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Die Lehrlingsbewegung – das 1968 der Arbeiterjugend

Die politischen Kämpfe wie der Kampf gegen die Notstandsgesetze und den verbrecherischen Krieg der USA in Vietnam spiegelten sich auch in der Arbeiterjugend wider. Die Lehrlingsbewegung, die 1968 begann und bis etwa 1972 in der BRD große Teile der Arbeiterjugend eingebunden hat, war Teil dieser Kämpfe.
Während der massiven Streikbewegung im Jahre 1969 in der Metallindustrie und im Bergbau traten Lehrlinge immer häufiger eigenständig und öffentlich auf. Viele Lehrlinge waren an diesen Aktionen beteiligt.
Die Erfahrungen der Solidarität in diesen Arbeitskämpfen ließ viele Jugendliche mutiger werden. Im April gab es zahlreiche Mobilisierungsaktionen der Lehrlinge – im Jargon „Stifte“ genannt – für die bevorstehenden Maikundgebungen. In Hamburg, Berlin und Köln beteiligten sich Lehrlinge offen mit Parolen wie „Klassenkampf statt Sozialpartnerschaft“ an den Kundgebungen des DGB. Die Redner auf der Kundgebung auf dem Hamburger Rathausmarkt mussten ihre Reden begleitet von Sprechchören von schätzungsweise 3 000 Lehrlingen vortragen.
Bei der rasanten Entwicklung der Lehrlingsbewegung ist so manchem der Schrecken in die Glieder gefahren. Der Bourgeoisie, weil man dem „deutschen Lehrling“ dieses Aufbegehren nicht zugetraut hat, aber auch so manchem SPD-nahen Gewerkschaftsvorstand.
Auslöser und Kern dieser Lehrlingszentrumsbewegung waren Proteste gegen Missstände und Ungerechtigkeiten in der Ausbildung. In den Meisterbuden galten die Sprüche wie „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ und „Stift, geh mal Bier holen“. Junge Lehrlinge organisierten sich selbstbewusst gegen eklatante Verstöße gegen das Berufsbildungsgesetz und das Jugendarbeitsschutzgesetz. Mit zahlreichen Aktionen wurden die Praktiken der Ausbildungsbetriebe an den Pranger gestellt. Dazu gehörte: Massenhaft berufs- und ausbildungsfremde Tätigkeiten, verbunden mit dem Zwang zum Schönen der Berichtshefte während der Ausbildung, unzureichende betriebliche Vorbereitungen im Betrieb für die für die Prüfungen, unzulässige Nachtarbeit, unbezahlte Überstunden und zahlreiche Verstöße mehr wurden aus der Anonymität der Betriebe öffentlich in die Diskussion gebracht. In manchen Städten fegten die Lehrlinge die Innenstädte sauber, um ihre Ausbildungsrealität darzustellen. Auf ihren Transparenten war zu lesen: „Brauchst du ’nen billigen Arbeitsmann, dann schaff dir einen Lehrling an!“ Die Betriebe mit den größten Missständen wurden geoutet – sehr zum Entsetzen der bis dahin unangefochtenen „Lehrherren“.
Diese Aktionen haben tausende politisierte Jugendliche hervorgebracht. Lehrlinge haben vielfach in ihrem Kampf um bessere Ausbildung ein antikapitalistisches Bewusstsein entwickelt. Und wenn die „Flöhe“ (das war die Kölner Polit-Rock-Band Floh de Cologne) die erste deutschsprachige Rockoper „Profitgeier“ präsentierten, füllten hunderte Lehrlinge die Säle – und neues Bewusstsein deren Hirne.
Mitte der siebziger Jahre löste sich die Lehrlingsbewegung auf. Die krassesten Verstöße gegen Berufsbildungs- und Jugendarbeitsschutzgesetz waren zurückgedrängt. Viele der mittlerweile auch ausgelernten Jugendlichen führten die politische Arbeit weiter fort, in den Gremien der Gewerkschaftsjugend, teilweise ging sie auch in der sogenannten „Jugendzentrenbewegung“ auf. Auch wuchs die Erkenntnis, sich über die Gewerkschaften hinaus organisieren zu müssen. Der Weg vieler der Aktiven führte auch in die Reihen der politischen Jugendverbände wie den Jusos und der SDAJ und in die Parteien SPD und DKP.
Nur vereinzelt gab es Aktionen in den Einzelgewerkschaften, die an die Lehrlingsbewegung anknüpften. So zum Beispiel die Aktion „Macht Stifte mit Köpfen!“ der Postgewerkschaftsjugend, mit der 1976 für den Postjungboten im einfachen Postdienst eine Ausbildung nach dem Berufsbildungsgesetz erreicht werden konnte.

Erschienen in der UZ vom 13.04.2018