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Aus „UZ“, 12. August 1977, via RotFuchs, Heft April 2017

Robert Steigerwald (1925–2016)

Einer der größten deutschen Dichter, Bertolt Brecht, schrieb, der Kommunismus sei das Einfache, das schwer zu machen ist. Recht hatte er. Was wäre denn einfacher, weil menschlicher, als eine solche Ordnung menschlichen Zusammenlebens, in der es keine Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen, kein „oben“ und „unten“, keine Klassen und keinen Krieg mehr gäbe? Eine Ordnung, in der alle Menschen frei und gleichberechtigt sind, allseitig ausgebildet, in der alle Fähigkeiten entwickelt werden, geistig und körperlich zu arbeiten. Eine Ordnung, in der alle arbeiten, aber in der die Arbeit nicht mehr eine Qual ist, deren Früchte sich andere aneignen. Eine Ordnung, in der die Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums so reichlich sprudeln, daß die Gesellschaft nach dem Grundsatz verteilen kann: Jeder nach seinen Bedürfnissen!

Hohngelächter von rechts? „Ihr Utopisten!“, sagen die weniger bornierten Rechten und auch mancher Linke. „Wie denn, wenn einer das Bedürfnis hat, jeden Tag ein Auto kaputtzufahren – soll er das im Kommunismus dürfen?“ „Natürlich nicht!“ „Also stimmt das mit dem ,Jeder nach seinen Bedürfnissen‘ nicht! Ihr müßtet zuvor die Menschen umkrempeln, ganz anders machen. Euer Kommunismus ist bestenfalls ein schöner Traum, aber er scheitert an der menschlichen Natur.“

Seufzen von Skeptikern: „Denn die Menschen, die sind nicht so!“ Bedauerndes Schulterklopfen, so, als ob man am liebsten sagen würde: „Eigentlich seid ihr Narren, wenn ihr an die Möglichkeit des Kommunismus glaubt.“

Oder der Einwand lautet: „Ihr müßtet doch die Menschen zu ihrem Glück zwingen! Außerdem: Die Energie, die Rohstoffe, ihr wißt schon, was gemeint ist, reichen nicht aus. Die Bedürfnisse müssen ihre Grenze haben, auch das Wachstum der Produktion. Ihr könntet bestenfalls den Mangel gleichmäßig verteilen. Dazu ist ein starker Staat nötig. Essig ist’s mit eurem Kommunismus ohne Staat! Ein Kasernenhofkommunismus mag möglich sein, aber zu dem sage ich danke!“

Und wieder ein anderer meldet sich zu Wort: „Freiwillige Arbeit aller? Daß ich nicht lache: Wer die Arbeit kennt, und sich nicht drückt, der ist verrückt“, worauf er uns mitleidig lächelnd stehen läßt.

Ich denke, ich war großzügig genug mit der Darstellung der Gegenmeinung. Also dürfen wir nun auch unsere Ansicht darlegen.

Klar ist: Mit dem heutigen Menschen – da stimmen wir unseren Kritikern sofort zu –, der in einer jahrtausendelangen „Schule“ der Ausbeutung und Unterdrückung, der Kriege, der Moral des „Hast du was, dann bist du was, hast du nix, dann bist du nix!“, „Klein, aber mein!“, „Kumpanei ist Lumperei!“ erzogen wurde, der auf Schritt und Tritt erfährt, daß der schlimmste Wolf des Menschen eben nicht der Wolf, sondern der Mensch ist, oder der immer wieder verspürt, daß die Radfahrereinstellung nötig ist – also mit diesem Menschen ist kein Kommunismus möglich.

Klar ist auch, daß „der Mensch“ nicht davon besser wird, daß man ihm das alles vorhält. Denn „der Mensch“ ist nicht unmenschlich, weil er es sein will, sondern weil es in der Welt, wie sie heute eingerichtet ist, gar nicht anders sein kann.

Halt! So stimmt’s schon nicht mehr. Denn „der Mensch“ ist auch anders. Ich will jetzt nicht reden von der Mutter und dem Vater, die für den Schutz ihrer Kinder Opfer, bis zum Opfer des Lebens, auf sich nehmen. Aber wie steht es um den gefangenen, antifaschistischen oder vietnamesischen Freiheitskämpfer, der – trotz furchtbarster Folter – Sache und Genossen nicht verrät? Wie steht es um die Solidarität der arbeitenden Menschen etwa im Streik?

Nein, der Mensch ist nicht einfach „so“, er ist auch anders. Er kann, wenn eine große, zukunftsweisende Idee, wie der Sozialismus, ihn beseelt, die menschliche Verkrüppelung überwinden, welche die Klassengesellschaft ihm aufzwingt. Wie kann dieser Mensch erst sein, wenn es eben diese verkrüppelnde Klassengesellschaft nicht mehr gibt?

Also nicht um „den Menschen“ geht es in der Hauptsache, sondern darum, die Bedingungen menschlich zu gestalten, unter denen wir leben.

Es ist keinesfalls so, daß der Marxismus sich mit solchen allgemeinen Überlegungen begnügt. Es gab eine sehr weit zurückliegende Zeit, da brachte die Arbeitskraft des Menschen bestenfalls das hervor, was zur täglichen Fristung des Lebens nötig war. Damals konnte keiner den anderen ausbeuten: der andere erzeugte keinen Überschuß. Die Menschen lernten aber, besser zu arbeiten, erzeugten schließlich mehr, als zur unmittelbaren Lebenserhaltung nötig war. Alsbald begann der Kampf um die Aneignung dieses Überschusses, Das Ergebnis war die Herausbildung von besitzenden, ausbeutenden und nichtbesitzenden, ausgebeuteten Klassen. Die besitzenden Klassen setzten einen Teil des angeeigneten Überschusses ein, um damit bewaffnete Organe zur Niederhaltung der Ausgebeuteten zu schaffen. Dieser „Knüppel“ war der Staat.

Es ist aber möglich geworden, diese barbarische Ordnung – in der die Besitzenden, wie es Marx einmal sagte, ihren Nektar aus den Schädeln Erschlagener saugen – zu beseitigen. Die Produktivität der menschlichen Arbeit kann, in Verbindung mit dem modernen Industriesystem, so entwickelt werden, daß genug gesellschaftlicher Reichtum für die Befriedigung der Bedürfnisse aller in greifbare Nähe rückt.

Was ist dazu nötig?

Nötig ist:

  • daß sich die arbeitenden Menschen in Stadt und Land zusammentun,
  • daß sie im gemeinsamen Handeln stärker werden als ihre Ausbeuter und Unterdrücker,
  • daß sie denen die Macht nehmen, um mittels der eigenen Arbeitermacht die Brot- und Lebensquellen (Grund und Boden, Fabriken), kurz: die Produktionsmittel, von denen das Leben des Volkes abhängt, aus privatem in Volkseigentum überführen,
  • daß sie die so entstehende sozialistische Wirtschaft zur immer besseren Befriedigung der wachsenden Bedürfnisse des Volkes einsetzen.

Das ist aber erst der Anfang. Ein unerhört wichtiger Anfang. Das Recht auf Arbeit, auf Ausbildung aller Talente wird gesichert, der Boden für eine Ordnung allseitiger zwischenmenschlicher Solidarität freigelegt. Die Voraussetzungen dafür werden so durch das Handeln der arbeitenden Menschen selbst geschaffen, um die überkommene moralische und geistige Verkrüppelung zu überwinden. So befreit sich das arbeitende Volk selbst. Es macht die Erfahrung, daß es für sich selbst arbeitet und bereitet damit einer anderen Einstellung zur Arbeit den Weg. Durch Schule und Berufsausbildung (praktischer und theoretischer Art) wird eine neue Arbeiterpersönlichkeit herausgebildet, die in sich die Fähigkeiten des Hand- und Kopfarbeiters entwickelt. Zugleich werden die gesellschaftlichen Gegenkräfte, die ehemaligen Ausbeuter und Unterdrücker aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängt.

Natürlich dauert das alles viele Jahre. Aber die Vereinigung der hier skizzierten Vorgänge bewirkt:

  • daß die verschiedenen Teile des arbeitenden Volkes: Arbeiter, Bauern, Handwerker, Intellektuelle, sozial gesehen einander immer ähnlicher werden,
  • daß also mit dem Verschwinden der Ausbeuterordnung die immer größere „Vereinheitlichung“ der ehemaligen unteren Millionen einhergeht: der Zeitpunkt rückt heran, da es keine Klassen mehr gibt.

Das geht Hand in Hand mit einer gewaltigen Steigerung der Produktivität der Arbeit. Die arbeitenden Menschen sind auch die gebildeten Menschen, die – ohne Ausbeuter – alles, was sie selbst – mit den gewaltigen neuen Produktivkräften – erzeugen, auch selbst aneignen. Je produktiver sie arbeiten, desto besser leben sie, desto mehr können sie in der arbeitsfreien Zeit anfangen, desto mehr auch können sie die Arbeitszeit verringern.

Es lohnt sich sehr, darüber mehr nachzudenken, denn so verläuft der Prozess der Annäherung der befreiten Menschheit an die Bedingungen des Kommunismus.