderte schrittweise zur ökonomischen auch die politische Macht erkämpfte. …

X. Die frühe Reformation war eine sehr breite, klassenmäßig heterogene, alle Volksschichten erfassende Bewegung zur revolutionären Umgestaltung. Der Sieg der Fürsten über das aufständische Volk im Bauernkrieg beschnitt die Klassenbasis dieser Bewegung und sicherte im Zusammenwirken mit den bürgerlichen Oberschichten die Aufrechterhaltung der feudalen Klassenherrschaft. …
XII. Karl Marx und Friedrich Engels schufen mit der Grundlegung des historischen Materialismus auch die Umrisse für eine wissenschaftliche Auffassung der Reformation und Martin Luthers. Sie würdigten Luther als den Initiator der Reformation und diese als erste Entscheidungsschlacht des europäischen Bürgertums gegen den Feudalismus. Sie zeigten zugleich, dass der Bauernkrieg und Thomas Müntzer, denen sich die revolutionäre Arbeiterbewegung in besonderem Maße verpflichtet fühlt, die notwendige Konsequenz aus den von Luther gegebenen Anstößen verkörperten. (…)

Die revolutionäre deutsche Arbeiterbewegung hat zwischen der epochalen historischen Leistung Martin Luthers, seiner klassenmäßigen Begrenztheit und dem reaktionären Missbrauch seines Erbes unterschieden und die unheilige Allianz von Thron, die sich für ihre Zwecke auf den Namen Luther berief, bekämpft. Sie hat Luther weder heroisiert noch missachtet, sondern seinen Platz in der Vielfalt der progressiven und revolutionären Bewegungen der deutschen Geschichte gewürdigt. …

XV. Mit dem Sieg der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten, mit dem Aufbau und der Gestaltung des Sozialismus sind in der Deutschen Demokratischen Republik die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, Martin Luther allseitig wissenschaftlich begründet und gerecht zu würdigen. Wir ehren die Kämpfer vergangener Generationen, die unter ihren Bedingungen mit dem Einsatz ihrer Persönlichkeit den Fortschritt vorangebracht und die Kultur bereichert haben. Wir würdigen sie kritisch, ohne ihre zeit­ und klassengebundenen Widersprüche zu übersehen und unhistorische Maßstäbe anzulegen. (…)

Die DDR pflegt die Gedenkstätten für Martin Luther und die Reformation und achtet die geistige Eigenart der damit verbundenen kulturellen und ethischen Werte. Die von Luther inspirierten und sich auf ihn berufenden protestantischen Kirchen haben wie alle anderen Glaubensgemeinschaften in der DDR verfassungsmäßig garantierte breite Möglichkeiten zu ihrer Betätigung. Im Kampf um die Lösung der Lebensfrage der Menschheit in der Gegenwart, die Erhaltung des Friedens, engagieren sich angesichts der komplizierter gewordenen Weltlage alle Bürger der DDR, einschließlich der Christen, für friedensstabilisierende Maßnahmen, Entspannung und effektive Abrüstung. Evangelische Christen lutherischer Prägung wie alle anderen Gläubigen bewähren sich als Mitgestalter der entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Sie wirken nicht zuletzt aus christlicher Verpflichtung zur Nächstenliebe vor allem in der Diakonie aufopferungsvoll bei der Pflege von Behinderten und Kranken, Kindern und Alten. Sie bewahren und bereichern damit ihre spezifischen historischen Traditionen, die über Jahrhunderte hinweg Kultur und Ethik deutscher und anderer Länder mit geformt und bereichert haben.

Partei­ und Staatsführung der DDR waren und sind stets offen für die humanitären Anliegen der christlichen Kirchen und haben immer Sorge getragen für eine Zusammenarbeit in diesem Geiste. Luthers progressives Erbe ist aufgehoben in der sozialistischen deutschen Nationalkultur. Davon zeugt nicht zuletzt die Gründung des Martin­Luther-Komitees der Deutschen Demokratischen Republik unter dem Vorsitz von Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR. Die Würdigung Luthers und seines Werkes schließt auch die Bemühungen und den Kampf jener Kräfte ein, die heute unter Berufung auf Lehre, Vorbild und Leistung Martin Luthers für soziale Gerechtigkeit, Fortschritt und Frieden in der Welt kämpfen. „Mögen die Ehrungen zu seinem 500. Geburtstag, wie es der weltweiten Wirkung des Reformators entspricht, auch weltweit dem Ringen um die Bewahrung des Friedens, um das friedliche Zusammenleben der Völker und Staaten zugute kommen“ (Erich Honecker).

#Aus: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 29 (1981), S. 879 – 893.

Neu: blog.unsere-zeit.de

Neu: blog.unsere-zeit.de