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23. Okto­ber 2015

Karl Marx beze­ich­nete den Vor­gang als »ursprüngliche Akku­mu­la­tion«: Die begin­nende kap­i­tal­is­tis­che Umwälzung zwang massen­haft Men­schen, die vorher in der Land­wirtschaft tätig gewe­sen waren, sich in Fab­riken ihren küm­mer­lichen Leben­sun­ter­halt zu ver­di­enen.

In mehreren großen Ratio­nal­isierungswellen wur­den in den fol­gen­den knapp 200 Jahren dann immer wieder große Men­gen von Indus­triear­bei­t­erIn­nen ent­lassen, weil lebendige Arbeit durch tote Arbeit ersetzt wurde und von den einzel­nen Unternehmen ersetzt wer­den mußte, wenn sie im gnaden­losen Konkur­ren­zkampf nicht selbst unterge­hen woll­ten.

Par­al­lel zu den Ratio­nal­isierungss­chüben im indus­triellen Sek­tor, der häu­fig als »sekundärer Sek­tor« beze­ich­net wird, gin­gen und gehen die Ratio­nal­isierungss­chübe im »primären Sek­tor«, der Land­wirtschaft, weiter.

In den USA beispiel­sweise, die nach wie vor weltweit Maßstäbe set­zen und durch­set­zen, pro­duzieren die dort wirk­enden 63 Eier-​Produktionsstätten mit mehr als einer Mil­lion Leg­e­hen­nen 87 Prozent aller US-​amerikanischen Eier. Men­schen wer­den dort nur noch benötigt, um den Eier­lege­prozeß zu begleiten, alte Hüh­ner durch neue zu erset­zen und – wie im Mai in Iowa geschehen – bei Virene­in­fällen mil­lio­nen­fach Hüh­ner zu ver­gasen und ihre Kadaver anschließend zu beseit­i­gen.

Lange Zeit gab (und gibt) es die Hoff­nung, die aus dem primären und sekundären Sek­tor her­aus­ra­tional­isierten Arbeit­skräfte wür­den auch unter kap­i­tal­is­tis­chen Bedin­gun­gen im ter­tiären Sek­tor, also bei der Bere­it­stel­lung von Dien­stleis­tun­gen, neue und sogar besser bezahlte und qual­i­fiziert­ere Arbeit finden.

In der Sparkassen­zeitung hat Mitte Mai das geschäfts­führende Vor­standsmit­glied des Deutschen Sparkassen– und Girover­ban­des (DSGV), Ludger Gooßens, angesichts der beständig schrumpfenden Ertragskraft vieler Sparkassen den drama­tis­chen Appell ver­bre­itet, seine Organ­i­sa­tion müsse ihre »Prozesse gnaden­los auf den Prüf­s­tand stellen«. Die Sparkassen müßten alle ihre Abläufe und Ser­vi­ce­prozesse »kon­se­quent tech­nisieren«.

Der Fortschritt der Infor­ma­tion­stech­nolo­gie macht es in der Tat nicht nur möglich, Prozesse im primären und sekundären Sek­tor der kap­i­tal­is­tis­chen Volk­swirtschaften zu tech­nisieren, son­dern dies nun auch auf Bere­iche auszudehnen, die bisher der Ver­wand­lung von leben­der in tote Arbeit nicht zugänglich schienen. Beratung­sprozesse von Bankern oder Ver­sicherungsver­mit­tlern etwa sind hochkom­plexe Kom­mu­nika­tion­sprozesse, die sich bis­lang einer Dig­i­tal­isierung zu entziehen schienen. In Großbri­tan­nien – in Sachen Finanzmärkte oft­mals führend – ist die Zahl der Ver­sicherungsver­mit­tler von 1987 bis 2007 aber den­noch von 185.000 auf 15.000 gefallen. Per­sön­liche Beratung findet dort in der Regel nur dann statt, wenn die zu erwartenden Beitragssum­men entsprechend hoch sind.

Die Masse der Beratung wird im ras­an­ten Tempo mas­chin­isiert, indem poten­tielle Kun­den im Inter­net durch Pro­gramme zu den ihnen emp­fohle­nen Pro­duk­ten geführt wer­den. Hin­ter diesen Pro­gram­men liegen enorme Rechen­leis­tun­gen, die beispiel­sweise aus den Angaben der Kun­den zu ihrer Per­son (Alter, Fam­i­lien­stand, Einkom­men, Arbeits­feld) auch ani­mierte Fig­uren auf die Bild­schir­mober­fläche spie­len, die dem Kun­den die Iden­ti­fika­tion mit dem so elek­tron­ifizierten »Gespräch« erle­ichtern.

Wohlge­merkt: Das ist keine Zukun­ftsmusik, son­dern in den fort­geschrit­ten­sten kap­i­tal­is­tis­chen Län­dern schon arbeit­splatzver­nich­t­ende Praxis. Zu den Hun­dert­tausenden so kün­ftig von Sparkassen, Banken und Ver­sicherun­gen erset­zten ehe­ma­li­gen Finanzber­atern wer­den sich Men­schen gesellen, die bisher im Han­del ihren Ver­di­enst gefun­den haben. Auch hier arbeiten nicht nur bei Ama­zon, son­dern auch bei anderen Ket­ten Tausende eifrige Men­schen daran, die Einzel­han­del­skun­den so zu führen, daß sie ihre Waren nicht nur selbst in den Läden (oder per Inter­net) ein­sam­meln, son­dern an der Kasse auch selbst bezahlen und so Zehn­tausende von Kassiererin­nen und Kassier­ern von ihrer bish­eri­gen Lohnar­beit »befreit« wer­den kön­nen.

Zukun­ftsmusik dürfte es noch sein, auch die vie­len LKW-​Fahrer durch elek­tro­n­is­che Steuerungse­le­mente zu erset­zen, aber die Musik schallt vom Hor­i­zont schon deut­licher herüber als noch vor zehn oder 20 Jahren. Wie so oft in der Durch­set­zungs­geschichte des Kap­i­tal­is­mus ist es auch hier Mil­itär­musik: Die Durch­brüche in der men­schen­be­fre­iten Steuerung maschi­nengetriebener Fahrzeuge wur­den bei der Entwick­lung von mil­itärischen unbe­man­nten Flug­geräten erzielt.

Allen den jetzt vor uns liegen­den Ratio­nal­isierungss­chüben ist gemein, daß sie im ter­tiären Sek­tor, also nicht bei der Her­stel­lung gegen­ständlicher Waren, son­dern bei ihrer Verteilung beziehungsweise im Bere­ich von Dien­stleis­tun­gen stat­tfinden. Par­al­lel schre­itet die Ratio­nal­isierung im Bere­ich der Land­wirtschaft und Indus­trie weiter voran. Bis in die 1970er Jahre bewirkte die soge­nan­nte fordis­tis­che Rev­o­lu­tion, daß die freige­set­zten Arbeit­skräfte kap­i­tal­is­tisch ver­w­ertet wur­den, um Hausar­beit via Wasch– und anderer Maschi­nen in prof­itträchtige Waren zu ver­wan­deln und vor allem die Mobil­ität durch die Her­stel­lung von Autos zu einem zen­tralen Gegen­stand der Mehrw­ert­pro­duk­tion zu machen. Entsprechende neue Felder finden sich heute aber weit und breit nicht.

Wäre unsere Ökonomie vernün­ftig und nicht über das unvernün­ftige kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem organ­isiert, wäre das alles kein Fluch, son­dern ein Segen. Für Mil­lio­nen Men­schen eröffneten sich zeitliche Räume für sin­nvolle, befriedi­gende Tätigkeiten. Aber kap­i­tal­is­tisch organ­isiert führen die Ratio­nal­isierungss­chübe zu einem unen­twegten Anwach­sen der Zahl dauer­haft Arbeit­sloser, die von den schrumpfenden, aber hoch­prof­itablen Kern­bere­ichen kap­i­tal­is­tis­cher Mehrw­ert­pro­duk­tion über staatlich organ­isierte Trans­fer­sys­teme am Leben gehal­ten wer­den. Solange die Men­schen die Grund­la­gen dieses Appa­rates – Tausch, Markt, Geld­wirtschaft, Profit und die alles per geset­zlichen Zwang zusam­men­hal­tenden Staats­mas­chine – unange­tastet lassen, wird sich dieser Vere­len­dung­sprozeß Schub für Schub wie eine Sumpf­blüte weiter ent­fal­ten.

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