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Ein Vortrag von Konrad Farner

farnerDer große Marxist Bertolt Brecht (1898-1956) meinte in finsteren Zeiten: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag“. Den Beginn des historischen Prozesses zur Befreiung von Abermillionen Menschen von Unterdrückung, Ausbeutung und Versklavung, von Ausgrenzung, Verdummung und Manipulation durch die skrupellose und kriegerische Gier einer kleinen reichen Eliteklasse mit ihren korrumpierten politischen und ideologischen Lakaien hat die Oktoberrevolution 1917 eingeleitet, auch wenn die Gegenwart von einem scheinbar unumkehrbaren Rückschlag gekennzeichnet ist.
Der im Auftrag der USA im November 1989 in El Salvador ermordete, marxistische denkende Befreiungstheologe Ignacio Ellacuría SJ (1930-1989) analysiert, dass die „Kreuzigungssituation“ der ungeheuren Menschheitsmehrheit einer sozialen Ordnung entspringt, „die von einer Minderheit gefördert und aufrechterhalten wird. Diese Minderheit übt ihre Herrschaft durch ein Ensemble von Faktoren aus, die als solches Ensemble und in ihrer konkreten historischen Wirklichkeit als Sünde betrachtet werden müssen“. Als revolutionärer Christ lässt Ellacuría es nicht mit einem barmherzigen Blick auf diese elendiglichen historischen Verhältnisse bewenden, denn die „Tatsache der Kreuzigung und des Todes allein ist keine Erlösung“. Nur die Volksmassen selbst könnten sich aus den Ketten befreien und „durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen“ ihren Beitrag bei der Schaffung des neuen Menschen und der neuen Erde leisten.
1957 hat der Zürcher Marxist Konrad Farner (1903-1974) in seinem Vortrag in der Partei der Arbeit der Schweiz das der Oktoberrevolution zugrunde liegende Prinzip der universalen Befreiung der Menschheit herausgearbeitet. Die Erinnerung und Kenntnis seines Textes möge der Vergiftung durch die in den Medien durch GefälligkeitshistorikerInnen für das herrschende System aufbereiteten Sinndeutungen entgegenwirken.

Gerhard Oberkofler

 

Konrad Farner spricht am 7. November 1957 auf einer Versammlung der Züricher Partei der Arbeit der Schweiz

Werte Freunde und Genossen!
Wir sind heute am 7. November 1957 zusammengekommen, um des vierzigsten Jahrestages der russischen Revolution vom Oktober-November 1917, die man in der Geschichtsschreibung als die „Grosse Sozialistische Oktober-Revolution“7 bezeichnet, zu gedenken. Und so erwartet Ihr von mir gewiss eine Art Festrede, oder eine kurze Schilderung des gewaltigen Ereignisses, oder einen knappen Abriss der Begebenheiten, die dieses historische Datum erfassen und umfassen. Ich muss Euch enttäuschen, weil dem nicht so sein wird; denn ich halte dafür, dass man dergleichen in diesen Tagen zur Genüge hören und lesen kann, Für und Wider, Richtiges und Falsches, Gescheites und Dummes. Und ich vermeine weiter, dass man anlässlich dieses Datums meist allzustark eben nur bei diesem Datum verbleibt, und dass man somit die universale Perspektive des Vorher und des Nachher einschränkt. Mit andern Worten: der menschheitsgeschichtliche Horizont rings um das Zentrum des Russischen Oktober wird kaum in seiner ganzen Weite betrachtet, weil die mögliche Höhe des Sichtpunktes zu wenig genutzt wird.
Wohl ist auch diese Revolution ein historisches Ereignis unter unzähligen andern Ereignissen, ist auch diese Revolution eine der grossen Revolutionen, die die Welt erschütterten – und es bedeutet nicht Willkür oder Überheblichkeit, wenn die sozialistischen Historiker sie als die „Grosse Russische Revolution“ betiteln, wobei die Pronomen eben gross geschrieben werden, gleich der „Grossen Französischen Revolution“ des 18. Jahrhunderts, die von den bürgerlichen Geschichtsschreibern auch so bezeichnet wird, gleich der Revolution [Oliver] Cromwell’s [(1599-1658)] im 17. Jahrhundert, die in England ebenfalls das schmückende Beiwort „Gross“ trägt – ein jeder Stand, eine jede Klasse, eine jede Nation ehrt die ihrige Sache mit einem Epitheton.
Ist jedoch die Grosse Englische Revolution als der politische Durchbruch des Bürgertums vorab ein Ereignis der britischen Inseln, ist die Grosse Französische Revolution des Jahres 1789 in der Hauptsache eine Begebenheit des europäischen Kontinents und ebenfalls ein Politikum der bürgerlich-kapitalistischen Klasse, so ist die Grosse Russische Revolution von 1917 weit mehr. Zwar ist auch sie die Revolution einer Klasse, der Arbeiterklasse, aber diese Klasse will nicht nur die eigene Klasse verwirklichen, sondern ihr Ziel ist, ihre eigene Klasse durch die Verwirklichung aufzuheben, um zuletzt eine Gesellschaft ohne Klassen aufzurichten. Und ebenfalls ist diese Revolution eine nationale, eben einer russische Revolution, aber sie will zugleich das Fanal zu einer Welt-Revolution, eine Revolution für alle Arbeiter und für alle Völker und für alle Kontinente sein. Noch mehr: Diese Grosse Sozialistische Oktober-Revolution ist nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ anderer Art, als all die vorherigen Revolutionen. Sie will nicht nur im Namen aller Völker und Nationen siegen, also im Namen der ganzen Welt, nicht nur im Namen der Arbeiterklasse, sondern sie will im Namen aller Menschen, der ganzen Menschheit sprechen.
[Und sie erfasst sie auch. Nicht nur, dass durch diese Revolution erstmals das Volk als Ganzes siegreich direkt zur politischen und sozialen Macht gelangt – das Volk ist hier eben mehr als nur das russische Volk oder die Völker der Sowjetunion, es ist auch das Volk Chinas oder Bulgariens, das Volk Vietnams oder der Mongolei … es ist das Volk der Welt. Aber nicht nur dies: der arbeitende Mensch als solcher arbeitet erstmals in seiner Geschichte für sich und zugleich für alle, ist also der Ausbeutung durch Arbeit ledig und ist zugleich aktiver Teilhaber der Arbeit im umfänglichsten gesellschaftlichen Sinne.]8
Vordem war das Volk in der Hauptsache Objekt der politischen Handlung, wenn auch wichtigstes Objekt, war es Mittel zum Zweck, indem es einer herrschenden Klasse diente, gleichgültig ob als Sklave oder Gefangener in der Antike, ob als Leibeigener und Höriger im Mittelalter, ob als Proletarier und Lohnarbeiter in der Neuzeit, gleichgültig ob als Stammesvolk unter dem Stammesfürsten, als Landesvolk unter dem Landesfürsten, ob als Wähler in der bürgerlichen Nation mit parlamentarischer Demokratie, die im Grunde nur ein Klassenregiment aufrecht hält, dasjenige der Bourgeoisie. Jetzt aber soll durch diese Oktober-Revolution erstmals das Volk als Gesamtheit nicht nur politisch-formal, sondern auch sozial-inhaltlich, also im direktesten Sinne des Wortes vollinhaltlich der Maßstab der gesellschaftlichen Werte werden. Vordem war die Arbeit des Menschen in der Hauptsache eine mehrwerterzeugende Leistung der Mehrheit zugunsten einer Minderheit; jetzt soll sie durch diese Oktober-Revolution erstmals eine mehrwerterzeugende Leistung aller für alle werden, und der Mehrwert wäre zuletzt nur noch direkter Wert.
Noch mehr: Vordem waren die wichtigsten Produktionsmittel im Besitz Weniger, die sie scheinbar im Interesse Aller handhabten, während das Interesse der Wenigen doch das Primat gegenüber dem Allgemeininteresse beanspruchte und auch besass. Jetzt soll dieses Interesse in jeglichem Ausmass allein das Interesse der Gemeinschaft werden. Vordem waren Grund und Boden in der Hauptsache Privateigentum, Objekt individuellen Gewinnstrebens. Jetzt soll nach dieser Oktober-Revolution erstmals seit der Frühzeit des Menschen das Privateigentum an Grund und Boden aufgehoben und dem individuellen Gewinnstreben, der privaten Macht und Willkür und Spekulation entzogen werden.
Noch mehr: Vordem waren Grenzen der Produktionskräfte durch die Interessen der sie besitzenden und dirigierenden, also der herrschenden Klassen gezogen, gleichgültig, ob es sich um die Ausweitung oder um die Einschränkung dieser Kräfte handelte. Jetzt sollen durch diese Oktober-Revolution alle Grenzen, die Privat- und Klasseninteressen gezogen, aufgehoben – ein angesichts der modernen Nuklear-Energie und der Raumfahrt immens wichtiger, wenn nicht der wichtigste Faktor für die künftig ungehinderte Entwicklung der Technik und der Wirtschaft.
So vereinigen sich in direktester Nachfolge der Grossen Russischen Revolution von 1917 wie noch nie in der bisherigen Menschheitsgeschichte die quantitativ weitgreifendsten und qualitativ tiefgreifendsten geschichtlichen und gesellschaftlichen Energien, um eben die Menschheitsgeschichte in einem Masse vorwärts zu treiben, wie sie die Geschichte noch nie erlebt. Erstmals werden alle Völker und Rassen über alle Bekenntnisse und Hautfarben hinaus ergriffen; erstmals werden alle Länder und Staaten über alle Gebirge und Meere hinweg erfasst, werden sie, ob ökonomisch und sozial und politisch fortgeschritten oder rückständig, in das gleiche Kraftfeld hineingestellt, gleichgültig, ob sie diese neue Zentralkraft anerkennen und selber erweitern, oder ob sie diese negieren und mit voll Energie bekämpfen, gleichgültig, ob sie von ihr wissen oder ob sie abseits zu stehen vermeinen. Dieses Kraftfeld überlagert nun unweigerlich die Kontinente, die ganze Welt, und es steht, seiner alles überlagernden Natur gemäss, im Mittelpunkt aller gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Gegenwart. Es erfasst das Weltproletariat als das heute treibende menschliche Element, es erfasst die fortgeschrittene Nuklear-Technik mitsamt der die bisherigen Raumgrenzen überwindenden Welt-Raketen, es erfasst die modernste Weltanschauung, die die Gesetze der Menschheitsentwicklung wissenschaftlich erkennen und sie planmässig im grössten Maßstab auf die Zukunft anwenden will.
Wahrlich, noch nie ist der Mensch in solcher Zahl, ist die Technik in solcher Potenz, ist die Weltbetrachtung in solcher Wissenschaftlichkeit, sind diese drei wichtigen Mächte in solch direktem Masse aufs engste vereinigt worden. – Und diese Vereinigung verwirklichte sich erstmals in der Grossen Sozialistischen Oktober-Revolution des Jahres 1917.
Das alles ist aber nur die eine Seite dieses gewaltigen, wirklich einmaligen geschichtlichen Phänomens, die sofort offensichtliche Seite, ich möchte sagen: die materielle, die physische Seite. Die andere Seite ist ebenso gewaltig, wenn nicht noch gewaltiger: die geistige, die psychische Seite. Mit andern Worten: erstmals seit dieser Russischen Revolution von 1917 wird das Wagnis unternommen, den Aufbau einer vollumfänglichen kommunistischen Gemeinschaft zu beginnen, einer Communio, die nicht nur kleine Gruppen oder Bezirke erfasst und verpflichtet, sondern einen Kontinent und dann die Kontinente. Erstmals wird das Wagnis im grossen Maßstab unternommen, den uralten Traum der Menschheit zu verwirklichen, den Traum von einer menschlichen Gesellschaft, die dem Einzelnen wie auch der Gemeinschaft in natürlicher Wechselwirkung die Ordnung und den Raum zuspricht, die innere und äussere Freiheit ermöglicht, sein Können zugunsten seiner selbst und zugleich aller freisetzt. – Ich sage ausdrücklich: es wird das Wagnis unternommen.
Aber nur schon der Beginn in solch riesigem Maßstab ist heroisch. Denn es ist der bewusste Beginn dessen, dass nur der Mensch selber es sein kann, der diese menschliche Gesellschaft ordnet. Es ist der bewusste Beginn dessen, dass nur der Mensch selber die menschliche Geschichte tätigt, dass nur der Mensch selber das Reich des Menschen als alles erfassende Communio aufrichtet. Es ist der bewusste Beginn dessen, dass der Mensch, der die Götter und Gott in historischer Notwendigkeit angenommen, diese oder diesen nun wieder in ebensolcher historischer Notwendigkeit verlieren wird – wie sagt doch Thomas Mann [(1875-1955)]: „Den Göttern opferte man, und zuletzt war das Opfer der Gott!“.9 Es ist der bewusste Beginn dessen, dass der Mensch durch eigene Kraft die ungeheuerliche Selbstentfremdung, die über ihn gekommen, aufheben kann, dass er also die ihm gegebene Menschlichkeit wieder finden wird. Es ist der bewusste Beginn dessen, dass das Pflücken des Apfels vom Baume der Erkenntnis nicht falsch, sondern richtig war, und dass erst noch das verlorene Paradies wieder betreten wird, ein Paradies allerdings, das nicht nur den einen, sondern unzählige Bäume der Erkenntnis zu eigen nennt.10 – Es ist der bewusste Beginn all dessen.
Es ist also Wagnis und bewusster Beginn zugleich. Zwar ist dieses Wagnis als solches nicht erstmalig, aber es ist neuartig. Es ist neuartig, weil es die gesamte Welt erfasst und den herkömmlichen Raum sogar erweitert, in physischer und in psychischer Hinsicht; neuartig auch, weil es allein mit eigener menschlicher Kraft unternommen wird. Nicht mehr die Götter oder ein Gott, die Geister oder ein Weltgeist werden angerufen, nein, der Mensch allein macht sich zum Titan, um die Welt zu ändern – jedoch nicht mehr mit urtümlicher, chaotischer Gewalt wie die Kinder des Uranos,11 sondern mit gebändigter, planmässig gelenkter und wissenschaftlich geleiteter Kraft.
Noch mehr: Wurde durch [Nikolaus] Kopernikus [(1473-1543)] die Erde aus dem Mittelpunkt der Welt gerissen, wurde durch [Karl] Marx [(1818-1883)] der Mensch aus dem Mittelpunkt Gottes gerissen, so wird jetzt durch die Oktober-Revolution und deren Nachfolge der Mensch wohl in den Mittelpunkt seiner selbst gestellt, zugleich aber dieser Mensch wiederum als nur die eine Möglichkeit unter unzähligen des Weltraumes gesichtet: die Welt-Rakete sprengt auch hier alle bisherigen Grenzen und die Stellung des Menschen ist von neuer Art: er ist in seiner Dialektik mehr denn vorher und zugleich weniger als je.
Noch mehr: Die uralte Heilsgeschichte, die Spekulation über eine mögliche Erlösung vom Übel, Drangsal und Not, die das gesamte Leben der Menschheit durchzieht und die grössten Denker angeregt und beschäftigt, von den Hymnen des altindischen Rigveda über den Tao der frühen Chinesen, von den Sternenreligionen und Totenkulten der Babylonier, Assyrer und Ägypter über die Philosophie der Griechen, über das Alte Testament der Juden und die christliche Botschaft bis hin zum Gottesstaat eine Augustinus [(354-430 u. Z.)] und der gewaltigen Prophetie eines Joachim de Fiore [(1135-1202)], bis hin zu [Georg Wilhelm Friedrich] Hegel [(1770-1831)], dem grossen deutschen Philosophen am Beginn der Moderne, von den Utopien eines Platon [(427-347 v. u. Z.] im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und der >Sonneninsel< des spätantiken Jambulos [3. Jhd. v. u. Z.] über die Utopien des Thomas Morus [(1478-1538)] und des Thomas Campanella [(1568-1639)] und über Francis Bacon [(1561-1626)] >Neue Atlantis< im 16. Jahrhundert bis hin zu den Utopien der Aufklärer im 18.Jahrhundert und der Frühsozialisten im 19. Jahrhundert, bis hin zu [Ètienne] Cabet’s [(1788-1856)] >Reise nach Ikarien<, diese uralte und fortwährend neu gesichtete Heilsgeschichte und dieser ewige Traum werden jetzt, nachdem sie durch Karl Marx kühn der Religion und der Metaphysik entkleidet und als >physikalische< Geschichte in das menschliche Dasein gestellt, durch die Grosse Oktober-Revolution von 1917 als gesamtmenschliche Geschichte konkret getätigt: das Heil ist weiterhin Geschichte, aber das Heilsgeschehen ist direkte menschliche Realität, abseits aller Götter und aller Himmel; der Traum ist jetzt Wach-Traum, dessen Verwirklichung bewusst gelebt wird. Das Paradies ist nicht jenseitiges, sondern diesseitiges Ziel, ist nicht göttlicher Herkunft und göttlicher Natur, sondern menschlicher Herkunft und menschlicher Natur; Utopia ist nicht mehr ferne, unerreichbare Insel, sondern bereits betretenes Festland. Die Erlösung von allem Übel ist nicht mehr Gebet, sondern Wissen, ist nicht mehr das Werk der Götter oder eines Gottes, sondern das Werk des Menschen. Nur des Menschen! Alle früheren Aufstände und Revolten, Empörungen und Revolutionen, die das Los der Unterdrückten und Ausgebeuteten bessern wollten, die paradiesische Zustände herbeisehnten, standen irgendwie und irgendwo unter dem Zeichen überirdischer Mächte: die Anhänger des Spartakus12 glaubten an heidnische Gottheiten, die ihnen helfen würden, die mittelalterlichen Bauern und Handwerkergesellen fehlten zur Mutter Maria13 und zu den Heiligen um Beistand, die Bürger Cromwells handelten im Namen Christi14 und wähnten sich unter seinem besonderen Schutz, die Franzosen des Jahres 1789 verehrten die >Göttin der Vernunft< als die eigentliche Regentin der menschlichen Gesellschaft … die Menschen der Oktober-Revolution aber glauben nur an sich selber und an das Weltproletariat. – Welch kühnes, heroisches Unterfangen! Welch gewaltiges, neuartiges Unternehmen! Welche Furchtlosigkeit! Aber eben auch: welch ein Wagnis!15 Denn alle vorherigen Versuche brachten keine Erlösung von dem Übel, sondern endeten in der meist grausamen Niederlage, in Resignation und Verzweiflung, oder sie endeten bloss mit dem Sieg einer Minderheit auf Kosten der Mehrheit; oder sie endeten in der Gewissheit, dass nur durch Gott in einem Jenseits das Paradies, das wirklich Gute und Gerechte erreicht werden könne, ja, dass zudem noch die Götter oder Gott nach dem Menschen unfasslichem Plan die Menschen weiterhin durch Leiden prüfen, dass also das menschliche Übel göttlicher Sicht entspringe und daher auch nur durch göttlichen Willen, durch göttliche Gnade aufgehoben werde. – Und jetzt, seit dem Oktober 1917 will man von vorneherein den Sieg aller, nicht mehr den Sieg nur einer Klasse, will man sich zudem noch selber erlösen, bar göttlicher Hilfe, will man somit die Wurzel des Übels als eine Wurzel im diesseitigen, menschlichen Erdreich blosslegen und sie dann ausrotten. Wahrlich, welch ein Wagnis!16 Denn sollte es sich erweisen, dass diese Wurzel in Tiefen greift, die der Mensch nicht erreichen kann, oder sollte es sich erweisen, dass die Axt in der Hand zu schwach ist und zerbrechlich, oder dass der Mensch vorzeitig ermüdet und die Kraft also nicht besitzt, dieses gigantische Werk zu Ende zu führen …, sollte sich das erweisen, dann hätte sich doch17 herausgestellt, dass der Mensch sich nicht selber zu erlösen vermag, dass er also ewig unzulänglich bleibt und auf göttliche Hilfe angewiesen, dass er immer dem Übel und der Not ausgesetzt sein wird. Aber noch eine andere Schwierigkeit zeigt sich vor uns, ein Hindernis, das täglich, ja stündlich neu überwunden werden muss:18 die Zweifel der Menschen selber. Sind die einen von vorneherein gegen dieses nur menschliche Unternehmen19 eingestellt, betrachten sie dieses als einen verbotenen Griff nach den Sternen, als eine widergöttliche Auflehnung, als eine Überhebung und Vermessenheit des Menschen, die demnach satanisch ist und unweigerlich im Höllensturz enden wird; so halten die andern dafür, dass möglichst keine Änderung vorgenommen werden soll, weil diese doch nutzlos sei und nur zu schon Dagewesenem führe als >Ewige Wiederkunft des Gleichen<; so sind die dritten dagegen, weil sie selber als privilegierte gesellschaftliche Minderheit schon beim blossen Versuch ihre Vorrechte zugunsten aller abgeben müssten.
Aber auch diejenigen, die das Wagnis bejahen und sich daran aktiv beteiligen, sind nicht ohne Torheit und Unsicherheit, und ebenfalls unter sich nicht einig: die einen wollen in ihrem Enthusiasmus die vollumfängliche Tat heute noch zu sichtbarem Ende führen und die Pforten des Paradieses sofort erstürmen; es sind diejenigen, die dann angesichts dieses schwerwiegenden Irrtums aus Ungeduld und aus Unkenntnis der menschlichen Welt wie auch der Geschichte der Resignation verfallen oder sogar der Gegnerschaft. Andere vermeinen, dass, um das Gute und Gerechte zu erreichen, das Böse und Ungerechte statthaft sei, dass also der Zweck die Mittel heilige – sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, dass dadurch das Böse nur gestärkt wird und das Gute in weitere Ferne gerückt oder sogar ad absurdum geführt. Die dritten nehmen an, dass alle diejenigen, die das Gute wollen und an diesem heroischen Versuch zugunsten des Guten aktiv beteiligt sind, schon allein dadurch gut seien, zumindestens besser als die anderen,20 und zu Schlechtem mehr oder weniger unfähig; sie verzweifeln dann angesichts des Umstandes, dass das Schlechte noch überall zuhause ist – sie gehen den Weg nicht mehr weiter oder verlassen ihn sogar. Noch andere wollen in ihrem Eifer die Heilstat ganz allein vollbringen, sie kapseln sich ab gegenüber der übrigen Welt, dünken sich erhaben und als ausgezeichnet, sie kennen als Sektierer und Puritaner nur ihren eigenen Horizont und verengen damit den Welthorizont, während es doch gilt, die Welt als Ganzes zu erfassen; sie gefährden damit die Veränderung der Welt, indem sie diese in falschem, eben zu kleinem Maßstab betrachten. Wieder andere gelangen aus lauter Gegnerschaft zur Ausschliesslichkeit und Starrheit geradezu in eine horizontlose Nebellandschaft hinein, in der sie sich dann nicht mehr zu orientieren vermögen und im fahlen Zwielicht jegliche Sache als gleichwertigen Wegweiser betrachten – sie laufen hin und her und nicht vorwärts, weil sie die Zielrichtung verloren.
Ja, die Schwierigkeit dieses Unternehmens ist unabsehbar gross und die Gefahren und Hindernisse sind zahlreich. Und so ist unumgänglich festzuhalten, dass nur die stark verankerte Einsicht in all diese Schwierigkeiten, das Wissen um all diese Hindernisse den Beginn zu rechtfertigen, das Wagnis zu sichern vermögen.21 Es ist die Einsicht dessen, dass der Mensch erst am Beginn dieses titanischen Unternehmens steht, dass er das Ziel nicht schon morgen und auch noch nicht übermorgen vollumfänglich erreicht und nicht allein durch kleinen Kreis, dass weiter das Böse noch überall das Szepter trägt, auch in den eigenen Reihen und oft bei den Besten der Genossen, dass weiter der Weg, obschon er durch dunkle steile Engpässe führt, über schründenreiche eisige Gletscher, an ungeheuerlichen Abgründen entlang, durch Gestrüpp und Dschungel mit Untier und Gezücht, dass dieser Weg gleichwohl begangen werden kann, ja, begangen werden muss. – Aller Beginn ist schwer, aber noch nie in der Menschheitsgeschichte war und ist der Beginn derart schwer, eben weil es der grösste Beginn überhaupt ist.
Werte Freunde und Genossen!
Wir befinden uns heute inmitten dieses Beginnes. Erst vierzig Jahre sind verflossen, seit dieser Beginn angefangen, vierzig Jahre! Weltgeschichtlich betrachtet, eine unendlich kurze Zeitspanne, persönlich gesichtet, eine ganze Generation, mehr als die Hälfte eines Menschenlebens. In diesen vierzig Jahren ist, wiederum, was die Entwicklung der Menschheit seit Anfang betrifft, noch wenig geschehen, was jedoch die Menschheit von heute belangt, unendlich viel. So müssen wir stets beide Sichten zu vereinen wissen, denn erste diese Doppelsicht gibt uns auch die Gewissheit, dass dieser Versuch des Menschen, den Menschen wirklich zum Menschen zu machen, auf sich selbst zu stellen und so frei zu stellen, die gegenwärtige und die gesamtgeschichtliche Wahrheit besitzt.
Wir, die wir hier zusammengekommen sind, um des Anfangs dieses grossen Beginnens zu gedenken, bezeichnen uns als aktive Teilnehmer an der Erbauung der menschlichen Communio, also als Kommunisten. Wir befinden uns hier noch in kleiner22 Minderheit, wir werden verleumdet und verfolgt; aber wir befinden uns gleichzeitig in grosser Mehrheit und werden geachtet und verteidigt, eben, weil wir auf der ganzen Welt, bei allen Völkern und Rassen, in allen Ländern und Staaten Freunde haben. Diese Freunde und wir wissen, dass die Menschheitsgeschichte bis zum Jahre 1917 unserer Zeitrechnung die Richtung auf die Oktober-Revolution hin genommen und von dort weg neu ihren Lauf begonnen: der Russische Oktober 1917 steht für uns23 im Mittelpunkt der Menschheit wie kaum ein anderes Ereignis in der bisherigen Weltgeschichte, zeitlich und geographisch, politisch und sozial, ökonomisch und kulturell. Er ist also das historische Ereignis der schlechthin, denn bis zu ihm war alles ungefähre Vorgeschichte, von ihm weg wird alles bewusste Vorgeschichte, um dann in die eigentliche Geschichte einzumünden – Geschichte verstanden als vom Menschengeschlecht vollumfänglich bewusst getätigte Gestaltung des menschlichen Lebens. Solchermassen findet sich der Oktober 1917 in der Menschheitsgeschichte, werte Freunde und Genossen.

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