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Bildmontage: HF

10.07.17

Die Ideologie der Privatisierung gesellschaftlicher Ebenen hat auch den dritten Sektor der Volkswirtschaft, die Bildungs- und Sozialeinrichtungen erreicht, mit fatalen Folgen für die Beschäftigten. Da geht es nicht um ein Unbehagen, sich den Gesetzen des Marktes zu unterwerfen, als Verkäufer sozialer Produkte auftreten zu müssen, bei der das eigentlich Menschliche zu einem Wettbewerbsfaktor der Markt- und Konkurrenzwirtschaft wird, in der Zuneigung, Aufmerksamkeit, Hilfe, Sicherheit, Ehrlichkeit und Authentizität zu verkaufen bzw. zu erwerben sind, sich ein Geld-Hilfe-Geld Verhältnis entwickelt, sich dem Diktat der betriebswirtschaftlichen Kenn- und Schlagzahlen verpflichtet zu fühlen, sondern es geht um Entfremdungsprozesse, die die Beschäftigten völlig zerstören können.

Entfremdung und Verdinglichung prägen das Alltags- und Arbeitsleben, aus der Beziehungsarbeit wird eine Geschäftsbeziehung.

Diese Entwicklung hat große Auswirkungen auf die betriebliche Gewerkschaftsarbeit und erzwingt nicht nur eine Herausforderung für den gewerkschaftlichen Part in der Arbeitssicherheit und Arbeitsgesundheit, der betrieblichen Eingliederungsmaßnahmen und Mitgliederbetreuung, sondern hat Auswirkungen auf Betriebsabläufe und Individualisierungsprozesse bei den Beschäftigten, die einer solidarischen Organisierung nachhaltig schaden können.

In der öffentlichen Diskussion besteht Einigkeit darüber, dass Beschäftigte im Care-Sektor bessere Arbeitsbedingungen und eine höhere Entlohnung verdient haben.

Mit dem „Care“-Begriff werden die Arbeitsinhalte und die Beziehungsaspekte von Sorgearbeit beschrieben, Care-Arbeit umfasst bezahlte, sowie unbezahlte Arbeit. Diese Arbeit orientiert sich an den Bedürfnissen anderer Personen.

Die Berufe im Care-Sektor sind anspruchsvoll, fordernd und gesellschaftlich unverzichtbar. Der Unterschied zu anderen Beschäftigungssektoren besteht darin, dass die Care-Arbeit wichtig für die Wirtschaft insgesamt ist, da sie die Erwerbstätigkeit vieler Menschen erst ermöglicht. Weiter unterscheidet sie sich von den meisten Bereichen der Industrie, in denen starke Gewerkschaften großen, einheitlich agierenden Arbeitgeberverbänden gegenüberstehen und Tarifverträge für ganze Branchen aushandeln und dagegen in der Care Arbeit die Landschaft der Arbeitsbeziehungen institutionell und regional zersplittert ist. Dies führt zu unterschiedlichen Arbeitsbedingungen in diesem Sektor.

In diesem Beschäftigungssektor wird das emphatische Empfinden als Grundlage für die Arbeit bzw. Arbeitsbeziehung gesehen wobei Mitgefühl, Rücksichtnahme, Kooperation und Solidarität als Tugenden erforderlich sind. Für die Beschäftigten im Carebereich ist die eigene seelische Gesundheit, die auf der Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse nach Selbstbestimmung, Gerechtigkeit, Handlungsfähigkeit und Sinnhaftigkeit beruht, besonders wichtig.

Als Binsenweisheit gilt mittlerweile, dass der Neoliberalismus diese fundamentale Basis des „guten Leben“ nicht nur völlig missachtet, er hat genau entgegensetzte Ziele. Seiner Ideologie nach legitimiert sich Stärke von selbst, jede Hilfsbereitschaft gegenüber Schwächeren gilt als kontraproduktiv, Egoismus, Wettbewerb und der „Gewinner nimmt alles“ werden als berechtigt und natürlich dargestellt. Solidarität ist gar nicht angesagt, da dadurch „Looser“ noch belohnt werden.

Für die Verwertung des Einzelnen ist die Konkurrenz das Wichtigste

Es ist allgemeiner Kenntnisstand, dass der Mensch als soziales Wesen nur in der Kooperation, als Subjekt seine Potentiale entfalten kann. Psychologen weisen darauf hin, dass Grundlagen von Empathie und Hilfsbereitschaft bereits bei Kleinkindern vorhanden sind und heben die existenzielle Bedeutung von Autonomie, Handlungsfähigkeit und Sinnhaftigkeit hervor, die Grundlage der psychischen Gesundheit bilden. Empathie ist eine Fähigkeit, die sich nur dann entwickeln kann, wenn sie erlebt wird.

Wie so eine Entwicklung unterbunden und gestört werden kann, soll hier einmal aufgezeigt werden.

Jedes Kind wird als soziales Wesen geboren, das von Anfang an nicht nur Gegenstände und Geräusche wahrnimmt, sondern auch Gefühle und Befindlichkeiten. Es reagiert auf die Mimik, Gestik, Tonfall und Blick. Schon nach einigen Monaten kann ein Kind erkennen, ob seine Bezugspersonen traurig oder fröhlich sind. Ist das Kind 15 Monate alt, hat es schon ein Gerechtigkeitsgefühl entwickelt, mit 18 Monaten ist es in Lage, andere Kinder zu trösten.

Jedes Kind, soweit es nicht vernachlässigt oder misshandelt wird, entwickelt früh Empathie, also sich in andere Menschen hineinzuversetzen und sich in sie hinein fühlen zu können.

Ältere Kinder und Jugendliche empören und schämen sich, wenn berechtigte Interessen oder Ziele eines anderen Menschen nicht berücksichtigt werden, seine Gefühle verletzt und ihm in der Not Hilfe verweigert wird.

Was ist aber, wenn solche Empfindungen und Charaktere bei uns gar nicht mehr nachgefragt werden, wenn sie den vorherrschenden Normen und Werten widersprechen. Dort, wo der Markt herrscht, herrscht auch die Vorteilsnahme auf Kosten anderer. Es gilt der Wettbewerb, Konkurrenz und die brutale Durchsetzung von Eigeninteressen, als Voraussetzung für persönlichen und wirtschaftlichen Erfolg. Gleichgültigkeit und Rücksichtlosigkeit gewinnen die Oberhand. Trotzdem ist das emphatische Empfinden die Grundlage für all das, was die Menschen verbindet, Mitgefühl, Rücksichtnahme, Kooperation und Solidarität. Es hat sich in der Evolution sogar als ein Mechanismus entwickelt, der für das Überleben notwendig ist.

Auch deshalb ist es sehr aufwendig, den jungen Menschen Anteilnahme und Mitfühlen abzugewöhnen.

Wie funktioniert das, aus einem liebevollen und mitleidenden Kind einen machtbesessenen und rücksichtslosen Karrieristen zu machen?

In der Bildung und Erziehung werden ganz bestimmte Persönlichkeitsmerkmale belohnt. Die Kinder werden schon so früh, wie eben möglich dem Wettbewerb ausgesetzt. Das Bildungsziel lautet Selbstmanagement, gearbeitet werden muss andauernd an der Steigerung des eigenen Marktwertes und die Kinder mit der höchsten Produktivität werden aus- und erwählt.

Die Medien spielen auch mit, überall gibt es Rankings, Suche nach dem Super Star und harte Wettbewerbe zu sehen, bei denen die Looser öffentlich scheitern.

Parallel dazu werden aufwendige Untersuchungen angestellt, um Kinder als Konsumenten zu gewinnen, die ihre Eltern mit ihren teuren Wünschen nerven. Da findet man heraus, dass Kinder in Alter von 6 Monaten schon innere Bilder von Firmen-Logos und Maskottchen entwickeln oder dass ein Kind im Alter von 2 Jahren Markentreue herausbilden kann. Trendforschung im Kinderzimmer ermöglicht dann Kids-Marketing. Es werden eigene Kindertypologien entwickelt, also welcher Kindertyp empfänglich für welche Produkte ist.

Immer wieder soll der Marktwert der Kinder und Jugendlichen gesteigert werden, durch ganz viel oberflächige Kontakte im Netz, richtiges Styling mit Markenkleidung und körperbetontem Habitus.

Kinder werden so zu reinen Konsumenten gemacht und sind damit verwertbar.

Sie sollen nicht nur attraktive Waren kennenlernen, sondern auch die emotionalen Bedürfnisse entwickeln, dass es ungemein wichtig ist, Teil der Konsumwelt zu sein. Sie lernen die Regeln der manipulativen Kommunikation, bei der Waren mit Gefühlen verbunden werden, sie zum Kauf verführt und dann mit Glückshormonen belohnt werden.

Die Verengung der Sicht auf den Menschen als ökonomisch nützlich oder unnütz geht einher mit der Aussonderung der „Unnützlichen“. Nur bestimmte Kinder werden dem „Humankapital“ zugerechnet. Die als sozial marginalisiert definierten und „als Problem“ konstruierten Gruppen von Kindern, wie beispielsweise in Armut lebende Kinder, Kinder mit Behinderungen, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder Kinder mit Migrationshintergrund werden meist nicht dem „Humankapital“ zugeordnet, sondern als marktwirtschaftlich nutzlos definiert. Arme Kinder und Jugendliche sind nur brachliegendes „Humankapital“.

Für die Kinder entsteht durch diese andauernde Sortierung, ständigem Wettbewerb und Konkurrenzdruck, Eigenvermarktung und Selbstoptimierung die klassische Zwickmühle. Als soziales Wesen auf die Welt gekommen, Mitgefühl, Rücksichtnahme, Kooperation und Solidarität praktiziert und dann weiß das Kind nicht mehr, welcher Botschaft es glauben soll. Sprachliche und nicht-sprachliche Kommunikation stimmen nicht mehr überein, es muss zwei gegensätzlichen Behauptungen oder Anweisungen gerecht werden. Was sie als Kleinkinder empfunden haben und was von der Familie oder in den pädagogischen Einrichtungen als Norm vermittelt wurde, steht nun den tatsächlichen Rahmenbedingungen, Normen und Werten und sogar Gesetzen völlig entgegen.

Werden sie solchen Kommunikationsmustern mehr und mehr ausgesetzt, erkranken sie. Aber dafür gibt ja auch schon lange eine marktgerechte Lösung.

Laut einer Studie der AOK gehören das Aufmerksamkeitsdefzit- und Hyperaktivitätssyndrom, besser bekannt als ADHS mittlerweile zu der am häufigsten diagnostizierten Entwicklungsstörung. Die Verschreibung des Arzneimittels, das dagegenwirken soll – vielen als Ritalin bekannt – hat sich in den vergangenen 7 Jahren verdoppelt. Besonders häufig müssen die sogenannten Kannkinder, die gerade erst in die Grundschule gekommen und kurz vor dem Stichtag 6 Jahre alt geworden sind, dieses Medikament nehmen. Weil sie „altersgerecht verspielt“ oder „unbändig und überaktiv“ sind, müssen sie mit einem Psychopharmakon behandelt werden, das ihnen später häufig als Einstiegsdroge für die Sucht nach Medikamenten und illegaler Substanzen dient

Es gibt seit Jahren ein Bündnis von Ärzten, Pharmaindustrie, Lehrern und Eltern, das daran arbeitet, dem Zappelphilipp die aufgedrückte Karriere nicht zu vermasseln. Im Stress von Schulzeitverkürzungen und Pisauntersuchungen und den entsprechenden Lehrplänen schon in der Grundschule ist für „Störer“ kein Platz und die heftigen Nebenwirkungen werden bei „Stillsitzdrogen“ leicht in Kauf genommen.

Wenn sie dann Jugendliche sind, haben die Kinder zunehmend Schwierigkeiten, sich eine Welt jenseits von Geld und Ware vorzustellen. Sie werden in eine städtisch ausgerichtete Gesellschaft hineingeboren und darin sozialisiert, in der mittlerweile alles zur Ware geworden ist, selbst ihre Bildung, Gesundheit und soziale Kontakte. Sie sind einem permanenten Konkurrenzdruck ausgeliefert, bei dem kein Platz mehr für „konkrete Utopien“ ist. Die Logik von Geld und Ware durchdringt alle Lebensbereiche bis hinein in ihre alltägliche Lebensführung. Sie müssen sich zunehmend als lebendige Waren- und Geldsubjekte verstehen und andauernd an ihrer Selbstoptimierung arbeiten. Ihr möglichst makelloses Gesicht ist zum Markenzeichen mutiert und muss zu Werbezwecken in den „sozialen“ Netzwerken öffentlich gezeigt werden.

Ähnliche Prozesse laufen auch bei den Beschäftigten im Carebereich ab

Welche Motivation es auch immer war, „die Arbeit mit Menschen“ oder Altruismus, diesen Beruf anzustreben, ein hoher Anspruch an die Beschäftigung ist bei den Auszubildenden, Schülern und Studenten im Carebereich auf jeden Fall vorhanden.

Spätestens nach der Ausbildung, die, wenn auch in immer geringerem Umfang, den ursprünglichen menschlichen Fähigkeiten und Ansprüchen entgegenkommt, beginnt der Arbeitsalltag im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich dann meistens mit einem Schock.

Die Ideologie der Privatisierung der Bildungs- und Sozialeinrichtungen hat mittlerweile einige unumkehrbare sozialpolitische Fakten geschaffen, wie:

  • Die Sozialstandards sind auf ein tiefes Niveau abgesenkt.
  • Die Sozialbürokratie hat vornehmlich Aufgaben des Socialcontrolling mit den Instrumenten Aktivierung und Sanktionierung übernommen.
  • Ganz im Sinne der betriebswirtschaftlichen Gewinn- und Verlustrechnung steht die Vermarktung des Einzelfalls am Anfang jeder Maßnahmekette und begleitet sämtliche weitere Maßnahmen als Wirkungs- und Erfolgsbilanzierung.
  • Das „Salesmanagement“ durchdringt Leitungsgremien und Mitarbeiterteams, eingebettet in einer Neuorganisation des Gesamtbetriebes, die die Marktfähigkeit und den Verkauf des Sozialprodukts im Konkurrenz- und Preiskampf behaupten soll.
  • Innerhalb des Dienstleistungsprozesses im Bereich Bildung und Soziales entstehen neue, leistungs- und ergebnisorientierte Strukturen, wobei die sozialkulturellen Beziehungen zwischen den Akteuren entfremdet werden, weil sie monetarisiert wurden.
  • Der Staat und die Sozialbürokratie organisieren die Marktgesellschaft als Gesamtheit und garantieren eine zielführende Funktionalität seiner Bürger.
  • Die Messbarkeit und damit auch die Kontrolle und Steuerungsmöglichkeit der gesamtgesellschaftlichen Arbeit findet letztendlich sowohl im Produktions- als auch im Dienstleistungssektor statt, wobei dieser Dienstleistungssektor noch immense Einsparungsmöglichkeiten, vorrangig bei den gesellschaftlichen Bildungs-, Gesundheits- und Sozialleistungen bietet.

Wirtschaftliches Resourcendenken und das Geld-Hilfe-Geld Verhältnis als neue Formen von Entfremdung und Verdinglichung

Die Beschäftigten als sozialtätige Subjekte erleben die neuen gesetzlichen Auflagen der Bürokratie, das wirtschaftliche Resourcendenken und das Geld-Hilfe-Geld Verhältnis zwischen ihnen und ihren Klienten als neue Formen von Entfremdung und Verdinglichung.

Die vier Entfremdungsebenen nach Marx, die Entfremdung vom Arbeitsprozess, Entfremdung vom eigenen Produkt, Selbstentfremdung und Entfremdung von der Gattung, die erlebt werden, können in relativ kurzer Zeit die Beschäftigten physisch und psychisch zerstören.

Die Beschäftigten sind einem System ausgesetzt, in dem z.B.

  • die „Produktion von sozialen Dienstleistungsangeboten“ auf der Versachlich des Dialogischen zwischen Klient und Pädagogen in einem direkten Prozess ihrer zeitlichen Ergebnisrealisierung begründet ist.
  • der Face-to-Face Bezug als Prozess der pädagogischen bzw. sozialen Arbeit zum marktkonformen Standard und der Andere zum bloßen Gegenstand wird.
  • die Kosten-Nutzen-Analyse und der Wirtschafsplan den persönlichen und sozialen Sinn der Realisierung des Arbeitsprozesses dominieren.
  • der Hilfeakt bzw. der pädagogische Dienst Geschäft-Vertrag-Standard wird und verhindert den Dialog. Psychotechnische Verfahren im Alltag von pädagogischen bzw. sozialen Einrichtungen, wie BSC, EFQM, DIN-En-Iso, wurden als aktualisierte Methoden aus dem Fordismus entwickelt und geben Arbeitsablauf und Arbeitstackt vor.
  • die Flexiblilität als positives Markenzeichen gilt, jedoch die Forderung bzw. Bereitschaft sich (selbst) zu instrumentalisieren meint.
  • pathogene Selbstbilder wie Körperimago/Magersucht/Burnout als Sinngebung unter isolierenden Bedingungen eine hoch zweckmäßige Kompensation wie Deprivation bewirken.
  • das Auf und Absteigen innerhalb der gesellschaftlichen Klassen als normaler Vorgang bewertet und dem individuellen Fleiß oder der Risikobereitschaft zugeordnet wird.
  • das Privatkapital auf den Sozialmarkt drängt, der staatlich alimentiert und in Zeiten der Krise sichere Anlagemöglichkeiten verspricht.
  • die Gentrifizierung städtischen Wohnraums Gewalt gegen Senioren, Behinderte und „Normalverdiener“ ausübt, in dem Gettoisierung der Lebensverhältnisse und Unbezahlbarkeit von Gesundheit, Bildung und Teilhabe und Sicherheit für die Mehrheit der Bürger vorherrscht

und in dem die Sozialraum-Philosophie da endet, wo schlicht die Lebenskosten für die Menschen die Ausgrenzung bedingen und sie in die Klassenschranken verweist.

Für den Einzelnen sind diese Prozesse schwer zu erkennen, da sie sich schleichend entwickeln, gepaart mit einer Salamitaktik der Anstellungsträger.

Dabei müssen die Beschäftigten z. B. aushalten, dass

  • trotz eklatanter Unterbesetzung, die Stellenpläne nicht eingehalten werden müssen
  • durch den Personalmangel die Klienten und Patienten schlecht oder gar nicht versorgt werden können
  • das Geld, das der Kostenträger für Personal bereitstellt beim Anstellungsträger auf die hohe Kante oder in „Rückstellung“ gelegt wird

und der Kostenträger augenzwinkernd öffentlich kundtut, dass der Anstellungsträger auch einen finanziellen Anreiz für die Durchführung der Aufgabe benötigt und nicht abspringt.

Ein recht geschlossenes System also.

Die erlebte Entmündigung führt in der Berufspraxis dann häufig zu spontanen und situativ ausgerichteten Widerständen, die schnell regelmäßig in nicht steuerbare Konfliktsituationen münden.

Da der Konkurrenzkampf auch unter den Beschäftigten herrscht, wird der Konflikt von allen Beteiligten schnell individualisiert, denn dort wo der Markt herrscht, herrscht auch die Vorteilsnahme auf Kosten anderer. Es gilt der Wettbewerb, Konkurrenz und die brutale Durchsetzung von Eigeninteressen, als Voraussetzung für persönlichen und wirtschaftlichen Erfolg. Gleichgültigkeit und Rücksichtslosigkeit gewinnen die Oberhand. Mitgefühl, Empathie, Kooperation und Solidarität sind fehl am Platz. Das gesamte Kommunikationssystem kommt ins Wanken.

Alles was den Beschäftigten früher als Kleinkinder von der Familie oder in den pädagogischen Einrichtungen und auch in ihrer Fachausbildung als Norm vermittelt wurde, steht nun den tatsächlichen Rahmenbedingungen, Normen und Werten und sogar Gesetzen völlig entgegen.

Sie empören und schämen sich, wenn berechtigte Interessen oder Ziele der ihnen anvertrauten Menschen nicht berücksichtigt werden, ihre Gefühle verletzt und ihnen in der Not Hilfe verweigert wird.

Viele der jüngeren Beschäftigten im Carebereich haben dann zum zweiten Mal erlebt, dass alles was ihnen früher groß und wichtig war, nicht mehr gefragt ist und sie geraten zum zweiten Mal in eine schizophrene Situation.

Die Gewerkschaften sind gefragt

Die Arbeit in den Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereichen ist, wie die Care-Arbeit insgesamt, eingebettet in ein System korporatistischer Regulierung und marktlich-wettbewerblicher Steuerung, mit vielfältigen horizontalen und vertikalen Arenen der Aushandlung von Entgelten und Arbeitsbedingungen.

Die isolierten Arbeitsrechtssysteme, Akteursstrukturen, Verhandlungsszenarien und Handlungsroutinen haben nicht nur eine aufgesplitterte Landschaft tariflicher Abschlüsse und Vereinbarungen hervorgebracht, sondern dieses verbändegeprägte Institutionensystem trägt dazu bei, dass die Verhandlung und Durchsetzung arbeitspolitischer Interessen in der Care-Arbeit gegenüber der Politik, aber auch gegenüber anderen Wirtschaftsbranchen, zurzeit erheblich erschwert ist.

Das System der Arbeitsbeziehungen mit seinen differenzierten Arbeitsrechtssystemen, Akteursstrukturen und Handlungsorientierungen ist historisch gewachsen und letztlich das Ergebnis einer zwischen Staat, Wohlfahrtsverbänden und Wirtschaft verhandelten Ordnung.

Das Ziel, die Care-Wirtschaft durch betriebswirtschaftliches Management, Budgetierung und Pflegesatzverhandlungen aufzuwerten, konnte nur mit dem Preis der Abwärtsspirale bei Entgelten und Arbeitsbedingungen erkauft werden.

Die Ökonomisierung von Care-Arbeit ist aber nicht allein das Ergebnis der Einführung marktlich-wettbewerblicher Mechanismen in den Sozialsektor. Die Abwärtsspirale von Löhnen und Arbeitsbedingungen wurde vor allem durch das Zusammenwirken von branchenspezifischer Regulierung und Steuerung möglich und war immer schon eingebettet in einen fragmentierten und desorganisierten institutionellen Rahmen zur Aushandlung von Entgelten und Arbeitsbedingungen.

Die neoliberale Gesellschaft produziert Individuen, die auf die Funktion des Konsumenten und Konkurrenten reduziert sind. Als Norm gilt nur die aktuelle Effizienz, das Ziel ist Gewinn und die Tugend ist Habgier.

In ihr gibt es keinen fürsorgenden Staat und kein unabhängiges Individuum mehr. Die Instanzen, die früher helfen sollten, wie Beratungsstellen, Erziehungshilfe und das Gesundheitswesen sind selbst Teil des Wettbewerbs geworden und wollen die Ursachen dieser schrecklichen Entwicklung auch gar nicht mehr bekämpfen.

Je mehr die neoliberale Ideologie Einzug in das politische Handeln findet, desto weniger wird es die Verwirklichung sozialer Menschenrechte geben.

Hier sind vor allen die Gewerkschaften gefragt, die den Zug des Jobmotors CARE nicht ungebremst durch den Gewerkschaftsbahnhof fahren lassen dürfen.

Quellen:K,P. Schwarz: Die Vermarktwirtschaftlichung sozialer Hilfebedarfe