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Kommunistische Arbeiterzeitung, Nr. 357

Wie kann es kom­men, dass der nach 1945 so star­ke US-Im­pe­ria­lis­mus sich heu­te ei­ner deut­schen Ar­mee ge­genüber­sieht, die an­strebt, ihm „auf Au­genhöhe“ ge­genüber zu tre­ten mit ei­ner von Deutsch­land do­mi­nier­ten EU-Ar­mee? Be­reits nach dem 1. Welt­krieg war es nicht ge­lun­gen, den ge­schla­ge­nen im­pe­ria­lis­ti­schen Kon­kur­ren­ten nie­der zu hal­ten. Um zu ver­ste­hen, wie es kam, dass der deut­sche Im­pe­ria­lis­mus nicht nur wirt­schaft­lich, son­dern auch mi­litärisch wie­der hoch­kam, ist es nütz­lich, sich mit den Ursprüngen der west­deut­schen Re­mi­li­ta­ri­sie­rung zu beschäfti­gen. Wer die Ent­wick­lung des Huhns ver­ste­hen will, soll­te das Ei be­grei­fen.

Das deut­sche Mo­no­pol­ka­pi­tal wur­de 1945 nicht zer­schla­gen, weil die deut­schen Kon­zern­her­ren schon vor Ende des Kriegs be­grif­fen hat­ten, dass der Haupt­feind der Herr­scher der mäch­ti­gen USA die So­wjet­uni­on sein würde. Als ge­schla­ge­ner im­pe­ria­lis­ti­scher Kon­kur­rent würde man sich dem US-Im­pe­ria­lis­mus ge­gen die sieg­rei­che So­wjet­uni­on an­die­nen. Zunächst bo­ten sie 1944 die deut­schen Sol­da­ten als Ka­no­nen­fut­ter ge­gen die Rote Ar­mee an, um ei­nen Se­pa­rat­frie­den im Wes­ten zu er­rei­chen.

Auf mi­litäri­scher Sei­te steht dafür die Ein­sicht der Ge­neräle Heu­sin­ger und Geh­len, zuständig für die ope­ra­ti­ve Pla­nung des Kriegs ge­gen die So­wjet­uni­on, dass auch mit Ein­satz al­ler Re­ser­ven durch ex­tre­me Aus­beu­tung Deutsch­lands und der be­setz­ten Länder und größter Grau­sam­keit ge­gen die Völker die­ser Krieg nicht zu ge­win­nen war.

Adolf Heu­sin­ger, seit 1937 in der Ope­ra­ti­ons­ab­tei­lung des Ge­ne­ral­sta­bes, die mit der stra­te­gi­schen und ope­ra­ti­ven Führung der Hee­res­verbände be­fasst war, wur­de im Ok­to­ber 1940 de­ren Chef. Gleich­zei­tig wur­de Rein­hard Geh­len, der I. Ad­ju­tant von Ge­ne­ral­stabs­chef Franz Hal­der, dort Lei­ter der Grup­pe Ost, um mit Heu­sin­ger die kon­kre­ten An­griff­spläne ge­gen die So­wjet­uni­on aus­zu­ar­bei­ten. Im Juni 1941 wur­de die SU über­fal­len. Nach­dem sich der Krieg in der SU im Win­ter 1941/​42 an­ders ent­wi­ckel­te als im deut­schen Ge­ne­ral­stab er­war­tet, nicht zu­letzt durch den Par­ti­sa­nen­kampf, über­nahm Geh­len im Mai 1942 im Ge­ne­ral­stab die Ab­tei­lung „Frem­de Hee­re Ost“, die Spio­na­ge ge­gen die SU. Heu­sin­ger als Lei­ter der Ope­ra­ti­ons­ab­tei­lung wur­de zum Ko­or­di­na­tor der Par­ti­sa­nen­bekämp­fung er­nannt und ließ „Richt­li­ni­en für Ban­den­bekämp­fung“ aus­ar­bei­ten. Hit­lers „Wei­sung Nr. 46 für die Kriegführung“ vom 18. Au­gust 1942 erklärte die Bekämp­fung des „Ban­de­n­un­we­sens“ zur vor­dring­li­chen Auf­ga­be und über­trug de­ren Durchführung in Ko­ope­ra­ti­on mit der Hee­res­lei­tung dem Chef der SS-„Ban­den­kampf­verbände“, Erich von dem Bach-Ze­lew­ski. Heu­sin­gers ope­ra­ti­ve Pla­nung und Bach-Ze­lew­skis SS-Ban­den­kampf­verbände stütz­ten sich da­bei auf die Er­kennt­nis­se Geh­lens, der wie­der­um mit dem SS-Nach­rich­ten­dienst ko­ope­rier­te. Da­bei wur­den gan­ze „ban­di­ten­ver­seuch­te“ Ge­bie­te ein­ge­kes­selt und Orte, die als „ban­denhörig“ gal­ten oder mit der Zwangs­ab­lie­fe­rung land­wirt­schaft­li­cher Güter an die deut­schen Ok­ku­pan­ten im Rück­stand wa­ren, in Lis­ten er­fasst. Dann folg­te die „Durchkämmung“: Die Häuser wur­den zerstört und die Ein­woh­ner zum großen Teil er­mor­det.[1] Heu­sin­gers „Richt­li­ni­en“ zum Völker­mord gal­ten in al­len be­setz­ten Ländern. Bei­spiel Frank­reich: Bach-Ze­lew­skis SS-Stabs­chef Heinz Lam­mer­ding, ver­ant­wort­lich für die Ver­nich­tung unzähli­ger Dörfer und Städte der So­wjet­uni­on, wur­de von ei­nem französi­schen Ge­richt in Ab­we­sen­heit zum Tod ver­ur­teilt (aber von der Bun­des­re­gie­rung nicht an Frank­reich aus­ge­lie­fert) als di­rek­ter Haupt­ver­ant­wort­li­cher für die Mas­sa­ker in Tul­le und Ora­dour-sur-Gla­ne, die 1944 nach den Heu­sin­ger-Richt­li­ni­en verübt wur­den als Re­pres­sa­lie ge­gen die französi­schen Par­ti­sa­nen des Li­mou­sin.

In Tul­le nahm sich Lam­mer­ding die Zeit zu ei­nem Re­pres­si­ons­spek­ta­kel: Er lässt sei­nen SS-Di­vi­si­ons­rich­ter aus­drück­lich auf Grund­la­ge des Be­fehls zur „Ban­den­bekämp­fung“ nach Heu­sin­gers „Richt­li­ni­en“ die Männer ver­ur­tei­len, die aus 3.000 von der SS Zu­sam­men­ge­fan­ge­nen aus­gewählt wer­den und öffent­lich gehängt wer­den.

Geh­len plan­te 1944 schon für die Zeit nach dem Krieg. Er wuss­te: „Die Westmächte wer­den sich ge­gen den Verbünde­ten Russ­land wen­den. Da­bei wer­den sie mich … im Kampf ge­gen eine kom­mu­nis­ti­sche Ex­pan­si­on benöti­gen …“.

In der Tat war das An­ge­bot an die Westmächte, deut­sche Sol­da­ten zum Auf­rei­ben der Ro­ten Ar­mee zu ver­wen­den, bei Chur­chill nicht auf tau­be Oh­ren ges­toßen. Vorläufig hat­te sich aber die Li­nie Roo­se­velts, von des­sen Kre­di­ten Chur­chill abhängig war, durch­ge­setzt: Vollständi­ges Nie­der­rin­gen und Ent­mach­tung der deut­schen Fa­schis­ten, was auch Sta­lins Li­nie war.[2]

Den­noch setz­ten die US-Mi­litärs ihre „Ope­ra­ti­on Over­cast“ in Be­we­gung, um Rüstungs­tech­no­lo­gie, Hard­ware wie Per­so­nal, in ihre Ob­hut zu brin­gen. Geh­len, gut in­for­miert, hat­te sich und sei­ne Fol­ter­knech­te aus Mi­litär, Ge­sta­po und SS als Spe­zia­lis­ten für Kriegsführung ge­gen die Rote Ar­mee er­folg­reich an­ge­bo­ten und be­son­ders auch auf Heu­sin­ger, den Ver­fas­ser der Par­ti­sa­nen­bekämp­fungs-Richt­li­ni­en hin­ge­wie­sen. Ins­ge­samt wur­den über Tau­send führen­der Mi­litär- und Rüstungs­na­zis un­mit­tel­bar 1945 für die USA in der Pla­nung ge­gen die SU ein­ge­setzt, auch SS-Bach-Ze­lew­ski. Es ging dar­um „den Kampf ge­gen den Bol­sche­wis­mus fort­zu­set­zen“, wie der Nazi-Ge­ne­ral­stabs­chef Franz Hal­der, der sei­nen 1. Ad­ju­tan­ten Geh­len zur Pla­nung des Kriegs ge­gen die So­wjet­uni­on zu Heu­sin­ger ge­schickt hat­te, sei­ne Ar­beit für die US-Army kom­men­tier­te. Als in den USA Be­den­ken we­gen der of­fi­zi­el­len Ent­na­zi­fi­zie­rung auf­ka­men, schritt US-Ober­be­fehls­ha­ber Ei­senhow­er persönlich ein. Das Na­zi­pack in­klu­si­ve Atom- und Ra­ke­ten­for­schern wie Wern­her von Braun wur­de in der „Ope­ra­ti­on Pa­per­clip“ in die USA ge­bracht.

Geh­len und sei­ne ver­bre­che­ri­sche Or­ga­ni­sa­ti­on wur­den in die US-Army über­nom­men. Heu­sin­ger er­ar­bei­te­te, zunächst un­ter dem Deck­man­tel der Or­ga­ni­sa­ti­on Geh­len, ei­nen Plan zur Wie­der­be­waff­nung des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus, der un­ter ame­ri­ka­ni­scher Auf­sicht in West­deutsch­land über­leb­te. Ei­ner der bes­ten Ken­ner der Ent­wick­lung des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus, Jürgen Kuc­zyn­ski, fasst zu­sam­men: „Im Lau­fe des Jah­res 1948 be­gann man (die US-Be­sat­zungs­macht d. Verf.) mehr und mehr, dem deut­schen Mo­no­pol­ka­pi­tal eine ent­spre­chend sei­nen ‚Fähig­kei­ten als Spe­zia­list im Russ­land­krieg‘ ak­ti­ve Rol­le im Rah­men der im­pe­ria­lis­ti­schen Po­li­tik der Er­obe­rung der Welt­herr­schaft ein­zuräumen.“[3]

1950 wur­de die bis da­hin ge­heim ge­plan­te Re­mi­li­ta­ri­sie­rung des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus un­ter US-Auf­sicht in der „Him­mero­der Denk­schrift“ von ei­ner „Ex­per­ten­grup­pe“ öffent­lich ge­macht, der Heu­sin­ger als Lei­ter des Or­ga­ni­sa­ti­ons­aus­schuss an­gehörte. Die „Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung“ (bpb) teilt uns in Selbst­aus­kunft un­ter dem Stich­wort „Die deut­sche Wie­der­be­waff­nung“ auf ih­rer Web­site dazu mit:

„Ein we­sent­li­cher Schritt in die­se Rich­tung war am 6. Ok­to­ber 1950 ge­tan. Im Ei­fel­k­los­ter Him­merod ent­war­fen deut­sche Mi­litärs die grund­le­gen­de Pla­nung für die Bun­des­wehr … Das dar­in er­ar­bei­te­te mi­litäri­sche und si­cher­heits­po­li­ti­sche Kon­zept fügte sich in den ak­tu­el­len Ost-West-Kon­flikt ein, ba­sier­te aber auf den ope­ra­ti­ven Ma­xi­men des Ge­ne­ral­stabs des Ost­feld­zugs der Wehr­macht, die in der So­wjet­uni­on ei­nen An­griffs­krieg geführt hat­te. Man­ches klang wie eine Wie­der­auf­la­ge al­ter Kriegs­pläne: Es gin­ge in der Zu­kunft um eine eu­ro­pa­wei­te „Ge­samt­ver­tei­di­gung von den Dar­da­nel­len bis nach Skan­di­na­vi­en“. Man ver­stand Ver­tei­di­gung da­bei „von vorn­her­ein of­fen­siv“ und sah die Be­waff­nung mit „mo­der­nen Waf­fen“, sprich: Atom­bom­ben, vor. To­ta­ler Krieg ganz im Geist der Wehr­macht. Die­se „Him­mero­der Denk­schrift“ kann als ei­gent­li­che Ge­burts­stun­de der Bun­des­wehr be­zeich­net wer­den.“

Ein BND-Ex­per­te stell­te fest, dass die Him­mero­der Denk­schrift sich an­lehnt an die Übe­r­ein­kunft, die be­reits Geh­len mit den Ame­ri­ka­nern ge­trof­fen habe und in der be­reits das Verhält­nis von Ko­ope­ra­ti­on und Kon­kur­renz der Im­pe­ria­lis­ten auf­scheint, aus dem sich die heu­ti­ge Be­zie­hung zwi­schen dem deut­schen und dem US-Im­pe­ria­lis­mus ent­wi­ckel­te[4]: „Es wird eine deut­sche nach­rich­ten­dienst­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on un­ter Be­nut­zung des vor­han­de­nen Po­ten­zi­als ge­schaf­fen, die nach Os­ten aufklärt bzw. die alte Ar­beit im glei­chen Sinn fort­setzt. Die Grund­la­ge ist das ge­mein­sa­me In­ter­es­se an der Ver­tei­di­gung ge­gen den Kom­mu­nis­mus. Die deut­sche Or­ga­ni­sa­ti­on ar­bei­tet nicht für oder un­ter den Ame­ri­ka­nern, son­dern mit den Ame­ri­ka­nern zu­sam­men … Soll­te die Or­ga­ni­sa­ti­on ein­mal vor der Lage ste­hen, in der das ame­ri­ka­ni­sche und deut­sche In­ter­es­se von­ein­an­der ab­wei­chen, so steht es der Or­ga­ni­sa­ti­on frei, der Li­nie des deut­schen In­ter­es­ses zu fol­gen.“

Aus der Or­ga­ni­sa­ti­on Geh­len wur­de 1956 of­fi­zi­ell der Bun­des­nach­rich­ten­dienst mit Geh­len als Chef. Hit­ler hat­te im April 1945 als Nach­fol­ger Geh­lens, der sich ab­setz­te, sei­nen Stell­ver­tre­ter Ger­hard Wes­sel er­nannt. Wes­sel wur­de 1968 wie­der Nach­fol­ger Geh­lens beim BND.

Heu­sin­ger wur­de 1957 zum ers­ten Ge­ne­ral­in­spek­teur der Bun­des­wehr er­nannt. 1961 wur­de er Vor­sit­zen­der des Mi­litäraus­schus­ses (Mi­li­ta­ry Com­mit­tee) der NATO und Mit­in­itia­tor der NATO-Nu­kle­ar­stra­te­gie mit Sitz in den USA. Im De­zem­ber 1961 ver­lang­te die So­wjet­uni­on er­folg­los von den USA die Aus­lie­fe­rung Heu­sin­gers we­gen Kriegs­ver­bre­chen im Zwei­ten Welt­krieg. Im Au­gust 1963 er­hielt Adolf Heu­sin­ger das Große Ver­dienst­kreuz mit Stern und Schul­ter­band des Ver­dienst­or­dens der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. 1964 trat Heu­sin­ger in den Ru­he­stand.

Seit 1967 erhält an der Führungs­aka­de­mie der Bun­des­wehr je­des Jahr der Pri­mus des Ge­ne­ral­stabs­lehr­gangs den Ge­ne­ral-Heu­sin­ger-Preis. Er gilt als höchs­te Aus­zeich­nung der Of­fi­ziers­aus­bil­dung der Bun­des­wehr.

Der US-Im­pe­ria­lis­mus hat den deut­schen Im­pe­ria­lis­mus im Kal­ten Krieg wie­der hoch­kom­men las­sen, zunächst, um Ka­no­nen­fut­ter und Spe­zia­lis­ten für sei­nen ge­plan­ten Krieg ge­gen die So­wjet­uni­on zu ha­ben. Heu­te strebt der deut­sche Im­pe­ria­lis­mus eine EU-Ar­mee an, weil er, ka­pi­talstärker ge­wor­den, die US-He­ge­mo­nie ab­schütteln muss, die sei­ne Ex­pan­si­on bremst, aber al­lein zu schwach ist ge­gen den US-Im­pe­ria­lis­mus. Die Schan­de der So­zi­al­de­mo­kra­ten, die sich dafür ein­span­nen las­sen, be­schränkt sich nicht auf rech­te SPD­ler wie Stein­mei­er und Waf­fen-Ex­port-Ga­bri­el. Der Haupt-Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner ist Frank­reich. Des­sen Präsi­dent, der So­zi­al­de­mo­krat Franćois Hol­lan­de, hat wie­der und wie­der, zu­letzt nach der Wahl von Do­nald Trump zum US-Präsi­den­ten, nach ei­ner EU-Ar­mee ge­ru­fen. Hol­lan­de, Ab­ge­ord­ne­ter im Corrèze, ist nach französi­scher Tra­di­ti­on in sei­nem Wahl­kreis kom­mu­nal­po­li­tisch ak­tiv. Von 2001 bis 2008 war er Bürger­meis­ter von Tul­le. Als Präsi­dent nahm er zu­letzt am 9. Juni 2016 an der Ge­denk­ver­an­stal­tung teil. Die von ihm ge­for­der­te EU-Ar­mee wird auf Ge­ne­ralstäblern auf­bau­en, die mit dem Ge­ne­ral-Heu­sin­ger-Preis aus­ge­zeich­net wur­den.

Frak­ti­on Aus­rich­tung Kom­mu­nis­mus,
AG An­ti­mi­li­ta­ris­mus