DKP
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Ein Autor beklagt aus falschen Gründen ihr Schrumpfen

Von Lucas Zeise
UZ-Ausgabe vom 16. Juni 2017

 

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Jörg Miehe
Vom Schwinden der Arbeiterklasse
Zur Struktur der Erwerbstätigkeit und der gesellschaftlichen Arbeitsteilung in der BRD von 1957/1970 bis 2005/2008.
Edition Ost, Berlin 2017
461 S., 251 Tabellen
24,99 Euro
ISBN 978–3-945187–70-8

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Hier hat sich jemand daran gemacht, mit viel Aufwand eine Aussage empirisch zu belegen, die aus theoretischen Gründen falsch ist. „Die traditionelle Arbeiterklasse wird kleiner. Nicht nur relativ, sondern auch absolut. In der BRD wie in allen Industriestaaten.“ So steht die These des Buches, präzise zusammengefasst auf der Rückseite. Es ist nicht so, dass der Autor über dieses Schrumpfen der Arbeiterklasse in Jubel ausbräche. Im Gegenteil, Miehe ist Genosse der DKP und zeigt sich im Buch einigermaßen ratlos, welche Schlussfolgerungen aus seiner These gezogen werden können: „Eine erste Schlussfolgerung liegt auf der Hand“, schreibt er: „Mit 4,7 Millionen Angehörigen einer orthodox verstandenen Arbeiterklasse in der engeren materiellen Produktion oder auch 6,7 Millionen in einer erweiterten, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie eine politische Hegemonie innerhalb der rund 36 Millionen Lohnabhängigen erreichen könnte.“ Eine solche Hegemonie sei aber unverzichtbar, um „die kapitalistischen Produktionsverhältnisse abzuschaffen und sozialistische an ihre Stelle zu setzen.“ (S. 29)
Die Arbeiterklasse, oder wie Miehe sie nennt, die „traditionelle“ oder „orthodox gefasste“ Arbeiterklasse, ist bei ihm nicht die Klasse der Lohnabhängigen, also jene Gruppe von Menschen, die darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. „Die Gemeinsamkeit der Lohnabhängigen konstituiert“ nach Miehe „keine gemeinsamen Gegensätze gegen eine andere Klasse“. Das gerade scheint der wesentliche Irrtum des Autors. Die „Arbeitgeber“ seien sozialökonomisch ganz verschieden: Miehe unterscheidet „Großkapital, mittleres Kapital und Gewerbe, Staat oder andere Organisationen“. Er besteht darauf, dass diese „Arbeitgeber“ die Arbeitskraft zu völlig unterschiedlichen Zwecken in Gang setzen würden. Beim Industriekapital zur Mehrwertproduktion und zur Profitaneignung, beim „kommerziellen Kapital“ nur zur „Profitaneignung“, bei der „Versorgung und Betreuung von Kranken, Kindern und Alten“ für „gesellschaftlich nützliche Dienste“. Man ahnt, weshalb Miehe die Differenzierung der Arbeitgeber so interessant findet. Wer seine Arbeitskraft an Institutionen der Versorgung und Betreuung verkauft, fällt nach Miehes Auffassung eben nicht unter Arbeiterklasse. Auch wenn es sich dabei um ein privatisiertes Krankenhaus handelt?
Jedenfalls steuert Miehe diesen Kurs. Wer beim Staat beschäftigt ist, gehört nach ihm ohnehin nicht zur Arbeiterklasse. Wer bei kommerziellen Dienstleistern, Banken und Versicherungen etwa, beschäftigt ist, gehört nicht zur Arbeiterklasse. Wer im Gewerbe beschäftigt ist, Dienstleistungen an Bürger zu verkaufen, wie zum Beispiel die Bahn, gehört nicht dazu. All diese Personen sind nicht in der materiellen Produktion tätig und schaffen deshalb keinen Mehrwert, der von „ihrem Arbeitgeber“, ihrem Kapitalisten, direkt angeeignet werden kann.
In der Tat sind die Kapitalisten unterschiedlich. Und in der Tat ist es ein großer Unterschied, ob ich beim Staat, bei einem kümmerlichen Kleinkapitalisten, bei einer Bank oder bei einem der dominierenden Industriemonopole beschäftigt bin. Dennoch kommt es auf das gemeinsame Ausbeutungsverhältnis im Kapitalismus an. Deswegen nennen wir die Gesellschaft, in der wir leben, Kapitalismus. Diese Produktionsweise ist dadurch bestimmt, dass Arbeitskraft zur Ware wird, dass der Lohnabhängige gezwungen ist, diese Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt feilzubieten und zu verkaufen. Das bestimmt den Interessengegensatz zwischen Arbeit und Kapital. Vom Schwinden der Arbeiterklasse kann in modernen Industriegesellschaften nicht die Rede sein. Zwar nimmt die Fabrikarbeit ab, die Lohnarbeit aber nimmt zu. Das, so scheint mir, ist die richtige „orthodoxe“ Auffassung von der Arbeiterklasse. Man kann Miehe dankbar sein, dass er die falsche, in seiner Terminologie, „orthodoxe“ Auffassung in seinem Buch auf den Punkt bringt und ganz nebenbei anhand der verfügbaren Statistiken detailliert darstellt.

Autor

Lucas Zeise

Lucas Zeise (*1944) ist Finanzjournalist seit mehr als zwanzig Jahren. Er hat Philosophie und Volkswirtschaft studiert und im Laufe seines Berufslebens u. a. für das japanische Wirtschaftsministerium, die deutsche Aluminiumindustrie und die Frankfurter "Börsen-Zeitung" gearbeitet. Er war an der Gründung der "Financial Times Deutschland" beteiligt und schrieb in ihr eine regelmäßige Kolumne. Er ist Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung und schreibt inzwischen für die Tageszeitung "junge Welt".

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