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Daniel Berrigan SJIn seinem neuen Buch Ist Marxismus noch zeitgemäß? Erfahrungen, Analysen, Standpunkte“ (trafo Berlin 2016) erörtert der Marxist Herbert Hörz mit Sympathie und Zustimmung das Wirken des Friedenskämpfers und Jesuiten Daniel Berrigan SJ (1921-2016).

Berrigan SJ hat am 17. Mai 1968 an der Aktion der Neun von Catonsville teilgenommen. Bis dahin hat er, der im März 1965 mit Martin Luther King an der Friedensdemonstration von Selma nach Montgomery teilgenommen hat, nie eines der staatlichen Gesetze der USA übertreten. Aber der durch entsetzliche Bilder bekannt gewordene Völkermord in Indochina durch die USA und die Folterbilder von Vietcong-Gefangenen haben eine Gruppe von neun christlichen Friedenskämpfer veranlasst, über die moralische Empörung hinauszugehen und staatliche US-Gesetze im Interesse der Humanität zu übertreten. Sie drangen gemeinsam in das Rekrutierungsbüro des US-Militärs von Catonsville ein, griffen sich 378 Einberufungsakten und verbrannten diese mit selbst gefertigtem Napalm vor dem Gebäude. „Verzeiht, daß wir Personalakten statt Kinder verbrennen!“ – so Daniel Berrigan SJ. Dann warteten sie mit Gebeten auf ihre Verhaftung. Die neun von Catonsville wurden von der US-Justiz zu Haftstrafen verurteilt.

Am 9. September 1980 drang Daniel Berrigan SJ in Begleitung von sieben Friedensaktivisten der Pflugscharbewegung (Plowshares Eight) in eine Fabrik von General Electric für Atomwaffen im Südosten von Pennsylvania (King of Prussia) ein. Durch Hammerschläge machten sie dort zwei Nuklearsprengköpfe unbrauchbar. In der Fabrikshalle aufliegende Konstruktionszeichnungen haben sie mit Blut begossen. Wegen „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ wurden sie vom US-Justizapparat angeklagt und als „Gefährder“ der US-Nation zu Haftstrafen verurteilt.

Erich Fried hat bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung am 13./14. Dezember 1981 dem „Gefährder“ Daniel Berrigan SJ, der viele Aktionen für die nukleare Abrüstung initiiert und unermüdlich im Friedenskampf sich engagiert hat, das Gedicht gewidmet:

Die einfach Regel

Es gibt eine einfache Regel
in der gar nicht einfachen Welt
Sie gilt für Nord Süd Ost West
und sie gilt für heute und morgen:
Jede Rüstung für den Atomkrieg
ganz gleich wo
ist ein Schlag
gegen Freiheit und Menschenrechte
Und jeder Schlag
gegen Freiheit und Menschenrechte
ganz gleich wo
ist Rüstung für den Atomkrieg

Im Auftrag der führenden Repräsentanten der „Zivilisation des Reichtums“ werden vom jeweiligen Justizapparat deren Gefährder überwacht und verfolgt. Berrigan SJ hat über US-amerikanische Juristen geschrieben: „Der Beruf des Juristen ist einer von jenen Berufen, die in der weiten Welt des Menschen einfach gegen den Menschen handeln.[…] Diese [Rechts-] Schulen bringen Richter hervor, die Leute wie mich und meinen Bruder strafrechtlich verfolgen, anstatt jene zu belangen, die einen völkermordenden Krieg anzetteln“.

Daniel Berrigan SJ und sein priesterlicher Bruder Philip Berrigan waren „Gefährder“, weil sie gegen Kriegsrüstung und Krieg und für eine friedliche Welt und für die Armen aktiv eingetreten sind und nicht nur in Gemeinplätzen von der Förderung des allgemeinen Friedens oder von gemeinsamen Werten geredet haben. Deutschland entsendet weltweit seine Soldaten und rüstet, zumal gegen Osten, ebenso massiv wie aggressiv auf. Zu den Gefährdern Deutschlands und Europas gehören die katholischen Berrigans ebenso islamische Flüchtlinge, zumal wenn sie Kopftuch tragende Frauen sind, oder Kommunisten, in Deutschland seit 1956 ohnehin. Die deutsche kommunistische Partei, die von den Nazis tödlich verfolgt worden war, gefährdet das Kriegspotential der Bundesrepublik, auf deren Boden die kriegsführenden US-Truppen ihre Atombomben lagern.

Im deutschen Jesuitenorgan „Stimmen der Zeit“ wurde aus Anlass des Ablebens von Daniel Berrigan SJ meditiert, ob denn Jesuiten Aktivisten wie Berrigan SJ überhaupt sein dürfen. Die Antwort wird den Lesern in derselben Zeitschrift durch Bundestagspräsidenten Norbert Lammert mit seiner Laudatio auf das entgegen dem Völkerrecht Präventivkriege führende Deutschland angeboten. Die von der Pflugscharbewegung zumal in Deutschland in Erinnerung gebrachten angeblichen Weisungen von Jesaja und Micha, die Schwerter seien zu Pflugscharen umzuschmieden, wurden längst und definitiv abgelöst vom gegenteiligen Rat des Tempelpropheten Joel, es seien Pflugscharen zu Schwertern und Sicheln zu Spießen umzuschmieden.
Herbert Hörz resümiert in seinem Buch: „Der Streit um weltanschauliche Axiome und religiöse Glaubenssätze ist interessengeleitet. Doch wer sich dem Humanismus verpflichtet fühlt, wird abstrakte Differenzen zurückstellen, wenn es um den Einsatz für eine Weltkultur geht. Der Weg zu einer Assoziation freier Individuen mit sozialer Gerechtigkeit und ökologisch verträglichem Verhalten als humanistische Vision des Marxismus und des Christentums ist nicht versperrt. Dafür traten und treten die Befreiungs-Theologen, darunter die Brüder Berrigan und ihre Nachfolger, praktisch und theoretisch ein. Es geht um den gemeinsamen Kampf aller Humanisten für Frieden und Befreiung“.

 

Gerhard Oberkofler