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Heute ist Helmut Kohl verstorben. Die offizielle Trauer wird pompös. „Kanzler der deutschen Einheit, „ein großer Deutscher“, „ein großer Staatsmann“ … Wir blenden zurück auf 1989:

Wie Helmut Kohls treue Hand den Osten zum Blühen brachte

Von Otto Köhler
junge welt

Bundeskanzler Helmut Kohl – mit dem schien es im Herbst 1989 nach zwei Wahlperioden ein Ende zu nehmen. Festgezurrt in seinen Spendenaffären, war er gerade noch auf dem CDU-Parteitag einem Putsch seiner Granden entgangen. Die Öffnung der Mauer am 9. November überraschte den Kanzler beim Staatsbesuch in Warschau. Am nächsten Nachmittag flog Kohl nach Westberlin zur Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus, und seine Rede ging unter im stürmischen Pfeifkonzert der Ost- und Westberliner, die sich dort versammelt hatten.Kohl beschloss, es denen heimzuzahlen. Als Kanzler der Einheit wollte er wiederauferstehen. Und es gelang. Auf Kosten auch jener Mehrheit der Ostdeutschen, die er mit einem Propagandafeldzug ohnegleichen dazu brachte, im März 1990 selbst ihren Henker zu wählen. Schon wenige Wochen nach dem Mauerfall trat er in Dresden mit einem Riesenpropagandatross auf: Wagenweise kam man aus dem Bonner CDU-Hauptquartier angefahren und verteilte westdeutsche Fahnen und Transparente mit Aufschriften wie »Bundesland Sachsen« – das gab es noch nicht – »grüßt den Bundeskanzler«. Bis zur Wahl im März lief die Materialschlacht heiß. Zur Kohl-Kundgebung am 14. März in Leipzig wurde neben den westdeutschen Fahnen ein großes Transparent geliefert: »Helmut, nimm uns an die Hand, zeig uns den Weg ins Wirtschaftswunderland!« Es gab keinen Protest gegen diese Unverfrorenheit – triumphierend zeigt er das Foto dieses angeblichen Hilferufs aus dem Osten auf einem zweiseitigen Hochglanzfarbdruck in seinen »Erinnerungen 1982–1990«. Er stellte sich an die Spitze der von ihm gegründeten »Allianz für Deutschland« aus CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch. Die Ost-CDU hatte er längst gleichgeschaltet: Am 18. Januar lenkte sein Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble deren Vorsitzenden Lothar de Maizière mit einem Gespräch im Westberliner Flughafen Tegel ab. Derweil fuhr der West-CDU-Organisationschef Karl Schumacher mit einem Kleinbus nach Ostberlin, um in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die gesamten Personalakten der Ost-CDU einzupacken und nach Bonn zu entführen.

Aus dem Bundesfinanzministerium kam zuerst die Idee, die sich am 12. Februar 1990 in dem zur Leipziger Montagsdemonstration verfrachteten Spruchband »Kommt die DM, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr« transsubstantiierte. Am selben Montag legte »Demokratie jetzt«, bislang eine der wichtigsten Oppositionsgruppen gegen die SED, dem »runden Tisch« einen Vorschlag zur umgehenden Bildung einer »›Treuhandgesellschaft‹ zur Wahrung der Anteilsrechte der Bürger mit DDR-Staatsbürgerschaft am Volkseigentum der DDR« vor. Mit deren Anteilsscheinen sollten die Bürger beispielsweise Wohungen kaufen können. Dementsprechend beschloss noch am 1. März 1990 die Modrow-Regierung die Gründung der »Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums«.

Die DM kam mit der Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Juli 1990. Niemandem werde es »schlechter gehen als zuvor – dafür vielen besser«, versprach Kohl, der sich schon als »Kanzler der Einheit« fühlte, und fügte hinzu: »Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.«

Schon am 9. Februar hatte Kohl durch seinen Berater Horst Teltschik verbreiten lassen, die DDR sei »in wenigen Tagen völlig zahlungsunfähig«. Selbst der FDP-Vorsitzende Otto Graf Lambsdorff nannte dies »schlichte Brandstiftung«. Doch als am 1. Juli die stolze DM die Aluchips der DDR eins zu eins ersetzte, brannte das Land bald lichterloh. Das sei so ähnlich, erklärte der damalige Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl, wie wenn man die DM in Österreich einführen und den Schilling eins zu eins umstellen würde. Da der Wert des Schillings nun mal bei vierzehn Pfennigen lag, wäre das eine Aufwertung von 700 Prozent, und die österreichische Wirtschaft läge am Boden. Jeder würde sagen, sie sei Schrott gewesen, denn Österreich habe ja nun mit der DM die härteste Währung der Welt.

Und so geschah es. Kohl griff sich die Treuhand, setzte dort seine Freunde in den westdeutschen Konzernen als Abwickler der volkseigenen Betriebe ein. Sie schalteten die ostdeutsche Konkurrenz auf dem Weltmarkt aus. Das hochmoderne Kaliwerk in Bischofferode – es konkurrierte mit der Kohl eng verbundenen BASF auf dem Weltmarkt – wurde ganz einfach dichtgemacht. Überall in der nun verehemaligten DDR blühte die bisher dort unbekannte Arbeitslosigkeit empor. Und als die Treuhand ihre Abdeckerarbeit beendigt hatte, waren 85 Prozent der Betriebe in westdeutscher und nur noch fünf Prozent in ostdeutscher Hand, die restlichen zehn Prozent übernahm das Ausland.