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Von Dr. Hans-Peter Brenner, Stellvertr. Vorsitzender der DKP

Winter 1916/17. Selbst die heutigen Groß- und Urgroßeltern wissen – außer aus Büchern und Filmen – nichts mehr aus eigenem Erleben davon. Vielleicht ist ihnen durch Erzählungen ihrer eigenen Eltern bzw. Großeltern der Begriff „Hungerwinter“ bzw. „Steckrübenwinter“ noch geläufig. Angesichts der jetzt grade in München tagenden mit den hochkarätigsten Diplomaten, Politikern und Militärs beschickten „Sicherheitskonferenz“- und angesichts der in diesen Tagen erneut an der russischen Westgrenze aufmarschierenden NATO-Truppen unter Führung deutscher Stabsoffiziere sind diese verblassten Erinnerungen es wert wieder ins Bewusstsein gerückt zu werden. Es war eine Periode von Not, Verfolgung und zugleich politisch ungewöhnlicher revolutionärer Dynamik.

Erst Kriegstaumel, dann Hungerwinter

Selbst der bürgerliche und CDU-freundliche „Generalanzeiger“ erinnerte dieser Tage in einem
ausführlichen und bebilderten Bericht an die Armen- und Suppenküchen im damaligen rheinischen Provinznest Bonn. Die hohlwangigen Gesichter auf den alten Fotos geben eine Ahnung davon, wie sehr die Folgen des ersten industriell betriebenen Massenmordens, das man offiziell „1. Weltkrieg“ nennt, den Alltag der Menschen belastet und von Grund auf umgekrempelt hatte.

Nur 3 Jahre vorher waren Hunderttausende junger Burschen-oftmals direkt vom Gymnasium, vom Ausbildungsbetrieb oder vom elterlichen Bauernhof kommend – mit Marschmusik und vaterländischen Gesängen und Parolen an die Front ausgerückt. „Jeder Stoß ein Franzos!“, „Zum Frühstück auf nach Paris!“ Die frommen Gebete und Gesänge der Feld- und Militärgeistlichen und die Beschwörung des Segens des lieben Gottes für die deutschen Waffen verlieh der Welle von Nationalismus und Chauvinismus dann auch noch eine „höhere“ Weihe.

Auswirkungen des nationalistischen Giftes

Bis tief in die politische Linke, die kurz zuvor auf den Stuttgarter (1907), Kopenhagen (1910) und Baseler (1912) Friedenskongressen der Sozialistischen Internationale den „Bruderbund des Proletariats“ beschworen hatte, drang dieses Gift, zerbrach die Treueschwüre vom „proletarischen Internationalismus“ oder auch vom „europäischen zivilisatorischen Fortschritt“. Berühmte „nonkonformistische“ Intellektuelle und Künstler ihrer Zeit waren ins Lager des Militarismus und kleinkarierten Nationalismus umgeschwenkt. Sie hatten sich mit ihren künstlerischen und literarischen Fähigkeiten in den Dienst der primitivsten Hetz- und Kriegspropaganda gestellt. Und die „crème de la crème“ der deutschen Hochschul- und Geisteselite leistete in einer „Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches“ eine Art pathetischen Treueschwur auf den deutschen Militarismus:
„In dem deutschen Heere ist kein anderer Geist als in dem deutschen Volke, denn beide sind
eins, und wir gehören auch dazu. Unser Heer pflegt auch die Wissenschaft und dankt ihr nicht
zum wenigsten seine Leistungen. Der Dienst im Heer macht unsere Jugend tüchtig auch für
alle Werke des Friedens, auch für die Wissenschaft. Denn er erzieht sie zur selbstentsagenden
Pflichttreue und verleiht ihr das Selbstbewusstsein und das Ehrgefühl des freien Mannes, der
sich willig dem Ganzen unterordnet. Dieser Geist lebt nicht nur in Preußen, sondern ist
derselbe in allen Landes des Deutschen Reiches.“

Streiks gegen Krieg und „General Hunger“

Das nationalistische Kriegsfieber und die auch von den christlichen Kirchen geschürte irreale Erwartung, dass der „Kampf für Kaiser, Gott und Vaterland“ nur sehr kurz währe, hatte sich in der Jahreswende 1916/17 längst abgekühlt. Die Fronten im Westen wie im Osten waren erstarrt. Sowohl die Übernahme des Oberbefehls der russischen Truppen durch Zar Nikolaus II. im August 1915 wie auch auf deutscher Seite die Übernahme der Obersten Heeresleitung – OHL – durch den „legendären Sieger von Tannenberg“, den damals bereits an der Schwelle zum Greisenalter stehenden Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg; hatte das militärische Patt und das auch militärisch völlig sinn- und nutzlose „Ausblutenlassen“ des jeweiligen Gegners nicht beeinflussen können.

Stattdessen hatte „General Hunger“ das Kommando übernommen. 1917 wurden im Deutschen Reich nur noch 50% des Ernteaufkommens von 1915 erreicht. Die Totalblockade durch die britische Flotte versperrte den Import lebenswichtiger Nahrungsmittel und Fette. Viele Menschen starben an Unterernährung. Im Frühjahr 1917 brachen erste Hungerrevolten und Hungerstreiks aus. Es waren vor allem die Arbeiterinnen in der Rüstungsindustrie, die wegen „Männermangels“ neu ins industrielle Proletariat eingegliederten Mütter und Hausfrauen, die den alten Satz „Alle Räder stehe still, wenn dein starker Arm es will“ wiederzur politischen Geltung brachten und der Arbeiterbewegung damit wieder neues Leben einhauchten.

Davon zeugen die rasant ansteigenden Zahlen von Streiks und Streikenden.

Tabelle:

Streiks und Aussperrungen in Deutschland von 1914 bis 1918

Streiks                                        Streikende

Januar bis Juli1914                 1199                                          94 014
August 1914                                    0                                                    0
Sept. bis Dez. 1914                      24                                              1 126
1915                                               141                                           12 866
1916                                              240                                         124 188
1917                                               562                                         651 461
1918                                               773                                     1 304 248
(J. Kuczynski: Das große Geschäft. Berlin 1967, S.83)

Noch rasanter verlief jedoch die Entwicklung in Russland. Sie ist bis heute eine Periode, in der für die marxistisch-leninistische Revolutionstheorie bis heute inspirierende Ereignisse stattfanden und eine Fülle von sich geradezu rasant überschlagenden taktisch-strategischen Lehren und Erfahrungen gemacht wurden. Ich werde mich mit Stichpunkten und Hinweisen begnügen müssen. Es geht dabei nicht um eine nur für „historisch interessierte“ Kommunisten bedeutsame Etappe.

Februar-/Märzrevolution in Russland

Wenden wir uns zunächst dem Thema der russischen „Februar / Märzrevolution zu. Das heute am weitesten verbreitete Lexikon „wikipedia“ bringt dazu zwar eine kurze orientierende terminliche Übersicht, die eigentlichen Ursachen dieser zweiten russischen Revolution ( nach der ersten von 1905) bleiben insgesamt doch blass und relativ vage. Es wird in erster Linie von den Kriegsfolgen und den damit verbundenen sozialen Belastung der breiten Volksmassen gesprochen. Zwar werden auch die Arbeiterkämpfe erwähnt, aber das Ganze erscheint doch eher wie ein spontaner Verzweiflungsakt von ansonsten eher unpolitischen Massen. Die vorbereitende und organisierende Rolle der Arbeiterorganisationen wird weitgehend ausgeklammert.

„Die Proteststimmung verschärfte sich zu Beginn des Jahres 1917 spürbar, als Preissteigerungen und eine weitere Verschlechterung der Lebensmittelversorgung die Bevölkerung in Petrograd zu Streiks und Demonstrationen trieben. In der Februarrevolution von 1917 beendeten Arbeiteraufstände die russische Zarenherrschaft. Die vom Zar mit der Unterdrückung der Aufstände betrauten russischen Soldaten
weigerten sich nicht nur – anders als 1905 – auf die Demonstrierenden zu schießen, sondern liefen teilweise zu ihnen über. Der Zar musste am 2. März jul./ 15. März 1917 greg. abdanken.

Die durch den Rücktritt entstandene neue Machtsituation überraschte die bürgerlichen Parteien.“ Tatsächlich waren es jedoch nicht „der Krieg“ schlechthin und auch nicht die „zaristische Misswirtschaft“, sondern die bereits 1905 sich zuspitzenden Klassengegensätze, die die Geduld und die sprichwörtliche „Leidensfähigkeit“ des russischen Volkes seit langem erschöpft hatten. In der bürgerlichen Geschichtsschreibung dagegen dominiert generell die Sichtweise, dass es sich um einen parlamentarischen Kompromiss der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Duma-Fraktionen, dem „Progressiven Block“, mit aufgeklärten Monarchisten gegen den „schwächlichen“ Zaren gehandelt habe.

Das Resultat dieses „Kompromisses“, war zunächst eine feudal-bürgerliche Regierungskoalition unter dem Monarchisten und Zaren-Anhänger Fürst G. Lwow ; demFührer der bürgerlich- liberalen Konstitutionell-Demokratische Partei („Kadetten“) P.N. Miljulkow als Außenminister und des Führers der zu „Vaterlandsverteidigern“ mutierten anarchistisch-agrarsozialistischen Partei der Partei der Sozialrevolutionäre („Trudowiki“), A. Kerenski. Er wurde zunächst Kriegsminister und nach einer Regierungsumbildung im Juli Vorsitzender der Provisorischen Regierung.“

Diese neue Koalitionsregierung war gewillt, den in seinem Wesen imperialistischen 1. Weltkrieg, bei dem es den kriegsführenden Mächten um die jeweilige Vorherrschaft in Europa ging, zur Verteidigung des „Vaterlandes“ auch auf Kosten weiterer hundertausender Toter und Verkrüppelter fortzusetzen. Es bekümmerte sie nicht, dass bis Ende 1916 bereits mehr als 1,5 Millionen Soldaten von der Front desertiert waren.

Lenin schrieb zur Charakterisierung des Klassencharakters des neuen Machtsystems: „Diese Regierung stellt kein zufälliges Häuflein von Menschen dar. Es sind die Vertreter einer neuen Klasse, die in Russland zur politischen Macht aufgestiegen ist, der Klasse der kapitalistischen Gutsbesitzer und der Bourgeoisie, die unser Land seit langem lenkt“ und die sich sowohl in den Jahren der Revolution von 1905-1907 als auch in den Jahren der Konterrevolution von 1907-1914 und schließlich – und zwar mit besonderer Schnelligkeit – während der Kriegsjahre 1914-917 außerordentlich rasch organisierte, indem sie sie örtliche Selbstverwaltung und die Volksbildung, die Kongresse verschiedenster Art, die Reichsduma, die Kriegsindustrie-Komitees usw. in ihre Hände nahm. Diese Klasse war gegen 1917 schon `beinahe ganz an der Macht; deshalb bedurfte es nur der ersten Schläge gegen den Zarismus, damit er zusammenstürzte und der Bourgeoisie Platz machte.“

Die neue Regierung sei lediglich der „bloße Sachwalter der Milliarden- Firmen`: `Englandund Frankreich`.“ ( W.I Lenin: Briefe aus der Ferne. In Lenin. Stalin. Das Jahr 1917.
Ausgewählte Werke. Berlin 1949, S.13)

Die Kollaboration zwischen dem verrotteten zaristischen Feudalsystems aus Großgrundbesitzern und Kapitalisten, diese inoffizielle Klassenkollaboration, – das war in Wirklichkeit die strukturelle Grundlage für die „Misswirtschaft“. Dagegen lehnten sich die kriegsmüden und von der jahrhundertelangen politischen Entrechtung gequälten Massen unter Führung des Industrieproletariats und der aus Arbeitern und desertierenden Soldaten gebildeten Räte (Sowjets“) um die Jahreswende 1916/17 in imponierenden Größenordnungen immer mehr auf.

Arbeiterklasse und Leninisten als stimulierender revolutionärer Faktor

In Mittelasien brachen Mitte 1916 Aufstände der Kasachen,. Kirgisen. Usbeken und Turkmenen gegen das zaristische Völkergefängnis aus. Eine Streikwelle überzog das Land, im Januar 1917 erreichte die für Kriegszeiten noch nie erlebte Protestwelle die Zahl von 450 lokalen Streiks mit mehr als 350.000 Arbeitern. Nach unvollständigen Angaben zählte man im Februar allein in den ersten zwanzig Tagen 158 Streiks mit ca. 230.000 Streikenden. Im Januar trugen sechs und im Februar bereits sieben von jeweils zehn Streiks offen politischen Charakter.

Die Kommunisten, die „Lenin-Fraktion“ innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russland, spielte in diesen Streiks eine bedeutende, wenn auch noch nicht die entscheidende Rolle. Die Jahre der konterrevolutionären Reaktion zwischen 1907 – 1912 mit Exil, Verfolgungen und Verbannung nach Sibirien hatten ihren Kaderstamm und ihr Vertrauen in die Kraft der Arbeiter und werktätigen Bauern nicht brechen können.

Unter Führung der Bolschewiki stand am 9. Januar 1917 der größte politische Streik in Petrograd seit der Revolution von 1905. Die Bolschewiki leiteten auch die Massenstreiks und –Demonstrationen am 14. Februar. Und am 18. Februar begann der größte Streik in einem der größten Petrograder Betrieb, den „Putilow-Werken. Die Armeeführung reagierte mit massiver Gewalt; sie setzte bewaffnete Einheiten ein und schloss das Werk. Neue Streiks gegen den Mangel an Brot und die zunehmende Teuerungswelle waren die Folge. Dabei waren die Warenpreise im Vergleich zu 1913 bereits auf 143 Prozent gestiegen und die Kaufkraft der Löhne um 43 Prozent gefallen. Schließlich gingen am 23. Februar (8. März nach der
gregorianischen Zeitrechnung), dem „Internationalen Frauentag“, auf Initiative der Bolschewiki die Arbeiterinnen aus Protest gegen Hunger und Krieg auf die Straßen.

Rolle der Sowjets- Phase der „Doppelherrschaft“

Am 25. Februar entwickelte sich daraus ein allgemeiner politischer Streik unter den Losungen „Nieder mit dem Zaren!“, „Nieder mit dem Krieg!“, „Brot!“.Es kam zu Massedesertationen der Frontsoldaten. Regimenter, die von der Regierung gegen die Streikenden eingesetzt wurden liefen jetzt auf die die Gegenseite über. Allein am Abend des 27. Februars schlossen sich 66.000 Soldaten der Revolution an. Gleichzeitig formierten sich wie bereits 1905 revolutionäre “Sowjets“ der Arbeiter, Bauern und Soldaten. Bis zum März 1917 entstanden in 393 Städten und Ortschaften Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. In 91 Städten schlossen sich sofort die Sowjets der Arbeiter und Soldaten zusammen. Im Verlauf des März vereinigten sich die Sowjets in weiteren 65 Städten.

Faktisch seit dem 27. Februar lag die Macht in den Händen des Petrograder Sowjets. Die Petrograder
führten eine Reihe revolutionärer Maßnahmen durch wie die Schaffung einer Arbeitermiliz und die Kontrolle über die Lebensmittelversorgung. Mit dem Militärbefehl Nr. 1 wurde angeordnet, dass alle militärischen Anordnungen der Billigung des zuständigen Sowjets bedurften. Noch aber hatten nicht die Bolschewiki und die mit ihnen verbündeten Parteilosen die Mehrheit in den Sowjets, die dominierenden Kräfte waren die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre. Lenin bezeichnete die Sowjets als „Keimzellen“ der künftigen proletarischen Staatsmacht, die an die Stelle der alten zaristischen, bzw. des neuen
bürgerlichen Staatsapparates treten müssten.

Das Ergebnis der Revolution war also zunächst eine noch unentschiedene Konstellation der Klassenkräfte in der es neben der formalen „Hauptregierung“ unter dem Fürsten Lwow und Co. eine „Nebenregierung“ in Gestalt des Petrograder Sowjets gab, die zwar über keine Organe der Staatsmacht verfügte, die sich aber auf die Mehrheit des Volkes und auf die bewaffneten Arbeiter und Bauern stützte. Diese spezifische Mächte- und Klassenkonstellation nannten die Bolschewiki die „Doppelherrschaft“. Der Verlauf der folgenden Monate bis zur siegreichen nächsten Etappe, deren Höhepunkt die Oktoberrevolution werden sollte, wurde durch den Kampf zwischen diesen beiden Machtzentren geprägt.

(Fortsetzung folgt)