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6. April 2017

SDAJ

Von prekären Arbeitssituationen junger Frauen und täglichem Seximsus im Jahr 2017

Arbeiten im klassischen Frauenberuf oder als Frau auf dem Bau. Zwei Beispiele zeigen, was es konkret bedeutet, mit reaktionären Frauenbildern während der Ausbildung konfrontiert zu sein.

Mandy wohnt in Rostock-Lichtenhagen im Sonnenblumenhaus mit drei Kindern von zwei verschiedenen Männern und arbeitet wie ich im Schichtdienst. „Ihr Kerl“, wie sie sagt, ist mitten in der Prüfungszeit abgehauen, weil er findet sie nehme seine Bedürfnisse nicht ernst genug. „Aber mal ehrlich“, schiebt sie in der ruhigen Art, die ich gleichzeitig schätze und verfluche, nach „Was erwartet der denn? Mit dem Haushalt, der Ausbildung und den Kindern, klar ist das stressig, aber doch nicht meine Schuld, oder?“. Unsere Ausbildung zur examinierten Pflegefachkraft haben wir beide auf der gleichen Station eines Altenheimes geschafft. Jetzt sitzen wir uns gegenüber und reden von gemeinsamen Zeiten.
„Weißt du noch“, fragt Mandy, „damals die Sache mit dem Putzen?“. Ich nicke. Es war einer dieser ganz wenigen Tage, an denen wir mal wirklich gut besetzt waren auf Station. Promt überlegte die Schichtleiterin laut, womit man uns Auszubildende wohl beschäftigen könnte. Die Wahl fiel auf:„Fensterputzen. Und wenn ihr schon die Lappen in der Hand habt: die Bilderrahmen in den Gängen könnt ihr auch gleich abstauben“. Als wir protestierten, wurden wir von den Kolleginnen belehrt: „Nun stellt euch nicht so an. Bei einer Ausbildung geht es schließlich auch darum, dass man was für‘s spätere Leben und seine Aufgaben zuhause lernt“.

Traditionelles Rollenbild
Pflegefachkraft ist nachwievor ein klassischer Frauenberuf. So dominierend weibliches Personal auf den Stationen ist, so selten finden sich Frauen in den höheren Positionen der Heim- und Klinikleitungen, dort, wo tatsächlich Geld verdient wird. In den ambulanten Pflegediensten dagegen gibt es Kolleginnen, die nach einer 40-Stunden-Woche mit 800 Euro nach Hause gehen. Eine Mitschülerin in der Berufsschule bekam nur 230 Euro, wovon noch einmal 160 Euro Schulgeld abgingen. Sie hat die Ausbildung nicht beendet, sondern aufgehört, sobald sie mit einem Bundeswehrsoldaten vom Stützpunkt Rostock-Laage liiert war. Zwei Mädchen aus meiner Klasse wurden nicht zur Abschlussprüfung zugelassen, weil sie zwischenzeitlich schwanger wurden.
Es gibt gleich mehrere Frauenbilder, die derartige Verhältnisse stützen und begünstigen. Das reicht vom altgedienten Klischee-Bild der sich kümmernden, aufopfernden, die eigenen Bedürfnisse zurückstellenden Krankenschwester bis hin zur klassischen Doppelbelastung von Familie und Beruf, für deren Bewältigung die Frauen individuell in die Pflicht genommen werden. Im theoretischen Ausbildungsplan für Pflegekräfte gibt es mehrere Unterrichtseinheiten zum Thema, wie Pflegeberufe in der Gesellschaft aufgewertet werden könnten. Nur die Frage nach dem Verdienst wird nicht gestellt.

Notwendige Gegenwehr
Wie wichtig und richtig es dagegen ist, auch im sozialen Bereich und in klassischen Frauenberufen, diese Ungerechtigkeiten und Probleme zu thematisieren und dagegen anzukämpfen haben die (Streik-)Auseinandersetzungen der letzten Jahre im Sozial- und Erziehungsbereich, an der Berliner Charité, aber auch darüber hinaus gezeigt. Endlich wurde das altbekannte Muster durchbrochen, das besagte, im sozialen Bereich könne aus Rücksicht auf die Kinder, die Patienten oder die Alten nicht gestreikt werden. Der Spieß wurde umgedreht, und daraus die Logik der Beschäftigten gemacht: „Besser für uns ist besser für Alle!“.
Als Mandy mich zum Abschied fragt, was ich außer arbeiten sonst so mache, erzähle ich ihr von den Vorbereitungen für die DGB-Berufsschultour im Norden. Zum ersten Mal überhaupt steht dieses Jahr die größte Berufsfachschule für Sozial-und Pflegeberufe in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Tourplan. So erschreckend präsent reaktionäre Frauenbilder in vielen sozialen Berufen auch sind, so lohnenswert ist es dagegen anzugehen. Der erste und wichtigste Schritt ist dabei der Kampf um mehr Verdienst und bessere Arbeitsbedingungen. Dass die uns nicht geschenkt, sondern nur gemeinsam von allen, weiblichen und männlichen KollegInnen zusammen, erkämpft werden können, muss in möglichst vielen Köpfen hängen bleiben, wenn sich was verändern soll.

Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION #1/17. Du kannst sie ab 10€ jährlich abonieren. Schreib uns einfach an position@sdaj-netz.de

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Kein Lohn und „Schön kuschelig“
Doch nicht nur im sozialen Bereich haben Beschäftigte mit dem Einfluss reaktionärer Rollenbilder zu kämpfen. Das es immer auch noch schlimmer geht wird mir einige Tage später bei einem Telefonat mit meiner Freundin Mareike klar. Sie ist Tischlerin und 24 Jahre alt. Gewerkschaftsmitglied ist sie seit dem ersten Ausbildungsjahr, als es zu einer Auseinandersetzung in ihrem Ausbildungsbetrieb kam. Dort hat sie wegen nicht bezahltem Lohn und sexueller Belästigung gekündigt. Bemerkungen darüber, wie schön sie mit dem Arsch wackelt hat sie noch überhört, als ihr Chef begann sie mit der Bemerkung „schön kuschelig“ anzufassen, ist sie gegangen. Weil ihr Chef auf stur geschalten hat und ein Wechsel des Ausbildungsbetriebs einvernehmlich sein muss, war erst nicht klar, ob sie überhaupt weitermachen kann. Doch schließlich kam sie in einen neuen Betrieb. Auch dort zahlt der Chef den Lohn oft verspätet, wenn überhaupt.
Am Telefon erzählt sie. „Ich wünsche mir echt mal genug Geld für eine ordentliche Winterarbeitsjacke! Heute morgen, als der Bus gehalten hat und ich aussteigen musste, wär ich viel lieber sitzen geblieben. Es war arschkalt. Das mit dem Geld ist echt ein Problem, zurzeit überweist der Chef nix. Ein Kollege hat heute gesagt: ‚Ich verstehe gar nicht wie du das machst mit dem bisschen Geld, was du als Lehrling kriegst. Und wenn du nicht mal dat kriegst…‘. Ehrlich gesagt versteh ich es auch nicht. Meine Hauptmieterin will mich rausschmeißen, wenn ich ihr die Kohle am Wochenende nicht gebe“.

Zusammen stehen
Das fehlende Geld ist die eine Sache, die Sprüche, die ihren Arbeitsalltag begleiten noch eine andere. „Hey Blondie“, „blond und süß“, „Zeig mal, ob du mit Latten umgehen kannst“, „ Der Maler meint, du wärst ne geile Sau“ – das heißt es, als Frau auf dem Bau zu arbeiten. Es ist schwierig, dabei das richtige Maß an Arbeitsleistung zu finden. Zu wenig, und man bestätigt das Klischee der schwachen, unfähigen Frau; zu viel, und man wird als unliebsame Konkurrenz wahrgenommen.
Ich muss bitter lächeln, als wir zum Schluss darauf zu sprechen kommen, mit welchen Sprüchen Mareike all das kontert, vor allem aber, als sie erzählt wie es war, als ihr Altgeselle sie das erste mal mit zum Gewerkschaftstreffen begleitet hat. „Und man hat richtig gemerkt, wie es in seinem Kopf rattert“, erzählt sie mit einer eigenartigen Mischung aus Resignation und Überraschung. „Vielleicht nützt es ja was. Immerhin standen wir später alle zusammen vor dem Chef und der Altgeselle hat gesagt: „Wir wollen unser Geld.“

Am Ende steht die Erkenntnis: Ob Pflegebranche oder Handwerk: Frauen haben es vor dem Hintergrund ohnehin prekärer, kapitalistischer Arbeits- und Ausbildungsverhältnisse oft zusätzlich schwer. Reaktionäre Rollenbilder spalten und verschlimmern die Situation, letztendlich für Alle. Doch wenn es gelingt, gemeinsam für eine Verbesserung einzutreten, lassen sich diese Zuständen verändern. Nicht nur für Frauen, sondern für Alle.

Tatjana, Rostock

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