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24-Stunden-Streik bei MAN Truck & Bus in München-Karlsfeld

Rund 68.000 Beschäftigte aus über 80 Betrieben haben gestern zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Arbeit für 24-Stunden niedergelegt. In Bayern beteiligten sich 7 Betriebe mit 15.000 Metallerinnen und Metallern. Alleine bei MAN Truck & Bus in München-Karlsfeld hatten 7.000 Beschäftigte die Arbeit niedergelegt. Auf der Streikkundgebung, an der auch einige Delegationen von MTU, Krauss-Maffei-Wegmann und BMW teilnahmen, lies der 1. Bevollmächtigte der IG Metall München darüber abstimmen, ob die Beschäftigten bereit seien, mehrere Wochen lang zu streiken. „Es wird jeden Tag teurer für die Arbeitgeber, wir legen jeden Tag eine Schippe drauf,“ sagte er. Recht hat er: Mehrere Metallverbände haben Klagen gegen den Streik eingelegt und wollen damit diesen Warnstreik verbieten. Sie wissen: Jede Minute, in der die Produktion in der Metallindustrie stillsteht, kostet sie Millionen. Die üblichen 2-Stunden-Warnstreiks, die normalerweise durchgeführt werden, kalkulieren sie bereits ein. Da nun die IG Metall sich gezwungen sieht, die Warnstreiks auf 24 Stunden auszuweiten, kostet die Arbeitgeber natürlich ordentlich Asche.
Diese Tarifrunde ist aber nicht normal: Die Beschäftigten fordern eine individuelle Arbeitszeitverkürzung auf 28 Stunden, wenn besondere Belastungssituationen im Leben auftreten. Der Kern der Forderung ist ein Teillohnausgleich sowie ein Rückehrrecht in Vollzeit. 1984 wurde nach sieben Wochen Streik und Aussperrungen die 35-Stunden-Woche erkämpft. In der Realität liegen die Arbeitszeiten aber weiterhin bei rund 41 Stunden pro Woche. Damit wird die 35-Stunden-Woche faktisch umgangen.
Viele Kolleginnen und Kollegen sind auf die zusätzlichen Stunden angewiesen, um über die Runden zu kommen. Die Arbeitgeber sparen sich dadurch Millionen. Jährlich gibt es in der Metall- und Elektroindustrie etwa 1,8 Milliarden Überstunden, also fast eine Million Arbeitsplätze.
Die Arbeitgeberverbände blockieren diese Tarifrunde vor allem, weil sie die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung grundsätzlich aus der Köpfen verbannen wollen. Nur das erklärt, warum es noch zu keiner Einigung gekommen ist, warum die Tarifrunde nicht wie üblich mit einem faulen Kompromiss beendet wurde. Würde ein Erfolg bei der individuellen Arbeitszeitverkürzung errungen werden, wäre die Frage nach einer kollektiven Arbeitszeitverkürzung im Sinne einer Rückkehr auf die 35-Stunden-Woche auf der Tagesordnung. Es würde auch den Druck erhöhen, die 37,5-Stunden-Woche in den neuen Bundesländern auf 35 Stunden anzugleichen. Deshalb scheuen die Arbeitgeberverbände diese Forderung. Wer die Macht im Betrieb hat, wissen die Kapitalisten zu genau: „Die Produktionsausfälle müssen zu anderen Zeiten nachgeholt werden“, sagte beispielsweise ein MAN-Sprecher. „Reizt die IG Metall nicht. Die IG Metall kann wochenlang streiken,“ behauptete Horst Lischka auf der Kundgebung bei MAN. Ob die IG Metall tatsächlich nach so vielen Jahren doch noch Fähig ist, einen Durchsetzungsstreik durchzuführen, ist nicht gewiss. Die Beschäftigten sind allerdings bereit dazu – und dafür haben sie unsere volle Unterstützung verdient.

Tom Talsky, DKP München