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kraeutlerIm Eingangsbereich des Wiener Stephansdomes wurde vor Jahreswechsel das massenhaft aufgelegte Pfarrblatt der Dompfarre „Weihnacht 2016“ angeboten. Zu den prominenten BeiträgerInnen dieser Festausgabe gehört der aus Koblach (Vorarlberg) kommende Erwin Kräutler (*1939), der seit 1965 als „Missionar vom Kostbaren Blut“ (CPPS) in Brasilien tätig gewesen ist, seit 1981 dort in der Funktion eines von Johannes Paul II. ernannten Bischofs der riesigen Diözese Xingu. Dieser polnische Papst hat den Befreiungstheologen Ernesto Cardenal (*1925), der sich strikt gegen jeden religiös-missionarischen Plan ausgesprochen hat, ebenso wie andere Befreiungstheologen wiederholt brüskiert. Noam Chomsky erinnert in seinem letzten Buch (2016) daran, wie in El Salvador 1989 sechs führende Befreiungstheologen um Ignacio Ellacuría SJ im Einverständnis mit den USA ermordet worden sind.

Überschrieben ist der Beitrag von Bischof Kräutler so: „Die geheimnisvolle Kette. Bischof Erwin Kräutler über eine Kette, die den Himmel mit der Erde und die Menschen rund um die Welt verbindet: den Rosenkranz“. Dem Artikel unmittelbar nachgesetzt ist der Aufruf für 100 Jahre Fatima – 70 Jahre Rosenkranz-Sühnekreuzzug.

Gerührt werden sich Katholiken der Generation von Kräutler daran erinnern, dass der Rosenkranz bei der formalen katholischen Erziehung einen fundamentalen Platz eingenommen hat. Im Prinzip handelt es sich beim Rosenkranz um mechanische Gebetsformeln mit Maria, die im katholischen Glauben als die Mutter Jesu fungiert. Maria wird als Jungfrau und göttliche Mutter, vor allem als Beschützerin mit Ave Gebeten entlang einer Perlschnur aus verschiedenen Materialien um Hilfe und Fürsprache angerufen. Diesem marianischen Gebetskult entspricht im Prinzip der Teufelskult mit Exorzismen. Im globalen Massstab ist religionstechnisch diese Form des Gebetskults kein Monopol der katholischen Kirche, der Lamaismus bietet ebenso leere Gebetsformel („O du Kleinod im Lotos“) an. Ausdruck des Elends oder Protest gegen das Elend? Ein bisschen Opium für die Verzerrung der Wirklichkeit jedenfalls.

Der Glaube an übernatürliche Kräfte im Zusammenhang mit Marienstatuen wie in Guadelupe (1546), Lourdes (1858), Fatima (1917) oder Medjugorje (1981) werden von repräsentativen Teilen der Vatikanideologie benützt, um nicht christliche, sondern eindeutig politische Botschaften zu vermitteln. Besonders die Vorkommnisse in Fatima 1917, die gleichzeitig mit dem Beginn der Aktivitäten von Wladimir I. Lenin in Russland erzählt wurden, wurden von der Kirche propagandistisch als ein „Fingerzeig Gottes“ gegen die Gefahr des satanischen Bolschewismus und gegen die Sowjetunion verwertet. Der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings ließ in einem Militärflugzeug aus dem faschistischen Portugal eine Marienstatue aus Fatima in sein für das sich militarisierende Westdeutschland zentrales Bistum holen. In den 1940er und 1950er Jahren wurde dort wie in Österreich der Rosenkranz als Möglichkeit des Exorzismus des Boschewismus empfohlen. Fatima-Kirchen wurden und werden nach der Implosion der Sowjetunion in neu entstandenen Republiken wie Kasachstan (Kathedrale „Mutter aller Nationen. Unsere Liebe Frau von Fatima“) errichtet, nicht zuletzt mit Blickrichtung China hin.

Eine eigene Veranstaltung im Festsaal des Alten Rathauses in Wien Anfang Februar soll die politische Dimension des Rosenkranzes verdeutlichen. Kräutler vermittelt zur Einstimmung im Pfarrblatt des Wiener Stephansdoms eine anrührende, liebliche Geschichte aus seiner Ländle-Heimat (Vorarlberg). Er habe als Bub von seiner Mama „Gegrüßt seist du, Maria“ noch vor dem „Vaterunser“ gelernt. Über eine solche Kinder prägende Form des Marienkults, dem theologisch ein Teufelskult entspricht, würde sich nicht nur nach dem Besuch des Freud-Museums in der Wiener Berggasse einiges sagen lassen. Kräutler interpretiert mit seinem Marienbild samt Rosenkranz die österreichische Zeitgeschichte. Erst durch die vielen inständigen Gebete im Rahmen des Rosenkranzsühnekreuzzuges für „die Freiheit Österreichs“ sei „ein Wunder“ geschehen, denn die Russen hätten ihr bisherige „Njet“ zu einem Staatsvertrag schließlich doch aufgegeben. Am 15.Mai 1955 hätten dann die Vorarlberger die Stimme des Außenministers Leopold Figl im Radio gehört. Bischof Kräutler kommentiert: „So manche der sonst trockenen Vorarlberger bekamen nasse Augen. Auf der Schattenburg in Feldkirch wurde endlich die rot-weiß-rote Fahne gehisst. Ja, es war ein Wunder!“

Über „Fahnenwunder“ im Ländle erzählt in seinen gedruckten Erinnerungen der christliche Ethiker Emil Fuchs, der 1933 von den Nazis als Professor in Kiel entlassen worden war und im Montafoner Gortipohl unter ärmlichen Bedingungen das Ende des tausendjährigen Deutschen Reichs abwarten hat können. Anfang Mai 1945 ging also Emil Fuchs von Gortipohl nach St. Gallenkirch: „Da sah ich vor der Kirche festlich gekleidete Männer und weiß gekleidete Jungfrauen mit Blumensträußen versammelt. Sie erwarteten den Einmarsch der französischen Truppen; und siehe, da kamen sie heran. Rasch ging ich meinen Weg nach Gortipohl hinaus. Das wollte ich nun gerade nicht miterleben, wie man hier feierte. – Droben aber hingen schon an den Häusern der großen Bauern die österreichischen Fahnen vom Dach bis auf die Straße – wie kurz vorher die Hakenkreuzfahnen. Der alte ehrwürdige Pfarrer des Ortes sagte mir in diesen Tagen: >Als ich sie einst warnte, Hitler zu wählen, wollten sie mich fast totschlagen. Nun sind sie wieder begeistert! Was soll man zu diesen Leuten sagen?“
Dazu sei noch hinzugefügt, dass die durch das Montafon ziehenden französischen Einheiten ein paar Tage zuvor in Freudenstadt im Schwarzwald von ihren kommandierenden Offizieren drei Tage lang freie Hand für Vergewaltigung und Plünderung erhalten haben.

Kräutler weiß als Bischof, was er den „Leuten“ im Interesse der alten vatikanischen Herrschaftsideologie sagen muss. Aber solche von ihm transportierten Vergangenheiten seiner Kirche sind nur Ketten und keine Triebkräfte für die Zukunft.

Gerhard Oberkofler